Holmes – Der legendäre Detektiv aus London: Geheimnisse, Spürsinn und britischer Scharfsinn

Holger

Holger, du bist wirklich kein Gentleman!

Marlene schob sich den buschigen Schweif dieses Wesens, das der Laune der Natur nach aussieht wie eine Katze, aus dem Gesicht und nieste gewaltig.

Igitt! Wo warst du bloß wieder unterwegs? Der Schwanz ist ja völlig mit Spinnweben überzogen! Ich gebs ja zu, Hausarbeit ist nicht gerade meine Leidenschaft, aber so schlimm ist es doch nicht! Wo um Himmels willen hast du so viel davon aufgetrieben? Und jetzt runter von mir!

Der Kater rührte sich nicht. Majestätisch thronte er auf Marlenes Kopfkissen und betrachtete seine zottelige Besitzerin. Die Spitze seines roten, buschigen Schwanzes schnipste ihr, geradezu spöttisch, auf die Nasenspitze, und sie schrie empört auf und sprang beinahe bis an die Zimmerdecke.

Einen guten Morgen nennen Sie das?! Ihr seid mir heute alle zu viel, ich schwörs, ich drehe gleich durch!

Der Hamster aus dem Zimmer ihrer jungen Nachbarin, für die Marlene derzeit während des Urlaubs der Eltern sorgte, verzog sich lieber in sein Häuschen, entschlossen, lieber auf das Frühstück zu verzichten. Nur Holger, der Kater, den Marlene vor zwei Jahren halb verhungert und zitternd am Wertstoffhof gefunden hatte, sonnte sich selbstzufrieden auf dem Kissen. Mittlerweile war er zu einem wohlgenährten, frechen Tyrannen herangewachsen und arbeitete als biologischer Wecker selbst dann, wenn niemand ihn darum gebeten hatte.

Doch heute hatte Holger einen guten Grund für sein Verhalten. Ein Blick auf die Uhr ließ Marlene mit einem erschrockenen Keuchen aufspringen und ins Bad eilen. Sie wusste: Heute war sie überall zu spät.

Wie kann das sein?! Zwei Wecker! Zwei! Und wieder habe ich keinen davon gehört! Das ist doch ein Ding…

Mit Schwung riss Marlene die Duschtür auf und drehte den Hahn. Der entsetzte Schrei, der darauf folgte, überzeugte auch den Hamster, dass heute wahrscheinlich auch das Mittag- und Abendessen ausfallen würden, während Holger neugierig ins Bad tapste und die zeternde Marlene beobachtete, die auf einem Bein zitternd Zähne klapperte.

Was?! Schon wieder kein warmes Wasser!

Es folgte eine litaneiähnliche Schimpftirade, die der Kater mit so stoischer Gelassenheit über sich ergehen ließ, dass Marlenes Wut fast verflog.

Ich schrei jetzt einfach mal eine Runde, ja? Keine Sorge, ihr müsst nicht weglaufen. Aber das Wasser ist einfach eisig!

Von Holger kam keine Reaktion. Mit federndem Sprung nahm er auf dem Toilettendeckel Platz, den Marlene konsequent geschlossen zu halten pflegte, und beobachtete sie mit keckem Blick. Das brachte ihre schlechte Laune sofort zurück.

Dreh dich gefälligst weg! Hast du keine Scham? Ich will hier meine Ruhe…

Die Mischung aus Seufzern und Gemotze nahm ihren gewohnten Lauf, während Holger sich wieder auf sein philosophisches Katergesicht zurückzog.

Früher einmal war Holger ein stattlicher Kater gewesen, Ausstellungstier mit Titeln, Pokalen und stolzen Nachfahren, die für fast eine kleine Goldsumme gehandelt wurden. Doch nach einer Ausstellung ging ihm plötzlich die Kraft aus. Die Tierärzte konnten nicht helfen, der Besitzer entschied, ihn und seinen Nachwuchs aus dem Angebot zu nehmen.

Damals trug Holger noch einen klangvollen Zuchtnamen Herkules. Den vollständigen, ellenlangen Namen ignorierte er geflissentlich bei jeder Ausstellung. Nach allem, was war, verlor der Name plötzlich jegliche Bedeutung, als klar wurde, dass Herkules keine Kätzchen mehr zeugen würde. Sein Besitzer war davon wenig begeistert und aus dem Liebling wurde eine Belastung.

Das verstand Herkules sofort. Als er eines Abends schnurrend zu seinem Besitzer tappte, kam statt des freundlichen Herkules, mein Schatz! nur noch ein genervtes Geh, geh! Ich hab grad keine Zeit!

Ein paar Wochen später wurde er verkauft.

Eine junge Frau, die ihn abholte, erschien Herkules sofort etwas schräg. Sie hatte rosafarbene Stoppelhaare und zog Vokale in die Länge, ihre Blicke waren eindeutig. Nach einem harten Preishandel landete Herkules in der Transportbox, seine Proteste machten den neuen Besitzer kalt.

Lange wurde er durch die halbe Stadt gefahren und fand sich schließlich in einer neuen Wohnung wieder, die ihm sichtlich missfiel. Hier wurde Herkules nicht geliebt, aber die neue Besitzerin versuchte immerhin, die Ursache seiner Schandtaten zu erforschen und fuhr sogar ein paarmal mit ihm zum Tierarzt.

Doch das Schicksal wollte es so, dass ausgerechnet diese Praxis seine frühere war so wurde der neuen Besitzerin die teure Diagnose nochmals präsentiert. Sie geriet fast in Ohnmacht.

Wie bitte, wie viel? rief sie entsetzt.

Noch am selben Abend wurde Herkules in der Transportbox zum Wertstoffhof gefahren und dort abgestellt. Die Box, obwohl neu, wurde in eine dunkle Ecke gestellt, sodass er sie selbst kaum verstand. Einbrechende Kälte, Hunger, keine Decke, kein Ausweg. Herkules schrie, bis ihm die Stimme versagte. Dann legte er sich, den ausgedünnten Schweif um den Körper gekringelt, auf den Plastikboden und verstummte. Er wollte eigentlich nur, dass jemand kam und sagte: Herkules, mein Schatz, es ist Zeit nach Hause zu kommen.

Doch niemand kam. Leute warfen ihre Müllbeutel in die Container und gingen weiter.

Marlene, ein gutes Herz, führte gerade Lieselotte, die überdrehte Bolonka ihre Nachbarin, aus, da deren Besitzerin ins Krankenhaus musste. Frühmorgens wollte sie noch Müll hinunterbringen und entdeckte dann dank Lieselottes aufgeregtem Gebell die Transportbox. Zuerst dachte Marlene, ihr Hund hätte eine Ratte aufgestöbert, doch als sie das sicher geglaubte Miez-miez schnurrte, rührte sich der Schweif in der Box. Marlene kreischte entsetzt auf: Der lebt noch!

Was danach passierte, erinnerte sich Holger noch Jahre später mit Staunen. Wie konnte dieses dünne Mädchen bloß so einen Lärm machen? Und so flink, schroff, aber irgendwie auch nett sein?

Zuerst badete sie ihn notfalls auch mit dem Abwaschbecken, schrubbte das Elend aus dem Fell, bis Holger blitze und ein Stück seines früheren Glanzes zurückgewann.

In ein großes Badetuch gewickelt, ließ er alles über sich ergehen. Und als sie ihm die Futterschüssel von Lieselotte hinstellte, blickte er Marlene mit aufkeimendem Interesse an.

Was? Ist doch auch Fleisch. Naja, oder zumindest ist da irgendwas drin, was wie Fleisch aussieht. Tut mir leid, heute gibts nix anderes auf der Karte, ich bin pleite. Mama kommt erst am Sonntag wieder und bis dahin müssen wir halt durchhalten mein ganzes BAföG ist schon wieder futsch. Willst dus sehen?

Marlene sprang auf, riss ihre neuen Lackschuhe aus dem Karton und präsentierte sie stolz dem Kater, der unbeeindruckt nur sie musterte.

Nicht begeistert? Ich schon! Wie man so sagt: Für den Ball, den Alltag und die feinen Gäste! Ich bin schön sagt Mama. Und Mama lügt nicht!

So offen wie sie war, erzählte sie Holger auch gleich die einzige Lüge, die ihre Mutter ihr in ihrem Leben verpasst hatte: von ihrem Vater, angeblich ein Pilot, der spurlos verschwand bis sich herausstellte, dass er nie was mit Flugzeugen zu tun hatte, sondern einfach ein leichtlebiger Hallodri war. Aber Marlene verzieh ihrer Mutter schließlich reichte ein Elternteil voll und ganz.

Uns zwei reicht’s! Wozu noch ein Dritter?

Ihre Mutter, Gisela, führte ein Blumengeschäft und lebte nach dem Motto: Willst du was, dann mach es!. So hatte sie sich und dann Marlene ein eigenständiges Leben ermöglicht.

Marlene selbst besuchte die Musikschule, spielte Gitarre, sang, aber ihren Weg fand sie in der Tiermedizin schon als Kind konnte sie an keinem leidenden Wesen vorbeigehen, ohne zu helfen.

Auch ihre Mutter rettete im Laufe der Jahre alles Mögliche: streunende Katzen, Hunde, Mauersegler, sogar eine Eidechse mit abgetrenntem Schwanz einmal von Jungs, einmal (versehentlich) von Marlene selbst auf der Wiese am Stadtrand.

Die Geschichte mit der Eidechse besiegelte Marlenes Berufswunsch. Trotz Fieber und Tränen war für sie danach klar: Tierärztin wird sie!

Zielstrebig arbeitete sie sich durch die Ausbildung, nun hatte sie einen Job in einer angesehenen Münchner Tierklinik auch wenn ihr ständiges Zuspätkommen ihren Job gefährdete.

Als neue Besitzerin machte sie sich über Holger her, spritzte ihm Infusionen, rasierte das kranke Bein, redete beruhigend auf ihn ein und holte all ihre Geduld aus dem Stillen ihres Herzens hervor.

Halte noch ein wenig durch, bitte! Es tut weh, ich weiß, aber wir schaffen das! Du gehörst jetzt zu mir. Ich geb dich nie wieder her!

Drei Monate dauerte es, dann wuchs das kurz geschorene Fell Holger erholte sich.

An einem sonnigen Frühlingstag, als Marlene Fenster putzte, fiel es ihr auf:

Du hast ja immer noch keinen richtigen Namen…

Ein Familienrat wurde einberufen: Marlenes Mutter Gisela, ihr Stiefvater Hans-Peter, und natürlich der Hamster, der im Haushalt schon mehr Zeit verbrachte als bei seiner Besitzerin.

Ein Name muss her!

Gisela lachte Tränen: Dafür holst du uns zusammen?

Ja, Mama! Heute ist es wichtig!

Hans-Peter, der Holger während Marlenes Fortbildungen in Berlin gepflegt hatte, schlug nach kurzem Überlegen die Hand auf Holgers breiten Kopf.

Ein echter Gentleman, was meinst du, Marlene?

Er heißt jetzt Holger! entschied sie.

Das nahm der große Rote klaglos hin. Wenn er auch nicht immer sofort hörte.

In letzter Zeit rief Marlene Holger allerdings öfter Ferkel, eine Anspielung auf seine chaotischen Aktionen. Inzwischen lebten sie allein Gisela war mit Hans-Peter zu ihm gezogen und hatte Marlene die kleine Münchner Wohnung überlassen. Die neue Freiheit machte Marlene zu schaffen: Abends irrte sie durch ihre Wohnung, Kopfhörer auf, Holger immer an ihrer Seite. Dann ließ sie sich mit ihm auf dem Wohnzimmerboden nieder und streichelte ihn.

Irgendwie bin ich bereit für was Stabiles im Leben… eine Familie zum Beispiel. Aber wo ist bloß der, der das mit mir starten will? Holger, warum schauen Männer nie zu mir?

Der Kater hätte er antworten können, er hätte vermutlich nur den Kopf geschüttelt. Marlene, so selbstbewusst, bemerkte gar nicht, wie die Blicke in der Straßenbahn an ihr hängen blieben, wie Kunden im Wartezimmer absichtlich zu lange blieben, nur um einen Moment länger in ihre klarblauen Augen zu schauen, auf die wilden Locken unter der bestickten Klinikmütze mit den lachenden Mopsen. Ihr Chef hatte sie für diese kreative Idee sogar mit einem kleinen Bonus bedacht den sie für ein neues Körbchen für Holger ausgab, obwohl der lieber auf ihren Knien schlief.

So schauten Marlene und Holger aufs Glück und warteten. Nur der Hamster, der immer noch keinen Namen hatte, lebte ganz vergnügt für sich, solange Holger ihn in Ruhe ließ.

Schließlich wurde Holger doch wieder krank dieses Mal eher aus Solidarität. Marlene, hektisch und mit zerzaustem Haarknoten, der mit einem Kajalstift befestigt war (die Spange lag verschollen unter dem Sofa), packte den Kater am Kragen.

Kommt, alles rein keiner raus! Wir sind gleich zurück!

Widerwillig ließ sich Holger in die Transportbox bugsieren. Marlene klagte:

Hättest du nicht den sterbenden Schwan gemacht, müssten wir uns das Geld für deinen Tierarzt wieder sparen. Immerhin hätte ich schon einen halben VW Golf vom gesparten Geld! Na ja, ein bisschen übertrieben… aber für neue Reifen und einen Stoßfänger hätte es schon gereicht!

In der Klinik herrschte das reinste Chaos. Marlene nahm Holger heraus, grüßte die Kolleginnen, verschwand ins Behandlungszimmer der Tag war endgültig gelaufen.

Eine kleine, hübsche Katze, gerade auf dem Behandlungstisch, entpuppte sich beim Anblick Holgers als Furie sprang den Arzt an, verpasste ihm einen Kratzer und fauchte wie verrückt. Holger, sowieso geladen, versetzte ihr mit der Pranke einen Schubs, umklammerte sie und beruhigte sie mit rüdem Kater-Charme.

Nicht schlecht! bewunderte ein kräftiger, junger Mann, offenbar der Besitzer der Katze. Ihr Kater sollte mir Nachhilfe in Katzendisziplin geben!

Marlene wollte schon scharf antworten, als ihr der Kajalstift unter den Tisch fiel. Sie öffnete den Mund für eine Erwiderung, doch der Fremde starrte sie so an, als hätte er einen Schatz entdeckt.

Bitte! Sagen Sie mir, dass Sie noch zu haben sind…

Jahre vergingen. In einem beschaulichen, kleinen Häuschen am Stadtrand, an einem gewöhnlichen Morgen, wurde Marlene unsanft aus dem Schlaf gerissen:

Holger! Nicht schon wieder!

Irgendetwas Warmes, Lebendiges tapselte ihr übers Gesicht. Sie öffnete die Augen, presste eine Hand vor den Mund, unterdrückte einen Aufschrei. Ihr Mann tastete schlaftrunken nach ihr, zog sie ins Halbdunkel und murmelte:

Der Hamster?

Jaaa… Mein Gott, hört das denn nie auf? Marlene mühte sich, den ausbüxenden Hamster einzufangen. War das jetzt ein Nachfahre des allerersten Hamsters, der einst so Angst vor Holger gehabt hatte?

Doch bevor sie zugreifen konnte, zischte ihre kleine schwarze Katze heran, packte den Hamster am Nackenfell und rauschte samt Beute aus dem Schlafzimmer, gefolgt vom würdevoll-missbilligendem Holger.

Das ist deine Katze!

Und dein Hamster! Holger kann doch nichts für das Chaos heute Morgen!

Marlene kuschelte sich an ihren Mann.

Das ist doch nicht normal…

Was denn? Die Katze macht nur ihren Job.

Sie ruiniert mir die Nerven! Muss sie denn wirklich jeden Morgen den Hamster ins Bett bringen?

Mäuse finden wir jedenfalls keine…

Das fehlt mir gerade noch! Es reicht schon an Tieren hier. Sag mal, wie kriegte die Katze eigentlich jeden Morgen die Käfigtür auf?

Ich weiß es, du wolltest es gestern aber nicht überprüfen.

Ich musste ja noch die Zwillinge baden!

Eben. Währenddessen habe ich Holger genau beobachtet.

Und was ist jetzt?

Schau selbst!

Marlene griff nach dem hingehaltenen Smartphone. Ein Minutenvideo ließ sie prusten vor Lachen: Holger hebelt seelenruhig mit der Pfote das Schloss am Hamsterkäfig auf, weil seine Kumpanin da nicht rankommt und beobachtet dann genüßlich das wilde Gerenne.

Der heimliche Chef im Haus, der an der Schlafzimmertür saß, horchte aufmerksam. Marlene lächelte:

Seid ihr wach? Dann los! Ich stehe auch gleich auf!

Der große rote Kater stolzierte durch das Kinderzimmer, stemmte die Tür auf, und kurz darauf gellte lautes Kinderlachen durchs Haus.

Guten Morgen! ruft Marlene, krault Holger am Ohr und lacht ihren Söhnen entgegen.

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