Dort, wo die Hoffnung zuhause ist

Da, wo Hoffnung wohnt

Heidi! Heidichen!

Katrin drückte wiederholt auf den Klingelknopf neben der Wohnungstür ihrer Schwester. Die Stille hinter der Tür passte ihr so gar nicht. Sie brauchte Heidi jetzt sofort! In den letzten Stunden war einfach zu viel passiert, und außer Heidi war niemand da, der ihr zuhören oder einen guten Rat geben konnte.

Irgendwann hörte Katrin auf zu klingeln und hämmerte stattdessen gegen die Tür.

Mensch, du bist doch ganz sicher zu Hause! Wo solltest du denn sonst sein?

Die Nachbarin, Frau Ursula Becker, öffnete die Tür rechts nebenan und lugte auf den Hausflur hinaus.

Katrin, was brüllst du hier so herum? Von Heidi fehlt jede Spur. Mein Mann Dieter hat sie zur Arztpraxis gefahren.

Welche Praxis? Warum denn? Und was ist mit mir?

Ach, Katrin, typisch du. Ich komme hier raus, und wo bleibt dein höfliches Guten Tag? Also, sie sind seit ein paar Stunden unterwegs, sollten aber bald wieder da sein. Wenn du möchtest, komm doch rein, trink einen Tee mit mir.

Keine Zeit, Tante Uschi! Sag Heidi bitte, sie soll mich SOFORT anrufen, ja? Muss ganz schnell gehen, ist echt wichtig mein Leben hängt davon ab!

Frau Becker nickte und schaute Katrin nach, die schon die Treppen hinunterhetzte. Tja das Leben spielt manchmal verrückte Streiche. Und manchmal landet es im wilden Foxtrott, so, dass man kaum noch erkennt, was für ein Tanz das eigentlich ist.

Die Familie Vogt kannte Frau Becker seit Ewigkeiten. Der Vater von Heidi, Katrin und Lukas Herr Friedrich Vogt war sogar mal mit ihr in einer Klasse. Nicht nur Nachbarn, sondern Freunde, so lange sie denken konnte. Frieda Vogt, Friedrichs Mutter, zog ihn allein groß, nachdem sein Vater kurz nach Friedrichs Geburt gestorben war. Einen neuen Mann fand sie nicht, und so übernahm Frau Beckers Vater die Rolle des väterlichen Freunds, brachte Friedrich bei, für sich einzustehen, Probleme zu lösen, kritisch zu denken und vor allem die Liebe zu Büchern.

Lesen war ihre große Leidenschaft. Erst verschlangen Friedrich und Frau Becker all die Bücher, die sich in beiden Wohnungen stapelten, dann holten sie sich einen Bibliotheksausweis und lieferten sich Wettstreite, wer am schnellsten ein neues Buch durch hatte. Aber nicht einfach nur runterrasseln, da achtete der Vater streng drauf.

Was bringt es, wenn ihr ein Buch durchblättert wie unser Kater Murr sein Katzenfutter? Mit der Pfote zack, zack und schon wars das? Aber ihr seid doch clever! Denkt mal drüber nach!

Papa, das kann man so doch gar nicht sagen! lachte Frau Becker als Kind.

Dann schau mal im Duden nach, mein liebes Bienchen! Der oben im blauen Einband, genau der! Los, auf ins nächste Abenteuer!

Frau Becker wusste damals schon: Ihr Vater war der klügste Mensch der Welt. Und sie versprach sich: Ich heirate nur einen, der liest und denkt wie Papa!

Ihren Helden fand sie erst im vierten Studienjahr. Da hatte Friedrich bereits geheiratet, die kleine Heidi saß ihm auf dem Arm.

Na, endlich verliebt? witzelte Friedrich und überreichte ein Geschenk.

Alles, wie ichs mir gewünscht hab! In einem Monat ziehen wir nach Südafrika am Kap. Mein Mann hat eine Stelle bekommen. Friedrich, stell dir das vor… ich werde den Tafelberg sehen!

Wüsste sie nur, wie weh das ihren Freund aus Kindertagen tat Fried­richs Traum war ganz anders: Kapitän werden, ferne Ozeane bereisen. Aber dann kam Heidi, dann Katrin, und dann wurde die kleine, schnaufende Fähre auf dem Main sein Großes Abenteuer. Was blieb ihm auch anderes übrig? Die Kinder wuchsen

Heidi hatte von Anfang an mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, kaum, dass sie eingeschult wurde.

Ihre Tochter muss gründlich untersucht werden. Irgendwas passt da nicht.

Krankenhaus, Untersuchungen, immer wieder neue Ärzte, aber keiner konnte Heidi so recht sagen, was ihr eigentlich fehlte. Sie war viel zu müde, schlief auch tagsüber stundenlang. Über Schule war kaum zu reden, aber Heidi strengte sich trotzdem an. Wie glücklich sie war, als sie am Ende ihres ersten und zweiten Schuljahres lauter Einsen im Zeugnis sah.

Findest du nicht auch, Papa? Ich bin richtig gut, oder?

Mir fehlen die Worte, wie toll du bist!

Doch Friedrich konnte sich vor Sorge kaum freuen. Und es kam, wies kommen musste: Heidi bekam den ersten schweren Anfall in der Schule.

Eine Operation muss so schnell wie möglich sein. Sonst wird Ihre Tochter das Erwachsenenalter nicht erreichen.

Heidi hatte ein großes Herz, aber ihr eigenes Herz war zu schwach für alles, was sie sich vom Leben wünschte. Katrin, drei Jahre jünger, lachte darüber, rannte raus zum Spielen und spottete:

Nee, Heidi, das geht nicht. Freunde? Deine Freunde sind halt die Bücher. Freu dich darüber! Tschüss!

Als Friedrich diesen Ton mal im Flur hörte, griff er zum Gürtel, doch es brachte nichts. Katrin schimpfte, dann zog sie Heidi die Zunge raus.

Das wirst du mir heimzahlen!

Heidi seufzte nur und las weiter. Was half das Reden? Manche Sachen musste Katrin eben erst selbst begreifen, wie Papa immer sagte.

So lebten sie eben. Katrin bunt, wild, mittendrin, Heidi wie ein stilles Wesen im Eck, mit den Büchern als ihre Freunde.

Heidis Operation verlief erfolgreich. Beschränkungen blieben, aber jetzt durfte sie rausgehen wie andere Kinder auch, und endlich wurde die Schule Realität für sie. Doch diese Realität war ein Albtraum. Die hübsche, zarte Heidi, das war den anderen Mädchen einfach nicht geheuer.

Guck mal, Prinzessin auf der Erbse! Blond, ein echtes Püppchen, dazu so blass für wen hält die sich eigentlich?

Heidi verstand nicht, warum sie so ausgegrenzt wurde.

Da schaltete sich Katrin ein, die sich vor niemandem fürchtete. Ob die anderen zwei Jahre älter waren egal! Eine große Keilerei auf dem Schulhof, und Katrin kam zwar zerrupft, aber siegte.

Wieso hast du das gemacht, Katrin?

Du bist meine Schwester, bist vielleicht ein bisschen komisch, aber niemand darf dich blöd anmachen! Kapiert? Wenn was ist, einfach sagen!

Friedrich ging in die Schule und redete mit der Direktorin, schimpfte aber nicht mit Katrin. Er kaufte beiden ein Eis und sagte:

Mädchen, übertreibt es nicht, okay? Stolz ist gut, aber ein bisschen Köpfchen auch!

Nach dem dritten Kind, kam Friedrichs Frau bei der Geburt von Lukas ums Leben. Den kleinen Jungen, den sie sich so erträumt hatte, sah sie nie.

Friedrich, damals von Trauer gezeichnet, holte Lukas aus der Klinik und brachte ihn heim.

Lukas

Heidi, die vor zwei Tagen fünfzehn geworden war, nahm dem Vater das Baby ab.

So ein schöner Kerl

Und so wurde sie von einem Moment auf den anderen zur Ersatz-Mama. Nicht offiziell, aber für die Familie. Friedrich jobbte nun auf zwei Stellen, und Heidi wechselte auf die Nachmittagsschule. Frau Beckers ältere, aber immer noch rüstige Mutter half morgens mit dem Baby.

Immerhin! Meine Enkelskinder wohnen so weit weg, da knuddle ich eben euren Kleinen. Ihr habt aus Heidi eine richtig tolle junge Frau gemacht, Friedrich.

Großgezogen haben wir sie, aber glücklich ist sie doch nie so recht Immer passieren ihr die schwierigsten Dinge. Ist das gerecht? Gibts denn irgendwann auch mal einen Tag für Heidi? Muss sie immer nur für andere da sein? Aber Lukas ins Heim geben? Niemals! Er ist genauso mein Kind wie die Mädchen.

Solche Gespräche führte Friedrich nur heimlich. Nur ein einziges Mal, als Heidi nach Lukas Geburt krank wurde und ihn nachts weinen hörte, rannte sie mit Fieber aus dem Zimmer. Friedrich fragte, ob es vielleicht besser wäre, Lukas vorübergehend woanders unterzubringen.

Heidi, halb ohnmächtig vor Schwäche, fauchte ihn an:

Sag sowas nie wieder! Oder du bist nicht mehr mein Vater!

Und zum ersten Mal in seinem Leben liefen Fritz die Tränen übers Gesicht:

Es ist alles meine Schuld Vielleicht hätte…

Was, Papa? Uns nicht bekommen sollen? Lukas nicht bekommen sollen? Hör doch auf, dich zu bemitleiden! Fang mal an, uns zu unterstützen! Wir brauchen dich! Ohne dich schaff ichs nicht…

Sie sackte an der Tür zusammen.

Mir ist schwindlig. Ich setz mich kurz hin, Papa. Geh du mal zum Lukas. Leg ihm eine warme Windel auf den Bauch, das hilft bestimmt.

Er hob sie auf, trug sie zurück ins Bett.

Mach dir keine Sorgen, mein Schatz. Ich kümmere mich.

Katrin ließ das alles ziemlich kalt. Sie lebte ihr Leben ohne viele Pflichten, wusste ja, dass Heidi immer da war. Selbst Pflichten im Haushalt, die Friedrich klar unter den Schwestern aufgeteilt hatte, ignorierte Katrin gern Heidi würde schon einspringen, Mittag machen, den Vater empfangen und Katrin notfalls decken. Katrin wusste: Hausarbeiten sind echt kein Hexenwerk, die schafft Heidi doch nebenbei, während Lukas meist schläft. Und Noten? Der Vater schimpft eh nie Also: Wen störts!

Heidi machte Katrin keinen Vorwurf. Sie wünschte wenigstens ihrer kleinen Schwester eine unbeschwerte Jugend, so wie sie sie sich immer erträumt hatte. Mit den ersten Blumen, die Nachbarsjunge Julian zum Ärger der alten Frau Seidel, die die Blumenbeete pflegte geklaut hatte; mit gestohlenen Küssen am Hauseingang, immer darauf bedacht, dass der Vater nichts merkt. Mit der Clique, die unter der alten Linde Gitarre spielte und nach den Wünschen der Nachbarn aus dem Fenster ihre Liedauswahl anpasste. Katrins Stimme war klar und hell die ganze Siedlung klatschte Beifall, wenn sie sang und meinte zu Friedrich:

Die Ann-Katrin müsste Sängerin werden!

Die Musikschule lag direkt ums Eck, dank Heidi besuchte Katrin sie, hatte aber meistens keinen Bock hinzugehen.

Ach, Heidi, ich kann doch eh schon besser singen als die ganzen Sternchen im Fernsehen!

Heidi schüttelte den Kopf, während sie Lukas im Kinderwagen wiegte.

Du solltest trotzdem Unterricht nehmen. Du denkst, du bist die Beste, aber dann kommt jemand mit Studium und fegt dich von der Bühne. Talent alleine reicht nicht du brauchst Technik und Wissen.

Katrin winkte ab, doch Heidi ließ nicht locker. Und ein paar Wochen später, mit Nachbars Hilfe, schmuggelte sie Katrin mal backstage in eine Opernprobe im Stadttheater.

Danke an Frau Dr. Meier, Kolis Ärztin! Ihre Tochter arbeitet hier als Regisseurin. Deswegen dürfen wir heute mal Mäuschen spielen. Benimm dich aber, Katrin ich will hier nicht im Erdboden versinken!

Natürlich hielt sich Katrin nicht zurück. Nach der Probe stürmte sie zur Solistin, zupfte die am Ärmel und sang ihr ein paar Takte vor.

Mach das nochmal vor! plusterte sie sich auf.

Die Solistin stutzte, dann zeigte sie Katrin, wie die Luft geführt werden muss, wie die Stimme schwebt.

Genau! Fast geschafft! Die Sängerin lachte. Mensch, aus dir könnte mal was werden. Aber glaub nicht, Talent reicht allein da steckt harte Arbeit dahinter!

Katrin konterte frech, aber irgendwas in ihr hatte sich verändert. Heidi stand stumm an der Seite und sah, wie Katrin noch mal und noch mal das Stück sang, bis ihr schließlich die Tränen kamen.

Nach einer Weile war das Thema Musikschule vergessen, aber Katrin hatte jetzt ein Ziel. Und tatsächlich: Sie schaffte es, wurde an der Hochschule für Musik aufgenommen. Sie bestand nicht sofort, aber gab nicht auf. Mit 18 zog sie aus, erklärte Heidi, im Familienchaos könne sie unmöglich für ihr Studium pauken.

Mittlerweile war Frau Becker wieder nach Hause gekommen, ihre Mutter hütete jetzt die Enkel, und Heidi blieb wieder alleine mit Lukas zurück. Sie nahms hin nie klagte sie, kümmerte sich um ihren Bruder, warf immer wieder besorgte Blicke auf den Vater, der plötzlich ganz alt geworden war.

Papa, du musst mal zum Arzt…

Sie brachte ihm die Suppe an den Tisch und schloss die Küchentür, damit Lukas drüben im Zimmer nichts hörte.

Auch der kleine Lukas merkte bald, wie sehr er seiner Schwester das Leben erleichtern konnte. Wenn sie ihn aus dem Kindergarten abholte, stand er oft schon mit dem Wischmopp in der Hand da.

Ich bin doch auch schon groß! Lukas wollte alles selber machen, was er konnte. Ich helf doch mit!

Heidi drückte ihren kleinen Bruder an sich.

Danke, mein Schatz! Was würde ich bloß ohne dich machen!

Als Lukas zehn wurde, war der Vater schon nicht mehr da, er war nach kurzer Krankheit leise eingeschlafen. Heidi übernahm das Sorgerecht, verabschiedete Katrin am Bahnhof, die in die große Stadt ging.

Fahr ruhig, Katrin, du schaffst das!

Katrin heulte Rotz und Wasser, drückte sich an Heidi.

Heidi zuckte nur mit der Stirn, als sei nichts dabei:

Wir kriegen das schon hin hier, Katrin. Viel Erfolg in Berlin, und vergiss uns nicht. Ruf ab und zu an, ja?

Katrin nickte, aber dass sie das Versprechen nicht einlösen würde, wusste sie schon da. Arbeit und neue Freunde füllten bald ihren Alltag, das kleine Städtchen am Main war ganz weit weg

Heidi schickte ab und an Briefe nie kam eine Antwort. Seltene Telefonate verliefen knapp, alles sei in Ordnung, meinte Katrin. Heidi gab sich damit zufrieden. Sie wusste: Wenn es brennt, wenn Katrin wirklich Hilfe braucht, würde sie zu ihr kommen. Und so kam es dann auch.

Kaum hatte Heidi Lukas zur Bundeswehr verabschiedet, öffnete sie eines Abends die Wohnungstür, um kurz Brot zu holen und mit Dackel Fritzi Gassi zu gehen und traf Katrin auf der Treppe, den Blick starr auf Heidis Tür gerichtet, das Gesicht aufgedunsen, Zigarette in der zitternden Hand.

Katja… Heidi lehnte gegen den Fahrstuhl und zerrte am Hund.

Alles gut, Fritzi, sie gehört zu uns…

Gehört zu uns… Katrins Stimme klang irgendwie hohl, so dass Heidi unwillkürlich fröstelte.

Was ist mit deiner Stimme?!

Weg. Einfach weg… Erst war sie da, jetzt ist sie weg… Katrin stand auf, nahm ihre Tasche, ging wortlos an Heidi vorbei in die Wohnung.

Katrin, bedien dich, Suppe steht auf dem Herd und Frikadellen auch. Ess dich satt, ich gehe schnell mit Fritzi raus…

Es wird schlimm? Katrin blickte zur Tür, lachte kurz und rau Schlimm ist noch untertrieben…

Heidi hetzte so schnell wie möglich nach Hause, aber eigentlich kam sie schon zu spät. Sie fand Katrin in der Badewanne, musste sie rausziehen und schimpfte dabei wie ein Rohrspatz, dass selbst der Hund sich mitsamt Schwanz ins letzte Zimmer verkroch.

Was tust du da?! Glaubst du, das Leben ist für so einen Unsinn da? Wach auf! Hörst du? Guck mich gefälligst an! Was ist passiert, dass dus so wegwerfen willst? Wurde dir das Herz gebrochen? Ist deine Karriere futsch? Deswegen? Ist das wirklich alles, was das Leben für dich war? Heidi ohrfeigte Katrin, hielt sie wach, während sie zitternd die 112 wählte. Versuchs ja nicht! Ich hol dich zurück und hau dich grün und blau wie Papa es gemacht hätte!

Katrin, triefend nass und schluchzend, wehrte sich kaum.

Frau Becker half Heidi, wickelte Katrin ein und redete mit den Notärzten. Wer würde da schon der Chefin der Kreisklinik widersprechen?

Katrin wurde nicht mitgenommen, bekam ein paar Spritzen und Achselzucken. Jung, hübsch was willst du mehr?

Heidi wurde selbst behandelt und saß danach bei Katrin am Bett, fuhr ihr mit der Hand durch die Haare:

Warum, Kathrinchen? Erzähls mir…

Heidi, lass es. Die Seele ist fast schon tot. Verstehst du nicht es ist alles vorbei? Ohne Stimme bin ich nichts mehr. Weder Staatsoper noch unser Stadttheater. Nichts! Gar nichts! Ich bin nichts!

Heidi warf lachend den Kopf in den Nacken. Katrin zuckte erschrocken zusammen, selbst Fritzi bellte verwundert aus dem Schlafzimmer…

Du? Nichts? Ausgerechnet du? In unserer Familie war nur einer nie nichts und das bist du! Papa, ich, Mama ja, vielleicht. Oder Lukas. Aber du?! Du warst immer die Starke! Immer!

Heidi…

Was? Was denkst du denn, Katrin? Lukas würde NIE auf so eine Idee kommen wie du heute! Vielleicht ist er stur wie du, aber er hat Köpfchen. Das Leben ist kein Wunschkonzert manchmal gibt’s auch nur Knäckebrot! Nicht nur Kuchen, versteh das! Du schaffst das nicht? Echt jetzt?! Du warst immer die Kämpferische. Jetzt steh auf, wisch den Dreck ab und geh weiter! Den Kerl brauchst du doch gar nicht. War doch eh kein Mann für schwere Zeiten! Wer so abhaut, der taugt halt nichts.

Mensch, Heidi… bist du fies…

Ich sag nur, was du früher selber gemacht hast. Und weißt du was? Ich danke dir sogar dafür! Ohne dich hätte ich Lukas niemals allein geschafft.

Lebendiges Anschauungsmaterial…

Was?

Ach, erinnerst du dich? Irgendwoher kenn ich den Spruch.

Die Märchen, Katrin. Ich hab sie euch vorgelesen. Ihr wart mein lebendes Lehrbuch, wie man jemanden großzieht. Papa konntes ja auch nicht besser als ich…

Katrin setzte sich auf, schaute ins Gesicht ihrer Schwester, das im Dämmerlicht fast weiß schimmerte.

Wie hast du das ausgehalten, Heidi? Hattest du nie Lust, abzuhauen? Dir dein eigenes Glück zu suchen?

Klar wollte ich das! Jedes Mal, wenn ich dich unten am Eingang knutschen sah, war ich neidisch bis in die Haarspitzen! Aber irgendwie… war ich auch froh, dass wenigstens du all das erleben durftest, was ich nie konnte. Du warst immer meine kleine Lerche.

Meine was?

Du bist die Lerche! Ich wollte, dass du so hoch fliegst, dass dich keiner runterholen kann, und wenn du singst, wollte ich, dass alle Menschen wissen, was für eine Gabe das ist. Dann könnte ich sagen, dass das auch ein bisschen mein Verdienst ist. Weil ich dich großgezogen habe…

Und jetzt brach Heidi in Tränen aus, so herzzerreißend, dass Katrin sofort ihren eigenen Kummer vergaß. Noch ist alles nicht verloren die Stimme kommt vielleicht zurück, neue Männer gibt es eh, aber was mit Heidi wird?

Sie schliefen fest aneinandergeschmiegt ein, als wollten sie sich keinen Moment auslassen.

Einen Monat später fing Katrin wieder an der Musikhochschule ihrer Heimatstadt an und schickte Heidi einen Brief: Mach dir keine Sorgen.

Und die Zeit zog ins Land… Lukas kam aus der Bundeswehr, strahlte und verkündete: Ich heirate! Die Hochzeit war klein, aber fröhlich, und Katrin sang zur Feier des Tages zum ersten Mal nach langer Zeit wieder der Applaus im Restaurant war so riesig, dass der Besitzer sie direkt verpflichten wollte.

Ich lebe jetzt aber in einer anderen Stadt und hab auch schon nen Job!, lachte Katrin, und zum ersten Mal spürte sie: Die Angst war weg, sie konnte wieder singen. Nicht wie früher, kein Opernstar aber Musik findet ihren Weg. Und das genügte.

Heidi, mit roten Wangen, im neuen Kleid, tanzte mit Lukas ausgelassen Twist, lachte wieder aus vollem Herzen.

Schon im nächsten Jahr veröffentlichte Katrin ihr erstes Album und ein halbes Jahr darauf heiratete sie, worüber Heidi überglücklich war.

Jetzt bin ich beruhigt! Heidi drückte Katrin an sich, bemüht, das Kleid nicht zu zerdrücken. Jetzt habe ich endlich Zeit, auch mal an mich zu denken!

Wer das glaubt! Erst kam bei Lukas eine Tochter, dann bei Katrin Zwillinge. Heidi war immer zur Stelle, half, trug, tröstete, stand mit Rat und Tat bereit.

Als Heidi selbst heiratete, erfuhren Katrin und Lukas das erst ein halbes Jahr später.

Wie, was? Sie schauten sich ganz verdattert an, Wieso hast du uns nichts erzählt, Heidi? Sind wir dir etwa nicht wichtig?

Na, wer denn sonst? Heidi kramte nach Servietten und drückte Lukas das Besteck in die Hand. Los, deck schon mal den Tisch! Gleich kommen Tanjas Eltern und Katrins Schwiegereltern. Ich will nicht wieder die Letzte sein! Ich bin schließlich die Braut, oder nicht?

Lukas rollte mit den Augen, Heidi stellte ihre berühmte bayerische Ente auf den Tisch und ließ sich in den Sessel plumpsen, fächelte sich zu mit der Küchenschürze.

Wann soll ichs euch denn erzählt haben? Immer war bei euch irgendwas los. Zuerst war deine Tochter krank, Lukas, dann kamen bei Katrin die Zwillinge. Hochzeit das passt da halt nicht rein. Außerdem, was zählt das schon? Wir sind jetzt glücklich, das ist die Hauptsache. Wollt ihr noch was?

Heidi packte sich plötzlich an den Bauch, japste.

Was ist los? Lukas ließ alles stehen und rannte zu ihr.

Tritt! Heidi strahlte über das ganze Gesicht, so fröhlich hatte sie nie ausgesehen.

Was, wer?

Mensch, Lukas, denk doch mal nach! Sie zog seine Hand auf ihren Bauch. Spürst du?

Oh!

Na also, Onkel! Heidi wurschtelte sich hoch. Jetzt lasst mich nochmal aufstehen, ich muss den Salat fertig machen!

Nix da! Jetzt schaltete sich Katrin ein. Lass mal, Mami! Wir machen das schon!

Sie konnte es am Ende doch nicht lassen, fiel Heidi um den Hals.

Ach, Heidi, ich wünsche dir so sehr, dass das Glück auch endlich bei dir bleibt. Jetzt bist du mal dran!

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Homy
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Dort, wo die Hoffnung zuhause ist
MASCHA – Ein unvergessliches Abenteuer in der verzauberten Welt