Meinen Sohn gebe ich nicht her

Gebe meinen Sohn nicht her

Hannah, du verstehst das wohl nicht. Ein Kind braucht ein ordentliches Leben, keine bunten Malereien!

Es ist mein Leben, Frau Sabine Hagedorn. Und seins auch.

Sabine Hagedorn stand mitten im Wohnzimmer, so fest wie ein alter Eichenschrank. Die Arme verschränkt, am Ringfinger ein Klunker, der schwer genug schien, sie bei jedem Orkan auf den Teppich gedrückt zu halten. Hinter ihr auf dem Sofa saß Moritz sechs Jahre alt, in den Händen ein brandneues Feuerwehr-Auto, so rot und geschniegelt, dass es schon fast provoziert. Moritz schaute niemanden an.

Hannah stand an der Tür. Sie wollte ihren Sohn wie besprochen nach dem Abendessen abholen: 20 Uhr. Jetzt war es kurz vor zehn, und Sabine Hagedorn tat so, als gäbe es von Absprachen in ihrem Kosmos ohnehin keine Spur.

Moritz bleibt heute bei mir! Morgen früh bringe ich ihn zur Schule. Mein Fahrer wartet sowieso schon.

Ich brauche keinen Fahrer. Ich bringe ihn selbst.

Womit denn? Mit dem Bus, ja?

Hannah merkte, wie sich in ihr wieder diese müde, gallige Wut aufbaute. Nicht der Ärger, sondern das dumpfe, alte Gefühl, das sich über Jahre angesammelt hat und irgendwann wie Nebel alles einhüllt.

Moritz, sagte sie, zieh dich an, wir fahren heim.

Der Junge hob kurz den Kopf. Er sah Hannah an, dann seine Oma. Sabine Hagedorn gab nur ein kaum zu sehendes Kopfschütteln von sich. Das genügte.

Mama, ich möchte noch ein bisschen spielen, murmelte Moritz.

Na? Hörst du es?, sagte Frau Hagedorn triumphierend. Das Kind entscheidet selbst.

Hannah trat ins Zimmer.

Moritz, los jetzt, es reicht!

Ein Seufzen vom Flur. Johannes trat in die Tür. Er, der ewige Hemdenträger, das Handy quasi angewachsen. Er war immer zwischen Familie und Display geparkt.

Hannah bitte, beruhig dich. Mama will doch nur Zeit mit Moritz verbringen.

Zwei Stunden länger, Johannes. Abgemacht war was anderes.

Ach, diese Abmachungen… Wir sind Familie.

Eben!, rief Sabine Hagedorn und machte einen Schritt vorwärts. Familie! Aber du, Hannah, du bist immer dagegen.

Hannah sah ihren Mann an. Er blickte auf sein Smartphone, als läge darin die Anleitung für das perfekte Leben.

Sie erinnerte sich an ein Gespräch vor der Hochzeit. Damals in diesem kleinen Café in Mainz. Holzstühle, der süßeste Cheesecake der Stadt. Johannes sagte Sätze wie: Du bist besonders, Hannah. Ich hab noch nie so eine Frau kennengelernt. Ich find das schön, wie du zeichnest und in deiner eigenen Welt bist. Damals dachte sie wirklich, er sieht sie.

Stellte sich raus: Er sah etwas Praktisches, Leises, Nettes. Etwas, das nie laut wird und schon gar nicht gegen seine Mutter.

Sie nahm Moritz an die Hand.

Komm geh. Wir fahren.

Hannah!, der Ton von Sabine Hagedorn wurde schärfer. Du verletzt unser Kind gerade!

Mama hat recht, nuschelte Johannes. Kein Blick. Hör mal auf mit der Szene.

Welche Szene?, Hannah drehte sich zu ihm um. Ihre Stimme war dünn, gespannt wie ein Nylonfaden. Johannes, deine Mutter will mir meinen Sohn wegnehmen. Das ist keine Szene. Das ist Realität.

Du übertreibst.

Natürlich. Ich übertreibe.

Sie starrte ihn an, fest. Er hob nicht mal den Kopf.

Na gut, sagte sie endlich.

Und ging.

In den langen Fluren der großbürgerlichen Villa vorbei an goldgerahmten Landschaftsgemälden, vorbei am deckenhohen Spiegel, an den Makramee-Blumentöpfen, die irgendwie immer üppig grün, aber genauso blütenlos waren. Alles teuer und stets ein kleines bisschen kühl, als bereite man sich eher auf ein Titel-Fotoshooting als auf Leben vor.

Draußen war es nasskalt. Oktober in Wiesbaden. Hannah stieg in ihren kleinen, nicht mehr ganz jungen Polo, mit charmantem Kratzer am rechten Kotflügel. Sie setzte sich, wartete eine Minute. Dann startete sie den Motor und fuhr heim.

Zuhause: die Drei-Zimmer-Wohnung, die sie vor fünf Jahren halb mit Mutters Hilfe, halb mit Sabine Hagedorns Kredit gekauft hatten worauf die Schwiegermutter bis heute Wert legt. Hannah ging in ihr winziges Arbeitszimmer. Sie knipste das Licht an. Überall Skizzen, Farbtuben, Pinsel. Eine halbfertige Illustration für ein Kinderbuch; ein Mädchen auf einer Schaukel im herbstlichen Garten. Das Blatt sieht aus wie echtes Leben: Nicht Freude, nicht Trauer irgendwas dazwischen.

Hannah setzte sich auf den Schemel und starrte lang auf ihr Bild.

Sie kam aus Speyer. Normale Familie, Mutter Grundschullehrerin, Vater Automechaniker. Kleine Wohnung, bunte Gardinen, Kater namens Fritz. Seit sie denken konnte, malte sie auf Matheheften, auf die Tapete in ihrem Zimmer, auf den Rand alter Fernsehzeitungen. Ihre Mutter hat nie geschimpft. Sie hat immer gesagt: Wenn sie malt, sieht sie die Welt eben mit anderen Augen.

Kunstschule in Darmstadt, dann Hochschule in Mainz. Dort lernte sie Johannes kennen. Jurastudent, selbstbewusst, großzügig, immer mit Blumen. Hannah verliebte sich Hals über Kopf.

Die Schwiegermutter trat direkt nach der Hochzeit ein wie in ein neues Vorstandsamt. Vorher hatte sie sie vielleicht zweimal gesehen Verlobung, Hochzeit und jedes Mal mit einem Lächeln, bei dem klar war: Du bist noch nicht innen.

Als Moritz kam, war die Höflichkeit wie weggeblasen.

Sabine Hagedorn war Witwe, ihr Mann ehemaliger Baustadtrat, hatte ihr ein großes Haus nahe Wiesbaden hinterlassen, eine Wohnung mitten in Frankfurt und genug Geld für einen Daseinsstandard ohne Aldi-Angebote. Einziger Sohn Johannes ihr Mittelpunkt. Und mit Moritz hatte sie einen neuen Lebensinhalt.

Sie kam ohne Absprache vorbei. Brachte Sachen, die Hannah nie wollte. Gab Ratschläge zu Windeln (viel zu billig!), zu Brei (machst du das falsch!), Hannah würde zu lange kuscheln, das Kind werde ein Weichei. Oder zu wenig, dann werde er bindungsgestört. Die Vorwürfe waren flexibel, der Tonfall nie.

Johannes? Immer auf der Flucht Küche, plötzlich Arbeit, irgendein Anruf, oder er saß einfach da und scrollte durch das Handy. Während seine Mutter Hannah erklärte, wie man ihren Sohn vernünftig großzieht.

Eines Abends fragte sie ihn direkt:

Sag mal, warum sagst du eigentlich nie was?

Was soll ich denn sagen? Mama gibt sich halt Mühe.

Sie hat gestern gesagt, ich bin eine schlechte Mutter.

Sie meinte, du bist zu nervös, das war alles.

Johannes, das IST das Gleiche.

Er sah sie an wie jemand, der gerade erfährt, dass das Wetter heute eh nur so mittel wird.

Hannah, nimm es ihr nicht übel, sie macht sich bloß Sorgen.

Hannah schwieg damals. Ihr Rezept zum Überleben: schweigen und malen. Sie zeichnete nachts, wenn Moritz schlief. Erst kleine Auftragsbilder, dann hatte sie einen Verlag gefunden, später noch einen. Arbeit, die Spaß machte und Geld brachte.

Sabine Hagedorn bekam Wind davon und einen neuen Angriffspunkt.

Du sitzt den ganzen Tag an deinen Bildchen, während das Kind sich selbst überlassen ist!

Moritz ist doch im Kindergarten. Ich arbeite, während er dort ist.

Das ist doch kein richtiger Job! Das ist ein Hobby. Als richtige Mutter verdient man gutes Geld, kein Taschengeld!

Mir reichts.

Dir reichts, sagte Sabine Hagedorn mit einem Tonfall, als hätte Hannah erzählt, dass sie mit 43 noch ans Christkind glaubt.

Hannah hockte im Atelier und dachte an diesen Abend. Daran, wie Moritz hin und her geschaut hatte. Daran, wie Johannes nicht einmal aufgeschaut hatte.

Kurz nach halb zwölf kam Johannes heim.

Er stapfte zur Couch, ließ sich fallen. Hannah stand an der Tür vom Atelier.

Hast du Moritz dabei?, fragte sie.

Der schläft bei Mama. Da gehts ihm gut.

Und du hast ihr gesagt, dass das nicht okay ist?

Hannah, fang jetzt nicht an.

Ach, ich fang erst an. Irgendwann muss ja mal jemand anfangen! Solange du dich immer im Hintergrund hältst, regelt deine Mutter, wo unser Sohn schläft.

Sie ist doch die Oma.

Und ich seine Mutter.

Du hast Moritz vor dem Kind eine Szene gemacht. Mama meint, du bist überempfindlich.

Hannah blieb stehen. Ihr Mann war so vertraut und zugleich so fern, dass es fast schmerzte. Wie lange hatte sie gewartet, dass er irgendwann mal erwachsen wird. Einfach da steht, für sie und Moritz. Sie verstand: Sie wartete nicht mehr.

Johannes, geh.

Er sah auf.

Wie bitte?

Nimm deine Sachen und geh zu deiner Mutter.

Jetzt im Ernst?

Ja.

Er sah sie an eine halbe Ewigkeit. Dann zuckte er und schenkte ihr ein pikiertes Lächeln. Er verstand wirklich nicht, dass es ernst war.

Gut, sagte er. Wenn du dich beruhigst, ruf an.

Lass die Schlüssel hier.

Tat er. Und ging.

Hannah stand in der stillen Wohnung und hörte draußen den Regen rauschen. Morgen musste Moritz zur Schule. Er war bei Sabine Hagedorn. Sie wusste nicht, was der nächste Tag brachte. Nur eines wusste sie: Sie würde hinfahren, allein, und ihren Sohn holen.

Sie schlief in dieser Nacht nicht. Saß im Atelier und dachte nach. Erinnerte sich, wie Moritz lacht: Kopf im Nacken, Nase voller Falten, dieser ganz eigene Lach-Rülpser nicht zu beschreiben, nur zu erleben. Daran, wie er mit zweieinhalb das erste Mal einen Pinsel hielt und voller Ernst eine rote Linie zog, als müsste er einen Vertrag unterzeichnen. An die Sonntage, wenn sie Pfannkuchen backten und Moritz am Hocker stand, der Teig auf dem Herd tropfte und sie beide Quatsch machten.

Das war echtes Leben. Keine quietschrote Spielzeug-Feuerwehr der Welt konnte das toppen.

Am Morgen wusch sich Hannah, zog Jeans, Pullover, Regenmantel an. Kein Make-up, kein Event. Sie wollte einfach nur ihren Jungen holen.

Die Villa Hagedorn: Hoher Zaun, elektrische Tore, Klingel mit Kamera. Hannah drückte.

Pausenmusik. Dann die Stimme der Haushälterin:

Wer ist da?

Hannah Marie Schneider. Mutter von Moritz.

Noch eine Pause. Dann surrte das Tor.

Sabine Hagedorn wartete in der Diele. Top gestylt, auch in Hausklamotten präsentabel wie für den Sonntagsbrunch. Sie konnte jederzeit sofort für jede Gala bereitstehen.

Bist aber früh dran, sagte sie.

Ich will Moritz abholen.

Der frühstückt gerade.

Dann warte ich.

Einladende Geste, Hannah betritt das Wohnzimmer: hohe Decke, goldener Parkett, Seidenvorhänge. Alles wunderschön, alles ordentlich aber wohnlich war anders. Man fühlte sich wie ein Exponat im Möbelhaus.

Setz dich, sagte Frau Hagedorn.

Sabine Hagedorn setzte sich vis-à-vis. Sah vorbei an Hannah.

Ich sag es offen, Hannah. Ich habe mich informiert. Deine Einnahmen sind schwankend. Mal kommt ein Auftrag, manchmal keiner. Das reicht nicht für ein Kind.

Ich schaffe das.

Im Moment vielleicht. Aber undenkbar auf Dauer. Für Moritz ist es wichtig: Beste Schule, Sportverein, Ausflüge. Das kostet das hast du nicht.

Ich habe das, was wichtig ist.

Deine Bildchen?, säuselte Hagedorn, und in ihrem Ton lag mehr Spott als in jedem Wutanfall.

Ja. Auch meine Bilder.

Die Schwiegermutter hob die Braue.

Hannah, sei vernünftig. Verspiele nicht alles. Johannes will zurückkommen. Wenn du zur Familie stehst, vergessen wir den Streit. Moritz hätte ein normales Leben.

Er hat ein normales Leben.

Er lebt im Mangel.

Das ist was anderes.

Sabine Hagedorn stand auf, ging im Raum auf und ab. Sie beherrschte es, Raum einzunehmen, während andere sitzen.

Ich kann klagen, sagte sie. Ich habe Mittel und Kontakte. Ich kann nachweisen, dass deine Wohnung zu klein, dein Verdienst zu gering, und du zu beschäftigt bist.

Versuchts doch, sagte Hannah.

Ein einziges Wort, leise, entschlossen. Nicht mutig, nicht trotzig. Einfach fertig.

Sabine Hagedorn blieb stehen. Sah sie plötzlich an, als hätte Hannah ein drittes Auge bekommen.

Moritz!

Befehlston. Moritz erschien wenig später in Pyjama mit Butterbrot in der Hand.

Mama?

Guten Morgen, mein Großer. Hannah blieb sitzen, lächelte. Iss in Ruhe zu Ende. Dann packen wir.

Moritz, heute ist doch Filmvormittag! Ich lade den Zeichentrick noch runter, rief die Oma.

Moritz schaute zur Oma, dann zu Hannah.

Hannah hockte sich hin.

Moritz, erinnerst du dich an Sonntag? Pfannkuchen wollten wir backen.

Mit Erdbeermarmelade!

Und deinen Drachen müsstest du auch noch fertig zeichnen der hat noch keinen Schwanz, oder?

Genau! Ohne Schwanz ist doch kein Drache.

Moritz grinste kurz, dunkle, große Augen, ganz der Papa, aber der Blick der war Hannahs. Offen, direkt, unapologetisch.

Den Film können wir ein anderes Mal gucken. Er schaute zur Oma. Oma, ich geh lieber mit Mama.

Sabine Hagedorn stand da, als hätte man sie eingefroren. Gesicht aus Stein.

Gut, sagte sie schließlich. Zieh dich um.

Während Moritz nach oben flitzte, hockten Hannah und Sabine schweigend im Wohnzimmer. Hannah schaute aus dem Fenster auf die kahlen Bäume im Oktobergarten.

Du glaubst, du hast gewonnen, sagte Frau Hagedorn.

Nein, erwiderte Hannah. Ich gehe nur mit Moritz nach Hause.

Moritz rannte mit seinem Rucksack die Treppe runter. Hannah nahm seine Hand. Sie gingen.

Im Auto, bevor sie losfuhr, fragte Moritz:

Mama, ist Papa heute daheim?

Heute nicht.

Ist er bei Oma?

Ja.

Kommt er wieder?

Auf der regennassen Straße überschlugen sich die braunen Blätter.

Weiß ich nicht, mein Großer. Im Moment nicht.

Moritz dachte lange nach.

Okay, sagte er. Und blickte zum Fenster hinaus.

Dieses Okay war so erwachsen und so klein, dass Hannah ein Moment lang der Atem stockte. Sie packte das Lenkrad ein wenig fester.

Die nächsten Wochen waren sehr zäh. Johannes rief an, belehrte sie, das sei kein Umgang, Moritz leide, seine Mutter habe so viel für sie getan. Hannah hörte zu, sagte Ja, Nein oder gar nichts. Er log nicht. Er glaubte daran, was er sagte. Das war das Problem.

Johannes war nicht böse. Er war einfach unfähig zu wählen, zu kämpfen, dazustehen er war immer schon mehr Zuschauer als Partner.

Im November reichte Hannah die Scheidung ein. Sabine Hagedorn machte ernst Anwalt, Schriftsatz, angeblich schlechte Wohnverhältnisse, Hannah arbeite zu viel. Der Prozess begann im Dezember und zog sich bis zum Sommer.

In dieser Zeit arbeitete Hannah wie eine Wilde alle Aufträge, die gingen. Kein Nein, keine Pause. Illustrationen, Buchcover, Plakate für Kitas. Ihr Stil fiel mehreren Verlagen auf. Ein Lektor schrieb: Ihre Bilder atmen. Hannah verstand das nicht ganz, aber es fühlte sich richtig an.

Den Prozess verlor sie nicht. Ihr Anwalt war nicht prominent, aber hartnäckig und ehrlich. Ihre Einnahmen stiegen, die Wohnung gehörte übrigens Hannah selbst von der Tante geerbt. Alles gut genug. Moritz machte sich gut in der Schule, war ausgeglichen und hing an Hannah.

Sabine Hagedorn bekam im Urteil Besuchsrecht zu festen Zeiten. Sie protestierte, aber Paragraf ist Paragraf.

Johannes akzeptierte schließlich die Scheidung. Nach langen Telefonaten, späten Nachrichten, halbherzigen Versöhnungsversuchen. Hannah hörte zu, aber da war keine Kälte mehr, nur noch Distanz, als sprächen sie durch doppeltes Fensterglas.

Moritz sah seinen Vater sonntags. Mal Kino, mal Park, mal Oma. Nachher war er stets ruhiger. Hannah fragte nie, tat, was nötig war: Essen, Malen, Alltag.

Eines Tages sagte Moritz nach dem Papa-Besuch:

Oma meint, ihr habt beide Fehler gemacht.

Hannah goss ihm Tee ein.

Kann das sein, dass beide im Unrecht sind?

Oma sagt schon.

Manchmal schon, sagte Hannah.

Und du was meinst du?

Er blickte so ernst, sieben Jahre alt, Kopf schräg.

Man muss nicht Recht haben. Es zählt, was man daraus macht.

Moritz dachte nach.

Klingt schlau, sagte er.

Oder ausweichend.

Was ist das, ausweichend?

Wenn man nicht so ganz klar antwortet.

Ach so. Okay, sagte Moritz. Er trank aus, verschwand zu den Stiften.

Zwei Jahre waren vergangen seit jener Oktobernacht. Kein Spaziergang. Aber echt. Viele müde Nächte, in denen Hannah überm Tablet mit dem Stift einschlief. Wochen, in denen sie Resteessen erfand, damit Moritz es als spannend empfand. Momente, in denen kein Auftrag kam und sie nicht wusste, wohin mit sich.

Aber auch:

Sonntagmorgen, wenn sie Pfannkuchen backen, die auf dem Fensterbrett abkühlen. Es nach nassem Asphalt riecht, nach Herbst, Moritz isst mit den Fingern und lacht mit diesem Ton, den man nicht beschreiben kann.

Wenn Moritz fieberte und Hannah an seinem Bett saß, ihm vorlas und er ihre Hand hielt auch im Schlaf.

Wenn in der Schule ein Bild gelobt wurde, Moritz heimkam, rot im Gesicht und vor allem zu Hannah sagte: Mama, dir zeig ichs zuerst! Das war mehr als jedes Gerichtsurteil wert.

Sabine Hagedorn holte Moritz nun zu Besuch. Anfangs versuchte sie noch, Hannah Tipps für Erziehungsgespräche aufzugeben. Hannah blieb höflich und knapp. Keine Streits. Kein Drama.

Das wurde ihr irgendwann zu anstrengend, und der Austausch lief ruhig, Business as usual.

Johannes zog bald in einen anderen Stadtteil. Über Freunde hörte Hannah, dass er eine neue Beziehung hat. Sie registrierte es, so wie man eine E-Mail liest und dann löscht.

Hannahs Arbeit wurde erfolgreicher. Zwei neue Verträge mit Verlagen. Ihr Name tauchte in Elternforen bei Bilderbuchdebatten auf. Irgendwer schrieb im Internet, Hannah Schneiders Illustrationen sind lebendig, nicht gestellt, Kinder verstehen das. Sie stieß zufällig darauf und las es mehrfach.

Lebendig, nicht gestellt.

Vielleicht, dachte sie, liegt das daran, dass sie nur das zeichnet, was sie kennt. Den Jungen mit Pfannkuchen, die Mama mit Buch, den Kater Fritz am Fenster. Keine Märchen. Nur Wirklichkeit.

Im November, zwei Jahre später, kam Moritz aus der Schule mit einem Bild. Er hielt es mit beiden Händen, ganz andächtig.

Mama, schau mal, das hab ich für dich gemalt.

Sie saßen in der Küche, Milch kochte gerade. Draußen schon dunkel, richtiger November.

Hannah nahm das Blatt.

Darauf ein Haus. Klein, zwei Fenster, warme Lichter leuchteten heraus. Daneben zwei Figuren: eine große, eine kleine. Die Große hielt die kleine an der Hand. Oben drüber der Himmel mit ein paar schiefen Sternchen. In die Ecke schrieb Moritz krakelig: WIR.

Hannah betrachtete das Bild.

Das Haus schlicht, die Menschen ein bisschen schräg, wie Kinder eben malen, wenn sie sich Mühe geben und noch nicht alles passt. Die Sterne auch. Genau und unperfekt.

Das sind wir?

Klar, sagte Moritz, du und ich und unser Haus.

Sehr schön.

Ich kann jetzt auch Drachen mit zwei Schwänzen malen! Soll ichs zeigen?

Unbedingt.

Und schon sauste er los in sein Zimmer. Hannah lehnte das Bild an ihre Kaffeetasse. Das Milchkochwasser blubberte, sie goss zwei Tassen ein.

Mama!, rief er. Darf ein Drache zwei Schwänze haben?

Na klar, wenn er das will!

Super!

Draußen fiel der erste Schnee dieses Novembers. Weich, langsam, zerging gleich wieder. In der Küche duftete es, zwei Tassen dampften, das Bild mit den schiefen Sternen stand vorne.

Moritz kam wieder rein, setzte sich, schluckte einen Schluck Milch und breitete das Blatt aus.

Guck: erster Schwanz, zweiter Schwanz. Der eine hat Stacheln, der andere ist glatt!

Stimmt, lächelte Hannah. Der eine zum Kämpfen, der andere zur Zierde.

Genau! Siehst du sofort.

Sie sah ihn an: sein fröhliches Gesicht, den Drachenschwanz, raus zum Fenster hin, wo Schnee fiel und alles noch möglich war.

Mama, machen wir morgen Pfannkuchen?

Morgen ist doch Sonntag, oder?

Ja!

Dann gibts Pfannkuchen.

Mit Marmelade?

Logo.

Super, sagte er und malte weiter.

Hannah saß daneben, Tasse in beiden Händen, schaute ihm beim Zeichnen zu. Irgendwo in der Stadt tobte ein Leben. Sabine Hagedorn thronte in ihrer Villa zwischen ihren perfekten Dingen. Johannes hatte sein neues Glück. Alles war da. Aber weit weg.

Hannah trank aus, nahm Moritz Bild mit den zwei Figuren und dem Haus mit den gelben Fenstern.

Wo hängen wir das auf?

Moritz überlegte.

Am Kühlschrank! Dann sieht mans immer.

Wunderbar.

Sie hefteten es mit einem Magneten fest. Hannah trat zurück und betrachtete es.

WIR stand leicht krumm in der Ecke.

Hängt das so richtig?, fragte Moritz und malte weiter am Drachen.

Genau richtig, sagte sie.

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Homy
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