Birgit, hörst du? Wir haben den Immobilienkredit abbezahlt. Ganz. Heute.
Ralf stand mitten in der Küche, in jener Wohnung in der Sonnenstraße, die sie vor zehn Jahren zusammen gekauft hatten. In seinen Händen, ein weißer Umschlag von der Sparkasse. Das Schreiben darauf war auf dickem Papier mit Wasserzeichen gedruckt, unten rechts ein blauer Stempel. Er hatte es noch geschafft, eine Flasche Sekt zu kaufen, nicht teuer, aber immerhin. Die stand jetzt auf dem Fensterbrett, gleich neben dem Blumentopf, in dem die kleine Yucca schon seit Monaten verdorrt war.
Birgit saß am Küchentisch und lackierte sich die Nägel. Dunkles Rot, das Ralf für sich den Gebranntes- Blut- Ton nannte. Sie ließ sich Zeit. Strich mit dem Pinsel über den kleinen Finger, hielt die Hand ins Licht, begutachtete kritisch.
Ich höre.
Und sonst? Er legte den Umschlag auf den Tisch. Zehn Jahre, Birgit. Hundertzwanzig Ratenzahlungen. Ich hab mal ausgerechnet, das sind ungefähr dreiundvierzigtausend Arbeitstage. Wenn man es in Stunden umrechnet.
Du rechnest falsch, sagte sie. Dreiundvierzigtausend Tage, das sind über hundert Jahre.
Ist ja nur bildlich gesprochen.
Dann lass das Bildliche.
Sie schraubte den Deckel auf die Flasche. Langsam, sorgfältig, als wäre das der wichtigste Moment dieses Tages. Draußen summte eine Straßenbahn vorbei. Freitagsabends in Offenbach, der Duft von nassem Asphalt und dem Bratfett von jemandem aus dem dritten Stock.
Ralf setzte sich ihr gegenüber. Ein stämmiger Mann, vierzig, mit den Schultern eines Dachdeckers und dem Gesichtsausdruck eines, der nie eine Rechnung offen ließ. Nicht schön, aber einer, den Frauen mit Zeit irgendwann doch attraktiv fanden. Jetzt sah er seine Frau an, als hätte er zu feiern gehofft und festgestellt, dass er in der falschen Gesellschaft war.
Ich dachte, wir stoßen an. Wenigstens ein bisschen.
Worauf denn?
Na worauf schon. Die Wohnung gehört jetzt uns. Keine Bank mehr. Freiheit.
Birgit blickte ihn zum ersten Mal wirklich an. Direkt, ohne zu lächeln.
Die Wohnung gehört, Ralf, offiziell mir. Weißt du das noch?
Ja, das war damals wegen deiner Steuererleichterung, du warst ja nicht angemeldet, dann hast du gearbeitet, und wir dachten…
“Wir” haben gar nichts gedacht, unterbrach sie. Du hast gedacht. Und alles unterschrieben.
Etwas klang jetzt anders in ihrer Stimme, nicht der Tonfall, etwas darunter, als hätte sie endlich aufgehört, so zu tun als ginge es nicht um Wichtiges.
Birgit, worauf willst du hinaus?
Sie stand auf, ging in den Flur zum Einbauschrank, den man von der Küche aus sehen konnte. Öffnete die Tür. Oben stand ihr großer Koffer, den sie sich 2018 für den Badeurlaub in Binz gekauft hatten. Blau, mit gelbem Streifen, ein Rad schon ewig kaputt.
Deine Sachen sind gepackt. Seit drei Tagen. Ich wollte es schon früher sagen, aber ich habe gewartet, bis der letzte Bankbrief kam. Der ist jetzt da.
Ralf blieb sitzen. Starrte den Koffer an als überlege er, ob das alles nur ein alberner Traum sei, wie ein eigenartiger Streich aus den ersten Ehejahren.
Das meinst du ernst?
Absolut.
Aber … warum?
Sie zuckte mit den Schultern. So leichthin, so gleichgültig, dass die Geste alles sagte, was ihre Worte nicht taten.
Weil ich andere Pläne habe. Da ist jemand. Er hat eine Wohnung in München, im Lehel, Altbau, Stuck an den Decken. Offenbach war nie das, was ich wollte.
Was du wolltest? Er wiederholte das Wort, als käme es aus einem fremden Film. Was du wolltest, und ich habe zehn Jahre…
Zehn Jahre hast du gemacht, was du selbst beschlossen hast, sie stellte den Nagellack an das Fenster, zu der verdorrten Yucca. Niemand hat dich zum Kredit gezwungen. Niemand zu den Überstunden.
Der Sekt stand auf dem Fensterbrett. Die Flasche beschlug allmählich. Die Bankbescheinigung lag zwischen ihnen. Das Weiß, der blaue Stempel.
Ralf stand auf. Griff nach dem Umschlag. Nicht weil er ihn brauchte, nur um etwas in Händen zu halten. Seine Finger zitterten.
Wer ist er?
Das ist egal.
Für mich nicht.
Martin. Fünfzig. Vermögensberater. Wird dir nichts geben.
Der Sekt fiel später zu Boden. Er wusste nicht, ob er ihn selbst gestoßen hatte oder aus Versehen mit dem Ellbogen gestreift. Die Flasche zersprang nicht. Sie rollte, der Sekt sprudelte heraus. Die Bankbescheinigung lag in der goldenen Lache, der blaue Stempel verlief.
Er nahm den Koffer. Die Griffe schnitten in seine Handflächen, hartes Plastik. Er hielt ihn zu fest, weil er sonst nichts mehr festhalten konnte. Das kaputte Rad schliff über die Fliesen. Die Tür fiel ins Schloss.
Draußen war Abend. April, kalt, feiner Regen. Ralf stand vor dem Haus und wusste nicht, wohin.
***
Kennengelernt hatten sie sich in einem Café in der Kaiserstraße, Birgit servierte dort Kaffee. Sie war achtundzwanzig, er dreißig. Sie fiel auf mit dichten dunklen Haaren, mit einem Blick, der den Worten oft voraus war, konnte den richtigen Moment zum Lachen finden, konnte so schweigen, dass man ihr Gedanken zutraute. Ralf hat lange nicht gewusst, ob es echte Gedanken waren, oder nur ein Reflex, antrainiert im Gastronomiealltag.
Er hatte gerade ein kleines Bauunternehmen gegründet, renovierte Wohnungen am Stadtrand. Geld reichte, aber knapp. Er wohnte zur Untermiete in Langen, fuhr einen alten VW Bus. Das Café lag auf dem Weg zur Baustelle.
Nach drei Monaten zog sie bei ihm ein, ein halbes Jahr später schlug er vor, eine Wohnung zu kaufen. Nicht weil er es eilig hatte, sondern weil es günstiger war als Miete, vor allem zu zweit. Sie suchten zusammen eine Einzimmerwohnung in der Sonnenstraße. Dritter Stock, zwei Tramstationen bis zum S-Bahnhof.
Das auf sie zu schreiben, schlug sie selbst vor.
Ich werde bald fest angestellt, dann kann ich Steuern zahlen, bekomme Rückerstattung. Das ist sinnvoller, sagte sie. Verstehst du doch?
Er verstand. Er glaubte ihr sowieso immer. Das war seine Eigenschaft, was andere Vertrauen nannten, nannten manche Naivität.
Die ersten drei Jahre arbeitete sie. Dann kündigte sie, suchte eine Zeitlang was anderes, hörte irgendwann auf zu suchen. Sagte, der Rücken schmerze, sie sei müde. Ralf widersprach nicht. Seine Firma wuchs. Er nahm Großaufträge an, verdiente genug.
War sie glücklich? Das dachte er. Sie hatte sich nicht beschwert. Nun, vor dem Haus mit dem gepackten Koffer, erinnert er sich an Kleinigkeiten: Wie sie Interieurfotos auf dem Handy durchsah, wie sie das Gesicht verzog, wenn er mal in Arbeitskleidung nach Hause kam, wie sie einsilbig auf die Frage nach ihrem Tag antwortete.
Sie sehnte sich nach etwas. Nicht nach ihm. Nach einem anderen Leben.
Martin ob sie ihn gefunden hatte oder er sie, war egal traf sie wohl in irgendeinem Restaurant. Er war einer von den Herren mit Uhr am Handgelenk, die so viel kostet wie ein Kleinwagen, sprach leise und so, als erkläre alles für sich schon die Welt.
Birgit nannte ihn zu Hause immer M., im Handy war er als Moritz gespeichert, aber in Wahrheit hieß er Martin. Das stellte Ralf später durch Zufall fest. An jenem Aprilabend wusste er gar nichts.
Er stand im Regen mit dem Koffer und dachte nur daran, dass der Bankbrief in der Sektnase auf dunkelgelbem Linoleum lag.
***
Die erste Woche schlief er bei Jürgen, seinem Polier. Jürgen war verheiratet, zwei Kinder, eine kleine Wohnung in Neu-Isenburg, Ralf schlief auf einer Klappmatratze im Flur. Jürgen stellte keine Fragen. Außer einer, abends, in der Küche.
Bist du gegangen oder hat sie dich rausgeworfen?
Raus.
Aha, Jürgen schenkte Tee ein. Wohnung auf wen?
Auf sie.
Kurz Schweigen.
Brauchst guten Anwalt. Ich kenn einen, Becker heißt der. Macht Familien- und Wohnungssachen.
Ralf nickte. Schlief die Nacht kaum. Hörte, wie die Kinder hinter der Wand flüsterten, wie Jürgens Frau Wasser in der Küche holte, das Parkett ächzte. Alles eine fremde Wohnung, warm, aber nicht seine.
Da war dieser Gedanke in seinem Kopf: Er war vierzig. Keine eigene Bleibe. Dreißigtausend Euro an die Bank gezahlt in zehn Jahren. Aus diesen Euro war eine Eigentumswohnung geworden. Die blieb zurück. Für eine Frau, die drei Tage zuvor seinen Koffer gepackt hatte und die amtliche Tilgungsbescheinigung abgewartet hatte.
Drei Tage. Sie hat gewartet.
Es war kein Ausbruch. Es war ein Plan.
Das verstand er in der vierten Nacht, ganz still, wie ein nasser Schuh am Morgen.
Er rief Becker an.
***
Becker war ein kleiner, schmaler Mann mit riesigen Brillengläsern und der Angewohnheit, jede Minute zu sparen. Sein Büro lag in der Friedberger Landstraße, überall Papierstapel, Akten auf den Fensterbrettern, auf dem Stuhl.
Erzählen Sie, bitte, sagte Becker und klappte den Notizblock auf.
Ralf berichtete. Alles: Der Kredit, die Aufschrift auf sie, zehn Jahre Zahlungen, der letzte Abend, der Koffergriff in der Hand, das kaputte Rad.
Becker schrieb mit, stellte fast keine Fragen. Dann schob er den Stift beiseite.
Zum Zeitpunkt der Kreditaufnahme waren Sie verheiratet?
Ja, ein halbes Jahr vorher geheiratet.
Alle Zahlungen vom gemeinsamen Konto?
Ja, aber eingezahlt hab nur ich. Sie hat die meiste Zeit nicht gearbeitet.
Haben Sie Kontoauszüge?
Ich nicht, aber die Bank.
Brille abnehmen, Gläser polieren.
Eine im Stand der Ehe erworbene Immobilie gilt als gemeinschaftliches Eigentum, unabhängig vom Eintrag. Das ist Paragraph 1361 Bürgerliches Gesetzbuch. Sie kann ohne Ihr Einverständnis mit der Wohnung nichts machen, solange Sie verheiratet sind.
Also nicht verkaufen?
Ohne notarielle Zustimmung nein. Aber: Ist die Scheidung eingereicht?
Nein.
Dann ist sie in der gleichen Lage wie Sie. Das ist gut.
Und das Schlechte?
Becker seufzte.
Das Schlechte: Sie weiß das. Entweder bereitet sie die Scheidung samt Teilung vor. Oder sie hofft, dass Sie nicht klagen. Die wenigsten Streitlustigen wollen sich jahrelang zerren. Zeit, Geld, Nerven. Oder Scham.
Ralf blickte ihn an.
Ich schäme mich nicht, sagte er leise.
Dann gehen wirs an.
***
Martins Wohnung im Münchner Lehel war dritter Stock, Altbau, Stuck, Parkett, Kronleuchter aus Kristall. Nach dem Sozialismus jahrzehntelang fast leerstehend, jetzt kernsaniert, mit historischer Atmosphäre, wies im Maklerdeutsch hieß.
Martin lebte hier vier Jahre. Birgit zog Anfang Mai ein, drei Wochen nach Rafs Auszug.
Der erste Monat war ein Traum. Nicht süß, sondern wie etwas, das man nur träumt, wenn man lange in engen Räumen lebte. Luft, hohe Decken, leise Nachmittage. Martin sparte nicht. Blumenvasen auf dem Tisch, deren Namen Birgit nie wusste; die Putzfrau kam dreimal die Woche; im Kühlschrank lag alles parat, was sie damals immer im Discounter aus den Augenwinkeln bestaunt hatte.
Martin war aufmerksam. Bis zu einem gewissen Punkt. Schenkte Schmuck nur so, brachte sie in Restaurants, deren Namen sie sich nicht merken konnte, kaufte Kleidung, deren Preisetiketten nach hinten hingen.
Aber.
Das erste “aber” kam nach einem Monat. Martin sah sie bei Telefonaten nie an; nicht abgewandt, sondern einfach durch sie hindurch, wie ein Möbelstück, schön vielleicht, aber eben Teil der Ausstattung.
Das zweite “aber”: Es gab immer “mein Geld”, “meine Sachen”, nie “unsere”. Nie böse, einfach exakt.
Das leiseste aber: Als sie ihn einmal gefragt hatte, ob er sie liebe, lächelte Martin dieses Halblächeln und sagte: Du bist eine sehr attraktive, kluge Frau.
Sie dachte lange danach, ob das etwas über Liebe sagte. Nein.
Aber die Wohnung war schön. Der Altbau außen war schön. Und sie war achtunddreißig. Sie erzählte sich, eine schöne Wohnung reiche.
***
Die antiken Möbel dort waren echt: Kirschbaumkommode, Sessel aus Gründerzeit, Bilder in Rahmen. Birgit übte bald einen Museumsblick: das Biedermeierstück, hier ein Jugendstilbild, dort einfach teuer.
Sie wusste nicht, dass nichts davon wirklich gekauft war. Die Möbel standen als Sicherheit für irgendwelche Schulden. Stammen aus anderen Wohnungen; waren einfach dorthin gerückt, wo eben Platz war.
Martin investierte ein Wort, das bei ihm klang, als verrichte er hohe Kunst, in Wirklichkeit balancierte er Fremdgeld in Projekte, die seltener gewannen als verloren. Die letzten Jahre: oft verloren. Schulden bei Leuten, die nicht vor Gericht sondern auf andere Weisen Geduld zeigten.
Birgit fragte nicht nach. Es war bequem, nichts zu fragen. Auch diese Fähigkeit, über Jahre antrainiert.
***
Während Birgit sich an die hohen Decken gewöhnte, tat Ralf anderes.
Die ersten zwei Monate waren innen dunkel. Draußen war Sommer, Hitze, Ferien. Innen Dunkelheit. Er arbeitete, aus Angewohnheit. Zog sich am Abend in sein möbliertes Zimmer nun in Offenbach-Süd zurück, zehn Minuten von der Sonnenstraße, zu der er manchmal absichtlich schlenderte. Nicht hinein, nur vorbei, dritte Etage, die Fenster immer dunkel. Birgit kam nicht. Die Wohnung stand leer.
Er hätte reingehen können. Hatte noch den Schlüssel. Aber Becker hatte gesagt: Lass es. Jedes Handeln vor dem Urteil kann problematisch werden.
Becker arbeitete akkurat. Holte alle Kontoauszüge, legte Tabellen an. Wer, wann, wie viel. Alle 120 Raten. Rafls Name stand immer daneben. Gehaltszahlung, Belastung, Rückbuchung. Zehn Jahre.
Das ist eine gute Beweisbasis, sagte Becker. Das wird ein langer Prozess, aber solide.
Wie lang?
Zwischen einem halben Jahr und anderthalb, wenn sie nicht ständig verzögert.
Sie wird.
Möglich.
Zwischen den Treffen arbeitete Ralf. Die Firma lief gut, nicht groß, aber stabil: acht Leute, zwei Subunternehmer, eigene Gerätschaft. Bauauftrag für ein Bürogebäude im Westend, dann noch den für Wohnraum in Hanau. Die Arbeit beruhigte nicht, weil sie ablenkte, sondern weil sie Regeln hatte. Kalkulation, Termine, Ergebnis. Bau funktioniert meist.
Leben, eher selten.
***
Drei Monate später tat er etwas, was ihm wichtig schien.
Er kam an einem Nachmittag zur Sonnenstraße. Diesmal nicht nur vorbei. Ein Bekannter, ein Schlosser, half. Dritte Etage, Schlüssel rein, Tür auf.
Die Wohnung wie verlassen. Die Yucca endgültig tot. Linoleum in der Küche leicht gewölbt, wo der Sekt war. Tisch sauber. Ihr Schrank leer. Sie hatte alles mitgenommen.
Er atmete in die Stille. Dann ließ er den Schlosser kommen.
Bau bitte ein neues Schloss ein.
Der arbeitete eine halbe Stunde. Ralf stand daneben, sah zu. Neues, sicheres Schloss, Schlüssel, die man nicht im Copyshop kopieren kann.
Kein Triumph. Kein Trost. Es war still. Als habe er einfach mit Linie den Rand neu gezogen, der verschwommen war.
Becker merkte später an, es sei juristisch etwas riskant. Sie als Eigentümerin hatte Zutrittsrecht. Sie tauchte aber nicht auf. Kein Widerspruch, nichts. Sie war beschäftigt, aber anderswo.
***
Der Prozess begann im Oktober. Birgit kam mit Anwalt, einem jungen Mann im schicken Anzug. Sprach mit ihm bei Eintritt, dann nie mehr einen Blick zu Ralf.
Becker legte dar: Wohnung in der Ehe erworben, alle Zahlungen allein von Ralf, Birgit ohne finanziellen Beitrag. Antrag: Anteil gemäß tatsächlichem Beitrag zuerkennen, Aufteilung verlangen.
Birgits Anwalt widersprach. Sprach von psychischer Arbeit, Haushaltsführung, dass Geld und Mental Load im Erbrecht gleichzusetzen seien.
Richterin: etwa fünfzig, müder, aber wacher Blick. Hörte alles geduldig an.
Kein Urteil beim ersten Termin. Nächstes angesetzt.
Das zog sich acht Monate.
***
In der Münchner Altbauwohnung ging es derweil weiter.
Birgit lernte allerlei. Wein kaufen im Restaurant, ohne auf den Preis zu schauen. Über Kunst so reden, dass man nicht schweigen aber auch keine Dummheiten sagen musste. Sich anziehen, als hätte sie alle Zeit der Welt. Es war ihr grundsätzlich leicht gefallen, sich anzupassen.
Anderes war schwerer.
Ernsthaft zu spüren, gebraucht zu sein, nicht nur angenehm.
Mit Martin war es genau so. Er war großzügig, zuvorkommend, nie grob. Aber morgens, wenn er ging, war da diese Stille, in der es schwer wurde zu atmen. Die Putzfrau kam, ging. Die Möbel standen. Birgit schweifte durch die Zimmer mit den Decken und dachte: Sie arbeitet wieder nicht. Wartet wieder auf einen Mann diesmal einen anderen, mit Blumen aus dem Fachgeschäft.
Einmal bat sie Martin um ein Gespräch.
Ich denke darüber nach, etwas anzufangen, sagte sie. Vielleicht Kurse, irgendwas.
Er musterte sie, nicht überrascht.
Gute Idee. Nur nimm was Sinnvolles. Kein Online-Coaching, keine Floristik.
Was wäre sinnvoll?
Etwas mit Resultat.
Sie schrieb sich zu einem Innenarchitektur-Kurs ein. Hielt zwei Monate durch. Hörte auf. Nicht weil es ihr schwer fiel, sondern weil Martin beiläufig fragte, wie ihre Designerkarriere laufe. Sein stilles Lächeln ließ sie nie mehr davon erzählen.
Die offenen Schulden wurden später real. Als sie ihn im Herbst nach Restaurant fragte, wich er aus. Die geplante Reise wurde verschoben, dann weiter. Seine Antworten waren ruhig wie immer, diesmal aber mit einer Vorsicht, die neue Unsicherheit zeigte.
Birgit merkte das, stellte keine Fragen. Das konnte sie inzwischen sehr gut.
***
Ralf hatte sich inzwischen eine kleine Einzimmerwohnung in der Nähe des Gewerbegebiets gemietet, zahlte drei Monate im Voraus, besorgte sich ein Bett, Schreibtisch, zwei Stühle. Als Deko hängte er eine Karte des Rhein-Main-Gebiets auf, die er sonst auf Baustellen benutzte. Zu Hause sah sie merkwürdig aus. Macht nichts.
Der Prozess lief weiter. Becker warnte, möglich, dass es sich weitere Monate zieht.
Das passt, sagte Ralf. Ich hetz nicht.
Erstaunlich der Druck war weg. Früher hatte er immer gehetzt, jetzt arbeitete er jeden Tag und kam abends in Ruhe an.
Eine Sache verstand er im Laufe der Monate. Wenn man keine Wohnung hat, wird Arbeit zum Zuhausesein. Aber nicht als Zuflucht. Eher, weil da etwas planbar ist. Wie eine Mauer entsteht, wie eine Wand gerade wird. Etwas Ruhiges lag darin.
Jürgen fragte ihn mal:
Bist du immer noch sauer auf sie?
Ralf dachte nach.
Nein. War ich. Jetzt nicht mehr.
Gekränkt?
Auch nicht. Eher traurig, dass es so lang dauerte, bis ich kapiert hab, wie blind ich war. Das ist das Einzige.
Du bist komisch, meinte Jürgen, nicht wertend.
Möglich.
***
Er begegnete Katrin im Februar. Auf der Baustelle nicht romantisch, aber so wars. Sie war Ärztin im Gesundheitsamt, Kontrolle der Arbeitsschutzdokumente, Routineuntersuchung. Klein, zierlich, kurze dunkle Haare, schon hier und da Silberfäden.
Sie trafen sich in der Pausenhütte. Sie klappte Hefter, war genervt.
Die Hälfte Ihrer Leute hat keine aktuellen Gesundheitsnachweise. Seit November abgelaufen. Das kostet Bußgeld.
Ich weiß, wir kümmern uns.
Machen Sie das. Nächste Kontrolle in einem Monat, da gibt es sonst Strafen.
Okay.
Nun blickte sie auf.
Sind Sie der Chef?
Leider ja.
Sie sah ihn noch einmal an.
Normal schauen Chefs anders.
Wie denn?
So, als wäre es ihnen egal, was ich sage. Sie machen einen anderen Eindruck.
Er lachte. Zum ersten Mal seit Monaten ehrlich.
Man trank zusammen Kaffee zunächst dienstlich, dann privat. Beim nächsten Besuch war sie ohne Hefter.
Katrin war ehrlich. Sie sagte, was sie dachte, lachte, wenns Gründe gab, nicht aus Höflichkeit. Sie kannte Schmerz von anderen, arbeitete seit zwanzig Jahren als Ärztin. Gab keine Ratschläge, sondern hörte zu.
Als er ihr von Birgit und dem Prozess erzählte, nickte sie nur.
Wie lange? fragte sie.
Acht Monate.
Hilft dir das?
Was, der Prozess?
Nein. Dass du kämpfst.
Er überlegte.
Nicht das Siegen, sagte er, sondern dass ich etwas richtig mache. Nicht weil ich sie strafen will, sondern weil ich sonst schweigen hätte müssen.
Sie verstand das.
***
Martins Konten wurden Ende März gesperrt.
Nicht strafrechtlich verhaftet, aber für Birgit war das fast dasselbe.
Sie bemerkte es zuallererst an ihrer EC-Karte, die nicht mehr funktionierte. Martin hatte sie ihr eröffnet, monatlich überwiesen. Erst dachte sie an einen Fehler, dann an keinen.
Martin erklärte es eines Abends, saß im Ohrensessel am Fenster.
Ich habe derzeit Liquiditätsengpässe. Einige Projekte stecken fest. Gläubiger haben Klage eingereicht. Wird sich regeln, aber dauert.
Wie lange ist dauert?
Kann ein Jahr sein. Vielleicht länger.
Und was jetzt?
Er sah sie an, mit dem fernen Blick, den sie mittlerweile zu lesen wusste. Nicht kalt, sondern einfach exakt.
Die Wohnung, voraussichtlich müssen wir sie abgeben. Die ist belastet. Das ist die Lehel-Wohnung.
Sie begriff zögerlich.
Diese Wohnung?
Ja.
Wo wirst du leben?
Ich habe noch etwas, kleiner, draußen vor den Toren.
Und ich?
Martin machte eine Pause.
Birgit, zum ersten Mal sagte er ihren Namen so, wie Ralf ihn immer sagte du bist eine intelligente Frau. Du weißt doch, du bist Teil einer bestimmten Zeit gewesen. Du hast diese Zeit verschönert. Aber nach dem Schluss, kommen die Requisiteure und räumen ab.
Das klang nicht böse. Genau das war das Erschreckendste.
Sie war Dekor. Bestand des Interieurs. Wie der Kirschbaumkommode. Die holen sie dann auch.
Birgit stand auf. Nehme die Tasche. Verließ die Wohnung mit Stuckdecke.
Draußen war März. Kalt, grauer Schnee. Sie ging über den Eisbach und überlegte, was sie hatte. Ein kleiner Rest Kleidung, die sie zu packen vergaß. Tasche mit Papieren. Ein paar Schmuckstücke. Sonst nichts.
Es gab noch die Wohnung in Offenbach. Aber die war nun Streitobjekt vor Gericht.
***
Im April, exakt ein Jahr nachdem Ralf mit dem Koffer gegangen war, entschied das Gericht.
Die Wohnung in der Sonnenstraße wurde als gemeinschaftlich erworben erklärt. Da Ralf die gesamten Kreditkosten getragen hatte, stand ihm laut Urteil drei Viertel des Wertes zu, Birgit ein Viertel.
Das bedeutete: Entweder verkauften sie die Wohnung und teilten das Geld im Verhältnis 3:1 oder Ralf zahlte Birgit deren Anteil aus und wird Allein-Eigentümer.
Becker erklärte ruhig:
Das ist ein exzellentes Ergebnis. Dreiviertel zu ein Viertel, das schaffen die wenigsten. Gewöhnlich Fünfzig-Fünfzig. Aber Ihre Nachweise waren lückenlos.
Wie viel ist das?
Bei aktuellem Marktwert ca. 27.000 Euro. Können Sie das zahlen?
Ralf überlegte.
Klappt schon.
Dann lieber auszahlen. Sonst zieht sichs weiter.
Ralf betrachtete die Unterlagen. Drei Viertel seiner Vergangenheit.
Nein, sagte er. Ich mache ein anderes Angebot.
***
Birgit erhielt das Paket über ihre Anwältin. Darin: ein Vergleich. Ralf bot statt 27.000 Euro nur 9.000. Im Anhang die Berechnung: Abzug der Nebenkosten, die er während des Prozesses übernommen hatte, Abwertung durch Renovierungsrückstand, Anrechnung ihrer Lebenshaltungskosten während der Ehe, als sie nicht arbeitete. Die Tabelle nannte es Ausgleich tatsächlicher Versorgung. Viele Belege, alles durchgerechnet.
Neuntausend. Ihr Kostgeld, betragsmäßig erfasst.
In den Unterlagen stand das Wort Durchschmarotzen nicht. Aber sie las es.
Sie hätte ablehnen können, vor Gericht poltern. Es hätte Monate gekostet.
Monate, die sie nicht hatte. Sie war schon bei Freundinnen untergekommen, Termine liefen ab.
Sie unterschrieb.
***
Im Mai renovierte Ralf die Wohnung in der Sonnenstraße.
Kein Prunk, nur neuer Boden, Wände streichen, Bad herrichten. Alles, was an das Früher erinnerte, kam raus: Sofa, ihr Tisch, Teller, Vorhänge. Er stellte die Sachen an die Straße. Nach zwei Stunden waren sie weg.
Die Wohnung leer. Ralf lief durch die Räume, dachte nach.
Katrin kam am selben Abend. Seit Monaten waren sie ein Paar, ohne Diskussionen über die Zukunft. Sie brachte etwas vom Bioladen mit. Sie aßen am Boden, weil es noch keine Stühle gab.
Willst du hier leben? fragte sie.
Nein.
Sie war nicht erstaunt.
Also?
Er erzählte. Katrin hörte zu, nickte ab und zu. Nicht immer zustimmend, eher weil sie verstand, wie er dachte.
Lange geplant?
Nicht geplant. Kam so.
Wann?
Als ich mit dem Koffer draußen stand. Damals wusste ich plötzlich, wie das ist, wenn du kein Ziel hast. Vergessen, dann wiedererinnert, im Prozess.
Keine Wehmut?
Er dachte ehrlich.
Vermisst habe ich anderes. Die Jahre. Aber die Wohnung sind nur Quadratmeter. Wenn sie für etwas Nützliches gebraucht werden soll sein.
Sie ließ ihn einen Moment ansehen.
Du bist ein guter Mensch, Ralf.
Weiß ich nicht. Ich will es einfach nicht länger tragen. Es ist leichter, es loszulassen.
***
Im Juni nahm Ralf Kontakt zum Frankfurter Frauenprojekt auf. Gemeinnützig, existierte seit Jahren, gemietete Zwei-Zimmer-Wohnung in Fechenheim, der Bedarf immer größer als der Platz.
Er bot die Wohnung in der Sonnenstraße für zehn Jahre mietfreie Nutzung an. Keine Spende, sondern Leihvertrag mit Option auf Verlängerung. Er wollte, dass es seine Entscheidung war, keine Heldentat.
Frau Berger, die Leiterin, sechzig, direkt und schnell.
Warum diese Wohnung?
Weil ich sie habe.
Das reicht?
Ja.
Sie musterte ihn, grinste kurz.
Wir müssten ein bisschen renovieren, ein Sofa mehr, Küchengeräte.
Bin Bauunternehmer. Regel ich.
Drei Wochen später war alles gemacht. Seine Truppe arbeitete zum Selbstkostenpreis, jeder wusste, wofür es war. Neue Türschlösser, helle Farbe, saubere Vorhänge.
Im Juli bezogen die ersten zwei Frauen die Wohnung. Eine kam aus Kiel, mit Kind, ohne Geld. Die andere stammte aus Offenbach, war nach einer Zwangsräumung obdachlos.
Ralf erfuhr die Details nicht. Frau Berger erklärte nie genau die Schicksale so war die Regel. Er fragte auch nicht.
Er wusste nur: jetzt wohnte dort jemand. Und es war warm.
***
Ende Juli meldete sich Birgit per Handy.
Ralf sah erst lange auf das Display, bevor er ranging.
Ja?
Ralf, hier ist Birgit. Der Ton sachlich, nicht flehend, nicht fordernd. Ich muss sprechen.
Sags.
Nicht am Telefon. Treffen wir uns?
Sie trafen sich wieder in jenem Café an der Kaiserstraße, wo sie einst bedient hatte. Der Laden war unter anderem Namen, aber der Ort war gleich. Ralf war früher da, trank einen Kaffee. Sie kam auf die Sekunde. Er hatte sie anderthalb Jahre nicht gesehen. Schlanker war sie, nicht sehr, spürbar. Sie war gut, aber schlichter angezogen, keine aufdringliche Eleganz mehr. Die Haare schlicht zurück.
Sie saß, las die Speisekarte, schob sie beiseite.
Weißt du, warum ich komme?
Ich denke.
Die Sonnenstraße. Ich wollte fragen. Wohnst du dort?
Nein.
Verkauft?
Nein.
Sie schwieg.
Wer wohnt da?
Menschen. Vom Frauenprojekt. Ich habe sie auf zehn Jahre abgegeben.
Birgit starrte.
Die Wohnung, für die du alles bezahlt hast.
Ja.
Warum?
Er stellte seine Kaffeetasse ab.
Weil ich nicht in einer Wohnung leben will, in der ich nicht leben will. Aber andere brauchen sie.
Sie sagte lange nichts. Dann:
Ich habe nichts, Ralf.
Ich weiß.
Ich bin seit Monaten irgendwo. Allmählich ist es unangenehm. Ich hab noch etwas Geld, die neuntausend. Aber eine Mietwohnung hält davon nicht lang.
Verstehe.
Könntest du… sie stockte, es fiel ihr sichtlich schwer könntest du mit denen vom Projekt reden? Ob es da ein Zimmer gibt?
Er blickte sie an. Ohne Mitleid, ohne Triumph.
Sie nehmen Frauen auf, die in Not sind, sagte er. Du bist, würde ich sagen, jetzt in Not. Die Nummer steht auf deren Webseite.
Du rufst nicht für mich an?
Nein, Birgit. Man muss sich da selbst melden.
Sie blickte auf die Tischplatte.
Es ist demütigend. Weißt du das?
Ja.
Hast du Mitleid?
Er schwieg einen Moment.
Ja, sagte er endlich. Es tut mir leid, wie das alles kam. Dass du dich entschieden hast, wie du dich entschieden hast. Dass es dir schwerfällt, das stimmt.
Sie schaute ihn an.
Aber?
Es waren deine Entscheidungen, Birgit. Ich mach nichts rückgängig, was passiert ist.
Lange Pause. Draußen flanierte eine Dackeldame mit Besitzer, die S-Bahn rumpelte.
Du bist anders, sagte Birgit.
Wahrscheinlich.
Früher warst du weicher.
War ich.
Und jetzt?
Er überlegte.
Mehr ehrlich. Zu mir, zu anderen.
***
Im August zog Katrin bei Ralf ein. Nicht entschieden, eher so. Erst schlief sie öfter da, dann brachte sie Sachen, bald stand ihre Tasse neben seinem Geschirr, da war das Thema Zusammenziehen von selbst erledigt.
Er sagte es eines Abends.
Weißt du, dass du jetzt hier wohnst?
Weiß ich.
Und wie findest du das?
Sie legte das Buch weg, sah ihn an.
Es ist schön mit dir. Du bist ehrlich. Sagst, was du tust. Selten genug.
Das ist doch normal.
Eben. Normal, aber selten.
Katrin hatte keine Illusionen, aber keinen Zynismus. Sie war einfach bei der Sache. Sie behandelte am Tag dreißig Patienten: Mal ernst krank, mal nur einsam. Sie konnte unterscheiden, helfen.
Er fragte:
Wirst du nicht müde von Menschen?
Schon. Aber wenn man ganz müde wird, warum dann noch?
Das war kein Pathos, nur ihr Grundsatz.
Abends gingen sie manchmal durch Offenbach, an der Sonnenstraße vorbei. Er bog nie ab.
Einmal hörte er aus dem Fenster im dritten Stock ein Kinderlachen.
Er blieb stehen, hörte hin.
Katrin nahm seine Hand.
Sie gingen weiter.
***
Birgit rief beim Projekt Anfang September an.
Frau Berger machte es kurz. Fragte nach der Situation, hörte zu, notierte was. Machte einen Termin.
Birgit kam mit ihrem alten Koffer: blau mit gelbem Streifen. Das Rad rollte längst wieder.
Frau Berger führte sie ins Büro, zeigte die Formulare. Die Regeln: keine großen Anforderungen, einfach miteinander auskommen, Ordnung halten.
Und noch etwas, sagte Frau Berger bei uns ist Hilfe immer eine Durchgangsstation. Sie suchen sich Arbeit, Ausbildung, irgendwas Richtung Selbstständigkeit. Machen wir gemeinsam, aber Sie selbst müssen den Weg gehen.
Birgit nickte.
Wie lange kann ich hier bleiben?
Kommt auf Sie an. Normal ein halbes Jahr, wenn Sie vorankommen, auch länger.
Birgit sah hinaus. Man blickte in den Hof der Sonnenstraße. Bäume. Ein Kinderspielplatz. Eine alte Dame auf der Bank mit Buch.
Verstanden, sagte sie. Ich fülls aus.
***
Am Abend stand sie im kleinen Zimmer, das sie bekommen hatte, Fenster zum Hof, zwei Betten, eines belegt von einer jungen Frau mit Kind. Das Kind schlief, die Frau daddelte am Handy.
Birgit öffnete den Koffer. Holte ihr Kleid heraus, einst für die Altbauwohnung gekauft, dunkles Blau. Schuhe, teurer als die Monatsrate damals. Schmuck in einem Lederetui.
Sie legte alles in den Schrank. Dann nahm sie das Handy und suchte Jobs.
Ihre Hände gepflegt, aber der Lack, jenes dunkle Rot, schon halb ab.
Sie tippte: Job Offenbach, ohne Erfahrung, alles möglich.
***
Septemberduft in Offenbach wie immer. Nasser Asphalt, jemand kocht Bratkartoffeln.
Ralf und Katrin gingen Freitagabend. Sie hatte einen langen Tag, er auch. Schweigsam, ohne den Druck zu reden, gemeinsam gehen.
Er wurde langsamer auf der Sonnenstraße.
Im dritten Stock brannte warmes Licht.
Weißt du, sagte er.
Was?
Sie ist dort. Birgit. Frau Berger meinte, sie habe sie aufgenommen.
Katrin blieb einen Moment still.
Und, wie gehts dir damit?
Ralf überlegte.
Seltsam. Sie wohnt jetzt dort, wo sie mich rauswarf. Ich hab nicht geholfen; sie hat sich selbst gemeldet. Und dennoch…
Dennoch?
Es bleibt eigenartig. Wie das heißt, weiß ich nicht.
Das nennt man Leben, sagte Katrin.
Er lachte leise.
Vielleicht.
Sie gingen weiter. Die Bank vorm Haus leer. Spielplatz leer. Die Lampe zuckte, brannte dann ruhig.
Aus dem Fenster im dritten Stock Stimmen. Kein Lachen, nur Stimmen. Frau und Kind.
Ralf blickte nicht zurück. Aber er hörte zu.
***
Einen Monat später sagte Katrin, Birgit habe Arbeit in einer Zahnklinik an der Kaiserstraße gefunden. Sie wusste es von einer Patientin in Offenbach weiß man alles.
Freut es dich? fragte Katrin.
Ich freue mich, dass es ihr gelingt. Auch ohne mich.
Katrin lächelte nachdenklich.
Was, wenn sie dich um Verzeihung gebeten hätte? Einfach so, nicht um irgendwas zu bekommen nur wirklich. Würdest du vergeben?
Lange schwiegen sie. Oktoberwind draußen. Gelbes Blatt auf Pflaster.
Ralf ließ sich Zeit.
Ich weiß es nicht, sagte er schließlich. Vielleicht ja. Aber vielleicht ist Vergebung nicht das wichtigste Wort.
Sondern?
Er sah hinaus, auf gelbe Blätter.
Verstehen, glaube ich. Verstehen und loslassen. Nicht dasselbe. Man kann loslassen, ohne zu verzeihen. Oder verstehen, ohne zu entschuldigen.




