Die gemeinsame Haushaltskasse

Gemeinsame Kasse

Ich sage es dir, Emilia, ab jetzt gibst du mir dein Gehalt. In die gemeinsame Kasse. Gertrud Hagen stellte die Teetasse so heftig auf den Tisch, dass Tee auf die geblümte Wachstischdecke spritzte.

Emilia hob den Blick von ihrem Teller. Die Schwiegermutter stand ihr gegenüber, die Arme verschränkt, und blickte mit diesem herablassenden Gesichtsausdruck, mit dem sie vermutlich die ganze Welt seit dreißig Jahren betrachtet von oben herab, obwohl sie einen Kopf kleiner als Emilia war.

Welche Kasse, Gertrud?

Die Haushaltskasse. Ich habs dir schon erklärt. Ihr wohnt hier, ihr esst hier, ihr verbraucht Wasser und Strom. Das muss bezahlt werden.

Emilia legte ihre Gabel langsam ab. Sie fühlte, wie sich in ihrem Inneren etwas zusammenzog, wusste aber, sie muss ruhig bleiben. Ganz ruhig.

Wir zahlen doch schon. Paul und ich wir geben dir jeden Monat die Hälfte seines Gehalts.

Pauls Gehalt reicht längst nicht mehr. Alles ist teurer geworden! Ich gehe schließlich einkaufen, ich weiß, was das alles kostet. Aber von deinem Geld keine Ahnung, wo das hinfließt.

Mein Geld fließt in sinnvolle Sachen. Kleidung, Medikamente, Geschenke für dich.

Gertrud presste die Lippen zusammen. Das hieß, dass sie diesen Einwand vernommen und sofort verworfen hatte.

Eine gute Schwiegertochter bringt Geld ins Haus, nicht für Klamotten raus.

Emilia betrachtete die alte Blumenwachstischdecke, die sicher schon zwanzig Jahre auf dem Tisch lag, und die sich ausbreitende Teepfütze neben der gemalten Margerite. Drei Jahre kannte sie jedes einzelne Muster darauf auswendig. Drei Jahre hatte sie an diesem Tisch gesessen, gegessen, was Gertrud gekocht hatte, sich bedankt, weil Gertrud es erwartete, und immer gelächelt, wenn Gertrud es für angebracht hielt.

Ich denke drüber nach, antwortete Emilia leise, stand auf und brachte ihren Teller an die Spüle.

Hinter ihr hörte sie, wie die Schwiegermutter ruhig, aber bestimmt sagte: Das klärt Paul mit dir.

Paul klärte es tatsächlich noch am selben Abend. Er saß auf dem Bett, das Handy in der Hand, als Emilia ins Zimmer kam und die Tür hinter sich zuzog. Das Schloss ging schon seit eineinhalb Jahren nicht mehr zu. Paul wollte es reparieren, aber es wurde nie etwas daraus.

Paul, wir müssen reden.

Hmm.

Ernsthaft, Paul.

Er legte sein Handy weg und sah sie an ein bisschen schuldbewusst, ein bisschen genervt. Zweiunddreißig war er, arbeitete als Bauleiter, liebte sein Feierabendbier, hasste Streit. Früher hatte Emilia gedacht, das sei eine ruhige Art. Jetzt wusste sie, es ist Feigheit.

Hat Mama mit dir geredet?

Ja. Sie will mein ganzes Gehalt.

Nicht alles. In die Kasse halt, das ist doch ordentlich. Wir wohnen doch zusammen.

Meinst du das ernst?

Er griff wieder zum Handy, legte es wieder weg, griff wieder hin.

Emilia, mach doch nicht so ein Drama. Mama will eben Ordnung. Mit dem Geld muss Ordnung herrschen.

Paul, ich habe eigene Ausgaben. Auch Bedürfnisse. Ich kann doch nicht jedes Mal dich oder deine Mutter um Geld für Shampoo bitten.

Na, sie gibt dir, du musst nur fragen.

Emilia sah ihren Mann an und fragte sich, ob er es wirklich nicht begreift oder nur so tut. Um Geld für Shampoo bitten. Jeden Euro erklären müssen. Rechtfertigen, dass sie eine neue Bluse braucht.

Ich arbeite, Paul. Ich verdiene mein Geld. Dieses Geld gehört mir.

Aber du wohnst doch bei Mama.

Wir wohnen hier. Wir du und ich. Du bist ihr Sohn, ich deine Frau. Wir zahlen doch schon jeden Monat.

Mama sagt, das ist zu wenig.

Dann soll sie sagen, wie viel, und wir reden drüber. Aber ich muss nicht alles abgeben.

Paul blickte Emilia an. Sie kannte diesen Gesichtsausdruck wie jemand, der sich zwischen zwei schlechten Dingen entscheiden muss und nicht will.

Ich habs schon überwiesen.

Sie verstand erst nicht.

Was überwiesen?

Na, dein Gehalt. An Mama. Sie hat gefragt und ich fands besser so, dann gibts keine Diskussion.

Stille. Durch die Wand klang der Fernseher der Schwiegermutter.

Du hast mein Geld überwiesen, sagte Emilia leise.

Mach doch kein Theater, Emilia.

Ohne zu fragen?

Es ist besser für alle. Mama ist dann ruhig, alles läuft.

Emilia stand mitten im Raum und sah Paul an. Drei Jahre hatte sie eingeredet, er sei einfach zu nett, habe eben eine schwierige Mutter, man müsse sich anpassen, dazugehören, sich bemühen. Sie half oft in der Küche, schwieg, wenn Gertrud an ihre Sachen ging, ohne zu fragen, oder ins Zimmer kam, ohne anzuklopfen. Sie lud keine Freundinnen mehr ein, weil Gertrud keinen Lärm mochte. Sie lebte still wie eine Maus in fremder Wohnung mit fremden Regeln.

Jetzt überweist ihr Mann ihr Gehalt. Weil seine Mutter dann besser schläft.

Paul, verstehst du das?

Ach Emilia, Geld ist doch nicht alles.

Du hast über mein Geld verfügt, ohne mich zu fragen.

Wir sind Familie.

Wenn wir Familie sind, warum entscheidest du allein?

Er seufzte, wie Menschen seufzen, die sich zu Unrecht angegriffen fühlen.

Emilia, du bist müde. Lass uns morgen reden.

Sie sagte nichts mehr. Sie verließ das Zimmer, ging ins Bad, schloss ab, setzte sich auf den Rand der Wanne und sah lange auf den Wasserhahn. Tropfen sammelte sich, fiel, wieder und wieder.

Emilia dachte daran, dass ihr Konto nun leer war. Zwei Wochen bis zum nächsten Gehalt und sie müsste jeden Cent bei der Schwiegermutter erbetteln. Für den Weg zur Arbeit. Fürs Mittagessen.

Sie wusste, dass sie das nicht tun wird. Nicht kann.

Sie griff ihr Handy und schrieb an Clara: Bist du noch wach?

Die Antwort kam schnell: Schau gerade einen Film. Was ist?

Kann ich vorbeikommen?

Jetzt gerade?

Ja.

Natürlich. Ist es ernst?

Emilia starrte auf den Bildschirm. Hinter ihr tropfte das Wasser.

Ja.

Sie schlich zurück ins Zimmer. Im Schlafzimmer war es dunkel nur das leuchtende Handy unter Pauls Decke. Aus Gertruds Zimmer brummte der Fernseher. Emilia öffnete den Schrank, zog eine große Einkaufstasche heraus und begann, ihre Sachen einzupacken. Konzentriert, geordnet, ohne Hast. Papiere Ausweis, Arbeitspass, Heiratsurkunde steckten im oberen Fach. Zwei Garnituren Kleidung, Kosmetiktäschchen, Ladegerät.

Beim Packen dachte sie leise: Das ist meines, das ist meines, das nicht.

Den Mantel nahm sie aus dem Flur. Sie schlüpfte in die Schuhe, ohne sich hinzusetzen. Nur ihre eigenen Schlüssel nahm sie mit die von der Arbeit und vom Elternhaus. Der Wohnungsschlüssel der Schwiegermutter blieb im Flur.

Die Tür fiel beinahe lautlos ins Schloss.

Draußen war März. In der Nacht frostete es noch. Emilia lief zur Haltestelle, atmete kalte Luft. Sie dachte daran, dass sie einunddreißig war, einen guten Job hatte, klug und herzlich war und das alles scheinbar nichts nutzte.

Clara öffnete im Bademantel, Haare zerzaust.

Bist du okay? Du bist kreidebleich.

Es geht mir gut. Ich bin nur gegangen.

Für immer?

Ich weiß nicht. Wahrscheinlich ja.

Clara ließ sie rein.

Komm, ich mach Tee.

Sie saßen in Claras Küche, Emilia erzählte. Von der Kasse. Von Paul. Vom Gepäck im Dunkeln. Clara hörte still zu, das Kinn auf die Hand gestützt, nickte nur und war ganz Ohr. Emilia schätzte Clares ruhige Art.

Drei Jahre, sagte Emilia zum Schluss. Drei Jahre habe ich geglaubt, es wird besser, wenn ich mich anpasse.

Und?

Es wurde nie besser. Nur alltäglicher.

Clara schwieg.

Bleib hier. So lange du willst.

Bei dir ist doch auch nur ein Zimmer.

Das Sofa lässt sich ausziehen.

Emilia lächelte dankbar.

Danke, sagte sie, und ihre Stimme zitterte kurz.

Schon gut. Wasch dir das Gesicht und dann ab ins Bett. Morgen sehn wir weiter.

Am nächsten Morgen erwachte Emilia auf dem ausklappbaren Sofa. Erst wusste sie nicht, wo sie war dann fiel es ihr ein. Claras Decke war weiß, makellos, kein Wasserfleck in der Ecke, wie bei der Schwiegermutter, wo sie morgens drei Jahre lang auf ein schiefes Dreieck an der Decke starrte.

Das Handy schwieg. Kein Anruf von Paul. Merkwürdig und auch nicht.

Sie fuhr von Claras Wohnung direkt ins Büro, in dem sie arbeite ein kleiner Betrieb für technische Großhandelswaren, etwa zwanzig Kolleg:innen, man kannte sich. Den Chef, Herrn Schuster, fürchtete sie zunächst etwas. Er war wortkarg, fordernd, ertrug Schlamperei nicht. Doch nach zwei Jahren wusste sie: Er ist fair. Tadelte zu Recht, lobte zu Recht.

An jenem Tag arbeitete sie still und mit Hingabe und fühlte sich durchsichtig, fast gläsern. Gegen drei rief Herr Schuster sie in sein Büro.

Setzen Sie sich, Emilia. Wie gehts?

Danke, soweit gut.

Sicher?

Sie sah ihn an. Er blickte sie an, aufmerksam, nicht neugierig.

Ich habe heute meinen Mann verlassen.

Das war so rausgerutscht.

Herr Schuster sagte nichts. Dann: Das tut mir leid.

Mir nicht mehr, antwortete Emilia ehrlich.

Gut so. Wo wohnen Sie gerade?

Bei einer Freundin. Übergangsweise.

Verstehe. Emilia, nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich kenne jemanden, der in Ihrer Gegend eine kleine Einzimmerwohnung vermietet. Faire Miete. Wenn Sie möchten, kann ich den Kontakt machen.

Emilia schaute ihn fragend an.

Warum tun Sie das?

Er lächelte schief.

Weil ich das auch mal durchgemacht hab. Vor ein paar Jahren. Und damals hat mir jemand geholfen. So einfach.

Ich verstehe.

Müssen Sie nicht sofort entscheiden. Überlegen Sie es sich.

Danke, Herr Schuster.

Sie ging zurück an ihren Platz und dachte den ganzen Tag nur an die kleine Wohnung ohne fremde Regeln und ohne geblümte Tischdecke.

Paul rief abends an.

Emilia, wo bist du?

Bei einer Freundin.

Bei welcher?

Paul, ich muss darauf nicht antworten.

Stille.

Mama ist völlig aufgelöst.

Emilia schloss kurz die Augen. Selbstverständlich.

Paul, deine Mutter hat mein Gehalt genommen. Du hast ihr geholfen. Ich tue nicht so, als wäre alles normal.

Mensch Emilia, spiel dich nicht so auf. Es ist nur Geld. Ich gebs dir zurück, okay?

Es geht nicht um Geld.

Um was dann?

Sie schwieg. Ihm das zu erklären, war wie einem Blinden Farben zu beschreiben.

Paul, ich komme nicht zurück. Heute nicht. Ich muss nachdenken.

Du spinnst doch. Wohin willst du gehen?

Ich bin schon weg.

Sie legte auf und legte das Handy beiseite. Clara saß ihr mit einer Tasse gegenüber.

Er will, dass du zurückkommst?

Nein er wundert sich bloß, wohin ich nun will.

Klassisch, meinte Clara. Ohne Mama kann er nicht, mit Mama ists unerträglich.

Ich verstehe ihn. Ehrlich. Sie hatte ihn immer fest im Griff. Er kennts nicht anders.

Verstehen kann man viel. Leben muss man nicht damit.

Fünf Tage später zog Emilia in die kleine Wohnung, von der Herr Schuster sprach. Ein Zimmer, Blick auf eine ruhige Nebenstraße, weiße Wände, knarrender Parkett. Möbel einfach: Tisch, Sofa, Schrank, Bett. Der Vermieter, Herr Mertens, ein älterer Herr mit grauem Schnurrbart, entschuldigte sich mehrfach, dass der Kühlschrank alt war.

Hauptsache, er läuft, lächelte Emilia.

Zuhause packte sie die Dinge aus, ging ans Fenster. Es regnete. Die Tropfen zogen Spuren am Glas. Dieser kleine Platz war jetzt ihr eigener. Nur gemietet aber ihr.

Sie kaufte das Nötigste: Tee, Brot, Eier, Milch. Eine knallrote Tasse zu Hause bei Gertrud gab es nur weiße.

In dieser Nacht schlief sie zum ersten Mal seit Langem durch.

Die kommenden Wochen waren schwer, aber ehrlich. Sie zählte Euros bis zum nächsten Lohn, da ihr Gehalt noch immer fehlte Paul trödelte. Sie aß schlicht. Einmal bat sie Clara um einen Vorschuss, die gabs ohne zu fragen. Auf der Arbeit blieb sie sachlich, kaum jemand ahnte, was sie durchmachte außer Herrn Schuster.

Er kam manchmal vorbei mit Arbeitsfragen, die oft nicht wirklich dringend waren. Einfach, um zu sehen, wie es ihr ging. Einmal brachte er Kaffee vorbei: Unten steht eine neue Maschine. Ist ganz gut.

Danke.

Gern.

Er ging. Emilia sah den Pappbecher an. Niemand hatte ihr seit Langem etwas so Einfaches einfach so getan.

Paul rief alle paar Tage an. Erst wollte er, dass sie zurückkam, dann warf er ihr vor, unfair zu sein, dann beklagte er, seine Mutter sei sehr verletzt, Emilia solle reden. Sie hielt sich knapp, legte rasch auf. Sie war nicht wütend, sondern verstand ihn jetzt klar – und wusste, dieser Mann wird sich nicht ändern.

Eines Tages im April rief Gertrud selbst an. Die Stimme klang, als hätte sie Mühe, nicht loszuschreien.

Emilia, dir ist klar, dass du die Familie zerstörst?

Guten Tag, Gertrud.

Ich rufe nicht für Höflichkeiten an. Du hast deinen Mann verlassen, wohnst irgendwo. Was sagen die Leute?

Darüber kann ich gerade nicht nachdenken.

Du musst zurück. Paul leidet.

Paul hat mein Geld genommen.

Geld ist in der Familie gemeinsam!

Da bin ich anderer Meinung.

Du bist egoistisch, Emilia!

Vielleicht. Auf Wiederhören.

Emilia legte auf, die Hände zitterten leicht. Nicht aus Angst. Einfach so.

Sie kochte sich Tee, griff ihre rote Tasse. Ihr wurde warm. Sie saß in ihrer kleinen Küche, schaute auf die Wand, und dachte, dass finanzielle Unabhängigkeit von Frauen kein bloßes Schlagwort ist, sondern genau das hier: dass sie alleine in ihrer Wohnung sitzen kann, ohne sich zu rechtfertigen.

Später schrieb sie Clara: Schwiegermutter hat angerufen.

Clara: Und?

Ich bin angeblich egoistisch.

Clara: Glückwunsch. Dann machst dus richtig.

Emilia lächelte.

Im Mai geschah etwas Unerwartetes.

Sie verließ ihr Büro, es war Dienstag, sechs Uhr. Beim Suchen nach den Handschuhen hörte sie Gertruds Stimme.

Emilia!

Sie drehte sich um. Gertrud stand mit schwarzem Mantel vor dem Büro, neben ihr Paul, der betreten zur Seite blickte.

Emilia atmete aus und trat zu ihnen.

Was wollen Sie, Gertrud?

Du gehst nicht ans Telefon!

Ich will das Gespräch einfach nicht.

Ob du willst oder nicht, wir reden. Du bist verheiratet und wohnst irgendwo.

Ich wohne in einer Mietwohnung.

Von wessen Geld? Von Pauls?

Von meinem.

Gertrud verengte die Augen.

Willst du dich scheiden lassen?

Ja.

Dir ist klar, dass du allein bleibst? In deinem Alter findet man kein Glück mehr!

Emilia betrachtete sie und stellte fest: Sie hatte keine Angst mehr. Sie sah in Gertrud nur eine alte Frau, an gewöhnt, gefürchtet zu werden, ratlos, wenn das nicht klappt.

Ich fürchte mich nicht vor Einsamkeit.

Paul, sag was! Bist du ihr Mann oder was?

Paul blickte Emilia an da war etwas in seinem Blick, das ihr leidtat. Nur leid tat.

Komm zurück, Emilia. Wir findn ne Lösung.

Worüber, Paul?

Na, Geld, alles eben.

Drei Jahre hast du versprochen, wir sprechen. Ich bins leid.

Jetzt öffnete sich die Tür, Herr Schuster kam heraus. Emilia hatte ihn nicht gerufen wahrscheinlich wollte er einfach nach Hause. Er blickte die Szene einen Moment an.

Emilia, alles in Ordnung?

Gertrud musterte ihn.

Und wer sind Sie?

Der Chef hier. Wer sind Sie?

Die Schwiegermutter. Noch zumindest.

Verstehe. Emilia, soll ich dich begleiten?

Sie nickte.

Das können Sie nicht machen!, fauchte Gertrud.

Doch. Einen schönen Abend.

Sie gingen zwei Blocks zusammen. Herr Schuster fragte:

Rufen die schon lang ständig an?

Anrufe oft, vorbeikommen jetzt zum ersten Mal.

Unangenehm.

Unangenehm. Aber nicht mehr bedrohlich.

Er nickte.

Das ist wichtig. Wenns nicht mehr ängstigt, ist es leichter.

An der Haltestelle fragte er:

Schon gegessen?

Nein. Keine Zeit gehabt.

Gegenüber gibts eine Kantine. Wenn du willst?

Er fragte ohne Druck.

Gerne.

Drin wars warm, es roch nach Eintopf. Sie holten Tabletts, aßen am Fenster. Das Gespräch entwickelte sich. Er erzählte, wie auch er sich hatte scheiden lassen seine Frau hatte jemanden gefunden, war weggegangen er musste ein Zimmer mieten, schwer gewesen.

Gabs auch so eine Schwiegermutter? fragte Emilia, gleich darauf peinlich berührt.

Nein. War anders. Aber schwer wars trotzdem. Rückblickend: besser so.

Emilia sah in ihre Suppe.

Ich wusste nicht, wie fremd mir mein eigenes Leben war, sagte sie leise. Ich dachte, man muss sich nur anstrengen, Familie sein, nachgeben, sich anpassen. Erst als ich weg war, merkte ich: Drei Jahre war ich bloß… Gast.

Herr Schuster schwieg. Dann: Die Wahl zwischen Einsamkeit oder Beziehung tragen viele im Kopf. Doch in einer schlechten Beziehung bist du auch allein. Nur lauter.

Emilia lächelte.

Stimmt genau.

Sie blieben fast zwei Stunden. Sie wusste später nicht mehr, was sie noch gesprochen haben. Aber sie behielt das Gefühl dass man sich unterhalten kann, gehört wird, sich nicht dauernd erklären muss.

Auf dem Heimweg, im U-Bahn-Abteil, dachte sie: Das ist Normalität einfach Normal.

Sie verbot sich, großartig an Zukunft zu denken. Erstmal Trennung. Alles andere dann.

Ende Mai stellte sie den Scheidungsantrag. Paul mauerte, wolle Zeit gewinnen, doch Emilia schrieb ihm durch eine Anwältin, die sie im Internet gefunden hatte, dass sie nicht warte. Paul fragte anwaltlich nach Vermögensteilung. Viel gab es da nicht: ein gemeinsames Auto, Kleinigkeiten. Darauf war Emilia vorbereitet.

Der Juni war mit Papierkram und Telefonaten gefüllt. Gertrud kam seither nicht mehr vorbei, schickte aber weiter Sprachnachrichten, dass Einsamkeit schrecklich sei, allein leben Not bedeute. Emilia hörte das, lächelte manchmal, löschte manchmal gleich.

Sie wurde heimisch in ihrer kleinen Wohnung. Kaufte eine Zimmerpflanze, einen Kaktus. Hängte eine Postkarte von Clara auf: eine Kaffeetasse und ein Spruch. Die rote Tasse stand prominent.

Die Arbeit lief. Herr Schuster und sie gingen manchmal gemeinsam mittags in die Kantine nicht immer, nicht abgesprochen. Sie redeten über Arbeit, Bücher, Urlaubsziele, übers Meer.

Einmal fragte Emilia:

Herr Schuster, ist allein leben nicht einsam?

Anfangs schwer. Dann okay. Dann vergisst man, dass es schwer war. Manchmal wünsche ich, ich hätte wieder jemanden aber nicht irgendwen. Es muss passen.

Was heißt das?

Wenn man nichts vorspielen muss.

Verstehe ich.

Ja, ich glaube, das tust du, sagte er und hielt ihren Blick etwas länger als sonst.

Emilia sah auf ihren Teller, spürte nur ruhige Wärme. Normal, einfach wärmer als sonst.

Im Juli hatte Clara Geburtstag. Emilia half beim Buffet, kicherte zwischen den fremden Gästen, trank Wein, hörte Gespräche. Neben ihr saß Clara Freundin Nina, etwa sechzig Jahre, mit flotter Frisur und wachen Augen. Sie kamen ins Gespräch.

Nina war mit fünfundvierzig geschieden worden.

War es schwer? fragte Emilia.

Angst das wars. Kleine Tochter, mieser Job, Mietwohnung. Angst, ja. Doch weißt du, was ich später begriff?

Was?

Angst ist kein Grund, zu bleiben, wos einem schlecht geht. Angst vergeht. Wenn man aus Angst bleibt, verschwindet jede Freude. Es bleibt nur Gewohnheit.

Emilia nickte.

Haben Sie nochmal geheiratet?

Nein. Aber ich habe einen Partner. Wir wohnen getrennt, jeder für sich. Es ist besser als je zuvor.

Wie ist das getrennt wohnen?

Man sieht sich, wenn man möchte. Redet. Geht zusammen aus. Nichts muss, alles kann. Man ist füreinander da, ohne sich zu verbiegen.

Irgendwie komisch.

Komisch für die Gesellschaft vielleicht. Aber menschlich richtig. Hauptsache, du bist glücklich nicht Mann, nicht Schwiegermutter, du selbst. Alles andere ist unwichtig.

Emilia dachte lange über das Gespräch nach. Für sich leben. Keine Selbstsucht, sondern Recht auf eigenes Leben. Sie gab dieses Recht jahrelang in kleinen Schritten ab, weil sie glaubte, es müsse so sein.

Ende Juli rief Paul an. Die Stimme war anders, leise.

Emilia, hast du kurz Zeit?

Red ruhig.

Ich weiß, dass ich damals falsch lag. Mit dem Geld.

Emilia schwieg.

Ich habs halt so gelernt: Mama weiß es immer besser. Das entschuldigt nichts. So wars einfach.

Ich verstehe.

Gehts dir gut? Allein?

Mir gehts in Ordnung. Paul, du bist ein guter Mensch. Wir passen nur nicht zusammen.

Eine Pause.

Mama meint, du hast jemanden bei der Arbeit kennengelernt.

Mama weiß nichts von meiner Arbeit.

Geht mich nichts an. Ich frage nur.

Paul, lass uns das fair beenden. Ohne Streit, ja?

Okay, sagte er, und ihr war, als fiele ihm ein Stein von der Brust.

Der Sommer war warm. Abends setzte sich Emilia gerne auf eine Parkbank, holte sich ein Eis am Kiosk, sah ins Grüne. Sie dachte an nichts Bestimmtes. Genoss das einfache Sitzen.

Das hatte sie nie gelernt. Früher immer beeilen, funktionieren, niemand stören. Jetzt konnte sie einfach sitzen.

Eines Abends schrieb Herr Schuster: Guten Abend. Wie gehts?

Sie tippte: Sitze auf einer Bank, esse Eis. Gut.

Seine Antwort: Gute Abendgestaltung.

Emilia musste lächeln.

Sie schrieb zurück: Komm dazu.

In einer halben Stunde.

Er kam schon nach fünfundzwanzig Minuten, mit Eis vom selben Kiosk, setzte sich neben sie. Sie beobachteten die Leute, die Hunde, die Kinder. Redeten wenig. Schöne Stille.

Dann sagte er:

Emilia, ich will dir etwas sagen.

Sag.

Ich weiß, bei dir ist es gerade kompliziert. Aber mir tut es gut, bei dir zu sein. Nicht nur als Kollegin. Das wollte ich sagen.

Emilia sah auf das Grün, ein Junge jagte eine Taube, die träge aufflatterte.

Mir gehts auch gut mit dir.

Das ist viel wert.

Ja. Sehr sogar.

Sie blieben lange sitzen. Die Nacht brach herein, die Laternen gingen an. Schließlich begleitete er sie nach Hause.

Bis morgen, sagte Emilia.

Bis morgen.

Sie ging hinein, spürte eine leise Freude. Wenn etwas Gutes beginnt, sagt man es noch nicht laut, um es nicht zu vertreiben.

Die Scheidung verhandelte das Amtsgericht im September. Das Haus alt, Flur lang, Holzbänke an der Wand. Emilia hatte ihre Underlagen in einer Mappe, der Anwältin Oksana wartete am Eingang.

Keine Sorge, alles ist vorbereitet. Es geht schnell.

Ich bin ruhig, erwiderte Emilia. Und wirklich sie war ruhig. Drei Jahre hätte sie das für unmöglich gehalten.

Paul kam mit Gertrud. Die Mutter ganz offiziell im Kostüm, blickte Emilia verächtlich an. Paul starrte auf den Boden.

Es ging schnell. Die Richterin fragte nach Versöhnung. Emilia verneinte, Paul schwieg. Oksana legte das unterschriebene Abkommen zum Vermögen vor. Die Richterin nickte.

Als alles vorbei war, trat Gertrud an Emilia: Du wirst es bereuen!

Emilia sah sie ruhig an: Mag sein, aber das ist dann meine Entscheidung. Auf Wiedersehen.

Sie verließ den Saal. Der Flur war lang und hell. Am Ende große Glastüren hinaus ins Licht.

Draußen wartete Herr Schuster. Sie hatte ihm nur gesagt, wann und wo mehr nicht.

Und?, fragte er.

Vorbei. Die Scheidung ist durch.

Er nickte.

Wie fühlst du dich?

Emilia überlegte. Nicht höflich wirklich.

Erschöpft. Aber ehrlich gesagt leicht.

Das ist normal. Wenn man lange trägt und dann loslässt, ist es leer und leicht.

Leer, aber nicht beängstigend.

Sie standen auf den Stufen. Menschen kamen vorbei, trugen Akten, gingen. Es war ein klarer Septembertag, am Rand der Bäume war das Laub schon gelb.

Gehen wir noch ein Stück?, schlug Herr Schuster vor.

Gerne.

Sie gingen langsam die Straße entlang. Emilia erinnerte sich an die Nacht, als sie im Dunkeln packte und dachte, sie ginge ins Nichts. Dabei war es gar nicht das Nichts sie ist nur lange gegangen.

Herr Schuster.

Ja?

Weißt du, was für mich am schwersten zu begreifen war?

Was?

Dass Gehen kein Versagen ist. Ich dachte lange, dann hätte ich verloren. Dabei habe ich in den Jahren einfach nur gelernt, was ich nicht will. Und was ich will.

Und was willst du?

Sie blieb stehen, sah ihn an.

Das hier. Neben jemandem gehen. Ohne Angst. Selbstbestimmt.

Das ist nicht wenig. Und doch alles.

Ja. Ganz genau.

Sie gingen weiter, das Laub raschelte, die Sonne schien seitlich, blendete, und Emilia blinzelte, dachte: Jetzt ist es gut. Nicht, weil alles sofort einfach ist. Sondern einfach weil es gut ist. Vielleicht ist das das Wichtigste.

Irgendwo rauschte die Stadt. Neben ihr ging ein Mensch. Vor ihr lag das Unbekannte. Doch es war kein Grund mehr, sich zu fürchten.

***

Manchmal trennt man sich, weil man sich selbst verloren hat aber wer weitergeht, merkt irgendwann: Das Leben beginnt, wenn man sich traut, für sich selbst einzustehen. Und das ist kein Egoismus, sondern Würde.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Die gemeinsame Haushaltskasse
Freunde lässt man nicht im Stich