Gestohltes Leben.
Ihre Mutter wollte, dass Sie Ihre Schwester treffen.
Der Notar schob mir Jonas einen Umschlag über den Tisch. Zögernd nahm ich ihn an mich, unsicher, ob ich ihn überhaupt öffnen wollte. Als ich nach München auf das Notariat fuhr, hatte ich mit etwas ganz anderem gerechnet einer schlichten Formalität, dem Beitritt zum Erbe meiner Mutter.
Dass ich eine Schwester haben sollte, davon hatte ich nie gehört. Fragen schwirrten in meinem Kopf wie aufgescheuchte Wespen: Hat meine Mutter diese Schwester vor der Ehe bekommen? Wusste mein Vater davon? Weshalb hat sie das alles verschwiegen?
Meine Finger zitterten, als ich schließlich den Umschlag in die Hand nahm. Darin befand sich nur eine Adresse und ein Vorname Grete.
Und was jetzt?, fragte ich. Soll ich einfach zu
Ich starrte auf das verschachtelte Dorf im Allgäu. Ein Ort, dessen Name kaum auszusprechen war.
Das müssen Sie alleine entscheiden, meinte der Notar mit einem Achselzucken.
So ging ich also zu meinem Vater. Wir hatten uns das letzte Mal bei der Beerdigung meiner Mutter gesehen, und davor nur selten, zum Beispiel zu meinem Uniabschluss. Nach der Scheidung der Eltern blieb ich bei Mama, das Verhältnis zum Vater verschlechterte sich immer mehr. Schon früher war er immer kritisch, fand an allem etwas auszusetzen. Ich fühlte mich nie wirklich geliebt von ihm.
Eine Schwester?, runzelte er die Stirn. Davon hätte ich gewusst. Als deine Mutter und ich heirateten, war sie gerade achtzehn.
Das wusste ich. Aber vielleicht war sie ja mal verreist. Oder es war tatsächlich davor passiert
Warum hat sie mir dann diesen Umschlag hinterlassen?
Weiß ich nicht!
Er war, wie so oft, verärgert.
Also Sie hat nie etwas
Mir überquerte das Wort Schwester nicht die Lippen.
Es gab nie was!, schrie er plötzlich. Mach dir keinen Unsinn im Kopf!
Viel bekam ich von ihm nicht heraus. Doch ich hatte das Gefühl, dass er nicht alles gesagt hatte.
Ich muss dorthin fahren, beschloss ich.
Als Kind hatte ich mir oft eine Schwester gewünscht. Ich beneidete meine Freunde, die ältere oder jüngere Schwestern hatten man konnte sich von den älteren Lippenstifte borgen und sich von ihnen Ratschläge holen, mit den jüngeren spielte ich gerne, weil ich kleine Kinder mochte.
Aber meine Mutter bekam mich spät, mit 32. Warum eigentlich erst so spät, wenn sie mit Papa heiratete, als sie achtzehn war?
Was für ein Blödsinn, Jonas!, fuhr mich auch Kristof an.
Seit drei Jahren waren wir zusammen. Ich wartete vergeblich auf einen Heiratsantrag, stattdessen wich Kristof immer aus, sprach von Geldsorgen, oder davon, dass Heiraten ohnehin Unsinn sei.
Ich kann das nicht einfach ignorieren, erklärte ich. Wenn ich eine Schwester habe
Hätte es eine Schwester gegeben, hätte deine Mutter es dir erzählt! Du weißt doch, dass sie nach dem Autounfall Probleme mit dem Gedächtnis hatte
Das stimmt. Der Unfall war damals übel sie hatte getrunken und setzte sich hinters Steuer. Vielleicht hatte Kristof recht. Aber trotzdem musste ich die Sache klären.
Ich fahre hin, sagte ich. Mach dir keine Sorgen.
Doch Kristof war verägert, genau wie mein Vater. Vielleicht erinnerte ich mich deswegen so oft an ihre Ähnlichkeit?
Zwei Tage saß ich im Zug und fragte mich, ob Grete noch immer in diesem kleinen Allgäuer Dorf lebte wenn sie denn überhaupt älter war als ich.
Den Rest des Weges nahm ich den Bus. Ich war so erschöpft, dass ich meinen Vater und Kristof am liebsten hätte zustimmen wollen reiner Quatsch, was ich hier tat. Zumal der Bus auch noch liegen blieb. Wir mussten aussteigen, es wurde telefoniert, Verwandten wurden angerufen. Ich schloss mich einer netten, älteren Oma an, in der Hoffnung, dass man mich mitnehmen würde.
So kam es auch. Ihr Enkel holte sie ab ein rothaariger Typ namens Erik mit großen Ohren. Er musterte mich frech und bot mir den Beifahrersitz an.
Rauchst du?, fragte er.
Nein, log ich.
Gut, dann lass ichs auch.
Ich überlegte, wie ich ihn auf Grete ansprechen konnte. Als er ihren Namen hörte, wurde er blass.
Was willst du von ihr?
Nur mal kennenlernen
Bisschen spät, brummte er. Und frag die alte Frau Engler lieber nicht nach ihr.
Frau Engler?
Ihre Oma. Grete ist vor drei Jahren verbrannt. Die Alte hat sich davon nie erholt. Fährst du etwa auch in die Lehre bei ihr?
In die Lehre?
Du siehst so aus. Aber sie nimmt niemanden mehr.
Und was lehrt sie denn?
Er kicherte: Heilen natürlich. Sie ist Dorfheilerin.
Kennst du sie gut?
Klar, wir sind Nachbarn. Ich helfe ihr im Haus. Holz hacken, schwere Sachen schleppen solche Dinge.
Und Grete kanntest du gut?
Ja, sie war ein bisschen seltsam. Still, hat kaum gesprochen. Nach der Geburt verletzt. Aber die alte Engler liebte sie heiß.
Wie alt war sie?
Einundzwanzig
Es lief mir eiskalt den Rücken hinunter. Einundzwanzig Grete wäre heute vierundzwanzig, genauso alt wie ich. Wie konnte sie dann meine Schwester sein? Ich war unschlüssig. Das alles machte wenig Sinn, und doch trieb es mich voran.
Kannst du mich zu Frau Engler bringen?
Und ich dachte, du willst gar nicht in die Lehre Du Schwindlerin!
Frau Engler war blind. Als ich das bemerkte, wurde mir mulmig ich hatte noch nie mit Blinden zu tun. Ich erwähnte Grete nicht, wie Erik geraten hatte. Stattdessen sagte ich:
Ich möchte gern bei Ihnen in die Lehre.
Sie kam auf mich zu, fuhr mit den Händen über mein Haar, Gesicht, Hände. Es war unangenehm, aber ich hielt still.
Gut, sagte sie schließlich. Du kannst bleiben.
Wow, Glückspilz!, murmelte Erik.
Mein Zimmer war winzig, niedrige Decke, ein kleines Fenster zum Gemüsegarten hinaus. Das Bett roch nach getrockneten Kräutern. Ich setzte mich mit einem Seufzer auf die Kante, checkte mein Handy nichts. Nicht einmal von Kristof.
Na dann, dachte ich.
Ein paar Minuten später hörte ich Eriks Stimme:
Frau Engler will Tee trinken, setz dich zu uns, Stadtmensch.
Der Tee war bitter, aus Kräutern. Ich verzog das Gesicht, trank aber brav. Die Alte starrte mit ihren trüben Augen durch die Wand.
Morgen fangen wir an, verkündete sie plötzlich. Vor Sonnenaufgang gehst du raus mit mir.
Was werden Sie mir beibringen?, fragte ich vorsichtig.
Das, was die Erde selbst lehrt. Hinhören. Pflanzen erkennen. Krankheiten sehen.
Erik kicherte: Du musst tun, was sie sagt, sonst haut sie dir mit Brennnesseln auf die Finger!
Lass den Jungen in Ruhe, grummelte Engler. Und morgen holst du Holz.
Jaja
Abends stand ich draußen auf der Veranda. Das Dorf lag in Dunkelheit nur in der Ferne glimmten vereinzelt Lampen. Die Luft roch nach Rauch, feuchter Erde und etwas Unbekanntem, Bitterem. Mein Handy vibrierte, eine Nachricht von Kristof: Wann kommst du endlich zurück? Beende diesen Schwachsinn.
Ich antwortete: Ich bleibe erstmal. Ich muss das aufklären.
Die Antwort kam sofort: Was aufklären? Was soll das alles? Ich will, dass du zurückkehrst!
Das übliche Aufstoßen von Wut keimte in mir auf. Ich tippte: Ich bin nicht deine Frau, ich muss nicht auf dich hören.
Dieses Mal ließ er sich Zeit, dann: Und du wirst es nie sein.
Ich starrte lange auf den Bildschirm. Schmerz blieb aus dafür war da Erleichterung. Ich schaltete das Handy ab, hob den Blick und schaute auf das Meer der Sterne, wie ich es in der Stadt nie gesehen hatte.
Hey, ertönte Eriks Stimme neben mir.
Ich erschrak. Er schleppte einen Arm voll Holzscheite.
Was machst du allein im Dunkeln?, fragte er und stapelte das Holz an die Wand.
Und du? Du könntest doch auch in die Stadt ziehen, bist noch jung.
Ich habs versucht, erwiderte er leichthin. Ein Jahr München, hat nicht gepasst. Hier helfe ich Frau Engler, hier kenne ich die Leute, die Felder… Das ist meine Welt, verstehst du?
Er setzte sich und reichte mir einen Apfel. Säuerlich und saftig, ganz anders als die aus dem Supermarkt.
Danke”, murmelte ich.
Keine Ursache. Geh schlafen, morgen ist der Tag lang.
Noch im Morgengrauen zerrte mich Frau Engler aus dem Bett, gab mir einen Korb, griff ihre Stöcke.
Komm.
Wir liefen über Wiesen, der Tau peitschte gegen meine Hosenbeine. Die blinde Alte bewegte sich erstaunlich sicher, ab und zu tippte sie mit dem Stock.
Halt an, meinte sie plötzlich. Siehst du die gelben Blüten mit den gefiederten Blättern?
Ich sah genau hin. Ja.
Das ist Rainfarn. Präg es dir ein.
Ich glaube…
Nicht glauben! Fühlen, riechen!
Ich zupfte ein Blatt, zerdrückte es. Es roch herb und scharf.
Der erste Morgen zog sich bis mittags. Ich lernte Spitzwegerich, Schafgarbe, Johanniskraut. Frau Engler ließ mich fühlen, riechen, schmecken. Die Müdigkeit war angenehm fast wie nach Sport.
Zurück am Haus, hackte Erik Holz. Ohne Hemd, der Rücken glänzte vom Schweiß.
Na, überlebt?, rief er.
Ich musste tatsächlich lächeln. Mehr als das.
Schon nicht mehr so blass wie gestern. Komm, hilf beim Stapeln.
Frau Engler ging ins Haus, und ich half bei den Holzscheiten. Es war beruhigend, einfach. Monoton, aber wohltuend.
In der Nacht konnte ich nicht schlafen. Das Fenster stand offen, Grillenzirpen drang herein, fern bellte ein Hund. In dieser Stille, die nach Gras roch, hatte ich zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Auch wenn es nur für eine Zeit war.
Die Tage wurden zum gleichmäßigen Takt. Ich stand mit den Hühnern auf, trank Bittertee, zog mit Frau Engler durch Felder, sammelte das, was sie die grüne Apotheke nannte. Meine Hände wurden sicherer, konnten Raues von Samtenem unterscheiden, starkes Johanniskraut von zarten Veilchen.
Nach meiner Trennung von Kristof blieb eine stille, warme Leere kein Schmerz, sondern Leichtigkeit. Als hätte ich endlich einen zu schweren Rucksack abgesetzt.
Und dann war da noch Erik.
Er kam täglich vorbei mal mit zwei Eimern Wasser, frischem Futter für die Ziege oder einfach für einen Scherz und ein paar Äpfel. Seine Sommersprossen dunkelten, die Haare leuchteten im Licht. Ihm konnte ich alles erzählen. Oder fast zum Beispiel, dass mein Vater mich nie geliebt hatte.
Meiner lebt längst in Frankfurt, erzählte Erik. Neue Familie, ich bin ihm egal, er mir auch.
Er sagte es so gelassen, so ohne jedes Selbstmitleid. Ich musterte seine kräftigen, schwieligen Hände, die ruhigen Augen.
Mir gefällt es hier, gab ich unvermittelt zu. Hätte ich nie gedacht.
Erik lächelte. Mir wurde warm davon.
Man merkt, dass du hierher gehörst.
Von da an wuchs zwischen uns etwas Neues, Zartes, Unvermeidbares. Er zeigte mir essbare Pilze, lachte, wenn ich vor einer Kröte zurückzuckte, half mir, wenn ich mal gestolpert war. Einmal, nach einem Beeren-Ausflug ins Moor, überraschte uns ein Platzregen. Wir klammerten uns unter einen Heuschober, tropfnass, aber glücklich.
Deine Nase ist rot wie die eines Clowns, sagte er, während er Wassertropfen von meinem Gesicht wischte.
Und du bist so rot wie ein Fuchs, erwiderte ich. Unser Lachen verstummte.
Er schaute mich an, dann küsste er mich vorsichtig. Ich erwiderte den Kuss, hörte nur den Regen aufs Blech prasseln und mein Herz schlagen.
Unsere Romanze blieb leise, wie das Leben hier. Heimliche Berührungen am Tisch, verstohlene Blicke. Spaziergänge am Fluss nach Sonnenuntergang, wo er mir Sternbilder erklärte und ich vom Stadtleben erzählte, das mir inzwischen seltsam fremd erschien.
Ich erwischte mich beim Summen, wenn ich morgens durch Felder zog. Schaute ins alte, gesprungene Spiegelglas und erkannte mein sonnengebräuntes, klares Gesicht. Wartete auf das Klappen des Gartentors, auf Eriks Ruf: Hey, raus mit dir, Stadtkind!
Frau Engler schien nichts davon zu bemerken. Oder sie schwieg dazu. Ihre blinden Augen wanderten oft dorthin, wo wir am Tisch saßen mit einem Ausdruck, den ich nicht lesen konnte.
An einem Tag, wir trockneten den letzten Kräutertee, kam ihre Nachbarin und brachte Kuchen. Frau Engler wurde gesprächig.
Erik war immer ein Toleranter, sagte sie, während sie Blätter sortierte. Er hat Grete geliebt, wie eine Schwester… und mehr.
Ich erstarrte, ein Blatt fiel mir aus der Hand. Zum ersten Mal erwähnte sie Grete. Liebte Erik Grete? Hatte er sie wirklich geliebt?
Er wollte sie heiraten, wenn sie stärker wäre, fuhr Frau Engler fort. Sie war ja schon immer kränklich, aber eine so reines Herz. Für Grete begann er, ein Haus zu bauen, am Waldrand, das Fundament steht heute noch und dann
Grete verbrannte vor drei Jahren, erinnerte ich mich an Eriks Worte vom Anfang. Aber er hatte nicht gesagt, dass er sie heiraten wollte.
In mir wurde es eiskalt.
Davon hat er mir nie erzählt, flüsterte ich.
Es schmerzt ihn zu sehr. Seit du da bist, lacht er wieder. Ihr seid euch ähnlich, du und Grete…
Ihre Stimme wurde wieder sachlich, aber ich hörte nicht mehr zu. Ihr seid euch ähnlich. Seit du da bist, lacht er wieder.
Auf einmal schien alles Sinn zu machen: Seine Zuwendung, seine Geduld, der Kuss im Regen das alles galt nicht mir, sondern meiner Schwester.
Die Nacht verbrachte ich wach. Starrte an die Decke, wiederholte alles im Kopf. Erik liebte Grete, plante ein Haus dann kam ich, und er hält mich für einen Ersatz.
Ich was für ein Narr!
Am Morgen wollte ich Klarheit. Erik war schon draußen.
Jonas, schau mal! Die Birke passt
Stimmt es, dass du Grete geliebt hast? Warum hast du es mir nicht gesagt?
Er wurde blass, als hätte ich ihn geohrfeigt.
Ich will kein Ersatz sein, sagte ich.
Er starrte mich an, sein Blick wurde langsam schmerzlich und verständnislos.
Was redest du da? Ersatz? Ich
Frau Engler sagte, wir wären ähnlich, dass du deswegen zu mir kommst. Und sie hat recht. Ich kann es nicht erklären, aber sie hat recht.
Du glaubst, ich küsse dich, weil du Grete ähnlich bist? Jetzt wurde er zum ersten Mal wütend. Meinst du das ernst?
Wie sonst erklärt sich das? Du hast sie geliebt, wolltest sie heiraten, und jetzt…
Grete war wie eine Schwester für mich! Ja, ich habe mich um sie gekümmert! Aber als Frau konnte ich sie nie lieben. Sie war ein Kind im Gemüt, gut und rein, aber ein Kind. Wer hat dir diesen Unsinn erzählt?
Seine Worte trafen mich wie Donnerschläge.
Frau Engler sie sagte
Frau Engler! Nach Gretchens Tod lebt sie nur noch in der Vergangenheit. Sie hat vielleicht geträumt, dass Grete und ich… Aber das waren ihre Träume, nie meine. Und schon gar nicht ihre.
Er trat näher, seine Hände zitterten. Zu dir fühlte ich mich hingezogen, weil du du bist. Dickköpfig, Stadtkind. Weil du lernst, auch wenn du dich anfangs schwer tust. Weil du hinsiehst, mehr als das Offensichtliche siehst. Wo siehst du hier einen Ersatz?
Er wandte sich ab, wischte mit der Hand über das Gesicht.
Weißt du was? Ist auch egal. Wenn du meinst, ich würde dich als Lückenbüßer benutzen gibts nichts mehr zu sagen.
Er ging. Das Gartentor schlug zu. Und da erst wurde mir meine eigene Dummheit bewusst, wie verletzend ich gewesen war. Ich hatte der Version einer verbitterten alten Frau geglaubt, ohne mit ihm ehrlich zu reden. Ich hatte Erik gekränkt, zutiefst beleidigt.
Hinter mir klapperte es.
Frau Engler stand an der Tür.
Siehst du jetzt, wie Worte verletzen können?, murmelte sie.
Warum haben Sie mir das erzählt? Sie haben doch gesehen, was zwischen uns ist, brachte ich mühsam heraus.
Die Alte schwieg lange.
Ich hatte Angst, sagte sie dann leise. Alte Herzen sind voller Furcht. Ich dachte mir: Eine Enkelin habe ich verloren, jetzt nehmen sie mir die zweite. Dumme Angst. Eine alte Frau, ein alter Fehler.
Mein Zorn löste sich langsam.
Ich will Ihnen niemanden wegnehmen, sagte ich müde. Ich weiß nicht mal, wer ich hier bin. Oder warum ich hier bin.
Ich schaute ihre runzelige, traurige Miene an.
Meine Mutter hinterließ mir diese Adresse. Und einen Namen Grete. Sie sagte, das wäre meine Schwester.
Die Worte hingen schwer in der Luft. Frau Engler blieb ruhig.
Ich weiß, hauchte sie. Schon als ich deine Hand nahm, dein Haar fühlte
Mir wurde schwindlig.
Sie kannten meine Mutter?
Lieselotte? Natürlich. Sie wohnte damals hier, hat das abgelegene Haus gemietet war Monate hier. Kam zum Auskurieren.
Wovon?
Kinderlosigkeit. Sie hatte keine Kinder, war verzweifelt. Traf mich, ich sollte mit Kräutern helfen Damals bekam meine eigene Tochter, Birgit, Zwillinge. Zwei Mädchen. Die Geburt war schwer, sie schaffte es nicht
Mir rieselte es eiskalt den Rücken hinunter.
Morgens ich war nur kurz draußen lag nur ein Mädchen in der Wiege. Die andere und Lieselotte waren verschwunden.
Ich bekam kaum noch Luft.
Hat meine Mutter hat sie mich gestohlen?
In Frau Englers toten Augen glänzten Tränen.
Sie nahm dich. Die kräftigere. Ließ die Schwächere zurück, meine Grete.
Ich konnte die Worte kaum aussprechen.
Also bin ich
Du bist das zweite Mädchen, Gretchens Schwester, meine Enkelin. Lieselotte nahm dich mit nach München, gab dich als ihre Tochter aus. Du wuchsest in der Stadt auf, mit einem fremden Vater, mit einer Lüge im Elternhaus. Meine Grete aber blieb, krank, still, ohne Mutter und ich zog beide auf: eine in Gedanken, die andere in der Wirklichkeit.
Die Tränen rannen stumm über Englers Kinn, glänzten auf ihrer Haut.
Warum hat sie das getan? Warum diesen Umschlag?
Damit die Wahrheit ans Licht kommt, murmelte Engler. Vielleicht Gewissensbisse. Vielleicht wollte sie, dass die Schwestern sich begegnen. Ich weiß es nicht.
Ich weinte. Um eine Mutter, die eine Entführerin war. Um einen Vater, dem ich fremd war, um Grete, eine Schwester, die ich nie kennenlernte. Um mich selbst ein Kind, das aus einer Welt gerissen wurde und in einer anderen, aus Lüge gewebten aufwuchs.
Als die Tränen versiegten, blieb Leere. Und seltsamer Trost.
Was soll ich jetzt tun?
Jetzt lebe, sagte sie. Du kennst die Wahrheit. Der nächste Schritt ist deiner: Hierbleiben, bei deiner Großmutter, die du nie gekannt hast. Oder gehen und versuchen zu vergessen.
Und Erik? Die Frage sprudelte einfach heraus.
Das liegt bei dir.
Ich stand auf. Meine Beine schmerzten.
Ich brauche Zeit allein.
Ich wanderte planlos, landete an dem Fluss, wo ich oft mit Erik saß. Ich setzte mich, blickte ins eilige Wasser. Mein ganzes Leben war eine Täuschung gewesen. Mein Zuhause war nie mein Zuhause.
Hinter mir knirschten Schritte. Ich kannte sie.
Erik setzte sich neben mich.
Ich weiß jetzt die Wahrheit, sagte ich leise. Über mich. Über meine Mutter. Über Grete.
Er war nicht überrascht.
Frau Engler hat es dir erzählt?
Ja.
Ich habe es geahnt. Aber ich wusste nicht, wie ich es sagen sollte. Was jetzt?
Ich weiß es nicht
Wir schwiegen, hörten das Rauschen der Iller.
Ich bin nicht Grete, sagte ich endlich. Ich bin kein Ersatz. Ich wurde weggenommen. Wuchs in der Fremde auf. Ich weiß nicht, wo mein Platz ist.
Erik atmete aus.
Damals am ersten Tag habe ich gesagt, dass du hierher gehörst. Weil ich es gefühlt habe. Nicht wegen der Ähnlichkeit, sondern weil es so ist.
Kannst du mir verzeihen?
Er legte seine Hand auf meine. Ich sah auf seine raue, vertraute Hand. Wärme breitete sich aus.
Ich bleibe, sagte ich fest zu meiner eigenen Überraschung. Hier. Mit Frau Engler. Mit dir. Mit dieser Wahrheit. Es ist meine Geschichte. Und ich will sie zu Ende schreiben.
Er antwortete nicht, drückte bloß meine Hand. Und dieses Schweigen bedeutete mehr als alle Worte der Welt.




