Ich bin zu Besuch gekommen, habe dich vermisst, aber die Kinder sind mir fremd wie Ausländer.

Weißt du, ich denke oft darüber nach, wie Eltern sich um ihre Kinder sorgen, egal wie alt die eigentlich sind. Besonders, wenn sie schon erwachsen sind und ihr eigenes Leben führen manchmal sind die Eltern trotzdem enttäuscht. Ich muss dir eine Geschichte von einer Mutter erzählen sie heißt Monika.

Monika hat drei Kinder großgezogen und mittlerweile leben die alle selbstständig, jeder für sich. Ihr ältester Sohn, Alexander, wohnt mit seiner Familie schon seit Jahren in der Schweiz. Zu Weihnachten und Ostern schickt er immer Fotos und Postkarten. Monika sammelt die alle fein säuberlich, kramt sie immer mal wieder hervor und schwelgt dann in Erinnerungen.

Wir vermissen dich sehr, mein Sohn. Könntest du uns nicht mal besuchen? Dann könnten wir wenigstens deine Frau und die Kinder richtig kennenlernen, schreibt sie ihm oft.

Ihre mittlere Tochter, Friederike, ist mit einem Bundeswehrsoldaten verheiratet. Die beiden ziehen ständig um, weil ihr Mann so oft versetzt wird. Sie haben schon eine süße kleine Tochter. Manchmal kommen sie zu Besuch, dann freut sich Monikas Mann, Harald, ganz besonders er findet, Friederike hat sich einen guten Mann ausgesucht.

Die Jüngste, Lena, hat es nicht so leicht im Leben. Sie war mal verheiratet und hat einen Sohn, aber der Mann ist abgehauen. Nach Monikas Rat ist Lena in die Großstadt gezogen, nach Hamburg, um sich dort was Eigenes aufzubauen. Jetzt arbeitet sie als Schneiderin in einer Fabrik und hat ihren Sohn, Tim, mitgenommen.

Eines Tages beschließt Monika, Lena zu besuchen. Schaffst dus, ‘ne Woche ohne mich auszukommen? fragt sie ihren Harald. Ich will nach Hamburg fahren zu Lena, einfach mal schauen, wies ihr geht.

Harald fährt sie noch zum Bahnhof. Schweres Gepäck, aber Monika will einfach nur ihre Tochter wiedersehen es sind schon drei Jahre her, seit sie sich das letzte Mal gesehen haben. Sie sitzt stundenlang im Regionalzug, zweite Klasse, und freut sich auf das Wiedersehen mit Lena.

Aber als sie endlich ankommt, ist Lena total überrascht. Mama, warum hast du nicht vorher angerufen? Ich bin noch auf Arbeit ich kann dich erst heute Abend vom Bahnhof abholen.

Ach, ich wollte dich überraschen! antwortet Monika etwas verlegen. Meinst du, ich komm alleine klar? Klar, Mama, das passt schon!, beruhigt Lena sie. Also macht sich Monika auf den Weg, zieht ihren Rollkoffer durch die Straßen.

Zu Hause trifft sie zuerst auf ihren Enkel Tim. Groß gewachsen, ganz der Großvater in jungen Jahren. Hallo mein Junge! sie fällt ihm um den Hals. Tim weicht etwas zurück so wie Teenager halt sind und sagt: Wieso bist du denn schon da? Ich musste noch alles aufräumen und vorbereiten. Ich hab mir frei genommen und angefangen, Rote-Bete-Suppe zu kochen und Schweineschnitzel zu braten.

Genau in der Situation ruft Harald durch: Monika geht ans Handy und erzählt ihm, dass alles in Ordnung ist, sie gut angekommen sei und jetzt gleich mit Anna am Tisch sitze.

Da sitzt die Familie nun beim Abendessen. Anna stellt das Essen auf den Tisch und fragt: Mama, wie viele Schnitzel magst du essen eins oder zwei? Monika ist so hungrig und müde, sie könnte locker drei verdrücken aber sie hält sich zurück: Ach Quatsch, stell die einfach auf den Tisch, und wir sehen dann schon, wer was nimmt.

Am Ende liegen fünf Schnitzel auf einer Platte. So sieht also ein festliches Begrüßungsessen zwischen Mutter und Tochter aus. Monika denkt gleich, dass es Anna wohl finanziell nicht so gut geht, und beschließt, ihr bald ein bisschen zu helfen.

Beim Essen fragt Anna direkt, wann Monika denn wieder zurückfahren wird. Das trifft sie ziemlich, aber sie sagt dann: Ich kann auch morgen schon wieder fahren, wenn’s euch stört.

Am nächsten Tag ist Monika allein in der Wohnung, den ganzen Tag über. Abends sind alle in ihren Zimmern unterwegs. Tim verschwindet zu den Nachbarn, Lena trifft sich mit Freundinnen. Monika bleibt die ganze Zeit allein.

Irgendwann hört sie, wie Tim zu seiner Mutter sagt: Wann kommt Onkel Ben? Wir wollten doch zum Fußball. Und Anna antwortet: Wenn Oma wieder weg ist.

Das tut dann schon weh. Monika packt gleich ihre Sachen, geht zur Tür ohne großes Tschüss. Zuhause wartet Harald schon sehnsüchtig auf sie. Am Ende wird Monika klar: So viel Liebe und Fürsorge sie ihren Kindern auch gegeben hat jetzt brauchen sie sie gar nicht mehr. Das ist irgendwie traurig, oder?

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Ich bin zu Besuch gekommen, habe dich vermisst, aber die Kinder sind mir fremd wie Ausländer.
Wie soll ich euch denn eine solche Last aufbürden? Nicht einmal mein Vater und Tatjana wollten ihn zu sich nehmen – Marina, meine Tochter, komm doch zur Vernunft! Mit wem willst du denn nur heiraten?! – klagte meine Mutter, während sie meinen Schleier zurechtzupfte. Erklär mir doch wenigstens, was an Sergej dich stört! – war ich ganz ratlos über ihre Tränen. Wieso? Seine Mutter arbeitet im Supermarkt, schnappt alle an, der Vater ist völlig verschollen und hat sein Leben früher nur mit Saufen und Feiern verbracht. Unser Opa hat auch getrunken und Oma durchs Dorf gescheucht – na und? Dein Opa war geachteter Mann im Ort, war Vorstand. Oma hatte deshalb aber trotzdem ein schweres Leben. Ich war klein und weiß noch, wie sehr sie sich vor ihm fürchtete. Mit Sergej, Mama, wird alles gut. Man soll Menschen nicht nach ihren Eltern beurteilen. Warte ab, bis ihr Kinder habt! Dann verstehst du! – warf meine Mutter leidenschaftlich ein, und ich seufzte nur. Es ist schwer zu leben, wenn Mama ihre Meinung über Sergej nicht ändert. Und doch feierten wir mit Sergej eine fröhliche Hochzeit und wurden eine eigene Familie. Zum Glück hatte Sergej ein Haus im Dorf geerbt von seinen Großeltern, den Eltern jenes verschollenen Vaters und Taugenichts. Sergej baute das Haus nach und nach um und bald war es ein richtiges modernes Heim mit allem Komfort – leben und sich freuen! So ein toller Mann, und warum hat Mama ihn damals nur schlechtgeredet? Ein Jahr nach der Hochzeit kam unser Sohn, Johannes, zur Welt, vier Jahre später unsere Tochter Marie. Aber immer sobald die Kinder krank wurden oder irgendwas angestellt hatten, war meine Mutter zur Stelle mit: „Ich hab’s dir doch gesagt!“ Und immer wieder: „Kleine Kinder – kleine Sorgen! Wart’s ab, wenn sie groß werden mit solchen Vorfahren…“ Ich versuchte meist, ihre Anmerkungen zu ignorieren, sie meckerte inzwischen nur aus Gewohnheit. Schließlich habe ich gegen ihren Willen geheiratet – ohne Segen der Eltern. So ist meine Mutter eben, sie mag, wenn alles nach ihren Vorstellungen läuft. Mittlerweile hat sie sich mit meiner Wahl abgefunden und im tiefsten Herzen – ganz tief – stimmt sie längst zu, dass mein Sergej Gold wert ist. Laut würde sie das aber nie sagen. Das hieße, einen Irrtum zugeben und das geht gar nicht! Auch meinte sie es bei den Enkelkindern meist nicht ernst, eher aus Sorge. In Wahrheit liebte sie sie heiß und innig. Hätte ihnen was gefehlt, würde sie zuerst vom Felsen in den Fluss springen und sich vor lauter Schuld die Haare raufen wegen all ihrer Sprüche. Trotzdem, manchmal hatte ich richtige Angst vor diesen angekündigten „großen Sorgen“. Erfahrung der Generationen lehrt, dass das Erwachsenwerden der Kinder unweigerlich mit Problemen einhergeht. Und die Kinder wuchsen und wuchsen. Schon ging unser Sohn Johannes nach dem Abitur ins Erwachsenenleben – an eine der angesehenen Unis unserer Region, nur 143 Kilometer entfernt. Für ein Mutterherz sind das 143 Lichtjahre – wie von der Erde zum Merkur! Einfach weit weg! Die ersten vier Nächte schlief ich gar nicht, dachte immer an meinen Sohn: Wird er gekränkt? Hat er was Ordentliches gegessen? Verdirbt ihn die große Stadt, Johannes ist doch so ein feiner Junge… Zuerst zog Johannes ins Wohnheim, ein Zimmer extra für Jungs vom Land. Aber ich hielt das nicht aus und überredete Sergej, unserer Sohn soll eine Wohnung bekommen. Johannes wollte dafür sogar mitverdienen, im Internet irgendwas, der ist schließlich ein heller Kopf! Jede Woche fuhr ich in die Stadt, um Johannes zu besuchen, helfen, putzen, kochen… Obwohl alles ordentlich war bei ihm. Daheim hatte er nie Ordnung, sondern liebte das klassische Chaos. Und trotzdem war immer frisch gekocht: Dampfkoteletts und Schmorbraten im Tontopf – sag ich doch, ein Genie! Meine wöchentlichen Ausflüge begannen aber Sergej zu nerven. Marina! Lass Johannes endlich los, du klammerst ihn fest an dich! Er kann ja gar nicht frei leben und für mich hast du auch kaum Zeit! Sonst gehe ich zu Larisas Postbotin, die begrüßt wenigstens jeden – du wirst schon sehen! Er hat nur gescherzt – aber Angst machte es doch. Ohne meinen Mann? Und Recht hatte er, es war an der Zeit, Johannes loszulassen. Erst benahm ich mich weiter wie eine Glucke, lernte aber langsam, den Sohn ziehen zu lassen. Ich gab ihm die Freiheit – doch vergebens, wie sich zeigte. Eines Tages kam ein Anruf vom Dekanat: Mein Sohn schwänzt, droht gar exmatrikuliert zu werden! Was? Mein Johannes? Unmöglich! Ich schmiss alles hin und raste in die Stadt, da konnte Sergej mich nicht bremsen. Johannes war überrascht und – er hatte die Ursache seiner Fehlzeiten nicht versteckt. Der Grund: ein Mädchen namens Anna. Hübsch, wie ein Engel – und in der Wohnung war auch noch ein Kind! Einjähriger Junge, genaugenommen. Ich ahnte sofort: Das Mädchen mit Baby will meinen Sohn einwickeln und zur Hochzeit drängen. Ich bin eine moderne Mutter, weiß: Solche Dinge kommen vor. Aber Johannes ist viel zu jung für Ehe und Stiefkind! Anna wirkt höchstens achtzehn – wann hat sie das Kind bekommen? Innerlich tobte ein Sturm, aber ich riss mich zusammen. Grüsste Anna nur und ging mit Johannes in die Küche zum ernsten Gespräch. Johannes, bist du denn richtig verliebt? – grinste ich krampfhaft. Sehr, Mama, – lachte er zurück. Was wird nun aus dem Studium? – fragte ich vorsichtig. Ich weiß, Mama, ich hab das vernachlässigt. Aber keine Sorge, das wird wieder. Was ist denn los, möchtest du erzählen? Kann ich nicht, Mama. Ist nicht mein Geheimnis. Vielleicht, wenn ihr Anna besser kennt. Ich wusste nicht, was tun, um ihn nicht gegen mich aufzubringen. Also fuhr ich erst mal nach Hause. Das ist alles deine Schuld! – brüllte ich Sergej an, – Freiheit wolltest du für ihn, schau nur, was daraus wurde! Was tun wir jetzt? Was ist denn passiert? – fragte der unerschütterliche Optimist. – Was stört dich am fertigen Kind? Wenn Johannes ihn liebt, ist er nicht fremd. Willst du Opa werden für ein fremdes Kind? Warum nicht?! Ich wusste immer, irgendwann bin ich Opa. Aber doch nicht für Fremde! Marina! Ist das wirklich noch meine Frau? Ein Kind ist nie fremd! Denk mal drüber nach. Er schlief im Gästeraum, ich lief die halbe Nacht durchs leere Schlafzimmer, schimpfte auf alles und jeden – auf Anna, auf Sohn, auf meinen Mann, dass er sich gegen mich stellte. Irgendwann beruhigte ich mich und begriff – Sergej hat, wie immer, recht. Das Kind kann nichts für die Umstände. Anna sicher auch nicht. Bis zum Morgen hatte ich mich ausgelaugt, schlich mich zum Mann ins Wohnzimmer. Sergej, verzeih mir! Ich liebe euch alle einfach zu sehr. Komm her, du verrückte Frau! – hob er die Decke, und ich kuschelte mich zu ihm. So schliefen wir ein, auf den Lippen das erste Glückslächeln. Na dann – werde ich eben Oma! Was ist schon dabei? Der Junge, Michail hieß er, war ein Sonnenschein. Aber es wurde ganz anders, als ich glaubte. Johannes informierte uns bald: Er geht aufs Abendstudium und will Anna heiraten. Diesmal reagierte ich nicht sofort, sondern schluckte erst alles – dann fuhren wir gemeinsam zum Besuch in die Stadt. Sergej, wusste ich, hilft uns, keinen Fehler zu machen. Denn das Bedürfnis, Fehler zu machen, war so groß, damit hätten wir den ganzen Winter heizen können! Im Flur empfing uns Anna, wischte sich eine Träne ab: Tut mir leid! Ich will das alles nicht, aber Johannes ist eigensinnig. Das wissen Sie sicher. Eigensinnig ist milde ausgedrückt, – grinste Sergej, zog die Schuhe aus, – aber er ist auch nicht dumm. Wenn er so entscheidet, hat das seinen Grund. Beruhig dich, Anna, wir reden einfach mal. Wir gingen in die Küche. Johannes war nicht da. Johannes ist Milch holen, kommt gleich, – sagte Anna. Wieso entschuldigst du dich dauernd? – fragte Sergej. – Wir wissen noch gar nicht, ob du schuld bist. Schenkst du müden Gästen Tee? Bin grad 143 Kilometer gefahren. Oh, Entschuldigung, – Anna wuselte herum. Sergej verdrehte die Augen, Anna lächelte. Da bemerkte ich: Sergej hat Annas Wahl längst akzeptiert. Der Tee duftete, Sergej knabberte am dritten selbstgebackenen Keks – sehr selten für junge Frauen; ich weiß, Johannes kann so was nicht, und als der Sohn zurück kam, hatte ich das Gefühl, ich dürfte eigentlich nichts mehr bestimmen über diesen erwachsenen Mann. Ihr wollt also heiraten? – fragte Sergej. Ja, und es gibt darüber keine Diskussion, – sagte Johannes fest. Gut. Habt ihr einen Grund für die Eile? Erwarte ihr ein weiteres Kind? Nein, niemals! – Anna schüttelte den Kopf, wurde rot. Mir kam ein verrückter Gedanke, vielleicht sind Johannes’ Beziehung zu ihr noch gar nicht so weit… Unmöglich, aber… Weshalb denn dann so hastig? Sonst kommt Michail ins Heim, – flüsterte Anna und senkte den Blick. Warum sollte man das Kind wegnehmen? – fragte Sergej streng. Weil seine Mutter verstorben ist, – Anna zitterte. Anna, du musst das nicht erzählen! – Johannes sprang auf. – Mama, Papa, bleibt bitte bei dem, was ich am Telefon gesagt habe. Der Rest geht nur uns an! Johannes, warte mal, – unterbrach Anna. – Jetzt sind wir zusammen, dann sind eure Eltern auch meine Familie. Ich will ehrlich sein, das ist wichtig. Anna schwieg, wir sahen uns an. Anna, ist Michail denn nicht dein Sohn? – fragte ich beherzt. Nein, wirklich nicht. Michail ist mein kleiner Bruder – mütterlicherseits, wir haben verschiedene Väter. Jetzt wollte ich die ganze Welt umarmen! Aber ich ließ mir nichts anmerken. Anna erzählte weiter: Meine Mutter ist im Gefängnis gestorben, sie hatte einen schweren Herzfehler, lebte trotzdem ziemlich lang. Das Leben meiner Mutter war nicht einfach, sie war impulsiv – wie ich glaube. Anna trank etwas Tee, seufzte schwer. Ihre Worte fielen ihr sichtbar schwer, doch sie redete weiter. Erstmal kam Mama ins Gefängnis nach einem Streit mit meinem Vater, da hat sie eine alte Frau auf dem Zebrastreifen angefahren. Da stand sogar in der Zeitung. Als Mama verurteilt wurde, nahm mich mein Vater, wir lebten getrennt. Noch bevor Mama wieder rauskam, heiratete Papa neu. Ich nehme es ihm nicht übel: Mama war schwierig, er konnte nicht mehr. Seine neue Frau, Tatjana, ist ganz lieb, unser Verhältnis ist gut. Vielleicht habe ich gerade wegen Papas Entscheidung ein angenehmes Leben gehabt, sie beide sind meine Familie. Wieder Pause, unter dem Tisch ergriff Anna Johannes’ Hand, und mir wurde klar: Das Schlimmste ihrer Geschichte kam erst noch. Vor drei Jahren verliebte sich meine Mutter, total Hals über Kopf. Denis war zehn Jahre jünger, dann kam Michail. Ich freute mich über den Bruder und war oft zu Besuch. Bei mir gab es keine Streitereien, später im Prozess sagten die Nachbarn, sie hätten oft Krach und Geschirrklirren gehört. Eines Tages, so hörte ich, stritten Mama und Denis heftig. Sie war eifersüchtig. Im Affekt stieß sie Denis, er stolperte übers Plaid, schlug mit dem Kopf auf die Tischkante. Zwei Tage später starb Denis im Krankenhaus, Mama wurde verhaftet. Anna holte Luft, wollte fertig werden: Mama starb noch in U-Haft, kam nie vor Gericht. Ihr Herz hörte einfach auf. Bitte urteilen Sie nicht zu hart – sie war wie ein Kolibri, bunt, wild und ungezähmt. Aber ich habe sie sehr geliebt. Jetzt musst du uns verzeihen, Anna, – sagte Sergej. – Dass du uns das alles erzählen musstest. Aber du hast recht, wir sind jetzt Familie und müssen zusammenhalten. Ich muss zugeben, ich wollte in dem Moment schreien: „Was tust du, mein Sohn! Johannes, überleg doch! Solche Verwandtschaft brauchen wir nicht! Bei uns gab es nie Kriminelle!“ Doch ich stoppte mich, sah mich selbst im Brautkleid und Mama, wie sie mich vom Sergej abhalten wollte. Ich gab mir innerlich eine Ohrfeige: „Urteile nie über Menschen wegen ihrer Herkunft! Gerade du solltest das wissen!“ Dieser innere Schlag bewirkte ein Wunder: Mir kam eine verrückte, aber geniale Idee. Ich blickte zu Sergej, sah sein freundliches Lächeln – er hat’s verstanden, er ist dabei! Zur Bestätigung nickte Sergej und sagte: Wie wäre folgender Vorschlag: Marina und ich übernehmen die Vormundschaft für Michail. Ihr wartet noch mit Hochzeit und macht erst das Studium fertig. Was? – Anna verstand nicht. Papa, hör auf! – protestierte Johannes. Michail wird sich bei uns wohlfühlen, du weißt, wie deine Kindheit war. Und wenn ihr wollt, könnt ihr ihn später zu euch nehmen. Uns ist langweilig ohne dich, Johannes. Wir kümmern uns gern um Michail. Deine Schwester interessiert sich jetzt eh mehr für Jungs als für die Eltern. Anna, – schaute ich ihr in die Augen, – das entscheidest du allein! Wie kann ich euch so eine Last aufbürden? Nicht einmal mein Vater und Tatjana wollten ihn aufnehmen. Da merkte keiner, dass Michail schon wach war. Er stieg vom Sofa, tappste in die Küche und streckte die Arme – nicht etwa zu mir, sondern zu Sergej. Oh, was für eine schwere Last, – rief Sergej spaßig und hob Michail hoch. Sergej, du schaffst es, bist doch eher Vater als Opa, – lachte ich. Warte ab, – frotzelte er, – nachts zeig ich dir den Opa. Die Kinder schimpften kurz, stimmten aber zu, dass Michail zu uns kommt. Die Vormundschaft lief problemlos. Die Sachbearbeiterin sagte, es ist inzwischen oft so, dass Familien unseres Alters kleine Kinder aufnehmen. Die eigenen sind groß, aber die Liebe bleibt und will raus – bei uns gab’s davon mehr als genug! Wir wurden richtig jung durch Michail. Nachts, wenn ich zu ihm ging, vergoss ich vor Freude so manche Träne – mein unerwartetes Glück! Nur meine Mutter meckerte wie immer über unseren Entschluss. Sie schimpfte und schimpfte, aber liebte Michail am meisten – und er sie. Ach, Marina, was macht ihr denn nur! – klagte Mama, und gleich darauf zu Michail: Wer knipst uns hier die Äuglein zu, wer will schlafen?! Und dann wieder: Woran denkt ihr bloß? Marina! Wer hat denn jetzt seine kleinen Fingerchen schmutzig gemacht?! Ach, ich weiß wirklich nicht, was nun wird! Wo ist nur mein Michail, wo hat er sich versteckt?!