Koffer ohne Griff
Was fehlt dir denn? Wir leben doch schon zusammen. Wozu das alles? Sehnsucht nach einem Ring und einem Stempel? Ist dir das etwa wichtiger als meine Liebe? Wichtiger als alles, was ich für dich tue und sage? Sebastian wurde immer lauter, während Klara vorsichtig das Bügeleisen auf seinem Ständer abstellte, aus Angst, gleich würde auch ihr Geduldsfaden reißen.
Ich habe doch gar nichts von Ringen und Stempeln gesagt. Ich habe dich einfach nur gefragt wie geht es weiter? Sebastian, wir wohnen jetzt fast sechs Jahre zusammen.
Und? Viele Leute leben ihr ganzes Leben so. Ohne Verpflichtungen, ohne das ganze Drumherum, was verbindet. Sie lieben frei, ohne Rücksicht, was andere denken. Wen kümmerts, was irgendwer sagt? Und ich erst recht nicht! Wer braucht diesen Unsinn? Ich wohl nicht. Brauchst du das denn?
Klara, kurz davor auszubrechen, hängte Sebastians letztes Hemd auf den Bügel und verließ schweigend das Zimmer.
Es war nicht ihr erstes Gespräch darüber. Und es war keines, das Klara angestoßen hätte. Ihr erstes endete in einem riesigen Streit, nach dem sie auseinander gingen und sich ein halbes Jahr nicht mal anriefen. Damals hatte sie sich fast damit abgefunden, dass es vorbei war. Sie hasste Auseinandersetzungen, konnte nie um ihre Interessen kämpfen als das Weinen drohte, gab sie auf. Schon als Kind war sie ein Heulsuse. Wo andere über einen gezeigten Finger lachten, weinte Klara beim kleinsten Anlass. Woher dieses seltsame Talent kam, wusste sie selbst nicht, auch die Eltern rätselten. Die Mutter war genervt, versuchte sie zur Vernunft zu bringen, während der Vater sie tröstete:
Mein kleines Tränchen! Die Blumen müssen wir bald nicht mehr gießen, wir brauchen nur dich. Komm, was hat dich denn diesmal aus der Fassung gebracht? Wer wars?
Die Antwort fand sich manchmal erst nach einigem Überlegen. Und wenn dann klar wurde, dass Klara diesmal weinte, weil sie Mitleid mit der Fliege hatte, die ihre Mutter in der Küche erschlagen hatte die vielleicht Kinder zurückließ , dann lachten die Eltern, und Klara weinte erst richtig aus Entrüstung: Keiner versteht mich!
Mit der Zeit wurden die Gründe weniger albern, doch Klara weinte weiterhin aus jedem Anlass. Sie heulte bei Büchern und Filmen, konnte losheulen, wenn jemand eine Oma über die Straße führte oder ein Kätzchen vom Baum holte einfach, weil es so rührend war.
Genau so sah Sebastian sie zum ersten Mal: als Klara leise Tränen vergoß, den Herbstblättern im Park zusah.
Sebastian war ein harter Kerl. Kein Wunder: Drei ältere Schwestern, Mutter und Großmutter versuchten, aus ihm einen Mann zu machen. Und Männer weinen nicht! Schon gar nicht denken sie daran! Sebastian wurde von früher Kindheit an eingetrichtert, dass nur Mädchen heulen, und davon auch nur die Dummen. Die Schlauen geben dem Angreifer lieber eins auf die Nase und gehen weiter so machten das auch Sebastians Schwestern, die sich selbst und den kleinen Bruder verteidigten. Im Kindergarten kümmerte das keinen, aber in der Schule lachte man irgendwann da verlangte Sebastian, zur Ringergruppe zu gehen. Es gab keine andere in der Nähe, außer Karate aber da waren die Schwestern, und Sebastian lehnte kategorisch ab, ihnen Gesellschaft zu leisten.
Die Schwestern lachten, verstummten aber, als die Oma eingriff:
Wie soll er denn ein Mann werden, wenn gleich drei Furien immer um ihn herum sind? Soll er nicht selbst lernen, sich zu verteidigen und Probleme zu lösen? Und ihr macht euch noch lustig! Schämt ihr euch denn nicht?
Die Schwestern liebten Sebastian und hörten sofort auf. Nach den ersten kleinen Erfolgen, die nicht lange auf sich warten ließen, stand Sebastians eigene kleine Medaillensammlung neben den Pokalen und Medaillen der Schwestern. Bescheiden zwar, aber seine eigene.
Nach mehreren gebrochenen Nasen, einer im Kampf verletzten Hand war Sebastian schließlich einer von ihnen in der Schule, niemand lachte mehr, die Schwestern ließen ihn in Ruhe, kümmerten sich um ihr eigenes Leben.
Tief überzeugt, dass Frauen keineswegs das schwache Geschlecht sind, war Sebastian fasziniert, als Klara auf die Frage, ob sie jemand verletzt habe, nur den Kopf schüttelte und sagte:
Es war einfach so schön, das alles.
Das genügte Sebastian völlig. In dem Mädchen sah er nicht seine kämpferischen Schwestern, sondern ein zartes, empfindsames Wesen, wie er noch nie zuvor eines getroffen hatte.
Er mochte alles an Klara. Ihre leise Art zu sprechen, dass sie nie grundlos schrie, wie man es daheim gewohnt war. Ihr Lachen, leicht wie ein Glöckchen, das man sich erst verdienen musste. Ihren feinen, manchmal für ihn unverständlichen Humor.
Ich bin wie die Giraffe! Bei mir dauerts bis zum dritten Tag! lachte Sebastian plötzlich, zu Klaras erstaunten Blick zuckte er nur mit den Schultern. Aber ist doch lustig!
Das war doch mein Witz von gestern!
Jetzt hab ich’s erst kapiert.
Sie waren glücklich miteinander. Als Sebastian neben dem letzten Studiumsexamen einen Job fand, zogen sie zusammen trotz Klaras Elternvorbehalte.
Klärchen! Das ist nicht richtig!
Was denn, Mama? Wir lieben uns doch! Was ist falsch daran, wenn wir zusammenleben?
Heidi, ihre Mutter, sah zu, wie ihre Tochter die Sachen mit den ruhigen, eleganten Bewegungen packte Blusen und Röcke, von denen sie viele hatte, ganz im Gegensatz zu Hosen und den inzwischen allseits populären Jeans. Wie aus einem Roman von Fontane, dachte Heidi unwillkürlich und schüttelte sich. Dann legte sie entschieden ihre Hand auf den Stapel T-Shirts.
Es ist falsch, weil du sonst einen Koffer ohne Griff wirst.
Wie meinst du das? Klara verharrte in einer unbequemen Haltung, den Blick auf die Mutter gerichtet und wagte nicht, das darunterliegende Shirt an sich zu nehmen.
Na so: Was ist, wenn Sebastian irgendwann genug von eurem Familienleben hat und beschließt, dass er, weil nichts ihn verpflichtet, jetzt völlig frei weggehen kann? Und du stehst da, und weil ihr so viele Jahre zusammen wart, kann er dich nicht fallen lassen aber das Weiterleben hat keinen Sinn. Und so wird das Tragen zu schwer, und Wegwerfen zu schade.
Klara richtete sich auf, umklammerte mit beiden Armen ihren Oberkörper und dachte nach.
Aber Mama, die Leute lassen sich doch auch so scheiden mit offiziellem Segen und allem Drum und Dran! Was ändert dann ein Stempel im Pass?
Weiß ich nicht, mein Kind. Mir schien immer, wenn ein Mann eine Frau heiratet, ist er bereit, die Verantwortung zu übernehmen für sie, für die künftige Familie. Vielleicht bin ich einfach zu altmodisch und heute zählt das nichts mehr? Jetzt scheint es schick zu sein, alles so locker zu nehmen, als sei das Leben endlos dehnbar und die Zeit unendlich… Keine Ahnung, Klärchen. Aber als deine Mutter tut es mir weh, dass du von zu Hause ausziehst, ohne Mendelssohns Marsch, sondern nur mit Koffer im Schlepptau.
Klara umarmte Heidi wortlos und drückte ihre Lippen an die mütterliche Wange, reglos, schon aus Angst, noch mehr zu sagen, was die Mutter aufwühlen könnte. Sie wollte aber auch nicht einräumen, dass sie selbst verletzt war. Denn Sebastian hatte mit keinem Wort erwähnt, ob er sie je heiraten wollte wenn nicht gleich, dann wenigstens irgendwann einmal. Darüber hatten sie nie geredet.
Mit dir ist alles so schön! Sebastian verabschiedete Klara an ihrem Hauseingang Ich will dich keine Minute missen. Schon der Gedanke, dass ich wieder nach Hause fahren muss, dann ein ganzer langer Tag, bis wir uns wiedersehen Brr! Wäre doch schöner, wir würden zusammen wohnen, Klärchen. Kein Abschied, kein Suchen nach Zeit zu zweit, keine Angst, dass meine Schwestern uns erwischen. Die dürfen alles: Treffen, wen sie wollen, tun, was sie wollen. Aber ich? Ich doch nicht!
Warum nicht?
Ich bin doch der Jüngste! Sebastian grinste schief. Mich muss man im Auge behalten. Wer weiß, wer mich verletzt?
Ich vielleicht?
Genau. Sie mögen dich zwar mittlerweile, aber das kann auch täuschen. Beobachten dich wie Kobr… Schlangen. Wer weiß.
Sebastian! Klara befreite sich empört Das sind doch deine Schwestern!
Na und? Eine Metapher! Schön, klug und gefährlich, lassen nicht locker, wenn sie müssen.
Du hast’s gut! Klara schmiegte sich wieder an seine Schulter zurück.
Warum?
Weil du Schwestern hast. Ich bin allein
Ich kann dir gern eine abgeben! Sebastian küsste sie auf die Nase, dann lachten beide ausgelassen.
So verliefen ihre Gespräche, bis Sebastian letzte Woche seinen ersten Lohn bekam und mit einer grandiosen Nachricht bei Klara auftauchte.
Mein Onkel erinnerst du dich? Geht wieder ins Ausland. Überlässt uns seine Wohnung, will sie nicht vermieten. Zu fremd, dies und das. Wir sind Familie! Er hat mich gebeten, dort zu wohnen, ein Auge drauf zu haben. Nur der Hund, um den müssen wir uns kümmern, aber das schaffen wir, oder?
Klara war damals überrumpelt. Das Angebot war verlockend, aber Sebastian sagte kein Wort darüber, was es eigentlich bedeuten sollte das Ausziehen von Zuhause. Letztlich war da gar nichts zu deuten, wie Klara es immer suchte Sebastian war gradlinig wie eine Eisenbahnstrecke: Zusammenwohnen bedeutete für ihn einfach genau das, nicht mehr und nicht weniger.
Sie zogen in Sebastians Onkels Wohnung, führten abends den Englischen Bulldogge Spencer aus, kochten, schliefen, kauften ein, teilten das letzte Stück Kuchen… Sie lebten eben zusammen. Aber ohne Folgen.
So ging es ein, zwei, drei Jahre weiter, dann fing Klara an nachzudenken. Immer öfter besuchte sie ihre Eltern, sah alte Schulfreundinnen mit ihren Kindern spazieren gehen, und merkte, dass ihr etwas fehlte. Was, wusste sie zunächst nicht. Sie wünschte sich wohl keine große Hochzeit oder Ähnliches. Doch als sie Olga ihre Schulbanknachbarin dabei beobachtete, wie sie ihren Ehering drehte und sich über ihren Mann beschwerte, wurde ihr klar, dass auch sie das gern hätte: zu sagen das ist meiner!, sich dann vielleicht über liegengebliebene Socken oder die nicht gespülte Tasse beschweren können. Ein Babywagen, ein schlafendes Kleines den Kopf schütteln und lächeln:
Ganz der Vater! Kein Fünkchen von mir! Sieht so ähnlich aus hoffentlich nicht mit demselben Charakter?
Und das alles mit dem warmen Gefühl, den Sinn des Lebens gefunden zu haben, auch wenn das heutzutage altmodisch wirkt.
Sebastian verstand sie nicht.
Warum brauchen wir all das? Monatelang Geld für eine Hochzeit sparen? Danach fünfzig Leute satt machen, die wir kaum kennen und nie mehr wiedersehen. Blöde Spiele, dann Küssen auf Kommando das sollst du wollen?
Nein! Klara war nahe den Tränen und rang um Worte. Ich will einfach, dass wir mehr füreinander sind als nur Mitbewohner, Sebastian!
Du bist alles für mich! Mein Leben, Klärchen! Reicht dir das nicht? Sebastian schaute so verständnislos, dass Klara das Thema abbrach.
Das nächste Gespräch, heute, traf sie härter. Klara kippte zwei Gläser Wasser hinunter und starrte lange aus dem Küchenfenster, während Spencer, der Bulldogge, leise grunzte.
Spencer, kurz Spence genannt, war ihre Klagemauer, wenn sie sich bei jemandem ausheulen wollte ohne dass jemand schlaue Ratschläge geben würde.
Nun saß sie am Boden vor seinem Körbchen, kraulte ihn hinter den Ohren, und als er wach wurde und nieste, lächelte sie traurig:
Na Spence, du hasts gut Ich? Nicht so sehr. Warum bin ich so ein Dussel? Ich kann nicht einmal erklären, was ich will. Und wenn ichs versuche, versteht Sebastian mich nicht Dämlich, oder? Du hast natürlich recht! Erstmal alles anders machen wenn ich nur wüsste wie
Spencer lauschte, den Kopf auf ihren Knien und schnarchte sanft in ihrem Rhythmus. Klara streichelte ihn, während in ihr das Unbehagen wuchs.
Warum muss immer sie alles erklären, einfach bitten? Wann haben Sebastian und sie eigentlich ihre Rollen getauscht? Oder hatten sie die nie gewechselt? Folgten sie einfach seit Jahren ihren eigenen Regeln, nie darüber nachgedacht, ob sie etwas ändern müssten?
Bin ich überhaupt noch ein Mädchen?! Klara klopfte sich auf das Knie, worauf Spence erschrocken kläffte und nicht wusste, was plötzlich los war. Entschuldige, Dicker! Aber vielleicht muss ich dich bald verlassen.
Mit dieser halb entschiedenen Überlegung stand sie auf, ging ins Schlafzimmer, wo Sebastian schlief. Lange stand sie da, überlegte, ob sie richtig handelte, dann holte sie leise den Koffer und begann einzupacken.
Natürlich fielen die Eltern aus allen Wolken, als Klara mitten in der Nacht mit ihrem Schlüssel nach Hause kam aber sie stellten keine Fragen. Die Mutter brachte heißen Kakao, was direkt einen Wasserfall an Tränen auslöste, deckte sie zu wie früher und steckte die Decke überall fest.
Mama
Ja? Heidi drehte sich an der Tür um, sah ihre verheulte Tochter.
Ich will kein Koffer sein, Mama
Dann sei keiner! Wer zwingt dich denn?
Ich liebe ihn aber
Ach, mein Kind Heidi sah sie liebevoll an, setzte sich ans Bett, nahm die schmale Hand in ihre beiden. Weißt du noch, wie du als kleines Mädchen immer sagtest, du wärst Prinzessin, wenn du groß bist? Gesessen hättest du in deinem Turm, den Zopf heruntergelassen und auf den Prinzen gewartet. Der Zopf gehörte dazu, weißt du noch?
Klara lächelte matt, erinnerte sich daran, wie sie ihrer Mutter den Bademantelgürtel abgenommen hatte, um daraus einen Zopf zu flechten, wie niemand sonst. Sie und ihre Mutter flochten den Gürtel mit langen Bändern, Klara holte Mamas Pumps und den Schleier, der erst Kinderwagen-Überwurf, später Prinzessin-Ausrüstung war. Auf den Sofarücken geklettert, ließ sie ihren Zopf herunter und wartete.
Dann sagte Oma mal: Es gibt wenige Prinzen und nicht für alle reicht es. Aber wozu einen Prinzen? Lieber einen guten Jungen finden, der dich liebt und beschützt. Das bringt mehr. Da hast du gesagt, okay, dann bleibe ich eben Prinzessin, aber davon nur Warten ist auch langweilig. Er könnte sich ruhig beeilen, hast du gelacht erinnerst du dich?
Klara kroch unter der Decke hervor, umarmte die Mutter.
Du meinst, ich soll nochmal nachdenken ob ich gerade meinen Prinzen laufen lasse?
Das hast du gesagt, nicht ich. Aber der Gedanke gefällt mir. Heidi küsste sie auf die Stirn und streichelte ihr Haar. Ich will nur, dass du glücklich bist. Und wenn der Prinz es nicht schafft dann vielleicht lieber einen anderen finden?
Klara wusste keine Antwort. Ihre Stimmung schwankte wie ein Pendel. Eben noch weinte sie, im nächsten Moment lachte sie und so ging es im Kreis.
Sie unterhielten sich mit leiser Stimme, um den Vater nicht zu wecken, und Klara fühlte sich geborgen. Zu Hause, da wurde sie geliebt. Doch mit Sebastian? Da war nichts mehr sicher.
Sie schlief in den Morgen hinein, fast bis zum Mittag, dann frühstückte sie, vergaß für heute jede Diät, kuschelte sich mit einer Decke aufs Sofa und dachte, sie sollte jetzt mal richtig ausweinen, solange keiner daheim war. Dabei ließ sie all das Schöne aus der Zeit mit Sebastian Revue passieren. Doch selbst als sie davon nicht weinte, rasten die Gedanken los sie stoppte sich selbst, schnaubte wie der Vater:
Reicher wird man nicht vom Grübeln, Klara! Genug! Sonst vergleichst du dich bis zum Wahnsinn! Fort gegangen und fortgegangen. Was hilfts, jetzt zu bereuen, was war oder nicht war? Ändert das noch irgendetwas?
Den letzten Satz sprach sie laut aus im selben Moment klingelte es an der Tür.
Aufmachen wollte sie nicht. Sie hatte Angst. War es Sebastian, gäbe es wieder Streit, dann würde sie verzeihen, den Eltern einen Zettel schreiben und erneut zurückgehen. Und wissen: übers Heiraten würde sie nicht mehr reden; sinnlose Worte es wäre nichts anders als vorher. Denn verdammt nochmal, es tut weh! Egal wie alt, jedes Mädchen glaubt insgeheim an Märchen. Und will heiraten, wie sie auch tunlichst was anderes behaupten. Süßes und auf den Arm will jede. Oder eben einen salzigen Hering und ein neues Motorrad je nach Erziehung. Aber letztlich wollen doch alle, dass da einer ist, der sie liebt, versteht, auffängt und der für sie die schönste Prinzessin ist auch ohne Rapunzelturm.
Klara dachte noch kurz weiter, während es klingelte, dann stand sie entschlossen auf und ging zur Tür. Sie öffnete und war sprachlos.
Sebastians drei Schwestern standen da, geschlossen, die Älteste mit Baby auf dem Arm.
Grüß dich! Wir haben eine Familienkrise! Wo ist das Bad? Marie, die Älteste, nahm ihren schreienden Sohn und verschwand den Flur hinunter.
Dora und Nina drückten Klara schwere Tüten in die Hände und stiefelten in die Küche:
Sind die Eltern da? Gut!
Und hast du frei? Perfekt!
In der Küche deckten sie ruckzuck den Tisch, setzten Klara hin und riefen nach Marie:
Feierabend da drin, jetzt wird Klartext geredet! Dann verkündeten sie feierlich:
Wir sind gekommen, um dich zu verloben! Unser Angebot… äh… du bist das Angebot! Der Käufer ist ein Idiot! Akzeptierst du uns als Schwägerinnen?
Klara riss erstaunt die Augen auf.
Und wo ist er?
Muss sich schämen. Hat Angst, nach seinen gestrigen Sprüchen das Thema anzuschneiden. Wir haben ihm heute ordentlich Paroli geboten. Marie gab dem Baby einen Schnuller, atmete auf und sagte: Ach, was für ein Drama, pädagogisch tätig zu sein! Habe Fräulein Rottenmeier immer geliebt! Woher nehme ich nur so viel Pragmatismus und Strenge?
Wozu? Dora nahm ihr das Baby ab, reichte ihr dafür ein Glas Sekt. Das Kleine ist doch noch ganz winzig.
Für den nächsten. Mit einem schon genug Erfahrung gesammelt hab keine Lust noch so einen Taugenichts wie meinen Bruder. Die Freiheit hat er im Kopf… Jetzt wird er Mann oder er kann mir gestohlen bleiben! Was hat er dich warten lassen! Dass du überhaupt so lange durchgehalten hast! Ich hätte abgehauen. Warum hast du ausgehalten?
Ich liebe ihn, den Lausbub… Klara schob das Glas von sich.
Warum eigentlich?
Weiß nicht, darf ich überhaupt trinken?
Die Augen der drei wurden so rund wie Bälle, die Schwägerinnen hauchten:
Echt jetzt?
Klara lächelte schüchtern, zuckte die Achseln:
Noch weiß ichs nicht sicher…
Aber du hoffst? Marie blinzelte prüfend und atmete durch, als Klara eilig nickte. Dann, darauf muss man trinken! Mädels, ich werde Tante! Prost!
Die Gläser klirrten, Klara brach schluchzend in Tränen aus.
Was hast du denn? Dora sprang erschrocken auf, stellte ihr gleich zwei Wasser hin, Marie legte ihr das Baby auf den Schoß.
Sieh zu, dass du aufhörst, sonst fällst du mit dem Baby noch um!
Und Klara konnte tatsächlich nicht mehr weinen, sobald sie das Baby im Arm hielt. Sie roch an seinem Kopf und fragte:
Marie, ist es sehr schlimm zu entbinden?
Ach was. Erst nachher hast du Angst, wenn du das Kleine da hast und nicht weißt, was tun. Aber bis dahin halb so wild! Lass Sebastian jetzt bloß keine Ruhe. Er soll sich sofort wie ein Vater fühlen.
Wie geht das?
Ganz einfach! Damit ihm später der Stress mit Kinderlaunen nicht komisch vorkommt, nutz die Zeit, selbst launisch zu sein. Ich coach dich da rein. Wichtig: Immer einen Wunsch mehr haben als er tragen kann. Erst willst du Fisch bis er zu Hause ist, fällt dir ein, du willst Eis oder eine schräge exotische Frucht.
Wozu?
Ordnung muss sein! Essen tut es dann eh er, Männer essen alles. Hauptsache, er bleibt auf Trab. So merkt er, Schwangerschaft ist echte Arbeit.
Mein Mann Klaras Augen füllten sich wieder mit Tränen, Nina nahm ihr das baby sanft ab. Wo ist er, der Mann? Nicht mal ein Bräutigam!
Kommt noch! Marie tauschte einen Blick mit den Schwestern. Schon wieder Tränen?
Ich will nicht kofferlos sein…
Achso! Dora lachte. Alle Mütter sind gleich der Koffer ohne Griff, ja?
Genau! Klara schluchzte zustimmend.
Hättest du mal auf deine Mutter gehört! Die hat es sicher gesagt, eh du zu Sebastian ziehst?
Vorher ja…
Mütter geben selten schlechte Ratschläge, Klara! Marie stand auf, wiegte ihr Kind sanft. Unsere sagte das Gleiche. Naja… Ihre Ausdrucksweise war: Wer so das Haus verlässt, soll’s auch ausbaden die Wärmflaschen bringt sie nicht nach! Dazu sind Töchter nicht aufgezogen! Und das Hirn soll man einschalten! Sonst läuft es wie im Witz: Probiert wird, geheiratet nie. Sorry, Klara Wahrheit tut weh!
Marie blickte in den Hof und befahl den Schwestern:
Besen raus! Entschuldigung! Pferde satteln! Besuch ist da.
Sebastian kreuzte unten an der Tür die Schwestern, ignorierte drei geballte Fäuste und schickte ihnen eine Luftkuss-Welle.
Pass auf, noch ein Wort und das nächste Mal gibts Ärger! murmelte Marie, zog ihr Baby fester und lief die Treppe hinunter.
Natürlich verzieh Klara ihrem verliebten Tollpatsch. Heiraten wollte sie sofort dennoch nicht, sondern brauchte Zeit zum Nachdenken. Die Schwestern lachten sich kaputt:
Die passt zu uns, die muss bleiben!
Klaras Zweifel waren unbegründet, ihr und Sebastians erster Sohn kam erst in zwei Jahren, von denen Klara fast die Hälfte überlegte, ob sie wirklich so einen Prinzen wollte oder ob in Berlin vielleicht doch bessere herumliefen. Einer strengen Miene zum Trotz freute sie sich ehrlich wie ein Kind über den Ring, den Sebastian ihr schließlich schenkte so herzlich, dass er sofort wieder jene Klara sah, die er einst tränenüberströmt im Treptower Herbstpark entdeckt hatte.
Die Hochzeit fand nur im kleinen Familienkreis statt: nur Eltern und Sebastians Schwestern, niemand sonst. Der ursprüngliche Plan, wofür sie so lange gespart hatten, ging unter, als Klara nachdenklich im Badezimmerspiegel stand, die Augen vor Glück zusammenkniff, sich umdrehte und Sebastian zurief:
Ich bin dabei!
Im Halbschlaf verstand er erst nicht, fragte dann:
Wirklich? Bist du sicher?
Ja! Klara rieb die Nase an seiner Schulter. Meinst du, das Ersparte reicht für die Anzahlung für unsere erste Eigentumswohnung?
Meinst du das ernst?
Klara nickte und schaute Sebastian ernst an:
Wir sind doch inzwischen groß. Bald Mama und Papa. Zeit, an unser eigenes Zuhause zu denken. Nur eines
Was denn?
Spencer bleibt bei mir! Im Haus braucht es wenigstens einen Mann, der weiß, was der Pickwick-Club ist und mir beim Stress hilft.
Meinst du, du wirst so viel Stress haben?
Lass uns Marie anrufen, ja? Die hat Erfahrung.
Sebastian seufzte, und zum ersten Mal lachte Klara statt zu weinen so hell, dass in der Küche Spencer erstaunt wach wurde und bellte, weil er dieses Geräusch noch nicht kannte.





