Veraltetes Bauteil

Frau Dr. Kleinert, was ist das hier?

Die Stimme war nicht laut. Gerade deshalb schnitt sie besonders.

Katharina von Weyer, die Abteilungsleiterin, steht am Schreibtisch und hält mit zwei Fingern einen ausgedruckten Bericht, wie man etwas aufhebt, das man am Boden der Tasche gefunden hat. Sie ist zweiunddreißig Jahre alt, und jedes einzelne dieser Jahr ist investiert, um genau so zu wirken: tadellos, distanziert, mit einer Spur Überlegenheit in jeder Bewegung. Zwölf Zentimeter Absatz. Kostüm in Elfenbein. Haare streng zurückgebunden, als wäre die Haut an den Schläfen etwas zu fest gespannt.

Dr. Verena Kleinert hebt den Blick vom Monitor.

Das ist der monatliche Analysebericht für Segment B, sagt sie sachlich. Für Oktober.

Ich kann sehen, dass es ein Bericht ist. Katharina legt das Papier mit einem leichten Klaps auf den Tisch. Die Frage war: Was ist das?

Im Großraumbüro entsteht augenblicklich Stille. Nicht, weil die Menschen aufgehört haben zu arbeiten im Gegenteil, sie schauen angestrengt auf die Bildschirme. Die Tastentöne werden leiser, niemand hebt mehr das Telefon ab.

Dr. Verena Kleinert ist siebenundfünfzig Jahre alt. Sie sieht nicht jünger aus, versucht es auch gar nicht. Sie ist einfach sie selbst: aufrechter Rücken, ruhige Stimme, helle Augen mit Lachfältchen an den Ecken, die nur echtes Lachen verursachen kann. Graue kurze Haare. Ein grauer Cardigan. Zwischen Monitor und den gestapelten Akten steht eine Keramiktasse mit der Aufschrift Beste Analystin, vor drei Jahren vom Team geschenkt.

Falls Sie inhaltliche Anmerkungen haben, Frau von Weyer

Anmerkungen? Die Chefin lächelt leicht. Wie viele Jahre sind Sie schon bei Alpha Consult?

Vierzehn.

Vierzehn. Sie wiederholt das Wort, als koste sie es und findet es säuerlich. Und in vierzehn Jahren haben Sie immer noch nicht begriffen, dass Analyse nicht auf Papier gemacht wird? Dass interaktive Dashboards kein Zierrat, sondern Werkzeug sind? Dass, wenn ich einen Überblick fordere, eine Visualisierung gemeint ist und nicht dieses…

Sie schwenkt die Hand über die Blätter.

…nicht diese Spalten. Papyrus mit Hieroglyphen.

Ein leises Husten nebenan.

Dr. Kleinert schaut ruhig zurück. Ihr Blick weicht nicht aus, spannt sich nicht an. Nur ein kurzer innerer Impuls, wie bei einer Faust, die man nicht schließt.

In Ordnung, sagt sie. Das nächste Mal bereite ich es im System auf.

Das nächste Mal. Katharina nimmt den Bericht, legt ihn demonstrativ in den Stapel fürs Schreddern für alle sichtbar. Sie verstehen doch, dass ich unseren Partnern das hier nicht vorlegen kann? Ich gehe zu einem Meeting, öffne das Laptop und habe für alle Segmente ein interaktives Dashboard bis auf eines. Und das sieht aus wie eine Hausarbeit aus den Neunzigern.

Ich liefere die Systemversion bis Freitag.

Freitag. Das Meeting ist am Mittwoch.

Pause.

Dann bis Dienstag früh.

Sie schaut noch eine Sekunde, dreht sich um und wirft einen Blick zurück ins Großraumbüro. Dieser Blick sagt alles, was sie nicht ausspricht. Etwas wie: Mit sowas muss man hier arbeiten. Dann verschwindet sie ins Büro, Tür fällt ohne Knall zu. Leise. Das ist irgendwie schlimmer, als wenn sie zugeschlagen hätte.

Dr. Kleinert senkt den Blick zum Monitor. Sie sieht nichts für einige Sekunden. Sie schaut nur, bis die Zahlen wieder Zahlen werden, nicht bloß Nebel.

Vera, sagt Lisa von nebenan leise. Sie ist achtundzwanzig, im zweiten Jahr im Unternehmen, und nennt sie seit dem ersten Monat Vera, was ihr erst peinlich war, dann nicht mehr. Alles okay bei dir?

Ganz und gar, sagt Dr. Kleinert. Sie nimmt die Tasse, der Tee ist längst kalt, trinkt trotzdem einen Schluck. Mach weiter.

Lisa arbeitet eine Minute, hält es aber doch nicht aus:

Das war jetzt schon das dritte Mal diesen Monat. Sie sie sucht dich raus, gezielt …

Lisa.

Was Lisa? Wir alle sehen es.

Ihr seht es, und schweigt, sagt Verena gelassen. Ist auch richtig so. Du auch, Lisa.

Sie öffnet eine neue Systemdatei und beginnt Daten einzupflegen. Geübte Finger, schnell. Vierzehn Jahre Routine löscht kein unangenehmes Gespräch aus.

Katharina von Weyer leitet Alpha Consult erst seit drei Monaten. Sie kam von außen, mit Referenzen, MBA, dem Selbstbewusstsein einer Person, die schon überall war. Sie macht klar: Menschen teilt sie in Ressourcen und Ballast. Für sie ist Verena Kleinert Ballast.

Warum, ist offensichtlich. Nicht weil sie schlecht arbeitet. Im Gegenteil: Weil sie es so gut macht. Sie wird respektiert von denen, die Katharina zu ihren Leuten zählen will. Der stille Respekt ist geblieben, nur nicht mehr öffentlich. Sie schließt sich nicht sofort an, jubelt nicht, passt sich nicht eilig an. Sie macht einfach ihre Arbeit wie immer.

Das scheint zu stören.

Abends sitzt Dr. Kleinert lange in ihrer Küche. Ihre Zweizimmerwohnung in der Lindenstraße kennt sie seit dreiundzwanzig Jahren, jeden Bodenknarzer, jedes Heizungsgeräusch im Winter, jeden Schatten der Straßenlampe. Hier muss sie nichts, kann einfach sein, nicht irgendein veraltetes Inventarstück.

So hatte Katharina sie vergangene Woche vor drei Kollegen genannt.

Veraltetes Inventar. Leicht gesagt, nebenbei, als sei es eine bloße Beschreibung.

Dr. Kleinert hatte nicht geantwortet. Sie war an ihren Platz gegangen. Erst auf der Toilette, im Spiegel, musste sie daran denken, wie es ist, wenn man am Rand einer hohen Stufe steht und schon das Bein in der Luft hat.

Ihre Tochter rief an. Julia. Sie ist dreißig, wohnt in einem Reihenhaus im Grünen, klingt fast wie damals als Kind, nur etwas tiefer.

Mama, hast du gegessen?

Ja.

Du schwindelst.

Nein, ich hatte Suppe. Immerhin, aufgewärmt. Und bei dir?

Passt. Michael ist bis Freitag weg zum Workshop. Julia zögert. Mama, du bist heute irgendwie anders.

Anders?

Zu ruhig. Wenn du ruhig bist, stimmt was nicht.

Dr. Kleinert schmunzelt. Julia kennt sie, wie nur Erlebnisverbundene kennen.

War ein anstrengender Tag.

Wieder diese Frau?

Julia.

Ich frage ja nur. Du hast mir letztes Mal erzählt …

Berufliches halt. Das regelt sich.

Es regelt sich nicht, wenn es sich wiederholt. Michael könnte mal

Nein, sagt Verena mit Nachdruck, sodass Julia schweigt.

Dickköpfig.

Eigenständig. Ist ein Unterschied.

Sie reden weiter über Alltägliches. Julia erzählt von geänderten Arbeitszeiten, vom neuen Kater der Nachbarin, vom leckeren Kürbissuppenrezept. Dr. Kleinert schaut währenddessen raus, wo die Herbstlampe im Wind über nasses Pflaster schaukelt.

Michael ist der Schwiegersohn. Michael Berger, fünfunddreißig, ist geschäftsführender Gesellschafter des Firmenverbunds Meridian, zu dem Alpha Consult zählt. Der mächtigste Mann in der Firmenstruktur. Dr. Kleinert weiß das, seit Julia ihn vor sechs Jahren schüchtern mit Rosen vorgestellt hat. Er war schnell weniger schüchtern und kam später ohne Blumen, fühlte sich aber wie ein Teil der Familie.

Im Büro hat sie nie erwähnt, wer ihr Schwiegersohn ist.

Nicht aus falscher Bescheidenheit. Einfach, weil es ihr Grundsatz ist: Was jemand hat, soll das Eigene sein. Nicht Geborgtes, nicht einmal von den Nächsten. Sie kam zu Alpha Consult auf ihrem eigenen Lebenslauf. Die Arbeit war ihre eigene. So will sie auch gehen.

Michael weiß, wo sie arbeitet. Er respektiert ihre Regel, hält sich raus. Familienessen, Austausch, und manchmal sieht sie in seinem Blick Neugier, wenn sie über Berufliches spricht. Aber er fragt nie weiter.

Julia weiß, dass die Mutter ehrlich arbeitet. Sie versteht es, wenn auch manchmal, wie heute, nur schwer.

Mama, das ist doch Unsinn.

Was?

Dass du das alles hinnimmst. Man muss nicht alles aushalten.

Ich halte nicht aus, sagt Verena. Ich arbeite. Das ist nicht dasselbe.

Um halb elf legt sie sich ins Bett. Sie starrt lange an die Decke. Draußen schaukelt die Lampe, Schatten wandern über die Zimmerdecke. Sie denkt an das Dashboard, das für Dienstag fertig sein muss, an die erforderlichen Daten. An Segment B, eine interessante Entwicklung, die noch keiner gesehen hat das will sie richtig zeigen.

An Katharina denkt sie nicht. Fast nicht.

Die nächsten beiden Wochen ziehen vorbei wie der Herbst draußen. Grau, kühl, kurze Lichtblicke, die aber nicht wärmen. Katharina findet auch am Dashboard etwas. Zuerst die Farbpalette, dann die Achsenbeschriftung, dann die Sortierung. Alles vor Publikum, leise, mit derselben Gelassenheit. Kein Schreien wäre einfacher.

Dr. Kleinert verbessert. Nicht weil sie falsch lag; meist hat sie recht. Aber es ist ihr Job, Qualität abzuliefern, und keine Kritik kann das ändern.

Einmal, mittwochs, hält Katharina sie nach dem Meeting zurück.

Alle gehen. Sie bleiben im Konferenzraum, Katharina schließt die Tür.

Frau Dr. Kleinert, ich will offen sprechen.

Offen steht da eigentlich auf der Stoppliste, aber das weiß Katharina nicht.

Ich höre, sagt Kleinert.

Sie sind klug. Aber Sie sehen doch auch: Die Firma wandelt sich. Was vor zehn Jahren funktionierte, gilt heute nicht mehr. Wer da nicht mitzieht

Sie beendet den Satz nicht. Muss nicht sein.

Was schlagen Sie vor? fragt Kleinert.

Ich schlage vor, dass Sie sich fragen, ob Sie mit der jetzigen Rolle zufrieden sind.

Bin ich.

Wirklich? Ein Lächeln. Ich bin mir da nicht so sicher. Etwas anderes, vielleicht außerhalb.

Dr. Kleinert schaut eine Sekunde.

Sie empfehlen also, dass ich kündige?

Ich rate, nachzudenken.

Worüber genau?

Perspektiven. Katharina nimmt ihre Mappe. Ich schätze Ihre Arbeit, denke aber an die Effizienz. Wer die Abteilung bremst

Ich bremse das Team?

Hypothetisch.

Frau von Weyer, sie bleibt ruhig. Wenn es konkrete Kritikpunkte an meiner Arbeit gibt, bespreche ich die gern. Geht es um etwas anderes, kehre ich zu meinen Aufgaben zurück.

Sie verlässt den Raum, ruhig, ohne Eile.

Auf dem Flur merkt sie, dass ihre Hände leicht zittern. Nicht aus Angst, sondern wegen der Mühe, Unausgesprochenes drinzulassen.

Lisa begegnet ihr am Wasserspender.

Was wollte sie?

Wasser, sagt Dr. Kleinert und gießt sich ein.

Lisa glaubt es nicht, schweigt aber. Kluges Mädchen.

Abends ruft Dr. Kleinert ihre Freundin aus Studientagen, Tamara, an. Sie ist Buchhalterin in einer Baufirma, und hat das seltene Talent: zuhören, bevor sie Ratschläge gibt.

Sie mobbt dich raus, stellt Tamara fest, nachdem sie alles gehört hat.

Versuchs.

Und du machst einfach weiter?

Was soll ich sonst?

Vera, du hast doch Tamara zögert. Du hast Möglichkeiten, die andere nicht haben.

Ich will sie nicht nutzen.

Warum denn nicht?

Weil ich dann nie aufhören könnte. Sie betrachtet ihre Hände. Dann wären vierzehn Jahre Arbeit nicht mehr meine, sondern weil Michael hinter mir steht. Das will ich nicht.

Tamara schweigt lange.

Du bist manchmal echt unbequem, sagt sie dann.

Ich weiß, erwidert Kleinert. Dafür schlafe ich ruhig.

Was nicht stimmt. Die letzten Wochen schläft sie schlecht. Wacht um vier auf, denkt nach. Erinnerungen: wie Katharina am vergangenen Freitag vor allen sagte: Wir warten noch, bis Frau Dr. Kleinert aus dem letzten Jahrhundert zu uns stößt. Und dann dieses Lachen, kein böses, einfach leicht. Zwei jüngere Kollegen lachen mit.

Erniedrigung, wenn sie beiläufig und neutral daherkommt, ist eine besondere Art. Man kann sie nicht zeigen, niemand sagt: Seht, das tut mir weh. Jeder zuckt nur die Schultern. Sie hat doch nur gescherzt.

Dr. Kleinert versteht das und spricht nicht darüber. Sie trägt es.

Im November kommt, was sie später als die Quartalsbericht-Geschichte bezeichnet.

Traditionell erstellt sie den Gesamtbericht für den Konzern. Immer. Vierzehn Jahre lang. Ihre Arbeit, ihre Spezialität, umfasst: Segmententwicklung, Prognosemodelle, Marktvergleich. Anspruchsvoll, wichtig. Die Arbeit für Investoren.

Diesmal beauftragt Katharina damit Daniel. Daniel ist sechsundzwanzig, acht Monate im Unternehmen, begabt, aber ohne Erfahrung im Quartalsbericht.

Verena erfährt es durch Lisa.

Sie hat heute früh bei der Besprechung gesagt, Daniel macht den Bericht, teilt Lisa ihr mit dem Ausdruck eines Unheilboten mit.

Kleinert sagt nichts.

Vera, das ist doch dein Bericht. Immer gewesen …

Jetzt eben Daniel, sagt sie ruhig.

Aber wieso? Hat sies erklärt?

Denke nicht.

Lisa schaut mit dem Blick auf sie, wie man schaut, wenn man Ungerechtigkeit sieht und nicht versteht, warum der Betroffene nicht aufschreit.

Gleich an dem Tag kommt Katharina zu ihr, stellt sich an den Schreibtisch.

Frau Dr. Kleinert, wegen des Quartalsberichts: Daniel kommt zurecht, braucht aber Hilfe mit historischen Daten. Können Sie ihn unterstützen?

Dr. Kleinert hebt den Blick.

Ich bereite also die Daten für Daniel auf?

Sie beraten. Das ist Ihr Bereich, die historischen Daten.

In Ordnung.

Sehr gut. Katharina will gehen, bleibt aber noch kurz stehen. Und, bitte nehmen Sie es nicht persönlich. Das sind rein sachliche Entscheidungen.

Ich nehme es nicht persönlich, sagt Kleinert.

Gut so.

Sie geht. Dr. Kleinert blickt der Tür zwei, drei Sekunden nach. Dann öffnet sie den Datenordner, bereitet alles für Daniel vor. Genau, vollständig, fehlerfrei. Daniel kommt, bedankt sich schüchtern, verschwindet.

Er ist ein guter Kerl. Es ist nicht seine Schuld.

November zieht dahin. Die Tage werden kürzer. In der Firma ist die Heizung an, aber am hinteren Ende, wo Kleinert sitzt, ist es kühler. Sie bringt einen kleinen Wollplaid von zuhause mit, legt ihn manchmal über die Knie. Katharina sieht das, zieht die Augenbraue hoch: Fast wie auf dem Land, und wieder lacht jemand.

Lisa stellt ohne Worte heißen Tee auf den Tisch.

Mitte November ruft Michael an. Selten, normalerweise über Julia, beim Familientreffen.

Frau Dr. Kleinert, guten Tag. Privatgrund!

Ja, Michael?

Er lacht leise. Michael ist ihr Familienname für ihn das bleibt so. Er schätzte es stets.

Wir wollen Ende November ein kleines Abendessen. Nur ein paar Menschen aus unserem Kreis, ein paar Partner. Nichts Offizielles.

Ich komme gerne.

Julia freut sich. Kurze Pause. Wie gehts Ihnen wirklich?

Gut.

Und die Arbeit?

Läuft.

Eine Stille. Sie spürt darin ein leises Sorgen, geht aber nicht drauf ein.

25., 19 Uhr ist fix, ja?

Ich bin da.

Wer sonst noch kommt, fragt sie nicht. Michael sagt es nicht. Das passt.

Unterdessen wächst in Alpha Consult eine Spannung, wie Wetterumschwung. Katharina sammelt Daten, die sonst nicht gesammelt werden, fragt nach alten Berichten. Einmal teilt Lisa murmelnd mit, dass sie Katharina lange im Gespräch mit Dr. Gärtner, dem Geschäftsführer, gesehen hat.

Sie plant was, sagt Lisa. Ich spüre es.

Du spürst oft was, sagt Kleinert. Fokussiere auf die Arbeit.

Denkt aber selbst darüber nach.

Am Freitag vor dem Abendessen passiert das, was sie später als Gespräch am Drucker bezeichnet. Sie wartet am Drucker, Katharina kommt dazu. Niemand sonst ist da.

Frau Dr. Kleinert, sagt Katharina, ihre Stimme ist eine andere. Nicht öffentlich, sondern leise, ernst. Sie sollten Ihre Lage einschätzen.

Welche Lage?

Nach dem nächsten Quartal muss ich restrukturieren. Zu viele Analysten auf der Fläche. Einige werden gehen.

Ist das eine Abmahnung?

Ein freundlicher Rat. Kopf leicht geneigt. Wenn Sie vorher selbst gehen, sieht es besser aus. Für alle.

Auch für mich?

Für Sie ganz besonders. Denn wenns formal wird, bekommen Sie keine Abfindung. Arbeitsvergehen, wissen Sie zu spät hier, falsche Form dort.

Der Drucker spuckt die Blätter aus. Kleinert nimmt sie. Hände ruhig.

Sie drohen mir mit fristloser Kündigung ohne Abfindung?

Ich sage, was Sie bedenken sollten. Katharina lächelt leicht. Rein freundschaftlich.

Danke für Ihren Rat, sagt Dr. Kleinert und geht.

Lisa sagt sie nichts. Ruft Tamara nicht an. Sitzt fünfzehn Minuten einfach nur da. Dann arbeitet sie weiter. Die Daten müssen fertig werden.

Abends ruft sie doch Tamara an.

Sie droht mir mit Kündigung, sagt sie ohne Einleitung.

Tamara schweigt.

Ohne Abfindung. Angebliche Verstöße.

Welche Verstöße, Vera?

Keine. Sie denkt sich was aus.

Sie schiebt dich Schritt für Schritt raus.

Versuchts.

Du sagst Michael immer noch nichts?

Lange Pause.

Nein, sagt Kleinert.

Warum?

Sie sucht nach Worten und sagt dann einfach:

Weil ich immer alles allein gemacht habe. Ich muss nicht jetzt anfangen zu bitten. Das wäre falsch.

Falsch, wiederholt Tamara leise. Vera, manchmal ist es auch mutig, Hilfe anzunehmen.

Vielleicht. Ich kann noch selbst.

An dem Abend geht sie früher schlafen. Sie denkt an vierzehn Jahre, an jeden Bericht, an jedes Quartal, daran, wie der Markt sich veränderte und sie mit. Alles war echt, selbst erworben. Wie leicht es wäre, das einfach wegzuwischen.

Sie denkt nicht bitter. Nur nach.

Am 25. November ist das Abendessen.

Julia begrüßt im Eingangsbereich. Das große, helle Haus riecht nach Essen und frischen Blumen. Julia trägt ein blaues Kleid, offene Haare, umarmt die Mutter länger als sonst.

Du hast abgenommen, raunt sie.

Unsinn.

Doch. Ich sehs. Sie hält kurz inne. Da drüben ist Michael, geh schon mal. Sind schon Gäste da.

Michael steht am Kamin, spricht mit zwei Herren, die Verena nicht kennt. Bei ihrem Anblick kommt er ihr entgegen.

Frau Dr. Kleinert, guten Abend. Er küsst sie auf die Wange. Sie sehen gut aus.

Du auch, Michael.

Er lächelt, begleitet sie zum Tisch mit Getränken, schenkt ihr einen Tee ein.

Heute kommen interessante Leute, sagt er. Auch Dr. Pohl, die ist in deinem Bereich, und Herr Bernstein, ein alter Geschäftspartner.

Wer noch?

Ich habe auch jemanden eingeladen Er blickt ins Feuer. Aus Alpha Consult: Ihre neue Leiterin, von Weyer. Sie kennen sich?

Kleinert hält die Tasse.

Ja, sagt sie.

Sehr gut. Sie wollte ohnehin mit mir über Projekte reden. Passt doch gut. Kurzer Seitenblick. Haben Sie ein gutes Verhältnis?

Ein fachliches, sagt sie.

So solls sein.

Er geht zu den Gästen. Kleinert bleibt am Fenster, blickt in den windbewegten Garten. Das Herz schlägt ruhig, fast ruhiger als sonst. Wenn man etwas lang erwartet hat, und es ist jetzt einfach da.

Katharina betritt um acht das Haus. Verena erkennt sofort die Stimme aus dem Flur: ein anderer Tonfall, weicher, höher, höflich.

Sie dreht sich nicht um, bleibt am Fenster stehen, bis Schritte sich nähern.

Oh, Frau Dr. Kleinert! Überraschung, diesmal ehrlich. Sie auch hier?

Kleinert wendet sich um.

Guten Abend.

Katharina trägt ein anderes Kostüm, kein Büro-Outfit. Dunkelrot, eng geschnitten, dieselben hohen Hacken. Sie sieht wirklich gut aus muss man anerkennen. Ihr Gesicht wirkt lebendiger, offener als sonst im Büro.

Wie kommen Sie hierher? Das ist doch Bergers Haus

Julia, Michaels Tochter, ist meine Tochter, antwortet Kleinert schlicht.

Kurze Pause. Nicht ganz eine Sekunde. Aber Verena sieht, wie sich ihr Gegenüber sortiert. Erst Unverständnis, dann das Begreifen, dann ein schneller innerlicher Umkalkulierungsprozess. Alles huscht durch ihren Blick. Dann ist alles wieder gefasst.

Sie sind ?

Michaels Schwiegermutter, sagt Verena.

Katharina schweigt, nimmt ein Glas vom Tablett eines Kellners, nippt daran, schaut weg.

Sie sagten nie etwas.

Nein.

Warum?

Kleinert zuckt leicht die Schultern.

Es hat mit der Arbeit nichts zu tun.

Katharina schaut sie lange an. Da ist viel im Blick: ein Versuch zu verstehen, ein neues Abwägen, vielleicht ein Selbstgespräch. Aber das ist nicht Verenas Sache.

Verstehe, sagt Katharina am Ende.

Sie geht fort. Kleinert verfolgt sie kurz mit dem Blick, wendet sich dann zum Fenster.

Der Abend zieht sich. Der lange Tisch ist festlich gedeckt, zwölf Leute sitzen, Julia sorgt sich rührend ums Essen, Michael erzählt Witziges, Bernstein lacht am lautesten. Dr. Pohl ist nett, sie reden lange über den Markt.

Katharina sitzt drei Plätze entfernt. Sie beteiligt sich höflich, sagt das Richtige. Aber irgendetwas an ihr ist anders geworden. Wie jemand, der sehr vorsichtig ein volles Glas trägt.

In einem Moment bleibt Michael auf dem Weg zum Dessert kurz an Kleinerts Sessel stehen.

Alles in Ordnung? leise.

Ja.

Er schaut sie einen Moment an.

Hat sie Ihnen etwas gesagt?

Nein.

Gut. Er bleibt doch, Frau Dr. Kleinert, Sie wissen, wenn etwas ist

Michael, sie lächelt leicht. Ich weiß. Danke. Im Moment ist alles in Ordnung.

Er nickt, geht.

Nach dem Essen zieht man sich ins Wohnzimmer zurück. Einige gehen, andere bleiben. Kleinert spricht mit Dr. Pohl am Bücherregal, als sie Katharinas Stimme hört, die mit Michael spricht, nicht weit am Sofa. Sie redet nicht laut, aber Einzelnes dringt durch.

habe erhebliche Bedenken

Schlüsselposition, aber leider

Nachlassen der Performance

Dr. Pohl erzählt von asiatischen Märkten. Kleinert stimmt zu, hört aber gleichzeitig:

kommt nicht mit den heutigen Anforderungen mit

ist mir bewusst, aber als Vorgesetzte

Dann Pause. Lang.

Kleinert wirft einen Seitenblick. Michael steht wie jemand, der sehr aufmerksam zuhört und nachdenkt.

Sie reden über Dr. Verena Kleinert, sagt er. Keine Frage.

Katharina stutzt.

Ja. Ich weiß, das ist heikel

Sie wissen, wer sie ist? fragt Michael.

Ja, heute erfahren

Sie wissen, sie ist meine Schwiegermutter?

Ja. Deshalb wollte ich persönlich … Es ist delikat, aber meine Pflicht …

Ihre Pflicht, sagt Michael langsam. Frau von Weyer, Sie kommen zu einem Familienessen, um mir Ihre Sorgen mit meiner Schwiegermutter darzulegen?

Pause.

Ich kam auf Ihre Einladung. Ich spreche als Direktorin, als Fachfrau.

Als Fachfrau, sagt Michael. Gut.

Kleinert dreht sich ab. Dr. Pohl erzählt weiter Lebendiges. Verena hört zu. Tee immer noch warm in ihren Händen.

Später, als die meisten gegangen sind, kommt Michael wieder zu ihr. Sie stehen am Fenster.

Hat sie Ihnen vom Druckergespräch erzählt?

Wovon?

Lisa hat mir geschrieben. Öffentliche Adresse vom Firmenportal genommen. Von mehreren Vorfällen.

Verena schweigt.

Warum haben Sie mir nichts gesagt?

Weil es mein Job ist.

Frau Dr. Kleinert.

Michael.

Er seufzt.

Sie sind der sturste Mensch, den ich kenne.

Eigenständig, sagt sie. Das ist was anderes.

Er lächelt. Kurz, aber echt.

Sie wissen, ich spreche morgen mit Dr. Gärtner?

Ihr gutes Recht, sagt sie. Ihr Unternehmen.

Und wen ich darin haben will.

Ja.

Sie schweigen kurz.

Was wollen Sie eigentlich? fragt er leise. Ehrlich.

Kleinert überlegt eine Sekunde.

Arbeiten, sagt sie. Einfach arbeiten. Wie bisher.

Er nickt.

Die Gäste verabschieden sich. Julia räumt, summt leise vor sich hin. Katharina verlässt früh das Haus; sie verabschiedet sich höflich, lächelt, ist schnell draußen. Kleinert sieht sie von Fenster zu Auto gehen, die Absätze klingen auf den Steinen, eilig.

Zwei Wochen später erscheint Kleinert wie üblich im Büro, stellt die Tasse ab, startet den Rechner, trinkt Tee.

Um halb elf ruft Dr. Gärtner sie zu sich.

Frau Dr. Kleinert, setzen Sie sich bitte. Wir müssen reden.

Sie nimmt Platz.

Frau von Weyer verlässt Alpha Consult. Beschluss der Anteilseigner. Sein Blick ist direkt. Ihre Bewerbung auf die Leitungsstelle ist unter den Favoriten.

Kleinert blickt ihn an.

Warum meine?

Sie sind vierzehn Jahre hier. Das Team kennt und respektiert Sie. Analyse ist Ihr Fachgebiet. Er hält inne. Michael Berger hat Sie ausdrücklich empfohlen.

Er hat das?

Nachdrücklich.

Sie schweigt. Draußen am Fenster grauer Spätnovember, fast schon Dezember. Ein Vogel fliegt vorbei.

Sind Sie bereit, den Posten zu prüfen? fragt er.

Ja, sagt sie. Unter einer Bedingung.

Er runzelt die Stirn.

Ich will das normale Auswahlverfahren. Komplette Runde.

Er sieht sie an.

Formell ist das nicht

Ich weiß, es ist nicht nötig. Aber ich will es richtig machen.

Lange Pause.

Gut, sagt er. So machen wirs.

Das Erste, was sie zurück am Platz tut, ist, Lisa anzurufen.

Du hast Michael geschrieben, sagt sie.

Lisa schweigt.

Ja. Tut mir leid. Ich weiß, du wolltest das nicht. Aber ich konnte nicht mehr zusehen.

Lisa.

Schimpf ruhig.

Nein, sagt Kleinert. Frag nächstes Mal vorher.

Es gibt kein nächstes Mal mehr, erwidert Lisa. Du wirst Chefin.

Ist noch nicht sicher.

Doch. Vera, das weiß jeder. Auch die, die lachten.

Kleinert atmet einmal tief durch.

Jetzt arbeite weiter, sagt sie.

Das Bewerbungsgespräch ist zehn Tage später. Vier Leute, inklusive Dr. Gärtner, stellen Fragen, Fallstudien, Präsentation der Jahresstrategie. Kleinert bereitet sich akribisch vor, wie immer bei wichtigen Berichten. Keine Sonderbehandlung.

Am Vorabend fragt Tamara am Telefon:

Bist du nervös?

Ein wenig, gesteht sie.

Gut. Dann bist du wirklich dabei.

Immer.

Eben. Tamara pausiert. Vera, weißt du, dass du gesiegt hast?

Noch nicht.

Nicht im Sinne der Position. Du bist seit vierzehn Jahren ehrlich, hast nie jemand ausgenutzt und trotzdem …

Trotzdem fast rausgeflogen, sagt Kleinert.

Und trotzdem bist du geblieben.

Beide schweigen.

Keine Moral, sagt Kleinert. Nicht, dass Aufrichtigkeit immer gewinnt.

Sag ich auch nicht.

Manchmal passt es eben, sagt sie. Manchmal nicht.

Aber für dich jetzt schon.

Sie besteht das Interview. Keine Erleichterungen, keine Tipps, kein vorgefertigtes Ergebnis. Sie beantwortet einfach die Fragen, erläutert Strategie und Sicht aufs Team.

Eine Woche später ruft Dr. Gärtner sie erneut.

Die Kommission war einstimmig, sagt er. Glückwunsch!

Am Montag tritt sie ins neue Büro. Setzt die Keramiktasse Beste Analystin auf den Tisch. Öffnet den Laptop. Schreibt an das Team eine kurze Nachricht:

Guten Tag, liebe Kollegen. Ab heute leite ich den Analysebereich. Wir arbeiten wie bisher. Wer Fragen hat, kommt gern vorbei.

Lisas Antwort kommt zuerst. Nur ein Wort: Hurra.

Am Freitagabend ruft Julia an.

Mama, wie gehts?

Gut.

Ehrlich?

Ja. Erste Woche geschafft. Ein bisschen müde.

Mama, Michael will dich beglückwünschen. Er traut sich nicht.

Er traut sich schon, lacht Kleinert. Er ist nur zurückhaltend.

Ihr seid beide gleich zurückhaltend, bis es reicht.

Niemand ist ausgerastet.

Mama.

Julia.

Pause. Dann lacht Julia. Warm und leise.

Ich bin stolz auf dich, sagt sie. Weißt du das?

Kleinert schaut aus dem Fenster. Die Laterne an der Lindenstraße schwankt wie eh und je. Blätter längst abgefallen, nur dunkle Äste vor dem Abendhimmel.

Ich weiß, sagt sie.

Kommst du am Sonntag? Michael will kochen.

Ich komme. Soll ich was mitbringen?

Ist nicht nötig.

Ich bringe einen Apfelkuchen mit Zimt, sagt Kleinert. Wie du ihn magst.

Julia schweigt.

Na gut, sagt sie. Dann bring ihn mit.

Am Montagmorgen klopft es an der Bürotür.

Darf ich?

Komm rein.

Lisa betritt mit einer Mappe, setzt sich, überlegt kurz.

Vera ich meine Frau Dr. Kleinert.

Lisa, für dich bleibe ich Vera, ganz wie vorher.

Lisa lächelt unsicher.

Ich wollte fragen jetzt, wo du Wie willst du führen?

Kleinert überlegt.

Vernünftig arbeiten. Offen reden. Keine Angst vor Fehlern, sondern sie beheben. Sie nimmt einen Schluck Tee. Keine Menschen herabsetzen. Nie. So einfach.

Lisa nickt.

Geht das? fragt sie.

Was denn?

Das Arbeiten so?

Kleinert nippt am Tee.

Wir werdens herausfinden, sagt sie.

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Homy
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