Fremde Schuld

Fremde Schuld

Was für eine Stadt ihr hier habt, sagte Frau Dr. Ursula Bender, kaum dass sie über die Schwelle getreten war, und sah sich mit einem Blick um, als sei sie zufällig im falschen Haus gelandet. Mein Fahrer und ich haben eine halbe Stunde lang eure Straße gesucht. Der Navigator kennt sie gar nicht. Können Sie sich das vorstellen?

Ingrid Bauer stand in der Tür ihres Hauses und lächelte. Es war dieses Lächeln, das Menschen zu eigen ist, die im Leben schon viel gesehen haben und sich längst nicht mehr über fremde Unhöflichkeit wundern.

Aber Sie haben sie ja gefunden, sagte sie schlicht. Kommen Sie rein, Frau Dr. Bender. Sie sind sicher von der Fahrt müde.

Ich werde im Auto nie müde, erwiderte die Besucherin scharf, trat dann aber doch ins Haus.

Sie war eine große, gut gekleidete Frau um die sechzig, das Haar kurz und in honigblonder Farbe gefärbt, mit goldenen Ohrringen und einer Miene, die sich selten ändern mochte. Es war das Gesicht eines Menschen, der seinen Wert genau kennt und der ist nicht gering. Der Mantel war teuer, herbstlich, in Graublau mit großen Knöpfen. Die Schuhe, obwohl die Straße nach dem Regen aufgeweicht war, blieben makellos; offenbar verstand sie es, zu gehen, ohne sich zu beschmutzen.

Hinter ihr trat Matthias ein. Groß und dunkelhaarig wie die Mutter, mit offenem Gesicht und dem leicht schuldbewussten Blick eines Sohnes, der weiß, gleich wird die Mutter etwas Unpassendes sagen.

Mama … sagte er leise, bitte.

Was bitte? Ich sage doch nur, wie es ist. Der Navigator kennt die Straße nicht. Das ist eine Tatsache, keine Kritik.

Greta kam mit schnellen Schritten aus der Küche, wischte sich unterwegs die Hände am Schürzenzipfel ab. Sie war klein, rundwangig, mit dunklen Augen und einem geflochtenen Zopf, den sie am Hinterkopf trug. Ein einfaches, aber ausgesprochen hübsches Mädchen von vielleicht siebenundzwanzig Jahren, deren Schönheit sich nicht sofort, sondern erst mit der Zeit offenbarte.

Guten Tag, Frau Dr. Bender! sagte sie freudig und streckte die Hand nach dem Mantel aus.

Frau Dr. Bender übergab das Kleidungsstück, hielt es aber einen Augenblick länger fest, als traute sie der Garderobe nicht ganz.

Hallo, Greta, sagte sie. Du siehst gut aus. Ländlich halt, aber hübsch.

Greta blieb gelassen.

Danke, antwortete sie freundlich und tat so, als hätte sie die zweite Bemerkung nicht gehört.

Ingrid Bauer fing den Blick der Tochter auf. Er war ruhig, warnend: Alles gut, ich komme klar. Greta nickte kaum merklich und ging zurück in die Küche. Matthias zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Das Häuschen von Ingrid Bauer war klein, aber warm und das war das Wort, das jedem als erstes einfiel, der eintrat. Auf den Fenstersimsen standen Töpfe mit Geranien und Veilchen, im Flur lag ein selbstgewebter Teppich, und aus der Küche duftete es nach Kohlkuchen und etwas Zimtigem. Die Wohnzimmerwände waren mit hellen, geblümten Tapeten verkleidet, etwas verblichen, aber gepflegt. Auf dem Regal standen Bücher und gerahmte Fotos.

Frau Dr. Bender betrat das Wohnzimmer und schaute sich um. Ihr Blick blieb einen Moment am durchgesessenen Sofa haften, dann am Regal mit den Büchern und schließlich an den weißen, gestärkten Gardinen mit Häkelkante.

Lange her, dass hier renoviert wurde? fragte sie.

Zehn Jahre wohl schon, antwortete Ingrid ruhig. Setzen Sie sich, der Tisch ist gleich gedeckt.

Ich bin nicht hungrig. Wir haben auf der Autobahn angehalten.

Aber einen Tee trinken Sie doch sicher gern nach der Fahrt.

Matthias setzte sich ans Fenster und warf der Mutter einen flehentlichen Blick zu. Frau Dr. Bender ignorierte diesen, wie sie alles ignorierte, was nicht in ihr Weltbild passte, und nahm mit steifem Rücken auf dem Sofarand Platz.

***

Nach zwanzig Minuten war der Tisch gedeckt. Greta und Ingrid brachten den offenen, noch dampfenden Kohlkuchen und kleine Apfelküchlein aus der Küche, stellten Sauerkraut, Gewürzgurken, Pellkartoffeln mit Dill, Sülze und hausgemachte Wurst auf. Alles schmucklos arrangiert, aber mit Liebe auf einer schlichten weißen Tischdecke.

Mama, du hast sogar Sülze gemacht, staunte Greta leise.

Über Nacht angesetzt, erwiderte Ingrid.

Frau Dr. Bender ließ den Blick über den Tisch gleiten und murmelte etwas kaum Hörbares. Matthias verkrampfte sich.

Haben Sie etwas gesagt? fragte Ingrid.

Ich sagte, ganz schön opulent hier bei euch, antwortete die Besucherin. Der Tonfall ließ erkennen, dass opulent in diesem Zusammenhang nicht guthieß.

Bei uns auf dem Land ist das so, entgegnete Ingrid gelassen und lächelte wieder. Greifen Sie zu, solange der Kuchen warm ist.

Ich esse kein Gebäck, sagte Frau Dr. Bender. Ich achte auf meine Linie.

Vielleicht Sülze? Die ist mit Meerrettich besonders gut.

Ich vermeide Fettiges.

Ein Gurkerl?

Die schlagen mir auf den Magen.

Greta stierte auf ihren Teller. Matthias legte die Gabel zur Seite.

Mama … flüsterte er eindringlich, warum?

Ich achte auf meine Ernährung, erwiderte die Mutter und griff zum Teeglas.

Ingrid sagte nichts. Sie nahm Kartoffeln, schnitt sich ein Stück Kuchen ab und aß ruhig, als würde sie fremder Meinungen über ihr Essen nichts mehr anhaben können.

Lange herrschte Stille. Man hörte nur das Tropfen des Wasserhahns und den Wind, der draußen in den Apfelbäumen raunte.

Greta arbeitet also schon lange … dort? fragte Frau Dr. Bender, wandte sich an Ingrid, als säße die Tochter nicht mit am Tisch.

In der Schule, erwiderte Ingrid. Vier Jahre schon. Sie ist Grundschullehrerin.

Lehrerin. Keine Ironie, aber auch kein Respekt in ihrer Stimme, sie stellte es schlicht fest. Das Gehalt auf dem Land …

Mama!

Was denn? Ich rede doch nur Klartext. Nach der Hochzeit zieht ihr nach München. Für Greta wirds mit einem Land-Diplom nicht einfach. Ich sage das nur ehrlich.

Greta hob den Kopf. Ihr Blick war ruhig, vielleicht verletzt, aber tränenlos.

Ich schaffe das schon, Frau Dr. Bender, sagte sie.

Schaun wir mal, entgegnete diese und nippte am Tee.

Jetzt geschah etwas. Ingrid legte geräuschlos die Gabel ab, betrachtete ihre Besucherin eine Weile mit ungewohnt prüfendem Blick nicht böse, sondern entschieden, als hätte sie nun etwas abgeschlossene Grübelei hinter sich.

Frau Dr. Bender, begann sie, wie lange ist das eigentlich her, dass Sie aus Eichenbruch weggezogen sind?

Die Besucherin erstarrte ein wenig.

Wie bitte?

Eichenbruch. Ein kleiner Ort im Schwarzwald. Sie haben dort doch mit Ihrer Familie gelebt, bevor Sie nach München gezogen sind?

Am Tisch wurde es ganz still, als lausche sogar der Wind draußen.

Ich … Frau Dr. Bender stellte das Glas ab. Woher …

Auch ich bin von dort. Sie erinnern sich wohl nicht an mich. Ich war damals acht. Aber meine Mutter, die kannten Sie. Elisabeth Moritz. Sie war Buchhalterin in der Konsumgenossenschaft.

Frau Dr. Bender wich dem Blick nicht aus, doch in ihrem Gesicht regte sich etwas, so wie man spürt, wenn der Boden unter einem nachgibt noch nicht der Fall, aber alles beginnt zu schwanken.

Ich erinnere mich an keine Elisabeth Moritz, sagte sie ruhig.

Ich schon, sagte Ingrid ebenso ruhig. An alles.

***

Matthias sah die Mutter an. Greta richtete den Blick auf ihre Hände. Ingrid begann leise zu sprechen, ohne Bitterkeit, so wie man von alten Wunden erzählt, die nie ganz heilen.

Meine Mutter arbeitete zwanzig Jahre bei der Konsumgenossenschaft. Eine äußerst korrekte Frau. Hätte nie einen Cent fremden Geldes angerührt. Dann, 1989, Sie erinnern sich sicher, was für eine Zeit das war, verschwand Geld aus der Kasse. Viel Geld, nach damaligen Maßstäben. Meine Mutter war zu der Zeit dafür verantwortlich. Sie wurde beschuldigt.

Ingrid schwieg.

Das Verfahren ging schnell. Alles war im Umbruch, keine richtigen Anwälte. Meine Mutter kam ins Gefängnis. Drei Jahre Haft. Sie war eine gesunde Frau, aber nach zweieinhalb Jahren kam sie gebrochen zurück. Denn was im Gefängnis passiert, bricht Menschen. Sie lebte danach noch vier Jahre. Mit einundfünfzig ist sie gestorben, am Herzen, denke ich vor Kummer. Weil das Brandmal der Schuld zeitlebens an ihr haftete.

Stille, wie vor einem Gewitter.

Aber sie wars nicht, fuhr Ingrid fort. Es war eine andere Frau. Jung, ledig, wollte weg aus dem Dorf, woanders ein neues Leben beginnen. Brauchte Geld dafür. Sie nahm es. Und schob meiner Mutter die Schuld zu, indem sie den Fehler geschickt versteckte das war nicht schwer, wenn man Buchhaltung verstand.

Frau Dr. Bender saß aufrecht, das Gesicht fahl.

Was unterstellen Sie mir? fragte sie, mit einer Stimme, in der Angst mitschwang.

Ich unterstelle nicht, sagte Ingrid. Ich spreche es direkt aus.

Sie haben keinerlei Beweise.

Doch, erwiderte sie und stand auf.

Sie verschwand in einem anderen Zimmer, man hörte einen Schubkasten. Sie kam zurück, legte einen alten, vergilbten Umschlag, mit Packband verschnürt, auf den Tisch.

Briefe von Gisela Schneider, die mit Ihnen und meiner Mutter arbeitete. Sie starb vor drei Jahren und ließ mich diesen Brief über ihre Tochter zukommen. Sie hatte alles gesehen. Dreißig Jahre schwieg sie aus Angst, doch vor dem Tod hielt sie es nicht mehr aus.

Matthias drehte sich langsam um. Greta regte sich nicht.

Mama, sagte er leise.

Frau Dr. Bender sagte nichts. Starrte auf den Umschlag. Ihre Hände auf dem Schoß öffneten und schlossen sich langsam, wie suchten sie Halt oder wollten sich von etwas befreien.

Nehmen Sie ihn, lesen Sie, forderte Ingrid.

Die Besucherin rührte sich nicht.

Ich lese keine Briefe, die nicht für mich bestimmt sind.

Doch, sie betreffen Sie. Und meine Mutter.

Nach einer langen Pause nahm Frau Dr. Bender den Umschlag, hielt ihn in der Hand, öffnete ihn aber nicht.

Sie haben das absichtlich gemacht, sagte sie. Bis wir gemeinsam herkommen …

Ich habe dreißig Jahre gewartet, fiel ihr Ingrid ruhig ins Wort. Ich dachte erst, ich müsste schweigen, weil es den Toten nicht hilft, weil es neues Leid bringt. Aber dann kamen Sie und sagten als Erstes zu meiner Tochter, sie sei nicht gut genug für Ihren Sohn. Zu provinziell, mit dem falschen Abschluss und schlechtem Essen. Da wusste ich, ich kann nicht länger schweigen. Meine Mutter war auch nie gut genug. Nie reich genug, nie vom Leben beschützt worden.

Nicht eine Träne im Ton. Das war schlimmer als geschrien.

***

Matthias stand auf, lief im Zimmer umher, blieb am Fenster stehen, lehnte die Stirn ans kalte Glas. Draußen rauschten die Apfelbäume, die letzten nassen Blätter fielen.

Mama, sagte er, ohne sich umzudrehen. Sag mir, dass es nicht stimmt.

Stille.

Mama.

Matthias, ich …

Sag mir, dass es nicht stimmt, wiederholte er, ohne Zorn, nur wie flehentlich.

Frau Dr. Bender senkte den Kopf.

Greta stand still auf und verließ das Zimmer. Man hörte das Wasser in der Küche. Ingrid saß weiter auf ihrem Platz.

Sie verstehen, sagte sie leiser, ich will nichts zerstören: weder Ihre Familie, noch die Beziehung von Greta und Matthias. Sie lieben sich, das sieht man. Ich will nur, dass Sie wissen, was Ihr Glück gekostet hat.

Frau Dr. Bender öffnete langsam den Umschlag.

Das Schreiben war auf zwei Seiten in der zitternden Handschrift einer alten Dame verfasst. Sie las lange; dann noch einmal. Legte die Blätter schließlich wortlos auf den Tisch.

Gisela … sie hat es also wirklich aufgeschrieben, murmelte sie wie im Traum, als sei sie weit weg.

Sie wussten, dass sie Bescheid wusste, stellte Ingrid fest.

Keine Antwort.

Der Wind draußen wurde stärker. Die Veilchen auf der Fensterbank bebten. Es roch nach abkühlendem Kuchen und Herbst.

***

Der Abend kam.

Matthias und Greta gingen spazieren, obwohl Regen fiel und es kalt war. Sie mussten allein sein, reden das wussten beide Frauen ohne Worte.

Ingrid räumte ab. Frau Dr. Bender blieb sitzen, ohne sich zu rühren, ohne Hilfe anzubieten; Ingrid verlangte sie auch nicht.

Ich war sechsundzwanzig, sagte Frau Dr. Bender plötzlich, als Ingrid aus der Küche zurück kam. Ich will mich nicht entschuldigen. Nur, ich war sechsundzwanzig. Und ich wusste, wenn ich nicht bald weggehe, komme ich nie wieder raus aus dem Dorf. Nie. Es ist wie ein Sumpf. Erst knietief, dann bis zur Brust, dann gibts kein Entkommen. Ich sah meine Freundinnen, wie sie im Ort blieben, heirateten, Kinder bekamen, früh alt wurden. Ich wollte das nicht.

Jeder möchte für sich ein besseres Leben, antwortete Ingrid sachlich. Das ist verständlich.

Ich hatte das nie geplant. Es ist … passiert. Elisabeth Moritz ließ den Kassenschlüssel liegen, ging kurz weg. Ich nahm das Geld, später verschob ich die Buchung, so dass der Fehler in ihre Zeit fiel. Ich dachte, durch die Prüfung würde es auffallen, aber niemandem eindeutig zugeordnet, alles als Versehen abgetan. Niemals hätte ich gedacht … dass sie ins Gefängnis muss.

Aber irgendwann hat sie es gewusst.

Als ich erfuhr, dass sie verhaftet wurde, lebte ich schon in München. Ich hab mir eingeredet, dass es nicht bewiesen ist, dass sich alles aufklärt. Lange hab ichs mir eingeredet.

Wie lange?

Viele Jahre, gab Frau Dr. Bender zu. Am Anfang nagte es, dann … das Leben nimmt einen ein. Arbeit, Wohnung, später wurde Matthias geboren. Ich habe nicht vergessen, aber gelernt, nicht mehr daran zu denken.

Das ist eine Gabe, entgegnete Ingrid.

Das klang bitterer als jeder Vorwurf. Frau Dr. Bender spürte das.

Sie hassen mich, sagte sie.

Nein, antwortete Ingrid nach kurzem Zögern. Ich dachte, als ich den Brief bekam, ich würde Sie hassen, lang hab ich überlegt, wie ich es Ihnen sagen würde, wie Sie dann blass werden. Zorn hatte ich. Aber jetzt … jetzt tut es mir leid um Sie.

Mitleid?

Dreißig Jahre sind Sie damit durch Ihr Leben gegangen. Ich weiß nicht, wie das ist. Ich wills nicht wissen.

Die Uhr tickte leise, dann schlug sie sieben, acht, neun. Ingrid schenkte sich Tee ein, setzte sich wieder an den Tisch. Nicht, weil sie reden wollte, sondern weil es sich richtig anfühlte, einfach zu sitzen.

Meine Mutter hat öfters von Ihnen gesprochen, sagte Ingrid nach einer Weile. Nach der Entlassung. Sie sagte immer: Ulli Bender ist weggezogen, hats wohl geschafft. Ganz ohne Groll. Sie konnte nie wütend sein. Das ist kein Vorwurf. Nur eine Tatsache.

Frau Dr. Bender schloss die Augen.

Ihr Name … ich erinnere mich an den Namen: Elisabeth … sie brachte immer Pflaumenmus ins Büro.

Ja, sagte Ingrid. Pflaumenmus. Hatten wir aus unserem eigenen Baum. Jeden August haben wir zusammen eingekocht.

In der Erinnerung an das einfache Pflaumenmus brach endgültig etwas in Frau Dr. Bender. Sie weinte nicht, nein, so jemand würde nicht in Gegenwart anderer weinen, aber ihr Gesicht zog sich zusammen wie das eines verletzten Kindes, und sie drehte sich rasch zum Fenster weg.

Ingrid wandte den Blick ab, ging in die Küche, kochte neuen Tee, stellte ihn stumm vor die Besucherin. Mehr sagte sie nicht.

***

Matthias und Greta kamen spät zurück, nass und mit roten Backen. Sie schlichen herein, zogen Schuhe und Jacken leise im Flur aus. Im Wohnzimmer brannte nur der Stehlampen. Die Mutter saß am Fenster, Ingrid strickte in ihrem Sessel.

Ihr lebt noch? fragte Greta.

Ja, antwortete Ingrid und lächelte.

Matthias setzte sich zur Mutter, nahm ihre Hand in seine. Sie ließ es geschehen.

Fährst du heute noch nach Hause? fragte er leise.

Nein, antwortete Frau Dr. Bender. Morgen.

Gut.

Greta brachte einen Teller mit inzwischen kalten Kuchen aus der Küche.

Vielleicht mögen Sie doch etwas essen? fragte sie höflich, nicht spöttisch.

Die Schwiegermutter schaute auf den Kuchen. Sie nahm einen kleinen, runden Apfelkuchen, biss ab.

Sehr gut gebacken, murmelte sie mehr zu sich selbst.

Das ist Mama, sagte Greta. Sie hat lange in der Bäckerei gearbeitet, zwanzig Jahre.

Ingrid zuckte mit den Schultern:

Die Gewohnheit bleibt. Die Hände wissens noch.

Frau Dr. Bender kaute und sah hinaus in den dunklen Garten, wo der Wind die nassen Blätter über das Gras trieb. Keiner wusste, was sie dachte, keiner fragte.

***

Die Nacht verbrachte Frau Dr. Bender in einem kleinen Zimmer, auf einem schmalen Eisenbett mit weicher Federdecke und weißem Leinenbezug mit Stickerei. Am Fenster hing ein weißer Vorhang. Es roch nach getrocknetem Lavendel und Holz.

Sie schlief nicht, starrte an die Decke und dachte an Elisabeth Moritz. An das Pflaumenmus. An den Tag, als der Schlüssel liegen blieb, und fragte sich, wohin sie damals für die halbe Stunde ging? Vielleicht zu einer Kollegin. Sicher nicht zum Rauchen, das tat sie nicht. Vielleicht holte sie nur heißes Wasser für Tee. Eine unwichtige Erinnerung, völlig bedeutungslos lässt einen aber nicht los.

Sie dachte an ihre große Münchner Wohnung, drei Zimmer, guter Stadtteil, gekauft mit Geld, das über Jahre gewachsen und vermehrt und längst nicht mehr dasselbe war. Und doch der Ursprung bleibt unauslöschlich.

Irgendwann gegen Morgen schlief sie doch ein und träumte von einer Frau mit einer Wassertrage, die über die staubige Dorfstraße ging. Ihr Gesicht war ruhig und leuchtete in einer Weise, wie Menschen aussehen, die nichts mehr fürchten müssen.

***

Das Frühstück war still. Ingrid brutzelte Ei mit Tomaten, schnitt rustikales Brot. Matthias trank schweigend Kaffee. Greta redete über das Wetter, über die Nachbarin Frau Seidel, deren späte Chrysantheme jetzt im Oktober blühte, ob das nicht ein Wunder sei.

Frau Dr. Bender aß und nahm noch ein Brot.

Ingrid … sagte sie schließlich.

Diese hob den Kopf.

Gibt es hier irgendeine Organisation, die … na ja, Menschen hilft. Alleinstehenden, Kranken, Kindern?

Ingrid überlegte kurz.

Ja, den kirchlichen Hilfsfonds. Pfarrer Michael leitet ihn. Ein redlicher Mann, ich vertraue ihm.

Gut, sagte Frau Dr. Bender. Mehr nicht.

Matthias schaute von der Mutter zu Ingrid, dann wieder zur Mutter. Sagte nichts.

***

Drei Wochen nach dem Besuch rief Frau Dr. Bender Ingrid abends an, als diese im Sessel mit Strickzeug saß.

Hier spricht Ursula, begann sie am Telefon. Ihre Stimme war ganz anders als zuvor.

Ich höre, erwiderte Ingrid.

Ich habe an den Hilfsfonds gespendet. Pfarrer Michael weiß Bescheid. Es ist … ein größerer Betrag. Nicht alles, was ich könnte. Aber ein Anfang.

Einen Moment schwieg Ingrid.

Das ist gut, sagte sie.

Ich bitte nicht um Vergebung. Ich weiß, dass es vielleicht gar nicht möglich ist. Ich wollte nur, dass Sie Bescheid wissen.

Ich weiß es.

Und … Pause. Ich höre mit meiner Arbeit auf. Mit der Geschäftsführung. Alles korrekt, ich bin nur … müde. Sehr müde. Ich will etwas anderes versuchen … klingt vielleicht albern.

Sagen Sie ruhig.

Ich habe mich bei einer kleinen Bäckerei beworben. Dort fragt keiner nach dem Alter. Ich kann das, früher …

Weiß ich, unterbrach Ingrid. Auch meine Hände vergessen das Backen nie. Das ist etwas Gutes.

Sie lachen nicht darüber?

Nein.

Es wurde still. Dann sprach Frau Dr. Bender leise:

Ich weiß nicht, ob sich das Vergangene je wiedergutmachen lässt. Wahrscheinlich nicht. Aber so, wie ich bisher gelebt habe, kann ich nicht mehr weiterleben. Irgendetwas ist zerbrochen.

Oder geheilt, sagte Ingrid.

Vielleicht, stimmte die Besucherin zu.

***

Im Dezember war die Hochzeit. Greta und Matthias trauten sich still im Rathaus, ohne viele Gäste, wie sie es wollten. Danach feierten sie im Haus von Ingrid mit etwa zwanzig Menschen Nachbarn, Freundinnen von Greta, einige Freunde von Matthias aus München.

Frau Dr. Bender kam allein mit dem Zug. Sie brachte einen Strauß weiße Chrysanthemen, gekauft am kleinen Bahnhof.

Ingrid öffnete die Tür. Sie sahen sich an.

Willkommen, sagte Ingrid.

Danke. Ich komm rein.

Drinnen duftete es wieder nach frisch gebackenen Piroggen mit Fleisch, Reis und Ei. Die Geranien auf dem Fensterbrett blühten diesmal rosa und verschwenderisch.

Am Tisch saß Frau Dr. Bender diesmal neben Ingrid. Es wurde wenig gesprochen, doch die Schwere fehlte. Matthias beobachtete seine Mutter. Etwas war anders geworden sie schien kleiner, aber nicht gebrochen, nur nicht mehr so raumeinnehmend.

Als das junge Paar zum ersten Tanz schritt, standen Ingrid und Frau Dr. Bender nebeneinander.

Ein schönes Paar, sagte Ingrid.

Ja, stimmte Frau Dr. Bender schlicht zu. Einfach ja.

Greta drehte sich lachend in Matthias Armen, das einfache cremefarbene Kleid mit Spitzensaum, die Haare offen. Schöne Frau.

Ingrid, begann Frau Dr. Bender und sah nicht zur Seite, ich habe wirklich nicht geglaubt, dass Ihre Mutter ins Gefängnis muss. Das sollten Sie wissen. Es ist keine Entschuldigung, ich weiß. Aber ich dachte es nie.

Ich weiß, dass Sie nicht daran gedacht haben, entgegnete Ingrid. Menschen denken selten voraus, wenn sie Angst haben und viel begehren.

Deshalb hebt das nichts auf.

Nein. Das tut es nicht.

Sie sind ein sehr geradliniger Mensch.

Ich habe keine Zeit, noch jemand anderes zu sein, antwortete Ingrid mit sanftem Lächeln.

Das ist gut so. Frau Dr. Bender schwieg. Ich habe mein ganzes Leben schön geredet. Hinter den Worten war es oft leer.

Die Musik verklang, es begann ein neuer Tanz. Jemand zog Ingrid zum Tanzen. Sie lachte, wehrte ab, ging aber doch mit.

Frau Dr. Bender blieb allein, sah den Tanzenden zu, den gedeckten Tisch, die brennenden Kerzen in einfachen Gläsern. Zu Greta, die lachte. Zu Matthias, dessen Blick auf seiner Frau lag, als hätte er endlich gefunden, wonach er lange suchte.

Und etwas in ihrer Brust, jahrzehntelang fest verschlossen, lockerte sich ein wenig. Nicht ganz, vielleicht nie ganz. Aber genug, um atmen zu können.

***

Der Abend verging, dann Nacht. Beim Aufräumen arbeiteten alle zusammen Greta und Matthias, Ingrid und zu aller Überraschung auch Frau Dr. Bender, die wortlos zum Lappen griff und half.

Müssen Sie nicht, sagte Greta.

Weiß ich, antwortete die Schwiegermutter. Aber jetzt lass mich.

Greta tauschte einen Blick mit Matthias. Er zuckte mit den Schultern und unterdrückte ein Lächeln.

Später, als alles verstaut war und die Jungen sich zurückgezogen hatten, trat Ingrid auf die Veranda. Dezember war mild, kein Schnee, aber kalt und dunkel. Die Sterne standen klar.

Frau Dr. Bender kam nach, stellte sich neben sie.

Wann fährt Ihr Zug? fragte Ingrid.

Um sieben Uhr morgens.

Ich bringe Sie.

Nicht nötig.

Doch, sagte Ingrid ruhig.

Sie schwiegen. Irgendwo knackte ein Ast im Garten, vielleicht die Katze, vielleicht ein Vogel.

Und die Bäckerei? fragte Ingrid.

Anstrengend, sagte Frau Dr. Bender ehrlich. Ich stehe um vier auf. Anfangs wollten die Hände nicht gehorchen. Jetzt gehts besser. Das Brot gelingt.

Brot ist gut.

Brot ist sehr schlicht, sagte Frau Dr. Bender, und Erleichterung schwang mit. Das gefällt mir daran. Mehl, Wasser, Salz, Wärme. Sonst nichts. Entweder gelingt es, oder nicht. Keine Ausreden.

Einfach zu leben ist schwerer, als man denkt, sagte Ingrid.

Ja. Erst jetzt begreife ich es.

Wieder war es still. Dunkler Garten. Überm kleinen Städtchen, das der Navigator nicht kennt, funkelten die Sterne.

Ingrid, sagte Frau Dr. Bender. Ich wollte Sie fragen. Ob … ob Sie eines Tages … Ich verlange jetzt nichts. Nur, ob Sie es könnten.

Was denn?

Vergeben.

Lange Pause. Ingrid blickte in die Sterne.

Ich weiß es nicht, sagte sie schließlich ehrlich. Es ist ein großes Wort. Ich will es nicht sagen, nur damit es Ihnen besser geht. Das wäre nicht aufrichtig. Auch nicht gegenüber meiner Mutter.

Ja, ich verstehe.

Aber eins kann ich sagen, fuhr Ingrid fort. Ich will das nicht bis ans Lebensende in mir tragen. Wut und Schmerz das zerstört einen. Ich habe Leute gesehen, die so leben. Ich will das nicht.

Was wollen Sie dann?

Einfach leben, sagte Ingrid. Ich hab meinen Sohn verheiratet, Matthias ist ein guter Mensch, Greta ist glücklich. Sie hat heute gelacht, und ich dachte, meine Mutter hätte sich gefreut. Ihre Stimme zitterte kaum merklich. Das, das ist mir wichtig. Dass es gut weitergeht.

Es wird, sagte Frau Dr. Bender leise. Es war keine selbstsichere Behauptung wie früher. Etwas anderes. Eine Bitte. Vielleicht ein Versprechen.

Ingrid drehte sich zu ihr. Schaute sie an ohne Umschweife, so wie sie immer war.

Hoffen wir, sagte sie.

So standen sie auf der Veranda des kleinen Holzhauses nebeneinander, zwei nicht mehr junge Frauen mit schweren Geschichten, unter dem Dezemberhimmel. Irgendetwas war in diesem Schweigen, das keinen Namen brauchen wollte. Kein Vergeben, kein Vergessen, keine Freundschaft vielleicht aber etwas Lebendiges. Warm. Wie frisches Brot. Wie Pflaumenmus aus alten Zeiten.

***

Kommen Sie wieder? fragte Ingrid, als sie im Morgengrauen durch die ruhigen Straßen zum Bahnhof gingen, das Herbstlaub knisterte unter ihren Füßen.

Frau Dr. Bender überlegte kurz.

Wenn Sie mich einladen.

Ingrid nickte.

Das werde ich tun.

Sie gingen nebeneinander, und die kleine Stadt wachte wie immer gemächlich auf: Kein Autofahrerlärm, kein Gedränge. Licht in den Fenstern, irgendwo ein bellender Hund, der Geruch von Rauch aus einem Schornstein.

Der Bahnhof war klein, zwei Bänke am Gleis, alte Uhr überm Eingang. Der Zug stand schon da.

Also dann, sagte Ingrid.

Ja, sagte Frau Dr. Bender.

Sie umarmten sich nicht. Ein Blick das genügte.

Der Zug fuhr an. Frau Dr. Bender blickte zum Fenster hinaus, sah den kleinen Bahnsteig und die Gestalt im dunklen Mantel, die zurückblieb.

Sie schloss die Augen.

Um vier Uhr muss sie aufstehen. Mehl, Wasser, Salz, Wärme und Zeit. Und entweder gelingt es oder nicht.

Sie wollte glauben, diesmal würde es gelingen.

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Homy
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