Die Aktentasche
Unten quietschte die alte, immer in dunklem Braun gestrichene Haustür, die Feder krachte, die schlampig angeschraubte Holzklinke knallte gegen die ohnehin schon abbröckelnde Wand und hinterließ eine weitere Delle. Für einen Moment blieb sie offen stehen, ließ jemanden, der lauthals weinte, in den halbdunklen, nach Schimmel und Katze riechenden Hausflur. Dann fiel sie mit leisem Seufzen zu, schnitt den Strom feiner Schneeflocken ab, der in das aufgewärmte Treppenhaus wollte.
Saskia zog, rot im Gesicht vor Kälte, in ihrem seltsam unförmigen Kunstfellmantel und der Fellmütze, die jemand von Mamas Arbeit übrig hatte, die erste Stufe hoch und begann dann umso lauter zu blöken. Sie hatte Mitleid mit ihrem Schlitten, der in der schmutzigen Schneematsche dreckig geworden war. Es tat weh, den neuen, funkelnden Schlitten die Treppe hinaufzuziehen, der Mama von der Arbeit geschenkt wurde, und der jetzt seine glitzernden Kufen an den Stufen zerkratzen würde. Koziert und nicht mehr schön glänzend! Und sie hatte nicht mal Kraft, ihn zu tragen Und es brannte und schmerzte doppelt, als die salzigen Tränen auf die aufgesprungene Kälte-Lippe fielen und sie stachen wie Salz in einer Wunde, als ob sie dem kleinen, fünfjährigen Mädchen, die schniefend dastand und ganz untröstlich war, nur noch mehr wehtun wollten.
Saskia schaffte es bis zur dritten Stufe. Das Laufen in den dicken Filzstiefelchen war schwer. Sie hatte noch andere Schuhe, rote mit Pelzbesatz, aber die durfte sie nur in den Kindergarten oder ins Theater anziehen, wenn Mama mit wollte. Nicht einmal in den Hort durfte sie mit den schönen Schuhen
Schnaufend und zerrend an der Schnur, die sie vom Nachziehschlitten abgewickelt hatte, beruhigte sie sich ein wenig da riss die alte, mittlerweile spröde Wäscheleine, die Mama im Keller gefunden hatte. Mit lautem Klappern rutschte der Schlitten samt gebrochener Schnur die Treppe herunter, fiel auf die Seite wie ein erschöpftes Pferd, und Saskia meinte, ein tiefes Seufzen zu hören.
Das Mädchen stolperte hinterher, stellte den Schlitten wieder auf die Kufen, strich vorsichtig über das lackierte Holz und biss die Lippen zusammen. Sie wollte nicht wieder weinen, hielt es kaum mehr aus doch die Tränen liefen dennoch, und die Eiskristalle, die am Handschuh hingen, kratzten ihre Wange, als sie sich das Gesicht rieb.
Zarte rote Kratzer blieben auf der Haut zurück
Saskia musste unbedingt bis in den fünften Stock, dort war ihre Wohnung, klein und ordentlich, wie ihre Mama.
Schmale Gestalt, schlanke Hände in eleganten Bewegungen, immer einige Ringe an den Fingern. Saskia liebte es, die vielen Schmuckstücke am Kaffeetisch nacheinander durchzuzählen und zu drehen. Doch ihre Mutter Margarethe nahm dann schnell ihre gepflegte Hand zurück und schickte Saskia in ihr Zimmer.
Margarethe trug immer hübsche Kleider, steckte das Haar sorgfältig hoch und konnte Lidschatten und Rouge so auflegen, dass sie selbst wie eine Puppe aussah.
Ballerina! rief Saskia dann. Mama, meine Ballerina! Komm, ich will dich küssen! und sie reckte ihre rauen Lippen Richtung Mamas Hals.
Ach Mäuschen, nun sei doch nicht so albern. Nicht so fest drücken! Sonst machst du mir den Kragen kaputt
Ihre Mutter war sehr ordentlich und sauber, und immer duftete sie nach Parfum. Drei Fläschchen davon standen auf dem Nachttisch. Manchmal betrachtete Saskia gebannt die Flacons, die im Sonnenlicht bunte Reflexe warfen. Aber sie traute sich nie, einen zu öffnen. Mama erlaubte das nicht.
Heute hatte Margarethe Saskia zum Schlittenfahren nach draußen geschickt. Sie selbst wollte arbeiten sie tippte zu Hause Protokolle auf der Schreibmaschine, tippte mit langen, roten Nägeln rasch in die Tasten. Bei dem Tastenklappern schlief Saskia oft ein und wachte davon wieder auf. Dann war sie glücklich: Mamas Parfum, das Klappern der Schreibmaschine, das angenehme Völlegefühl vom Kohlkuchen zum Abendessen, den Mama immer aus dem Supermarkt mitbrachte, das warme Licht von der Stehlampe, Mamas Schatten auf den fröhlichen, geblümten Kinderzimmerwänden
Nach dem Rodeln, hungrig und ausgelaugt, kämpfte sich Saskia, ein wenig pummelig und ungeschickt in dem dicken Mantel, die Treppe hinauf, zerrte den Schlitten nur noch an einem Faden und jammerte erneut.
Sie war müde, wollte sich irgendwo hinsetzen, heißen Tee trinken, Kekse knabbern und sich dann zum Schlafen einrollen. Aber sie musste weiter hoch. Der Schlitten schabte an den Stufen, als schrammte er direkt an ihrem kleinen Herzen entlang, die Hände waren schwach, die Stiefel feucht, die Zehen kalt und die salzigen Tränen ritzten die Wangen.
Da erklang plötzlich eine tiefe Männerstimme von oben: Na hören Sie mal, meine Liebe! Muss das so ein Jammer sein? Noch ein paar Stufen, dann haben Sie es doch geschafft. Brauchen Sie Hilfe? Es schickt sich nicht, solche Lasten ganz alleine zu schleppen. Und wirklich, neben ihr tauchte ein Mann im Mantel und kariertem Schal auf, entweder eine Schiebermütze oder eine Aviatormütze leicht schief auf dem Kopf, dünne Schuhe, und einen kleinen Aktenkoffer in der Hand.
Saskia schwieg, hob den Kopf und musterte den Fremden misstrauisch. Mama hatte ihr immer eingeschärft, nicht mit Fremden zu sprechen!
Na? Geben Sie mir das Gepäck und halten Sie sich fest bei mir, ja? Der Mann streckte schon die Hand nach dem Schlitten und nach der Kleinen aus, doch Saskia schüttelte entschieden den Kopf, wischte sich die Nase ab und fing erneut an zu heulen.
Sie wollte ihren Schlitten nicht hergeben! Sollte der Onkel sie noch so schief anschauen, egal! Auch die Hand gibt sie ihm nicht.
Na dann eben alleine. Selber schuld. Wer rodeln will, muss auch den Schlitten schleppen, nicht wahr? Aber wozu das Geheule? Der Mann zuckte die Schultern.
Saskia antwortete nicht, sie schleppte sich weiter die Treppe hoch, der Schlitten klimperte hinter ihr, sie schaute nicht zurück.
Stur wie ein echtes Mädel, das ist gut. Der Mann nickte nur, sah ihr noch einen Moment nach und verschwand dann.
Unten quietschte wieder die Tür, das Treppenhaus entließ Herrn Andreas Meier in den abendlichen, verschneiten Innenhof. Wo der helle Lichtstreif im Schnee so schnell verschwand wie Andreas Schatten. Er ging zügig den Bürgersteig entlang und schwang beinahe die Aktentasche. Ein ordentlicher Schlitten, nur eben die Mama hat halt eine schlechte Schnur gefunden. Morgen bringt Andreas eine Kordel mit zur Arbeit, zeigt, wie man es richtig verknotet. Vielleicht bindet er sie selbst dran und geht mit Saskia spazieren, dann werden sie Freunde. Und vielleicht legt das kleine Fräulein irgendwann ihre fette Kinderhand in seine. Ach, man sollte nicht zu weit träumen Sonst verscheucht man noch das kleine frische Glück.
Andreas schüttelte den Kopf, griff einen Schneeknödel von der Böschung und drückte ihn sich auf die heiße Stirn. Vor seinem inneren Auge tanzte Margarethe herum, zart und feingliedrig, im Spitzenunterkleid, wie ein Duft von Flieder und noch etwas Süßem, etwas, das solch mächtige Wellen im Mann lostreten konnte So stark, dass er am liebsten einfach umfallen und alles vergessen wollte.
Saskia stellte sich auf die Zehenspitzen, drückte den Klingelknopf. Drinnen erklang das helle Läuten, Schritte im Flur.
Hast du was vergessen, Andreas? Margarethe stand im Hausmantel da, das Lächeln auf ihren Lippen verschwand schnell, als sie die verheulte Tochter sah. Du? Es ist doch noch nicht spät! Willst du nicht raus zum Spielen?
Saskia schluchzte, murmelte, dass ihr kalt sei, und trat in die warme Wohnung.
Es roch nach Zigaretten, ein leicht rauchiger Geruch. Am Tisch bei der Schreibmaschine standen zwei Gläser mit etwas Gelblichem vielleicht Sekt.
Saskia kannte den Geruch, zu Silvester kamen immer Mamas Freundinnen, da wurde Sekt getrunken, geklingelt mit den Gläsern. Einmal hatte Saskia den Rest aus Mamas Glas probiert, es schmeckte schrecklich, sie musste würgen.
Neben den Gläsern ein Aschenbecher. Die feinen Zigarettenkippen von Mama, mit Lippenstiftspuren, und daneben fremde, viel dickere Reste, grob ausgedrückt und noch vor sich hin qualmend.
Und jetzt? Stehst schon wieder im Schnee? Gleich hast du hier das ganze Wasser auf dem Teppich! Unvernünftiges Kind. Was ist mit dem Schlitten? Kaputt, deshalb weinst du so? Hab ich´s doch gesagt, dass du dass der vielleicht zu schick ist für dich. Dann gibts eben Sperrholz. Und ein Loch im Mantel hast du auch schon!
Margarethe schimpfte immer mehr, drehte Saskia um, riss ihr den Mantel aus und zeigte das Loch am Ärmel.
Wenn Mama solche Anfälle bekam, sagte Nachbarin Frau Clara immer: Dich hat es wieder gepackt, Margarethe. Hat wohl keinen Kerl abbekommen, unser Unglück.
Frau Clara brachte ihr oft Milch und frischen Quark vom Wochenmarkt. Warum? Aus Mitleid, vielleicht. Die anderen Nachbarn mieden Margarethe. Verschlossen, arrogant, schnippisch blickend. Sie kam zu keinen Hausversammlungen, immer sei sie beschäftigt.
Mit was denn? Mit Männern, munkelte die Mehrzahl und sie, die anständigen Ehefrauen, die ihre Männer auch dann noch verteidigten, wenn diese tranken und fluchten. Hauptsache verheiratet, Hauptsache eine richtige Familie. Und Margarethe? Für sowas haben die Männer nur ihren Spaß, und das Kind hat sie sich auch von irgendeinem geholt.
Die hat das Kind aus dem Suff bekommen, wetten, und jetzt weiß sie nicht, wie man erzieht, stichelte Frau Olga aus der Wohnung darunter. Das läuft den ganzen Tag, wenns mal nicht im Kindergarten ist, und trampelt mir auf dem Kopf herum.
Saskia tanzte tatsächlich gern. Sie wollte Ballerina werden, trainierte eifrig, um in die Ballettschule zu kommen. So sprang sie durch die Stube und klopfte mit den Fersen auf den Parkett.
Dann klopfte Frau Olga an der Tür, Margarethe öffnete widerwillig.
Und? sie seufzte.
Na, was na?! Ich bin doch kein Pferd! Dein Kind macht Krach, mein Blutdruck schießt in die Höhe! Bring sie endlich zur Vernunft!
Blutdruck haben Sie von sich selbst, tagsüber kann mein Kind machen, was es will. Vielleicht gehen Sie besser mal an die frische Luft, statt zu meckern. Und Margarethe schlug die Tür zu.
Frau Olga grummelte noch lange vor sich hin: Alles aus dem Kinderheim, ungebildet und frech. Der Staat sorgt für sie! Wir zahlen ja dafür! Und diese Puppe spielt sich noch auf!
Die Puppe Margarethe hatte derweil die Jacke in die Badewanne gesteckt, den Wasserkocher aufgesetzt, setzte Saskia auf einen Hocker.
Deine Haare sehen aus, wie ein verfilzter Wollknäuel. Saskia, nun halt still! Und bürstete kräftig, zog an den Strähnen.
Mama wollte, dass bei Saskia alles ordentlich war: saubere Socken, gebügelter Rock, kein Flusen an der Bluse, und auch auf dem Kopf reine Ordnung.
Ach Mensch, Saskia, was für Zeiten Kleines, mein Schatz! Margarethe seufzte plötzlich tief, zog den Bademantel enger und drückte ihre Tochter fest an sich.
Was ist denn? fragte Saskia leise und lugte zu ihrer Mutter.
Alles wird gut, aber das brauchst du noch nicht zu wissen. Iss lieber. Dann baden und ins Bett, morgen gehts in den Kindergarten. Mama stellte einen Teller mit Eintopf auf den Tisch, Smetana darauf, so mochte es Andreas.
Die saure Sahne schwamm als schneeweißes Tupfer auf der rot-violetten Suppe, versank langsam, weil Margarethe sie mit dem Löffel einrührte.
Saskia seufzte und begann zu essen. Eigentlich mochte sie Eintopf nicht. Und der fremde Tabakgeruch störte sie immer.
Es klingelte. Eine Frauenstimme schrillte durch den Flur, dann klirrte es sicher die Milchkanne.
Margarethe stand langsam auf, warf noch einen Blick in den Spiegel: der leichte Hausmantel, die leuchtenden Lippen, die dichten Wimpern darauf war sie besonders stolz. Dann öffnete sie.
Frau Clara? Was gibts? fragte sie die Nachbarin an der Tür.
Grüß dich. Ich bringe den Milchtopf, der miefte übel, schmeiß ihn weg. Ich geb dir gerne ein Glas, fünf Liter passen rein, mein Mann hat darin mal Schnaps gebrannt, naja, jetzt nur noch die Flasche Sie lachte trocken.
Ach, das passt schon. Ich find was, winkte Margarethe ab.
Frau Clara sah sich um, spitzte die Nase, warf einen Blick hinter sie. Ist der Herr noch da? Hab ich euch gestört?
Nein. Saskia isst. Dann ganz ungewohnt packte Margarethe die Nachbarin am Arm, zog sie ins Zimmer und drückte sie auf einen Stuhl. Er hat mir einen Antrag gemacht, verstehst du?
Wer? Der mit dem Köfferchen? Und du?
Ich weiß nicht. Ich wollte dich mal fragen.
Frau Clara hob verwundert die Brauen, Margarethe hatte noch nie jemanden um Rat gebeten. Doch dann beruhigte sich die Nachbarin, rückte ihren Rock zurecht und nickte.
Tja, also! Nun dann, rechnen wirs mal durch: Einkommen, Vorteile wo werdet ihr wohnen? Was ist mit Saskia? Und überhaupt, wie stehts im Bett? Sie zwinkerte.
Wie meinen Sie das? fragte Margarethe als sie Claras vielsagenden Blick sah, verstand sie und nickte. Ist in Ordnung.
Na, schau! Er ist ja auch nicht mehr der Jüngste den kann man einlegen!
Nicht schlimm, nur neun Jahre älter. Aber mit gesundem Kopf und festem Beruf. In der Aktentasche sind keine Hämmer, sondern Dokumente.
Margarethe schlug sich das Bein übereinander, zündete sich eine Zigarette an. Clara bemerkte, dass ihre Finger zitterten.
Du hast Angst?
Ja, Margarethe paffte den Rauch, dann weiter: Ich war nicht immer im Heim, hatte Eltern Aber ich lasse mich nicht auf so etwas ein wie sie. Niemals lasse ich mich schlagen! Nie wieder! Sie verstummte abrupt.
Schon gut. Will dich ja keiner schlagen, und vielleicht lebt ihr ja erst mal nur zusammen, schaust dir alles an. Wo denn? kratzte sich Clara am Kinn.
Hier. Seine Nachbarn sind anstrengend, ich bleib im Haus.
Mach das. Aber sei gewarnt, wenn er einzieht, bestimmt er das ist bei den Mit-Aktenkoffer-Vertretern oft so. Überlegs dir.
Er hat immerhin Saskias Schlitten besorgt und Mantel organisiert, wenn auch gebraucht Ich lass mich aber nicht herumkommandieren. Sie drückte die Zigarette aus. Morgen bräuchten wir wieder Quark, die Ärzte sagten, es sei gut für das Kind. Und sie zeigte zur Tür.
So energisch hatte ihr Vater zu ihr gesprochen, kurz bevor er sie im Suff wieder einmal aus dem Haus gejagt hatte. Die Mutter war da schon tot. Sie ist jetzt im Himmel, sagten die Leute, aber so recht glauben konnte Margarethe das nie
Frau Clara zuckte die Schultern beim Weggehen. Sie hatte ihren Teil gesagt.
Eine Woche danach zogen sie zusammen. Zu schnell? Ach, warum noch lange zögern! Andreas war voller Tatendrang, Margarethe hatte die ständigen, flüchtigen Begegnungen satt, vielleicht war da ja wirklich Liebe
Zwei Koffer Kleidung, ein Lampenschirm mit Fransen, ein Netzbeutel mit Dosen, die sorgsam in die Speisekammer gelegt wurden. Und der Aktenkoffer. Das war die ganze Aussteuer des Bräutigams.
Ich brauch einen festen Platz für meinen Koffer, lachte Andreas und rieb sein Köfferchen. Stell ich ihn eben auf den Hocker! Perfekt!
Margarethe, eben noch am Kommodenfach, drehte sich abrupt um, sah ernst. Andreas hielt Saskias Mantel in der Hand.
Gleich würde er den Mantel achtlos in die Ecke werden und den alten Koffer auf den Kinderhocker setzen.
Das ist Saskias Hocker. Sie braucht ihn, sagte Margarethe leise, und plötzlich wurde ihr klar, dass sie gar nicht will, dass noch jemand in ihr Leben tritt, sei er noch so vertraut. Soll sie ihn rauswerfen? Vielleicht. Sie wartete auf ein falsches Wort.
Dann machen wir einen Haken für das Kind. Sonst läuft sie immer ohne richtigen Platz herum!
Das bei uns traf Margarethe ins Herz.
Bei uns in der Küche, bei uns im Haus, bei uns macht man das so warum entscheidet er eigentlich alles?
Gefällt dir das nicht? Andreas runzelte die Stirn. Also gut wo sind Hammer und Nägel? Mäntel lüften am besten hängend, nicht auf dem Hockerchen. Er holte das Werkzeug selbst, nagelte einen Haken, hängte den Mantel auf, trat zurück und sah zufrieden zu.
Im Frühjahr tapezieren wir neu. Wird Zeit!
Er stellte sich summend neben Margarethe, umarmte sie von hinten. Nun, nicht schmollen!
Er versuchte, sie zu küssen, fast schon besitzergreifend. Sie wandte sich ab, trat ans Fenster.
Naja Dann eben Mittagessen. Was gibts?
Margarethe zuckte nur die Schultern, raffte leise ihre Sachen zusammen.
Wohin? fragte Andreas verwundert.
Ich hol Saskia. Heute etwas eher.
Sie hastete durch die vereiste Straße, rutschte beinahe aus, klammerte die Arme um sich. Was wird jetzt? Können sie wirklich zusammen leben? Am Anfang war alles aufregend und romantisch, doch jetzt?
Saskia blieb still, stellte keine Fragen, zog sich in ihr Zimmer zurück. Beim Essen starrte sie in den Teller, Andreas Fragen quittierte sie mit Achselzucken und Murmeln.
Sag du ihr doch, dass ich jetzt dass ich jetzt auch zu ihr gehöre, bat Andreas Margarethe.
Du bist für sie noch niemand! Mach ihr keine falsche Hoffnung, fauchte Margarethe.
Er war niemand trotzdem zimmerte er einen neuen Stuhl für Saskia zum Malen, banden den Schlitten mit neuer Schnur, brachte kleine Stiefelchen, die sogar passten.
Saskia wollte trotzdem nicht raus, sondern verschwand in ihrem Zimmer.
Er, ein Niemand, brachte die roten Stiefel zum Schuhmacher.
Warum? fragte Margarethe streng.
Weils nötig war, zuckte Andreas die Schultern.
Ich entscheide, was nötig ist, und was nicht, konterte sie.
Andreas lächelte wie im Film bei Männer von Sönke Wortmann, meinte er, nur eben mit Aktenkoffer.
Sie arbeiteten in derselben Behörde, Margarethe als Stenotypistin, Andreas als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Ihre Liebe begann bei einer Runde Sekt: Sie war schnell beschwipst, er begleitete sie nach Hause. Am nächsten Morgen war er aufgewacht im fremden Bett, mit einer Frau, die bald nicht mehr so fremd war. Nun wollte er bleiben. Anfangs schien es Hoffnung, Freude.
Nun war da nur noch Streit.
Was ist das für eine Ehe, wenn der Mann kein Wort zu sagen hat? brummte Andreas, blieb aber ruhig.
Im Grunde hatte er jedoch keinerlei Mitspracherecht, vor allem nicht bei Saskias Erziehung. Aber wie nicht? Wenn sie da ist, laut durch die Wohnung rennt, ihr Spielzeug verteilt, und immer noch die Buchstaben nicht kann?!
Einmal platzte es aus ihm heraus, er brüllte, knallte auf den Tisch. Saskie kreischte und begann zu weinen.
Margarethe kam sofort in die Tür, fauchte, er solle das Kind nicht anschreien.
Ich sage nie wieder etwas. So und nicht anders, knurrte Andreas und verschwand hinter der Zeitung.
Das war doch kein Leben. Irgendwas musste passieren!
Die Entscheidung fiel in einer Nacht. Er wusste nicht, wie das offiziell geht egal. Dokumente mitnehmen, dann würde sich schon zeigen, was kommt!
Margarethe tippte akribisch an ihrer Maschine, kaute auf einem Bleistift, als Frau Clara, beißend rot von der Kälte, stürmte ins Büro, wo Margarethe und drei weitere Frauen saßen.
Margarethe! Es ist was Schreckliches passiert! Lasst mich durch! Die Kolleginnen flohen aus dem Zimmer.
Was denn? Margarethe sprang auf und schluckte trocken.
Der da dein Typ, weißt du hat Saskia beim Kindergarten abgeholt, ihr Schleifen gebunden, das Kind sträubte sich, aber er hat sie einfach mitgenommen. Ich bin sofort losgelaufen, zu dir, sofort!
Frau Clara schluchzte, schnappte nach Luft.
Margarethe, mit panischem Blick, rannte hinaus, zog sich dabei den Mantel über.
Er bringt sie ins Heim! Ganz sicher! Das arme Mädchen sträubt sich, weint und er hört nicht auf sie!
Sie war am Morgen schon ziemlich betrunken, wollte ihren Mann selig beehren
Margarethe wusste nicht, wohin. Kommt Saskia ins Heim, ist sie für immer verloren! Als ihr Vater gestorben war, hatte sie sich wie abgestorben gefühlt, nur noch eine Hülle. Sie war erst wieder aufgetaut, als sie Saskia zur Welt gebracht hatte. Erst dann wurde sie wieder lebendig.
Dann kam Andreas und Hoffnung kehrte zurück, dass er es ernst meinen könnte. Aber vielleicht hatte sie sich geirrt. Man kann niemandem trauen.
Schreiend rief sie beim Waisenhaus an, schlug gegen den Sichtschutz aus Sperrholz, doch niemand öffnete es war Mittagspause.
Schließlich kam eine Frau, schob sie zur Seite. Hier wurde niemand gebracht. Beruhigen Sie sich! Sind Sie krank? Trinken Sie ein Glas Wasser. Erzählen Sie mal richtig. Was für ein Mann? Was hat er mitgebracht? Lassen Sie uns die Polizei rufen Erst schenkt er einen Mantel, dann gibt er das Kind ab? Hältst du das für logisch?
Margarethe stoppte ihr Schluchzen, starrte ungläubig, dann zuckte sie die Schultern.
Also wirklich, Margarethe, Sie sind vielleicht ein bisschen sonderbar, schloss die Frau. Gehen Sie mal zur Polizei, aber jetzt erst mal nach Hause.
Margarethe stürmte auf die Straße. Dokumente! Sie brauchte die Unterlagen von Saskia. Eine Anzeige, unbedingt!
Im Treppenhaus flog die Tür zurück, schlug ihr auf die Schulter, die alte Narbe schmerzte sofort. Einmal hatte der Vater sie genau da mit einem Holzscheit getroffen, alles schwoll an, lange konnte sie nichts tragen, auch heute zog sich der Schmerz bis in die Fingerspitzen.
Oben, völlig außer Atem, fand sie endlich den Schlüssel, riss die Wohnungstür auf im Lichtstrahl der Stehlampe, über dem Fransenlampenschirm, saßen Andreas und Saskia am Tisch und aßen Kuchen. Saskia schmatzte glücklich, Andreas lachte über das Zuckergesicht.
Als er Margarethe sah, sprang er auf.
Wohin hast du sie gebracht?! Was hast du vor? Frau Clara meinte, du wolltest ins Heim
Was denkst du! Ich wollte ich wollte Saskia adoptieren, ganz offiziell. Aber das geht ohne dich gar nicht, haben sie gesagt. Ich bin einfach nur dumm Ich will Familie, ich will dich heiraten, Saskia Andreas stockte, ihm lief der Schweiß den Rücken hinunter.
Er hatte Angst. Seine Mutter, Gott hab sie selig, hatte ihm immer gesagt, er sei kein Mann für Familie. Jetzt hatte er sich doch getraut. Aber Margarethe zögerte, sprach nicht.
Du nimmst mir Saskia nicht weg, oder? fragte sie leise. Du lässt sie nicht im Stich?
Andreas stöhnte, schüttelte den Kopf. Ohne Hoffnung. Margarethe war noch unfähiger für Familie als er! Sie vertraute ihm nicht.
Ich werde es lernen, Andreas. Ich kann das, flüsterte sie, wischte die Tränen weg. Saskia schlief längst, Andreas und Margarethe rauchten die dritte Zigarette am geöffneten Fenster. Ich dachte, du wolltest sie loswerden dass sie stört.
Denk daran, Margarethe, Saskia und du das seid ihr und ich, untrennbar. So, wie ich auf keinen Arm verzichten kann! Und jetzt Schluss mit diesem Gerede!
Er drehte sich weg. Doch Margarethe schmiegte sich an ihn. Er spürte ihre Wärme, den Duft, spürte endlich Familie. Er war das Oberhaupt. Und das für immer.
Ein Monat später heirateten sie. Saskia reichte die Ringe, strahlte, Andreas zwinkerte ihr zu und nannte sie wieder mein Fräulein.
Sie hatten ihr eigenes kleines Geheimnis. Margarethe wusste nicht, welches genau.
Als Andreas einmal mit Saskia ins Standesamt kam, wurde er komisch angeschaut, es wurde herumtelefoniert, man fragte Saskia, wer denn der Herr sei, der sie zu so einem wichtigen Amt gebracht hatte. Andreas stockte was, wenn sie sagte: fremder Mann, Mamas Freund, irgendwas?
Saskia zuckte nur mit den Schultern, nahm Andreas bei der Hand und seufzte: Papa.
Wieso weinst du dann, wenn Papa?, fragte die Standesbeamtin.
Die Schleifen drücken, es tut weh , antwortete sie traurig.
Nach Hause ging sie ohne Schleifen, aber mit einer Tüte Kuchen. Vom Papa gekauft.
Das war ihr Geheimnis.
Frau Clara kam nun nicht mehr zu Besuch, auch Milch und Quark brachte sie nicht mehr, da sie sich mit Andreas zerstritten hatte.
Dafür respektierte Frau Olga ihn jetzt: Endlich Ordnung im Hausflur. So muss das sein! sagte sie und ließ Schlitten, Saskia und den schwer schleppenden Andreas vorbei.
Der nickte, lächelte. Saskia auch. Nun war Ordnung bei ihnen, Frieden. Und neben Mamas Parfum stand jetzt ein Fläschchen Herrenduft. Den Geruch wird Saskia nie vergessen, immer in den Läden suchen und nie wiederfinden. Schade.
So geht das Leben: Manchmal tut es weh, manchmal muss man kämpfen, manchmal auch loslassen. Doch für Glück braucht es manchmal nur ein bisschen Mut und die Erkenntnis, dass Familie und Vertrauen viel, viel mehr bedeuten als jeder Schlitten, jede Aktentasche oder jede verpasste Gelegenheit.
Herzlichen Dank fürs Lesen, liebe Leserinnen und Leser, und auf Wiedersehen bei den Charlottenburger Geschichten.




