Achtzehn Jahre Schweigen

Achtzehn Jahre Schweigen

Schaut euch mal diese Tischdecke an, sagte Waltraud Schäfer, ohne den Blick von ihrem Teller zu heben. Genau so eine hab ich letzte Woche auf dem Wochenmarkt bei den Türken gesehen. Fünfzehn Euro oder so, stimmts, Christian?

Christian schmunzelte nur und griff nach dem Brot.

Mama, was hat denn die Tischdecke jetzt damit zu tun.

Ach, ich erwähne das nur. Eine Beobachtung halt, erwiderte sie mit ihrem typisch feinen Lächeln diese Art von Lächeln, bei der es mir immer eiskalt den Rücken runterlief. Kein Lächeln, sondern ein Messer in Seide gewickelt. Klara, wo hast du eigentlich das Kleid her? So ungewöhnlich.

Meine Mutter saß mir gegenüber und starrte in ihren Teller. Sie hatte kaum etwas gegessen, obwohl Waltraud gut gekocht hatte, das musste man ihr lassen. Aber Mama brachte keinen Bissen runter. Ich sah, wie weiß sie die Gabel umklammerte, wie fest die Finger darauf lagen.

Mein Vater saß rechts von mir. Im Rollstuhl, den wir ans Ende des Tisches geschoben hatten, auf einen extra Stuhl gestellt. Er aß langsam, bedächtig, wie immer. Papa hatte nie gehetzt beim Essen. Gutes Essen muss man achten, war sein Spruch.

Das Kleid hab ich selbst genäht, antwortete ich sachlich.

Selbst?, Waltraud hob die Brauen, als hätte ich ein kleines Wunder vollbracht. Das sieht man. Sieht man, dass es selbstgemacht ist. Ist aber nicht böse gemeint. Manche haben eben das Händchen für Handarbeit, andere nicht. Das ist wie mit Geschmack, nicht? Geschmack hat man oder man lernt ihn. Jahrelang, in der richtigen Umgebung.

Ich schwieg. Unterm Tisch ballte ich die Faust, öffnete sie wieder. Achtzehn Jahre lebten Christian und ich zusammen. In diesen Jahren hatte ich mir antrainiert, auf solche Sachen nicht zu reagieren. Mir gesagt: Sie ist alt. Sie hat ihre Sicht auf die Welt. Es lohnt nicht. Also schwieg ich, und mein Schweigen interpretierte Waltraud wohl als grünes Licht zum Weiterreden.

Herr Bergmann, in welchem Stadtteil haben Sie eigentlich gewohnt, bevor Ihre Hand machte eine vage Geste Richtung Papas Rollstuhl.

Wir wohnen immer noch in Bockenheim, antwortete Papa ruhig. Achtunddreißig Jahre in derselben Wohnung.

Bockenheim, wiederholte sie, als wäre das ein Schimpfwort, nicht ein Stadtteil von Frankfurt. Alles Plattenbauten da, oder? Richtig diese Nachkriegsdinger?

Fünfgeschossig, Massivbau, entgegnete Papa. Gute Wohnung. Antonie und ich haben alles selbst renoviert.

Selber gemacht, wieder mit diesem Lächeln. Christian hat mir immer schon gesagt, Klara kommt aus einfachen Verhältnissen. Arbeiterfamilie. Habe ich nichts gegen, jeder Beruf ist wichtig, aber

Mama, sagte Christian ein wenig lauter als sonst.

Trotzdem wenn man halt in einer bestimmten Umgebung aufwächst, prägt das. Das sieht man auch: im Auftreten, in den Manieren und, wie bei deiner Kleidung. Keine Kritik, nur die Realität. So ist das Leben.

Mama legte die Gabel ab, ganz leise.

Ich sah sie an Antonie Bergmann, neunundsechzig, Grundschullehrerin im Ruhestand, zweiundvierzig Jahre Kindern das Lesen beigebracht. Sie saß kerzengerade, wie eh und je. Aber ihre Augen da stand etwas drin, das mir die Kehle zuschnürte.

Frau Schäfer, sagte ich; mein Ton ruhiger, als ich selbst erwartet hätte. Meine Mutter hat Kindern Lesen und Rechnen beigebracht. Über vier Jahrzehnte. Das ist ein gutes Leben. Ich schäme mich nicht dafür.

Das behauptet doch keiner!, lachte die Schwiegermutter. Ach, sofort auf Abwehr. Auch das eine Eigenschaft. Ein wohlerzogener Mensch ignoriert so etwas. Du aber

Nein, unterbrach ich sie. Ignorieren werde ich das nicht mehr.

Stille. Christian sah mich an, dann seine Mutter, griff dann nach dem Weinglas und nahm einen großen Schluck.

Prima. Jetzt ist die Feier verdorben, sagte Waltraud gekränkt.

Klara, lass doch gut sein, murmelte Christian. Mama sagt halt, was sie denkt. Sie meint es nicht böse.

Nie meint sie es böse, entgegnete ich.

In dem Moment hörte ich etwas. Ein leises Quietschen. Erst begriff ich nicht. Dann sah ich es.

Papa klammerte sich an die Tischkante, die Hände weiß von Anstrengung. Er stand auf. Langsam, mühsam. Sehr langsam richtete er sich auf.

Papa, sagte ich rasch. Papa, bitte, lass das, du darfst

Er sah mich nicht an. Sein Blick war starr. Das Gesicht angespannt, der Kiefer fest, die Augen einmal kurz zu. Dann stand er.

Josef Bergmann, achtundsiebzig, früher Ingenieur. Die Ärzte hatten ihm vor drei Monaten gesagt, er solle nur noch aus Notwendigkeit aufstehen, und nicht ohne Hilfe.

Wir gehen, sagte er.

Die Stimme fest. Nicht böse, nicht zitterig. Hart wie ein Nagel, der gerade eingeschlagen wird.

Herr Bergmann, wollen Sie, setzte Waltraud an.

Antonie, sagte Papa, ohne sie anzuschauen. Nimm die Tasche. Klara, hilf mir.

Mama stand sofort. Ich sprang hinterher, stützte Papa. Er nahm meine Hand. Sie war warm, vibrierte vor Anstrengung.

Niemand hier wird meine Tochter noch beleidigen, sagte Papa. Nie wieder. Denn ein nächstes Mal gibt es nicht.

Christian rührte sich nicht, saß wie erstarrt mit dem Glas in der Hand.

Wir gingen hinaus. Ich hielt Papa, bis wir beim Aufzug waren, Mama rollte das zusammengeklappte Rollstuhlgestell. Im Aufzug sprachen wir kein Wort. Ich sah, wie Papas Beine zitterten. Er hielt sich gerade, aber der Preis war hoch.

Draußen setzte ich ihn in den Rollstuhl zurück. Er schloss kurz die Augen, dann sah er mich an.

Alles gut, sagte er. Alles gut, Klaralein.

Da liefen mir die Tränen. Nicht schluchzend, sondern leise, einfach Tränen, und ich hielt sie nicht zurück. Denn in meinen zweiundfünfzig Jahren hatte für mich noch nie jemand so viel getan wie mein alter, kranker Vater in diesem Moment. Er war für mich aufgestanden. Gegen ärztlichen Rat, gegen Schmerzen, gegen alles. Und hatte gesagt: Nein. Nicht mit uns.

Die Entscheidung zur Scheidung fiel mir nicht sofort. Es wäre gelogen zu schreiben, ich sei an jenem Abend aus dem Haus gegangen und alles sei klar gewesen. Nein. Zwei Wochen lang trug ich es in mir, wie alte Briefe, von denen man sich nicht trennen kann, die aber auch keinen Zweck mehr erfüllen. Achtzehn Jahre das ist kein Scherz. Die gemeinsame Wohnung. Die kleinen und großen Gewohnheiten. Christians morgendlicher Kaffee, immer tadellos. Die seltenen but schönen Ausflüge ans Meer. Das, was man Leben nennt und was beim genaueren Hinsehen nur eine Reihe gleichförmiger Tage ist.

Ich dachte: Vielleicht habe ich überreagiert. Vielleicht ist Waltraud wirklich einfach so, direkt, und ich hätte weiter schweigen sollen. Vielleicht ist das Erwachsensein: am fremden Tisch sitzen und lächeln, wenn man sich kneifen lässt.

Aber dann sah ich Papas Hände an der Tischkante. Weiß vor Anstrengung. Und wie er aufstand.

Da wusste ich: Es geht nicht mehr.

Die Geschichte von Würde und Respekt, die ich immer nur aus Romanen kannte, war plötzlich meine eigene. Würde, die man nicht verteidigt, wird niemand für dich verteidigen. Vielleicht der eigene Vater. Aber der ist einer, und achtundsiebzig, und jeder Schritt ist eine Last.

Im November reichte ich den Scheidungsantrag ein. Christian sagte ich es zwei Tage vorher, abends in der Küche, während er Kaffee machte.

Ich will mich scheiden lassen, sagte ich.

Er drehte sich um. Schaute mich an, als hätte ich gesagt, zwei plus drei sei sieben.

Wegen jenem Abend?, fragte er.

Wegen achtzehn Jahren, antwortete ich.

Er stellte das Kännchen auf den Herd. Setzte sich.

Klara, Mama war etwas hitzig. Das weißt du. So ist sie eben. Sie meint es nie böse.

Hast du schon gesagt, entgegnete ich.

Sie ist alt.

Meine Eltern sind auch alt.

Er schwieg.

Soll ich mit ihr reden? Kann ich machen. Ich spreche mit ihr.

Nein. Ich will mich scheiden lassen.

Klara, sagte er etwas genervt wie zu einer, die ohne Grund bockt. Weißt du, was das heißt? Die Wohnung muss verkauft oder geteilt werden. Willst du etwa zu deinen Eltern nach Bockenheim? In die Nachkriegsbude?

Da kam die endgültige Klarheit. Nicht, als er am Tisch schwieg. Nicht, als er sagte sie war nur hitzig. Genau in diesem Moment, als er Nachkriegsbude so aussprach wie seine Mutter. Er merkte nicht einmal, dass er klang wie sie. Achtzehn Jahre hatten ihre Sprache in ihn eingesickert.

Ja, sagte ich. Ich gehe zu ihnen.

Er glaubte nie, dass ich es ernst meinte. Vermutlich dachte er, ich würde es mir anders überlegen. Menschen, die meinen, immer das letzte Wort zu haben, begreifen nur schwer, wenn ein anderes endgültig ist.

Die Details der Scheidung erspare ich. Es war langwierig, bürokratisch, der Anwalt hatte alles im Griff, keine Streitereien. Ich habe mich immer bemüht, ohne Szenen auszukommen.

Im Dezember zog ich zu meinen Eltern. Mama empfing mich an der Tür, umarmte mich, sagte nichts. Nur hielt sie mich lange. Dann: Komm, ich hab dir dein altes Zimmer gerichtet.

Mein Zimmer der kleine Schreibtisch, an dem ich noch als Gymnasiastin Hausaufgaben gemacht hatte. Das Bücherregal, von dem ich die Bücher so viele Jahre nicht hatte mitgenommen, weil Christian meinte, sie seien nur Ballast. Das kleine Fenster zum Hof, wo im Winter Kinder Schneemänner bauten.

Ich stellte meine Tasche aufs Bett und stand lange in diesem Zimmer. Zweiundfünfzig Jahre. Scheidung. Der Anfang von etwas Neuem. Anfang klingt seltsam mit zweiundfünfzig. Oder doch nicht? Einfach ungewohnt.

Papa hatte an dem Abend gute Laune. Er saß im Sessel vor dem Fernseher, schaute eine Naturdoku, wie er sie liebte. Als ich reinkam, drehte er den Ton leise.

Na, Tochter, sagte er. Mach dich heimisch. Platz ist genug.

Reicht schon, lachte ich. Zum ersten Mal seit Langem, und auch Papa lachte.

Dann brachte Mama Tee, wir saßen zu dritt in der kleinen Küche, wie früher, als ich Kind war und das Leben einfach schien. Nur war Papa jetzt im Rollstuhl, Mama bewegte sich langsamer, schielte öfter, das Alter eben. Und ich war eine geschiedene Frau.

Aber der Tee war heiß, die Mohnschnecken hatte Mama frisch gebacken, draußen fiel Schnee, und mir war warm ums Herz. Ganz schlicht.

Christian tauchte nach einer Woche auf. Klingelte am Samstagmorgen, ich hatte noch keinen Kaffee. Stand mit einem Strauß vor der Tür, bestimmt fünfzig Euro wert, was ein halber Monatslohn von damals war.

Können wir reden?

Ich trat auf den Flur.

Sprich.

Er redete viel. Dass alles wieder gut werden könnte, dass er mit seiner Mutter gesprochen habe, sie wolle sich entschuldigen. Dass wir die Wohnung auf mich überschreiben könnten, und er sich was Neues suche. Dass er es ohne mich nicht aushält.

Ich hörte zu. Sah ihn an den Mann, mit dem ich fast zwanzig Jahre verbracht hatte. Ich kannte ihn, seine Angewohnheiten, Macken, Ängste. Ich kannte ihn so gut.

Und gerade deshalb wusste ich, er hatte sich nicht verändert. Er bot Blumen, eine Wohnung weil er Probleme immer mit Angeboten lösen wollte. Frieden kaufen. Er kapierte nicht, dass es nicht um Wohnung oder seine Mutter ging.

Denn wenn der Ehemann seine Frau nicht beschützt, nimmt das etwas vom Fundament der Ehe. Es ist keine Kränkung, die vorbeigeht. Es ist ein Riss in der Grundmauer. Und der war vom ersten Jahr an da. Ich wollte ihn nur lange nicht sehen.

Christian, sagte ich, als er verstummte. Nimm die Blumen. Für deine Mutter. Sie versteht ja jetzt angeblich alles.

Er sah auf den Strauß.

Du meinst das ernst?

Ja.

Klara, du wirst alleine sein. Du bist zweiundfünfzig. Kein Vergleich zu Mitte Zwanzig.

Ich weiß, wie alt ich bin, sagte ich. Ich habs selbst gezählt.

Was wirst du machen? Malen? das klang herablassend, fast mitleidig.

Ja, sagte ich ruhig. Ich werde malen.

Er ging. Ich schenkte mir Kaffee ein, saß lange am Fenster, sah dem schmelzenden Schnee zu. Keine Genugtuung, keine Erleichterung eher leises Bedauern, wie nach überstandener Krankheit, wenn man endlich wieder atmet.

Im Januar fand ich Arbeit. Die Kunstschule an der Schillerstraße, drei Blocks entfernt. Ich sollte Kurse für Malerei geben, für Kinder und Erwachsene. Wenige Stunden, wenig Geld, aber es leuchtete von innen. Das lernte ich erst spät zu schätzen aber ich lernte es.

Früher, im Studium, hatte ich vom Künstlerinnendasein geträumt: Ausstellungen, Galerien, Paris, alles. Dann kam die Ehe, das Leben bog ab. Christian fand mein Malen nett, aber immer als Hobby. Wie Stricken oder Balkonblumen: nett, aber kein richtiger Job.

Ich versuchte ihn nicht zu überzeugen. Warum auch? Ich malte am Wochenende, manchmal abends. Kleine Leinwände, Landschaften, Porträts, Stillleben. Die stapelten sich in Kisten, ganz hinten im Flur, unter dem Bett.

Jetzt zogen all diese Bilder mit nach Bockenheim, in mein altes Zimmer, das plötzlich winzig wurde. Papa bat, doch einige Bilder aufzuhängen, und Mama stimmte zu. Flur, Wohnzimmer, sogar Küchenecke bekam ein kleines Flussbild, das ich vor Jahren gemalt hatte.

So soll es sein, sagte Papa, betrachtete den Fluss über dem Kühlschrank. Leben mit Schönheit.

Er wurde deutlich besser. Was ich nicht erwartet hatte. Nach jenem Abend bei Waltraud hatte Papa irgendwas umgestellt in sich. Die Werte wurden stabiler, der Appetit kehrte zurück. Morgens machte er seine Übungen.

Wir verbrachten viel Zeit zusammen. In der Ehe war ich kaum da gewesen, jetzt waren wir uns nah wie nie. Abends las ich ihm Literatur vor Storm, Fontane, manchmal Stifter, die ruhigen, leisen Töne. Oder wir sprachen einfach.

Weißt du, sagte er im Februar, als wir das Winterlicht betrachteten, ich dachte oft: Klara lebt, aber irgendwas passt nicht. Du hast nicht geleuchtet. Wie eine Lampe, bei der das Leuchtmittel kaputt ist. Brennt, aber es macht kein Licht.

Ich schwieg. Sah hinaus, auf die spielenden Kinder, das Glück in ihren Bewegungen.

Jetzt leuchtest du, sagte Papa. Das ist alles.

Seinen eigenen Weg nach 50 zu gehen, war nicht halb so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Das Schlimmste war die Entscheidung und der Glaube, dass echte Freude tatsächlich Beruf werden kann.

Meine Erwachsenengruppe war überwiegend weiblich. Zwischen 30 und 70. Da war Edith, ehemalige Buchhalterin, zeitlebens wollte sie malen, traute es sich aber nie zu, weil unnütz. Da war Jana, vierzig, Apothekenangestellte, abends todmüde, aber am Pult blühte sie auf. Da war Trude, zweiundsiebzig, die langsam, verwackelt, aber mit kindlicher Freude strich.

Mit den Kindern war es lauter. Sie fürchten keine Fehler, pinseln kreuz und quer, nennen es Himmel, und manches Mal ist es wirklich Himmel. Frech, wild, ohne Angst.

Im Frühling begann ich wieder ernsthaft zu malen. Täglich, auch nur eine Stunde. Mein Blick fiel hinaus auf Dächer, kahle Märzäste, erstes Gras beim Zaun. Ich malte Papas Hände, jede Sehne, jeden Knopf kannte ich auswendig. Malte Mama mit Buch am Sessel. Flur mit Galerie.

Es wurden immer mehr Bilder. Mama bohrte immer wieder neue Nägel ein wenig verlegen: Klara, unser Flur ist wie ein kleines Museum.

Stört dich das?

Im Gegenteil und sie lächelte. Ein echtes Kompliment.

Dann traf ich Georg. Es war der Zufall wie wohl immer, wenn sich gute Dinge anbahnen. Im April. Ich trug eine große Leinwand, in Papier, zu sperrig, ließ sie vorm Haus fallen. Das Papier rollte sich ab, die Leinwand kugelte über den Gehweg.

Lassen Sie mich, sagte jemand. Etwa sechzig, kräftig, robuste Arbeitsjacke, aus der Werkzeug ragte. Hände, die sichtlich zupacken können, grob, aber feinsinnig.

Er hielt die Leinwand, fixierte das Papier, während ich es band.

Gemälde?

Ja.

Groß, sagte er anerkennend. Sie sind Malerin?

So ungefähr. Sie wohnen hier?

Im Nachbarhaus, sagte er. Georg.

Klara.

Der Gruß war der eines Erwachsenen, ohne Überschwang, sachlich. Er half mir in den Aufzug, das wars dachte ich. Doch wir trafen uns öfter: am Briefkasten, im Laden, auf der Bank vorm Haus.

Später erfuhr ich, er arbeitet in der Hauswerkstatt, repariert Möbel, baut kleine Sachen aus Holz; abends schnitzt er daheim. Nach und nach erzählte er davon, ganz gewöhnlich, nicht großspurig.

Er war kein Mann vieler Worte. Das war das Erste, was mir auffiel. Es gefiel mir.

Im Mai lud ich ihn zum Bilderanschauen ein. Ohne Hintergedanken er hatte darum gebeten. Er sagte: Man muss es sehen, nicht erklären.

Er kam samstags. Mama buk extra Kuchen. Sie schaute mich bei meinem Einwand bloß wissend an.

Georg ging bedächtig von Raum zu Raum. Sagte lange nichts. Kein Bedürfnis, jede Stille mit Urteil zu füllen. Ein paar Minuten blieb er vor den Händen meines Vaters stehen.

Wessen Hände sind das?

Papaps, antwortete ich.

Er machte eine Pause.

Man sieht, dass Sie ihn lieben. So kann man das nicht erfinden, sagte er.

Mir blieb die Sprache weg. Gerade weil es so einfach, so treffend war.

Beim Tee sprachen Papa und Georg über Holzarbeiten. Georg erzählte von seinem Großvater, von Hölzern, vom Erkennen der Form. Sie verstanden sich, wie Menschen, die mit den Händen arbeiten.

Guter Mensch, sagte Papa, als Georg gegangen war.

Ich finde auch, sagte ich leise.

Ich drängte nicht. Das war das Wichtigste, das ich fühlte: Ich musste zu nichts mehr eilen. Es war Platz füreinander.

Er drängte ebenso wenig. Wir trafen uns, gingen zusammen einkaufen, er half mal kurz mit Möbelrücken. Brachte Mama Cassis aus dem Garten, zeigte Papa Handyfotos von Schnitzarbeiten.

Im Sommer fuhren wir an den Main. Einfach sitzen, er angelte, ich skizzierte. Manchmal schwieg er, manchmal sagte er was. Und diese Stille war nie leer.

Haben Sie nie über eine Ausstellung nachgedacht? fragte er eines Tages. So viele Bilder, alle hier.

Doch, gestand ich. Habe oft nachgedacht. Nur

Nur?

Nur Angst gehabt. Dass es nicht reicht. Kein Niveau. Echte Maler sind anders.

Er blickte aufs Wasser.

Ich hab meine Schnitzereien lange niemandem gezeigt. Dann hat ein alter Nachbar gesagt: Das ist Handwerk, Georg. Gutes Handwerk. Handwerk braucht sich nicht zu schämen.

Und dann?

Da fing ich an, sie zu zeigen, sagte er schlicht.

Das war wohl der Moment, in dem ich mich wirklich an die Ausstellung wagte.

Im September sprach ich mit der Leiterin der Kunstschule. Der Ausstellungsraum ist klein, sagt sie, aber herzlich. Wir setzen den Februar als Termin. Sieben Monate Vorbereitung. Ich sortierte meine Bilder, plante neue Arbeiten.

Georg war sofort dabei. Nicht mit Ratschlägen mit echter Hilfe. Brauchst du Rahmen? fragte er. Als ich sagte, die im Handel seien zu teuer, meinte er: Ich mache sie. Du brauchst nur die Maße sagen.

Er schnitzte zweiunddreißig Rahmen in drei Monaten. Unterschiedliche für die unterschiedlichen Werke. Kam vorbei, zeigte Muster, umrundete manchmal ganze Nachmittage die Bilder, um sie zu messen. Jedes Mal mit der Geduld eines Menschen, dem es wirklich um die Sache geht.

Papa beobachtete das, schwieg meist, doch manchmal sah er mich einfach nur an das war genug.

Mama schwieg nicht.

Klara, sagte sie abends in der Küche, den Ton gedrückt wie ein Geheimnis, das keiner hören darf. Du bist doch nicht blind?

Mama.

Er ist ein guter Mann. Fleißig. Und er sieht dich.

Er sieht mich, bestätigte ich.

Und?

Es ist gut so, Mama. Alles ist gut.

Und es war gut. Nicht perfekt, nicht einfach, aber morgens stand ich am Fenster, dachte an Arbeit, an Bilder. Papa war lebendig. Mama buk Kuchen. Georg schnitzte Rahmen. Die Kinder in der Kunstschule freuten sich an ihren Werken.

Das ist das Leben, dachte ich irgendwann. Nicht das, von dem ich mit zwanzig träumte mit Lärm und Glanz. Sondern leise, etwas scheu, nach Leinöl und Holz riechend. Aber echt.

Im Januar gestalteten wir den Raum, Oksana, eine Kollegin, half beim Aufhängen. Georg kam mit den Rahmen, ordnete sie, justierte, stellte um. Ganz selbstverständlich.

Die hier, Papas Hände, die gehören ins Zentrum, sagte er.

Ich hängte sie dorthin.

Zur Eröffnung am ersten Freitag im Februar kam halb Frankfurt: Schüler*innen, Bekannte, Kolleg*innen. Edith aus dem Malkurs in ihrem besten Kleid, Trude mit Enkelin, lange vor meinem verschneiten Hofbild. Siehst du, Anna? Unser Hof.

Mama und Papa saßen in der ersten Reihe, Papa im Anzug; die Augen glänzten, ich musste mehrmals wegschauen, damit ich nicht weinte.

Georg stand an der Wand hinten, lächelte nur ganz kurz, aber ich sah es.

Irgendwann spürte ich eine Unruhe. Ich drehte mich um.

Christian stand an der Eingangstür.

Er hatte zugenommen, trug einen schicken Mantel, typisch für ihn. Er sah sich den Raum an, prüfend. Nickte, als er mich sah. Ich nickte zurück und sprach weiter mit Oksana, angespannt.

Ein paar Minuten später kam er zu mir.

Gratuliere, sagte er.

Danke.

Er sah sich um. Die Bilder, Menschen, die kleinen Namensschilder.

Ganz hübsch, sagte er. Das hübsch meinte: Okay, für deine Verhältnisse.

Mir gefällt es, sagte ich ruhig.

Ich sehe, du bist in deinem Element. Er machte eine Pause. Das hier ist alles ganz nett, Klara. Aber wovon lebst du? Die Kunstschule zahlt doch kaum.

Es reicht.

Wofür reicht es? Die Schuhe da die hast du vor drei Jahren gekauft. Die kenn ich noch.

Und ich erinnere mich an dich, Christian, sagte ich leise. Und daran, worauf du Wert legst. Unter anderem auf Schuhe.

Er runzelte die Stirn.

Es geht mir nur darum, dass du mehr verdient hättest. Du bist klug, du hast Geschmack du könntest

Was denn? Zurückkommen und wieder schweigen hinter deiner Mutter?

Er senkte die Stimme.

Meine Mutter spielt keine Rolle. Ich spreche von uns.

Uns gibt es nicht mehr, sagte ich. Schon lange nicht mehr.

Klara. Er kam näher. Schau dich um. Das ist eine Ausstellung in einer kleinen Schule. Du verdienst Besseres. Ich kann dir das geben: ein Leben in Sicherheit. Eine Rente, einen Lebensabend

Ich sah ihn lange an. Ohne Wut, ohne Mitleid. Einfach so, wie man etwas ansieht, das einmal wichtig war, jetzt aber vorbei.

Christian, sagte ich, mein Lebensabend ist nicht das, was ich denke, wenn ich arbeite. Und ich werde nie wieder für ein bisschen Komfort so schweigen wie früher. Du sprichst in Geld, weil das deine Sprache ist. Ich will in der Sprache leben, die ich verstehe.

Er schwieg.

Siehst du da vorne? Ich zeigte auf die Reihe mit meinen Eltern. Papa ist das erste Mal seit Langem wieder unter Menschen. Weil es ihm wichtig war. Das ist für mich Leben.

Er begriff. Man sah es im Gesicht. Aber es war das Verständnis eines Endes.

Du hast dich entschieden, sagte er.

Ja. Schon lange.

Er blieb noch kurz, sah sich die Bilder an. Blieb vorm Zentrum stehen. Gute Bilder, sagte er sachlich.

Danke.

Dann ging er. Ich sah ihm nach und wusste: Das war es. Das musste endlich passieren. Kein Drama. Kein Weinen. Einfach vorbei.

Georg berührte mich am Ellenbogen. Ich drehte mich.

Alles okay? fragte er leise.

Ja, sagte ich. Alles gut.

Er nickte. Fragte nicht, wer das war. Stand einfach neben mir. Und das genügte.

Als die meisten Gäste gegangen waren, blieben wir: Papa, Mama, Georg und ich. Georg ging noch einmal langsam herum, betrachtete die Bilder in seinen Rahmen. Mama hielt Papa an der Hand. Er starrte die große Leinwand an der hinteren Wand an Mainufer, Angler, Himmel im Wasser gespiegelt. Ich hatte es vor Jahren gemalt, aber es schien, als wäre es jetzt für Georg.

Klara, rief Papa.

Ich trat zu ihm.

Du hast was geschafft, sagte er. Einfach so.

Du auch, sagte ich und hielt seine Hand.

Sie war warm. Dieselbe Hand, die sich an die Tischkante klammerte im reichen Haus, die vor Anstrengung zitterte, die sich aufgebäumt hatte. Ich spürte das Zittern, damals wie heute, aber jetzt war Ruhe darin.

Gute Rahmen hast du gemacht, Georg, sprach Papa dann. Richtiges Holz.

Birnbaum. Wirkt weich zur Malerei, antwortete Georg.

Birnbaumrahmen, murmelte Papa und schien es zu schmecken.

Mama sammelte Kuchenreste vom Tisch ein. Nehm ich mit nach Hause. Wegwerfen wär Sünde.

Ich lachte. Ganz ehrlich, aus dem Bauch.

Es war komisch, aber auch so warm, so echt: Ausstellung, Bilder, Birnbaumrahmen, Christian und sein Geld, Papas Hand, Melancholie im Abschied vom Gewohnten, und Mama, die Kuchen in die Tüte packte, weil Wegwerfen falsch ist. Das war das Leben, alles auf knapp vierzig Quadratmetern.

Georg fragte plötzlich:

Essen Sie eigentlich Fisch, Frau Bergmann? Ich fahre am Wochenende zum See. Wenn was beißt, bring ich was mit.

Aber klar, antwortete Mama. Josef liebt Fisch.

Dann gebe ich mein Bestes, sagte Georg ernsthaft.

Papa sah ihn zustimmend an.

Georg, an welchem See fischen Sie?

Am langen See. Kennen Sie?

Natürlich, Papa wurde lebendig. Da war ich vor Dreißig Jahren oft angeln! Frühmorgens, Nebel wie Milch

Genau, nickte Georg. Um den Nebel gehe ich vor Sonnenaufgang hin.

Sie sprachen über See, Fische, den Morgen. Mama packte Kuchen fertig. Ich stand zwischen meinen Bildern und dachte: Das ist es. Mein Glück.

Kein lautes, kein filmreifes Glück. Kein Glitzern. Papa redet mit Georg über Nebel, Mama packt Kuchen, Bilder hängen in Birnbaumrahmen, und ich weiß, noch viele Winter und viele Morgenkaffees und viele Leinwände kommen. Alles meins.

Wie überlebt man eine Scheidung mit über fünfzig? Manchmal fragen mich Bekannte das. Nicht direkt. Mehr: Wie hast du dich getraut wie hast dus geschafft? Ich habe mich nie getraut. Aber eines Tages stand mein Vater auf und ich wusste, dass Schweigen manchmal alles kaputt macht.

Elternliebe ist unschätzbar. Nicht Geld, nicht Ratschläge. Sondern dass ein alter Mensch mit Schmerzen aufsteht und sagt: Nein. Das gibt einem das Recht, man selbst zu sein.

Giftige Schwiegermütter, das ist kein Märchenbösewicht. Es ist schleichendes Gift am Tisch, im Alltag. Der Ehemann, der schweigt, weils bequemer ist. Die Frau, die aushält, bis sie es nicht mehr aushalten kann.

Ich bereue die Zeit mit Christian nicht. Es war wie es war. Aber ich bereue auch nicht, gegangen zu sein. Weibliches Glück nach der Scheidung klingt nach Frauenzeitschrift aber in Wahrheit ist es nur: Man wacht morgens auf und fragt, was will ich heute tun, nicht, wie vermeide ich Ärger.

Beziehungen zur Schwiegermutter, das ist ein eigenes Kapitel. Ich glaube nicht, dass jemand absichtlich böse ist. Waltraud machte das aus Überzeugung. Sie meinte, sie müsse beraten. Das kann sich nicht ändern. Das einzige, was geht, ist: Man verlässt den Raum.

Das haben wir getan.

Jetzt ist März. Mehr als ein Jahr ist vergangen. Papa war diesen Winter öfter draußen, Georg hat ihn mit zum Angelsee genommen, sie kamen rotbackig zurück, wie Kinder.

Mama hat ein neues Rezept, Kohlkuchen, gibt es jetzt jeden Sonntag. Ich habe acht neue Bilder gemalt. Die Kunstschule hat uns einen weiteren Raum gegeben.

Gestern hat Georg mir eine kleine Holzvogel mitgebracht, stellt sie auf meinen Schreibtisch.

Was ist das?, fragte ich.

Ein Dompfaff. Ich dachte, du magst ihn.

Ich nahm ihn: warm, aus hellem Holz, mit Liebe geschnitzt, klein, aber lebendig.

Danke, sagte ich.

Bitte, sagte er nur.

Der Dompfaff steht am Fenster und schaut hinaus. Draußen schmilzt am Rand der Schnee, Spatzen hüpfen schon. Bald ist Frühling. Ich werde Frühling malen, das erste Grün am Zaun, den Märzhimmel, der nur im März so ist.

Wenn der Mann einen nicht schützt, tut das besonders weh. Es ist nicht, wie von Fremden verletzt zu werden. Das Schweigen in dem Moment beantwortet ungestellte Fragen. Die Antwort, was für ihn zählt.

Es hat achtzehn Jahre gebraucht, um sie zu verstehen. Ich mache mir keinen Vorwurf. Ich weiß es jetzt.

Am Tisch neben dem Dompfaff liegt mein Skizzenbuch. Morgen stehe ich früh auf, solange alle schlafen, gehe hinaus und zeichne, wie unser Hof um sieben aussieht. Vielleicht wird das ein Bild.

Das ist das Leben. In einem geschnitzten Vogel. In Kohlkuchen. In Papas Stimme: Wir gehen, meine Tochter wird hier nicht beleidigt. In dem, wie Georg zum Bild zurücktritt, bevor er etwas sagt.

Was kommt, weiß ich nicht. Das ist okay. Früher dachte ich, das Leben müsse planbar und sicher sein. Heute weiß ich: Die Zukunft ist bloß ein weiterer Tag, an dem du aufwachst, ans Fenster gehst und denkst: Ich hole gleich den Block.

***

Klara, sagte Georg, als wir am Ende des Ausstellungsabends zusammensammelten, Bist du müde?

Nein, antwortete ich. Und das stimmte.

Er blickte auf die Bilder, dann auf mich.

Wann ist die nächste Ausstellung?

Ich lachte.

Lass mich diese erstmal verdauen.

Gut, grinste er. Aber denk dran. Ich hab schon Eiche bekommen. Für größere Formate. Eiche hält besser.

Ich blickte ihn an. Auf sein ruhiges Gesicht, die Hände, die Dinge schaffen, die bleiben.

Danke, Georg. Für die Rahmen. Für heute. Für alles.

Gern, sagte er. Du hättest es auch allein geschafft.

Vielleicht, antwortete ich. Aber so ist es besser.

Er nickte. Griff meine letzte Leinwand und hielt mir die Tür auf.

Wir gingen gemeinsam hinaus.

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Homy
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Achtzehn Jahre Schweigen
Gestohlenes Glück Sie begegneten sich im schmalen Durchgang zwischen zwei Lattenzäunen – die eine, die Grigori nach Gesetz seine rechtmäßige Ehefrau nannte, und die andere, die es nach jedem Recht des Herzens hätte werden sollen, es aber nie wurde… Es war eine trostlose, stille Zeit – klirrende Kälte hatte alle Menschen ins warme Hausinnere getrieben. »Nur ein schlechter Traum, weiter nichts!«, schoss es Tatjana durch den Kopf, während sie prüfend ins rosige Gesicht ihrer Rivalin blickte. Die Rivalin selbst ahnte nichts von Tatjanas Gefühlen. Ihr Name war Akulina. Grigori war für Tatjana immer unerreichbar gewesen. Nicht einmal im Traum hätte sie daran gedacht, dass Akulina – längst seine Ehefrau, Ehefrau Ustinovs, Mutter seiner Kinder, Großmutter seiner Enkel – an seiner Seite war. Das dürfte eigentlich nicht so sein; immer wieder träumte sie davon, dass es anders wäre, und in Wirklichkeit blieb nur ein schwerer Traum, in dem alles so ganz anders lag. »Nein und nochmals nein – Gott möge mich erschlagen!«, dachte Tatjana jedes Mal, wenn sie Akulina aus der Ferne oder Nähe sah. »Es kann nicht sein, dass diese Frau nach demselben Gesetz lebt wie alle anderen! Sie lebt nach einem fremden, gefälschten Gesetz! Hätte sie ihr eigenes – sie wäre niemals Grigoris Frau geworden! Mutter seiner Kinder! Großmutter seiner Enkel!« Doch das Schlimmste war nicht, dass sie es glaubte – das Schlimmste war: Niemand sonst auf der Welt, keine lebendige Seele, würde je diesen Betrug erkennen! Schrei, spring in den See, brenn das ganze Dorf nieder – niemand wird es merken, niemand glauben, niemand begreifen! Kein einziger Mensch außer ihr selbst! Menschen kommen ohne Arme, ohne Beine zur Welt, blind, taub, stumm, wahnsinnig, hässlich, von früher Kindheit an zum Tod verurteilt – alles schon dagewesen, doch das ist offensichtlich. Aber hier wurde ein Geheimnis geboren, stumm, taub, das auf der ganzen Welt nur Tatjana Pankratowa kannte! Und hier stand sie, Akulina, auf dem schmalen, schneebedeckten Pfad, und als würde sie Tatjanas schlechten Traum vorwärtstreiben, fragte sie interessiert: »Wie geht’s dir denn, Tatjana Pawlowna?« »Ich lebe…« »Ich lebe auch!«, lachte Akulina, drehte sich nach rechts, dann nach links, als wolle sie sich zeigen. »Siehst du!« Ihr Gesicht war schneeweiß… In Pokrowka wusste man – sie hat ihr Gesicht nie ungewaschen schlafen gelegt, weder als Mädchen noch als Frau, sondern immer mit Buttermilch gereinigt. Auf dem weißen Gesicht – große, runde, leicht hervortretende Augen. Sie trug eine schwarze Walkjacke mit weißem Pelzbesatz, ein puscheliges Schultertuch und neue, noch ungetragene Filzstiefel. Tatjana erinnerte sich beim Anblick plötzlich: Sonntag! Sie hatte vergessen, welcher Tag heute war, doch Akulina war von Kopf bis Fuß sonntäglich, festlich gekleidet. »Und wie kommst du, Tatjana Pawlowna, ausgerechnet in unsere Seestraße heute? Wohin führt dein Weg?« In die Seestraße von Pokrowka war Tatjana nur aus Neugier auf Ustinovs Haus gekommen; sie hatte ihn drei Tage nicht gesehen und wollte wissen, dass er, Grigori Ustinov, noch lebt – an seinen Gardinen in den Fenstern konnte sie das ablesen. Hätte man nach rechts über den Zaun geblickt, hätte man zwei Fenster von Ustinovs Hütte im Hof gesehen, aber Tatjana schaute nicht hin, Akulina hingegen warf einen kurzen Blick auf ihren Hof und fragte nochmals: »Wohin gehst du denn?« »Einfach so…« Akulina grinste. »Und dein Mann, wie geht es dem, dem Michail? Hab schon lange nichts mehr gehört von ihm.« »Er lebt«, seufzte Tatjana schwer. »Wie immer, zimmert er an der Treppe, werkelt an Holz. Ruhig lebt Michail. Es gibt wahrlich nichts über ihn zu erzählen…« Und plötzlich trat sie auf Akulina zu und fragte laut und fordernd: »Und wie lebt Ustinov derzeit? Grigori Leonidowitsch? Der bekannte Mann? Ständig beschäftigt, oder?« Eine andere hätte schon geflucht, losgeschrien – »Ach du Miststück! Schläfst heimlich mit fremdem Mann? Schleichst dich nachts zu meinem Mann ins Haus, lauerst unter seinen Fenstern – obwohl du selbst einen Ehemann hast? Vor aller Augen, öffentlich?!« In Pokrowka verzieh man das nicht einmal den armseligen Witwen, warum also einer Ehefrau? Doch Akulina tat das nicht. Für einen Moment wich sie zurück, ihr weißes Gesicht verdunkelte sich – doch dann fielen auf jede Wange eine feuchte Schneeflocke, beide schmolzen, liefen über die Wangen wie zwei Tränen und wuschen alle Kränkung, allen Groll fort… So blieb Akulina: tüchtig, schön, festlich gekleidet und – freundlich noch dazu. Und sie fragte weiter: »Grigori Leonidowitsch ist doch fast jeden Tag bei dir im Gemeinderat? Dir muss ich nicht viel erzählen über ihn?« »Ich frage eben. Drei Tage hab’ ich ihn nicht gesehen… Nicht im Gemeinderat.« Tatsächlich hatte Akulina das gewisse Etwas, das sie zur Ehefrau Grigori Ustinovs machte – und Tatjana wurde davon noch banger, bereute, dass Akulina sie nicht anschrie und beschimpfte. »Er ist immer in Arbeit und Sorge, unser Grigori Leonidowitsch«, erklärte Akulina. »Ob im Gemeinderat, in seiner Kommission – Müßiggang ist bei ihm nie. Nicht als junger Mann, nicht als Erwachsener. Vater, Großvater.« »Ist es nicht langweilig mit so einem? Immer so fürsorglich und ernst? Ein ganzes Leben lang?« Und wieder lächelte Akulina nur leise, schwieg, und erinnerte sich dann: »Manchmal war es schon langweilig! Wirklich! Ich hab meine Jugend an seiner Seite gar nicht oft bemerkt. Da waren unsere Großeltern, die halfen bei der Kinderaufzucht, beim Vieh – wir Jungvermählte hätten frei feiern, spielen können. Aber Grigori Leonidowitsch hatte nur Bücher im Kopf, nie Festlichkeiten. So war es immer.« »Warum hast du ihn dann geheiratet – den Langweiler?« Seltsam eigentlich, dass sie überhaupt so ins Gespräch kamen, aber Akulina sprach ruhig, als wäre sie ganz unter sich: »Mein Vater wollte es. Seliger Papa. Ich folgte ihm, verstand: Wenn ich in der Jugend etwas vermisse, kommt das später zurück.« »Und – war’s so?« »Natürlich! Nach ein zwei Jahren fand ich seinen Charakter wunderbar. Ich wunderte mich, wie es in anderen Häusern so viel Streit, Schimpfen, Trinken gab. Wenn ein Mann seine Frau aufs Feld schickte und sich auf den Ofen warf – so was fände ich schrecklich! Ich bin anderes gewohnt: dass alles seine Ordnung hat, und was schlecht läuft, das macht Leonidowitsch nicht!« »Ein leichtes Leben. Und keineswegs ein Frauenleben!« »Genau das ist ein Frauenleben! Und ich sag’s dir: Ich hab ihn mir verdient! Später wurde aus Grigori Leonidowitsch ein hochgeachteter Mann, und als junger erinnert sich kaum jemand an ihn – er war eine graue Maus, nur mit seinen Büchern beschäftigt, für die Mädchen uninteressant … Nur ich bin ihm gefolgt, danke meinem Vater! Die anderen bissen sich später vor Ärger in die Ellbogen, aber zu spät! Die beste Zeit war vorbei!« Akulina lächelte plötzlich und lachte sogar. Eine kluge Frau lachte ein naives Mädchen an. So war Akulina, nicht im Traum, sondern wirklich! Sie nahm Tatjana sanft am Ärmel, zog sie aus der Gasse heraus auf die Straße und erzählte weiter von jener besten Zeit, als sie die erste Braut von Pokrowka war, immer in ihren gelben Schnürschuhen mit hohen Absätzen – während Tatjana arm war und sich mit einem Messer im Stiefelschaft gegen aufdringliche Heiratskandidaten wehrte. Und jetzt gingen sie nebeneinander, zwei der schönsten Frauen von Pokrowka. Wie beste Freundinnen, unzertrennlich! Die eine ging von Kindheit an auf hohen Absätzen und kam nie ins Straucheln; die andere kannte Absätze nur vom Hörensagen, und doch schritten sie heute Seite an Seite, überraschten die sonntägliche, zwar stille, aber wachsame Pokrowkaer Straße. Doch Tatjana blieb nicht lang das naive, wortlose Mädchen, legte lachend einen Arm um die Freundin und sagte: »Du, Akulina, könntest mich doch mal zu euch ins Haus einladen! War noch nie bei den Ustinovs zu Gast!« Akulina stockte. Sie gingen noch ein Stück weiter zur Haustür. Akulina zog die Riegel, öffnete das Hoftor mit dem neuen, dicken Lederriemen – da war der Hof, die Veranda, das Haus der Ustinovs! Dieser Mensch lebte wie alle: eine große Küche mit Tisch in der Ecke, der Herd mit blauer Bordüre… Tatjana warf einen Blick ins Wohnzimmer – sauber, wenn auch nicht wie bei ihr zu Hause, wo Ficus und Kommode stehen und sonst nichts; hier stand allerlei herum – Kindersachen, die Wiege, nackte Enkel flitzten umher, und mittendrin saß auf einem Schemelherd Grigoris Tochter Liza, barfüßig, sommersprossig und schwanger, nähte hektisch einen Mantel. Verwundert nickte sie Tatjana zu: »Was sucht Tatjana Pankratowa in unserem Haus?« Liza war kein böses Weib, aber sehr einfältig, verschluckte die Worte beim Reden… Und im Nebenraum: was man in Pokrowka selten sieht, außer bei den Ustinovs und wenigen anderen – Bücher. Ein Schrank mit Glas, voller Bücher. Tatjana hatte anderswo schon mehr Bücher gesehen, aber nicht im Bauernhaus, sondern im Gutshaus, wo sie als Kind Dienst tat. Sie schleppte Holz und Wasser ins Haus, putzte Böden, und der Sohn des Hauses brachte ihr Lesen und Schreiben bei, ließ sie laut lesen, dann selbst, und all die vielen Bücher schienen endlos – zwei Wände voll! Tatjana lernte gerne, und sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie dachte: So viele Bücher schafft kein Mensch im ganzen Leben zu lesen. Doch da packte ihr Lehrer, der junge Herr, sie an der Brust, schob sie auf das Sofa mit den geschnitzten Löwen… Sie war nur kurz verdattert, und schon lag der Lehrer auf dem Fußboden unter den starren Blicken der Löwen – mit nasser, roter Nase und den Füßen in der Luft. Damals war Tatjanas Ausbildung vorbei. Ihr Leben in Mittelrussland auch – im Sommer zogen sie und ihr Bruder mit den Eltern nach Sibirien, in den Tomsker Kreis… Der Bruder starb unterwegs, und wäre es nicht so gekommen, sie hätten vielleicht ein fast märchenhaftes neues Dorf gefunden. Tatjana war den Leuten in Pokrowka nie böse, aber manche Sehnsucht nach anderen Menschen blieb. Sie bereute nur, dass sie im Gutshaus nicht all die schönen Bücher lesen konnte, die von solchen Menschen erzählten. Dieses ungestillte Verlangen und die schmerzliche Verlusterfahrung drückten jetzt, beim Anblick der Bücher hinter Glas, so schwer aufs Herz, dass sie Grigori beneidete und wütend wurde – er hatte alles aus den Büchern erfahren, was sie nicht konnte! Warum teilte er sein Wissen nicht? Warum konnte er es ihr nicht erzählen? Akulina erzählte er’s bestimmt, auch wenn sie keine Lust darauf hatte… Davon hätte sie gerne gelernt! Und hätte damals der Lehrer mehr gewagt, sie hätte ihn nicht abgewehrt – nein, nicht abgewehrt! Indes legte Akulina Schal und Walkjacke ab, stellte nasse Filzstiefel auf den Ofen zum Trocknen und sagte: »Zieh dich aus…« – Doch Tatjana stand noch immer da, blickte auf die Bücher, und Akulina warf einen Blick dorthin. »Ach, lass doch… Soll sie halt lesen…«, sagte sie, ohne zu präzisieren, wer »sie« war. »Andere hätten die Büchlein längst verbrannt, damit der Mann keinen Unsinn treibt, aber ich – mir reicht’s so! Weniger Wohlstand, dafür keine Vorwürfe im Haus. Mein Schwiegersohn Schurka bringt mir genug Tadel, da brauch ich das nicht auch noch! Sollen die Bücher bleiben! So schlimm ist das nicht. Zieh dich aus, Tatjana!« Tatjana setzte sich auf die Ofenbank, zog den Rock aus, öffnete die Tür zur Diele, um ihn hinauszuwerfen – da schoss der Hund Barin ins Haus. »Schluss jetzt! Was machst du hier, du Vieh!«, schimpfte Akulina. »Weißt du nicht, dass du nicht ins Haus darfst! Raus jetzt!«, und sie griff nach dem Ofenholz. Aber Barin wich nicht, legte sich auf den Boden, zitterte, und heulte mit erhobenem Kopf. Es war ein klagendes, angsterfülltes Heulen. »Und wo ist der Hausherr?«, fragte Tatjana sofort. »Ist Grigori Leonidowitsch zu Hause?« Wenn Tatjana in Ustinovs Haus ging, fürchtete sie mehr als alles, Grigori zu treffen – sie wüsste nicht, was sie sagen, wie sie grüßen sollte. Doch jetzt kam eine viel stärkere, noch unbekannte Angst, und sie fragte Akulina: »Wo ist er? Wo ist der Hausherr?« Doch Akulina ahnte keinen Verdacht, wurde rot, drehte ihr den Rücken zu und schimpfte weiter mit Barin. Mehrmals schwang sie das Feuerholz, rief dann beleidigt: »Im Wald ist er, unser Grigori Leonidowitsch! Wenn du es so genau wissen musst – seit heute Morgen. Hoch zu Ross…« Barin heulte weiter, Akulina drohte ihm: »Jetzt hau ich dir aber die Schnauze ein, wirklich. Oder glaubst du mir nicht?« Ob Barin es glaubte oder nicht – er winselte weiter, schüttelte den nassen Leib, Eiszapfen hingen am Schwanz und an den Ohren. Tatjana beugte sich zu Barin, griff in sein Fell, dort, wo der Fleck am größten war. Als sie die Hand öffnete, sah sie: bräunliche, riechende Flüssigkeit. »Blut! Blut ist das!« »Na und? Der Hund kann sich doch leicht irgendwo gerauft haben! Er ist sehr friedlich, aber hat schon mal einem anderen Rüden ein Ohr abgebissen, ganz gleich, dass der größer war!« »Das ist nicht sein, nicht Barins Blut. Er hat keine Wunde!« »Wessen dann? Wenn du es weißt!« »Vielleicht… Grigori Leonidowitsch…«, antwortete Tatjana schluchzend und verbarg das Gesicht. Da wurde Akulina endgültig wütend: »Genau das hast du wohl gebraucht! Feine Besucherin, eingeladene, sehen wollte, wie es bei uns ist!«, Akulina schleuderte das Holz in die Ecke, trat Barin, drehte sich um und flüchtete ins Wohnzimmer. »Ihm geschieht nichts, Grigori Leonidowitsch! Den ganzen Krieg hat er überlebt, ist zu mir zurückgekehrt, meine Gebete hat er gehört, und jetzt sollte ihm plötzlich was zustoßen? Glaub ich dir nicht! Keinen neidischen Zungen glaub ich, niemandem!« An der Fensterscheibe rannen die Schneeflocken hinab, es klang, als wollte ein unsichtbarer Besucher ins Haus, ganz vorsichtig… Doch im fernen Wald, ahnte Tatjana, wo das Unglück geschah, gab es keine Vorsicht. Dort herrschte Grausamkeit, blind und taub gegen jedes Leid, gegen alles Blut. Liza rannte mit Nadel in der Hand aus dem Zimmer, bleich, verängstigt – sie glaubte Tatjana: »Unglück! Es ist bestimmt ein Unglück passiert! Der Hund weiß es, es ist was mit Papa!« Tatjana packte sie an den Schultern: »Auf welchem Pferd ist Grigori losgeritten?« »Auf Mokoschka! Kluges Tier, aber was weiß man schon! Pech, pures Pech!« Liza konnte kein r rollen, aber sie sprach schnell, zitterte, starrte auf Barin. Barin stand schon auf den Hinterläufen, schlug mit den Vorderpfoten an die Tür und forderte die Menschen zum Mitkommen auf. »Gleich, gleich!«, versprach Tatjana ihm. »Jetzt! Liza!«, rief sie gebieterisch. »Renn vors Haus, spann das Pferd an, wir fahren! Barin zeigt uns den Weg!« »Aber wir haben heute keine Pferde, Tatjana Pawlowna! Gar keine mehr, Papa auf Mokoschka, Schurka auf dem neuen, meine Stute lahmt… Nichts mehr da! Nichts! Wie auf Befehl! Nichts, nichts, nichts! Willst du uns alle umbringen – es ist nun mal so!« Liza heulte, umklammert den riesigen Bauch, kreischte los, wollte Tatjana irgendwas durch das Heulen erklären, aber Tatjana hörte nicht mehr zu und stürmte aus dem Ustinov-Haus. Halbe Stunde später, oder weniger, trat Michail aus der Tür und sah, wie seine Frau hastig das Scheckpferd einspannte, und daneben hüpfte, bellte und winselte der bunte Hund – Barin, der Ustinovsche. »Wohin so eilig?«, fragte Michail zögerlich. »Es muss sein!«, antwortete Tatjana. »Mach schon, öffne das Tor!« *** Ustinovs Gesicht erschien Tatjana totenblass, weißer als Schnee; erst als er sagte: »Wer ist da?«, war sie sicher, dass er lebte. Er fragte: »Welches Pferd hab ich? Miroshka? Ist er wahrhaft tot? Mein Miroshka…« »Er ist tot!«, sagte Tatjana mit der Hand an den eiskalten Lippen des Pferdes, weinte, wusste nicht, ob Ustinov überleben würde. Seine Stimme war schwach, klang wie von drüben. »Wie konntest du sie abwehren, Grigori?« »Hätte ich das gewusst… Zwei hab ich getroffen, die anderen flohen.« Mit zerfetztem Ärmel zeigte er auf einen toten Wolf im Schnee, den Tatjana erst über den Pferderücken erkannte. Eine zweite blutige Spur führte in den Wald. Ustinov tastete nach Tatjanas Hand, führte sie zur kalten Nüstern des Pferdes. Noch tropfte warmes, zähes Blut… »Er ist wirklich… ganz fort?« »Ganz.« Plötzlich sah er sie an, verwundert: »Tatjana? Woher?« Sie antwortete nicht, er wiederholte: »Wie kommst du hierher? Seltsam…« »Seltsam! Ich sollte hier nicht sein, oder? Jemand anderer sollte hier sein, nicht ich? Aber sie ist nicht da, Grigori! Sie ist nicht da und wäre nie hier! Merk dir das, Grigori!« »Und Miroshka?«, fragte Ustinov leiser. »Lassen wir ihn zurück?« »Er ist kalt!« »Und ich bin auch kalt! Ganz kalt!« »Quatsch! Nicht ganz! Wärt ihr beide wirklich kalt, hätte ich euch hier gelassen! Aber solange noch ein Funken Wärme da ist, nehme ich dich mit! Ich geb dich nicht her!«, rief sie und brachte ihn ins Schlitten, drängte das Pferd an: »Los jetzt, zieh! Lebendig bist du – zieh!« Barin heulte, wollte Miroshka nicht allein lassen, leckte ihm über die Schnauze, fiel in den Schnee. Wollte nicht glauben, dass es zu spät war. »Rücken heil, Grigori?«, fragte Tatjana, peitschte das Pferd. »Heil…« »Bauch?« »Auch heil…« »Bein vielleicht?« »Rechts Oberhalb Knie aufgerissen… Und wohin bringst du mich, Tatjana?« »Kaum erwischt dich mal das Unglück, Ustinov! Zu wenig haben Menschen und Tiere dir angetan! Dir müsste man die Zunge herausreißen!« »Bist du bei Sinnen, Tatjana? Warum?« »Damit du nicht mehr fragst – wohin! Damit du schweigst, egal wohin! Damit du jetzt in meiner Stube, in meinem Bett schweigend liegst! Ich pflege den Verletzten, bin die Schwester der Barmherzigkeit! So, jetzt wird’s Zeit!« »Du meinst das ernst, Tatjana? Bist du denn verrückt geworden?« »Wir haben genug gespielt, dieses endlose »man darf nicht, kann nicht, soll nicht«! Du hast deine Frau, ich meinen Mann, aber brauchen wir die? Genug betrogen! Jetzt ist es an der Zeit – ich nehme dich zu mir, nimm mein Eigenes! Wer fragt, sage ich: Meins hab ich im Wald gefunden, mein Eigentum hab ich vom Feld geholt. Meinem Menschen bin ich so viele Jahre gefolgt, immer allein… Jetzt, wem gehört er? Jeder Mensch mit Herz versteht mich! Nur du nicht – und ich frage dich nicht! Du allein bist so verständnislos, so herzlos – aber diesmal hör ich nicht auf dich, nein! Alles vorbei! Heute bin ich die barmherzige Schwester – nur das zählt! So lang ich will, sorg ich dich heute!« »Hör mir zu, Tatjana… So läuft das nicht…« »Genug! Hab genug gehört! Dein ewiges »darf nicht« hab ich Jahre lang geschluckt! Jetzt reicht’s!« Und so fuhren sie, über unberührte Kuppen, mal in völliger Dunkelheit, mal im fahlen Licht des zaghaften Mondes, dann bellte Barin, jagte voraus. Ustinov stöhnte: »Auf dem Solowka kommen sie, Tatjana. Am Barin hör ich’s – auf dem Solowka!« Tatjana hielt an, sie schwiegen. Auch Barin verstummte vorn. Ustinov dachte: »Akulina?«, aber glaubte es nicht. Auch Tatjana dachte an die Walkjacke, die pelzbesetzte, an das ruhige, helläugige Gesicht. »Ist sie es? – Unmöglich!« So warteten sie schweigend — wer zu ihnen kam? Schurka, der Schwiegersohn Grigoris, kam. Er hielt das Pferd, rief: »Wer da? Freund oder Feind?« Zuerst bellte Barin: »Ach, Schurka, erkennst nicht deinen Herrn? Was los mit dir, Schurka?« Aber Ustinov schwieg. Und Tatjana schwieg. »Wer da?«, rief Schurka noch lauter, noch unruhiger. »Ich bin’s!«, antwortete endlich Ustinov. »Warum schweigt ihr denn, Vater, wenn man fragt?« Ustinov schwieg weiter, Schurka fragte: »Mit wem seid ihr unterwegs?«, trieb sein Pferd, kam näher, erkannte: »Du, Tatjana Pawlowna? Also, du? Von wo hast du Vater hierher gebracht? Aus welchem Unglück? Und wo ist Miroshka, Vater?« »Den hat’s getroffen… Endgültig. Und ich bin selbst schwer verwundet… Wer schickte dich zu mir?« »Lizonka, Vater. Ich war zu Besuch. Und wir, Vater, mit Mischka Gorjatschkin, wir haben gar nicht getrunken. Kein bisschen Karten gespielt.« »Bist du nüchtern, Schurka?« »Kann sofort pusten, Vater! Kein Tropfen mit Mischka! In welchem Schlitten fahrt ihr weiter, Vater? In dem oder in eurem? Na? Warum schweigt ihr? Ist euch schlecht?« Grigori blickte Tatjana finster an, als liege in der Entscheidung schon die Antwort – ob er bei ihr bliebe, trotz aller gesellschaftlichen Regeln, ob als neuer Mann Schluss wäre mit heimlichen Blicken, Andeutungen, unausgesprochenen Gefühlen… Bleibt er, oder… »In meinem fahr ich…«, sagte er und wandte sich ab. Schurka sprang, schleppte seinen Schwiegervater umständlich, an Tatjana vorbei, über ihre Knie, sie saß stumm, bewegungslos, dann fragte sie leise: »Und was ist mit mir? Was wird aus mir? Was – mit mir?« Ustinov stöhnte vor Schmerz. Schurka half ihm, prüfte, ob er blutete. Tatjana fragte immer nur: »Was wird aus mir?« Endlich lag Ustinov ganz in Schurkas Schlitten, Schurka bettete ihn in den Stroh, drehte das Pferd um und fuhr wortlos, ohne Tatjana auch nur einen Blick zu schenken, heimwärts.