Tee, der immer kalt wurde
Mein Tee wird immer kalt, wenn sie kommt.
Ich schaffe es gerade, mir eine Tasse eingießen, ein Buch zur Hand nehmen oder mich einfach für fünf Minuten am Fenster entspannen, da klingelt es schon an der Tür. Zwei kurze Klingelzeichen, eines lang. Hannelore Schröder. Ich spare mir den Blick durch den Türspion, ich erkenne sie am Rhythmus, an dem nervösen ding-ding-diiiiing, als würde sie Morsezeichen geben: Ich bin da. Mach dich bereit.
Es ist Donnerstag. Ein typischer Oktoberdonnerstag in unserem Viertel in Hamburg, der Himmel hängt tief und grau wie eine feuchte Wolldecke. Martin ist um acht aus dem Haus gegangen, ich habe ihm nachgewunken, bin zurück in die Küche, hab den Wasserkocher angemacht und gedacht: Heute habe ich einen ganzen Tag nur für mich. Ein Tag für Haushalt, ein langsames Aufräumen, heute Abend rufe ich Mama an.
Aber um halb elf kommt dieses typische ding-ding-diiiiing.
Ich trockne mir die Hände am Küchentuch, zupple meine Strickjacke zurecht und gehe zur Tür.
Hannelore Schröder steht auf der Schwelle, im blauen Mantel mit den großen Knöpfen, Einkaufstasche in der Hand und mit einem Blick, als wolle sie Kontrolle machen. Sie steht immer so. Gerade, das Kinn leicht erhoben, der Blick wandert prüfend an mir vorbei ins Flurinnere.
Hallo, Gisela, sagt sie schon im Hineingehen und dieses Gisela ist kein Gruß, sondern ein Kommando.
Ich hasse es, wenn man mich Gisela nennt. Ich stelle mich immer als Gisela-Marie vor. Aber Hannelore Schröder nannte mich Gisela vom ersten Tag an, damals, als Martin mich zu ihr zum ersten Mal brachte und sie mich von oben bis unten musterte und sagte: Na dann, Gisela, kommen Sie rein. Damals schwieg ich. Seitdem hatte ich gelernt, zu schweigen.
Guten Tag, Frau Schröder, sage ich und mache ihr Platz.
Sie tritt ein, stellt die Tasche ab, beginnt den Mantel zu öffnen. Ich reiche ihr den Kleiderbügel, helfe. Ihre Hände fühlen sich dabei stets eisig und schwer an. Ich spüre das jedes Mal, wenn ich ihr den Mantel abnehme.
Es riecht was verbrannt hier, schnuppert sie.
Ich habe heute Morgen Zwiebeln gebraten, antworte ich. Für die Suppe.
Da muss man die Dunstabzugshaube anmachen.
Die lief.
Sie schreitet schon den Flur entlang Richtung Küche. Ich folge ihr wie immer, fühle mich wie eine Besucherin in meiner eigenen Wohnung, während sie sich aufführt wie die Hausherrin.
In der Küche streicht sie erst mit dem Finger über das Fensterbrett. Blickt auf den Finger. Dann auf mich.
Staub, stellt sie fest.
Ich hab gestern erst gewischt.
Nicht gründlich genug.
Sie stellt die Einkaufstasche auf den Hocker und fängt an, auszupacken: Ein Glas hausgemachter Saure-Gurken, noch aus dem August eingemacht. Ein Beutel Mehl. Irgendein Vitaminpräparat, das Martin nie verlangt hat.
Martin sollte Vitamine nehmen, sagt sie, ohne mich anzusehen. Der sieht so blass aus.
Martin geht es gut, entgegne ich vorsichtig.
Bist du Ärztin?
Ich antworte nicht. Rühre nur in der Suppe auf dem Herd. Es ist eine gute Suppe, kräftig, mit Kartoffeln und Kräutern. Aber ich weiß eh schon, was sie dazu sagen wird. Sie findet immer was zu beanstanden.
Zu viel Lorbeerblatt, sagt sie kurz darauf und wirft einen Blick in den Topf. Martin mag kein Lorbeer. Ich habe nie mehr als ein Blatt genommen.
Er hat sich nie beschwert.
Sagt er dir nicht. Er will Dich nicht kränken. Er ist halt rücksichtsvoll.
Ich lege den Löffel vorsichtig ab. Ganz langsam.
Also er ist rücksichtsvoll. Und ich bin die, die man schonen muss, die empfindlich ist, die schlechte Suppe kocht und schlecht Staub wischt.
Sieben Jahre lebe ich nun damit. Sieben Jahre jeden Donnerstag, manchmal auch zweimal die Woche, manchmal seltener, aber dann länger. Sieben Jahre Staubig, Riecht angebrannt, Martin mag das nicht, Ich hätte das anders gemacht, Früher war das so und so.
Zu Beginn unserer Ehe habe ich versucht, Martin zu erklären, wie sehr mich das belastet. Ich sagte: Verstehst Du nicht, wie unangenehm das für mich ist, wenn sie ständig Fehler aufspürt? Er hörte zu, nickte und meinte: Gisela, sie ist halt so. Meint es nicht böse. Sei nachsichtig, sie ist nun mal meine Mutter.
Nachsicht sein Lieblingswort.
Ich war nachsichtig. Ich lernte, vor ihrem Besuch extra gründlich sauberzumachen, zu lüften, Sachen wegzulegen, von denen ich wusste, dass sie sie nicht mochte. Ich lernte zu nicken, wenn sie was zum Lorbeerblatt sagt, zum Staub, zu allem. Ich lächelte jenes Lächeln, das eigentlich gar nichts ausdrückt, sondern nur das Gesicht stillhält.
Doch drinnen in mir zog sich immer wieder alles zusammen. Wie eine Faust. Und die ließ nie los.
Hannelore Schröder verschwindet im Wohnzimmer. Ich höre, wie sie den Schrank öffnet und prüft, ob die Handtücher ordentlich liegen. Dann kommt sie zurück, setzt sich an den Küchentisch und wartet auf den Tee.
Ich stelle Wasser auf, hole die Tassen.
Die Zuckerdose ist schmutzig, bemerkt sie.
Ich betrachte die Dose. Weiße Keramik mit blauem Muster, von meiner Mutter geschenkt, außen sauber, innen… Ein paar Zuckerkristalle, die nach dem letzten Löffeln liegenblieben. Normal.
Ich wasch sie gleich aus, sage ich.
Man muss eben darauf achten. Zuckerdose, Salzstreuer, Pfeffermühle auf solche Kleinigkeiten kommt es an, das sagt alles über die Hausfrau.
Ich schenke Tee ein, stelle Gebäck auf den Tisch. Sie greift zu einem Keks, beißt ab, schüttelt leicht den Kopf.
Gekauft? Martin mag Hausgebackenes.
Ich hatte keine Zeit zum Backen.
Wie, keine Zeit? Du bist doch zu Hause.
Diesen Spruch habe ich schon oft gehört. Ich arbeite im Homeoffice, Übersetzungen, vier bis fünf Stunden am Computer täglich, manchmal mehr. Für Hannelore Schröder ist das keine richtige Arbeit. Daheim sitzen da hat man doch Zeit.
Ich schweige, trinke meinen schon wieder kalten Tee, schaue aus dem Fenster. Unten im Hof stehen die Bäume fast kahl da, hie und da noch ein gelbes Blatt, das störrisch festhält. Ich denke: Sie halten sich, und ich halte auch aus aber wozu?
Dann beginnt sie über die Nachbarin vom fünften Stock zu reden, deren Tochter so gut geheiratet hat, dass Martin längst befördert worden wäre, wenn er sich richtig angestellt hätte (was auch immer das bedeutet), und vom kleinen Enkel der Freundin Ingrid, der schon mit drei Buchstaben erkennt. Alles mit unterschwelligen Spitzen. Martin und ich haben keine Kinder, ein Thema, das Hannelore immer wieder aus neuen Blickwinkeln anschneidet.
Martin will Kinder, sagt sie, stellt die Tasse akkurat ab. Er hat’s mir gesagt.
Martin und ich klären solche Dinge unter uns, sage ich, ruhig.
Ich mische mich nicht ein. Ich sage es nur. Ein Mann muss Vatergefühle haben. Sonst bleibt die Familie unvollständig.
Frau Schröder, wir SIND eine Familie.
Sie sieht mich über den Tassenrand hinweg an. Lange. Dann dieses Lächeln, das sagt du bist halt jung und unerfahren, aber das sag ich dir lieber nicht direkt.
Natürlich, erwidert sie.
Und steht auf, um sich wieder in der Wohnung umzusehen.
Ich sitze weiter am Küchentisch. Da ist etwas Schweres und Kaltes in mir, wie ein Stein, der schon seit sieben Jahren da drin lebt und immer schwerer wird.
Als Martin abends kommt, erzähle ich ihm von der Zuckerdose, dem Lorbeer, den Kindern. Nicht vorwurfsvoll, einfach sachlich, wie es war. Er sitzt in der Küche, isst die Suppe (mit zu viel Lorbeer), hört zu. Er sieht müde aus. Martin kommt immer müde von der Arbeit, diese Schwere in den Schultern, die kam vor etwa fünf Jahren, und ist nicht mehr weggegangen.
Gisela, du kennst doch Mama, sagt er.
Ja, aber drum sag’ ich es dir.
Sie meint es nicht so. Sie ist halt gewohnt, das Sagen zu haben.
Martin, heute ging es wieder um die Kinder. Schon wieder.
Er seufzt, legt den Löffel weg.
Ich rede mit ihr.
Du sagst immer, du redest mit ihr. Aber nichts ändert sich.
Mach keine Wellen. Sie ist alt, allein. Mein Vater ist jetzt vier Jahre tot, sie ist einsam. Hab einfach noch etwas Geduld.
Geduld. Schon wieder.
Ich räume ab, spüle Geschirr. Martin geht ins Wohnzimmer. Ich bleibe an der Küchenspüle stehen, schaue im dunklen Fenster auf mein Spiegelbild. Da ist eine ungefähr dreißigjährige Frau mit müden Augen und nassen Händen. Für einen Moment erkenne ich mich selbst nicht.
Ich rufe meine Mutter erst gegen elf an. Maria Krüger nimmt sofort ab, als hätte sie schon gewartet.
Gisela, warum rufst du so spät an?
Ich wollte einfach mal mit dir reden.
Ist etwas passiert?
Nein, alles gut. Und bei dir so?
Wir reden eine halbe Stunde. Mama erzählt vom Nachbarskater, der jetzt immer auf ihren Balkon kommt, vom Garten, den sie winterfest gemacht hat, von der Cousine Annalena, die sich hat scheiden lassen und endlich durchatmet. Ich höre zu, merke, wie der kalte Stein in der Brust ein bisschen wärmer wird. Nur durch ihre Stimme. Diese Stimme, die ich seit Kindheit kenne, die immer für mich wie ein Licht war.
Über Hannelore Schröder sage ich ihr nichts. Ich will sie nicht beunruhigen. Mama lebt in Bremen, drei Stunden von hier, hat ihr eigenes Leben, ihre eigenen Sorgen.
Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist? fragt sie beim Verabschieden.
Bin ich, Mama.
Na gut. Aber deine Stimme klingt… anders.
Nur müde.
Ruh dich aus. Ich drück dich.
Ich dich auch.
Ich lege mich ins Bett, kann lange nicht einschlafen. Martin schläft schon, atmet ruhig und gleichmäßig. Ich starre in die weiße Zimmerdecke und frage mich: Was, wenn ich weiter so daliege, Deckenrisse zähle und jeden Donnerstag weiter aushalte, bis ich selber alt bin? Und keiner kommt und sagt: Stopp, Schluss, mit dieser Frau muss man anders umgehen.
Keiner.
Ich müsste selber was tun. Aber ich weiß nicht was. Und ich habe Angst.
Dann kommt dieser Novemberdienstag.
Ich rechne nicht damit. Morgens ruft Mama an und sagt, sie kommt zu Besuch. Einfach so, sie will mich mal wieder sehen. Ich nehme den Frühbus, bin mittags da, sagt sie. Ich freue mich ehrlich. Überlege gleich, was ich kochen kann, räume auf, setze Hefeteig für Apfelkuchen an. Mama liebt Apfelkuchen.
Martin weiß von ihrem Besuch, ich hab ihm geschrieben. Er antwortet: Okay, bin um sieben zuhause.
Mama kommt kurz nach eins an, mit großer Tasche, darin ein Glas Marmelade, gestrickte Wollsocken, ein Tütchen Sonnenblumenkerne für zwischendurch. Sie schaut sich um, sagt: Schön ordentlich hier, gefällt mir und ich muss fast heulen bei diesen Worten. Nur schön ordentlich. Kein aber hier oder da noch.
Wir sitzen in der Küche, trinken Tee, essen warmen Apfelkuchen, und ich fühle mich zum ersten Mal seit langem wirklich zuhause. Mama erzählt von der Busfahrt, von einer Mitfahrerin, die von ihrem Schwiegersohn redet, und wir lachen so frei, wie ich lange nicht mehr gelacht habe.
Und dann: halb vier, ding-ding-diiiiing.
Ich erschrecke.
Mama schaut mich an.
Wer ist das?
Meine Schwiegermutter, sage ich. Und merke, wie alles wieder in mir zusammenzieht. Ich geh’ öffnen.
Ich gehe in den Flur. Hannelore Schröder, blauer Mantel, sieht mich, nickt, blickt an mir vorbei sieht meine Mutter in der Küchentür stehen.
Sie kennen sich. Ein paar Mal auf der Hochzeit gesehen, einmal später an einem Geburtstag. Keine Vertrautheit. Höfliche Distanziertheit.
Ah, Frau Krüger, sagt Hannelore. Zu Besuch.
Ja, antwortet Mama ruhig.
Hannelore zieht Mantel und Schuhe aus, geht in die Küche. Ich folge unruhig, wie wenn man ein Unwetter erwartet und nicht weiß, von wo es kommt.
Sie inspiziert die Küche. Sieht, dass der Kuchen fast alle, Krümel auf dem Tisch, Marmelade mitten auf dem Tisch, nicht im Schälchen.
War wohl ein Festmahl, kommt es bissig.
Wir trinken Tee, sage ich.
Ich bleibe eh nicht lange. Sie tritt zum Herd, schaut in den Topf, in dem vorgekochter Eintopf auf seinen Abendvollendung wartet. Kopfschütteln. Gisela, du gibst das Gemüse am Schluss rein? Hab ich doch immer gesagt, sonst verliert es die Farbe.
Ich weiß.
Sieht aber danach aus, als ob du es nicht wüsstest.
Mama steht am Küchentisch. Ich sehe, wie sie zuhört. Sie hört sehr aufmerksam zu.
Frau Schröder, sagt sie dann ganz ruhig, Wie lange kochen Sie eigentlich schon in fremden Töpfen?
Stille in der Küche.
Hannelore Schröder dreht sich um, schaut Mama an. Eine lange Pause.
Ich verstehe nicht…, beginnt sie.
Sie verstehen genau, sagt Mama, ganz gelassen und fest, mit dieser Entschiedenheit, die Menschen haben, die lange geschwiegen haben und dann alles auf einmal sagen. Ich sitze hier seit fast zwei Stunden, höre zu. Sie kommen rein und erklären sofort meiner Tochter, wie sie kochen, putzen, leben soll. Das ist ihre Wohnung, Frau Schröder. Ihre und Martins. Nicht Ihre.
Ich bin Martins Mutter und habe das Recht…
Das Recht worauf? fragt Mama leise. Darauf, dass Ihre Schwiegertochter sich in ihrem eigenen Zuhause schuldig fühlt? Was ist das für ein Recht?
Ich stehe an der Wand und kann mich nicht bewegen. In mir passiert irgendetwas. Etwas Großes, Unbegreifliches als ob der Stein in mir endlich reißt.
Hannelore Schröder richtet sich auf, das Kinn noch ein wenig höher.
Sie schützen Ihre Tochter, ja?, sagt sie.
Ja, das tue ich. Denn sonst tut es keiner.
Dieses letzte Wort bleibt im Raum: Keiner. Wir beide wissen, über wen wir reden. Martin ist nicht da. Aber selbst wenn er da ist, sagt er hab Geduld.
Es bleibt ruhig. Ich sehe den Kampf in Hannelore Schröders Gesicht. Sie ist es gewohnt, das letzte Wort zu haben. Ihr Sohn widerspricht nie. Ich widerspreche nicht. Aber Mamas graue, ruhige Augen lassen nicht locker.
Gisela ist eine gute Hausfrau, spricht Mama weiter. Gute Ehefrau, klug, fleißig, freundlich. Ich hab sie großgezogen. Sie hat es nicht verdient, sich jeden Besuch von Ihnen wie bei einer Abnahme zu fühlen.
Ich will nur, dass mein Sohn es gut hat, sagt Hannelore. Zum ersten Mal höre ich Müdigkeit in ihrer Stimme, keine Strenge, fast Hilflosigkeit.
Mama hat das gespürt, hält inne.
Ihrem Sohn geht es gut, wenn seine Frau glücklich ist. Und das kann sie nicht sein, wenn Sie sie einmal pro Woche herabwürdigen auch wenns unabsichtlich ist, aus Sorge um den Sohn.
Hannelore greift nach der Tasche. Ich denke, sie geht jetzt. Wird beleidigt die Tür knallen.
Aber sie bleibt. Stellt die Tasche auf den Hocker zurück und setzt sich langsam an den Tisch. Als ob etwas sie hält.
Mach mir bitte noch Tee, Gisela, sagt sie. Ganz anders als sonst, leise.
Ich schenke ein.
Wir sitzen zu dritt und reden wenig. Mama schneidet Kuchenreste. Hannelore nimmt ein Stück, isst wortlos.
Draußen dämmert es. Im November ist um sechs schon Nacht.
Martin kommt gegen acht. Ich höre, wie er im Flur stehen bleibt, Mantel und Jacken der beiden Damen an der Garderobe sieht er stockt kurz, dann kommt er in die Küche.
Wir sitzen zu dritt am Tisch. Irgendetwas liegt in der Luft, er bemerkt es sofort, blickt ernst in die Runde:
Ist was passiert?
Setz dich und iss, sage ich. Eintopf ist gleich fertig.
Er schaut Mama an. Dann seine Mutter. Dann mich.
Ist irgendwas passiert?
Setz dich, Martin, meint Maria Krüger ruhig.
Er setzt sich. Ich stelle ihm eine Schüssel hin. Der Eintopf ist gelungen, das Gemüse hat die Farbe behalten ich habe es am Ende dazugegeben, wie sie sagt.
Wir essen schweigend. Später schiebt Martin den Teller weg:
Mama, bleibst du lang?
Er fragt meine Mutter.
Bis morgen früh, da fahre ich zurück.
Okay, sagt er.
Hannelore Schröder bereitet sich zum Gehen vor. Nimmt die Tasche. Zieht Mantel und Schuhe an, schweigend. Ich halte ihr den Mantel hin, sie nimmt ihn sieht mich nicht an.
Kommst du, Martin?, sagt sie.
Er wirft sich die Jacke über, begleitet sie zur Tür hinaus. Ich höre die Tür, höre ihre Schritte auf der Treppe.
Mama nimmt mich einfach in den Arm. Einfach so, wortlos. Da in der Diele, mit dem Gesicht an ihrer Schulter, merke ich: Meine Augen sind feucht. Ich weine nicht, sie sind einfach feucht.
Mama, sage ich.
Alles gut, sagt sie. Genau richtig so.
Martin kommt nach zwanzig Minuten zurück. Geht leise in die Küche, dort sitzen Mama und ich, trinke Tee, kaum ein Wort.
Gisela, sagt er. Können wir kurz reden?
Mama nickt.
Wir gehen ins Wohnzimmer. Martin setzt sich aufs Sofa, ich stelle mich an das Fenster. Draußen die gelben Hoflaternen, Nacht liegt über der Stadt.
Hat Frau Krüger etwas zu Mama gesagt?
Ja.
Was?
Die Wahrheit.
Er schweigt.
Mama ist gekränkt.
Ich drehe mich um, schaue ihn an.
Und ich? Bin ich nicht gekränkt? Seit sieben Jahren jede Woche: Zuckerdose schmutzig, zu viel Lorbeer, Staub, Kinder, immer nur: Hab Geduld, hab Geduld. Ich bin müde vom Geduldigsein.
Er sieht mich wirklich an. Nicht zur Seite, nicht auf den Boden mich. Und auf einmal erkenne ich in seinem Blick etwas, das ich lange vermisst habe. Etwas Lebendiges, Beunruhigendes.
Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist, sagt er.
Du wolltest es nicht wissen. Das ist ein Unterschied.
Er steht auf, geht zur Bücherwand, fährt nervös mit der Hand über die Buchrücken. So macht er immer, wenn ihn etwas beschäftigt.
Du hast recht, sagt er schließlich.
Das habe ich nicht erwartet. Ich rechnete eher mit: Du übertreibst. Oder man muss Mama verstehen, oder wieder hab Geduld. Aber er sagt: Du hast recht. Diese zwei Worte füllen das Zimmer ganz aus, schwer und bedeutend.
Ich habe unterwegs mit ihr gesprochen, fährt er fort. Hab ihr gesagt, dass es so nicht geht.
Und?
Sie ist beleidigt. Sagt, sie hat ihr Leben aufgeopfert, fühlt sich unverstanden, ist alt und einsam.
Das habe ich heute auch schon gehört.
Ja. Sie weiß, wie man einem Schuldgefühle macht.
Das nennt sich emotionale Erpressung, Martin.
Er nickt. Schweigt.
Ich habe immer Angst gehabt, sie zu kränken, gestand er. Vor allem seit Papa tot ist. Ich meinte, ich muss sie schonen, keinen Streit provozieren.
Und ich? Mich muss man nicht schonen?
Er sieht mich ernst an. Wieder diese Lebendigkeit in seinem Blick.
Doch, sagt er leise. Doch. Es tut mir leid, Gisela.
Ich sehe ihn an. Das ist der Martin, den ich seit sieben Jahren kenne: müde, stets vermittelt zwischen uns. Martin, der Streit mit seiner Mutter mehr fürchtet als das, was in mir passiert. Und doch bittet er mich um Verzeihung. Da ist plötzlich wieder etwas Echtes.
Na gut, sage ich.
Nicht: Ich verzeihe dir, nicht: Alles paletti. Nur na gut. Denn das ist das Ehrlichste.
Wir gehen zurück in die Küche. Mama blättert in einer Fernsehzeitschrift, die auf dem Fensterbrett lag. Martin setzt sich daneben.
Frau Krüger, danke, sagt er.
Mama schaut ihn an, ruhig.
Sie müssen mir nicht danken.
Er nickt. Versteht.
Der Abend verläuft ruhig. Mama legt sich früh schlafen, nimmt unser Bett, ich nehme mit Martin das Sofa. Wir beide spülen noch ab in der Küche. Martin reicht mir die Teller, ich stelle sie in den Schrank. Dinge, die er lange nicht mehr getan hat, aber es bedeutet gerade viel schwer zu beschreiben.
Martin, sage ich, als wir fast durch sind. Ich verlange nicht, dass du dich von deiner Mutter abwendest. Sie ist deine Mutter, sie liebt dich. Aber ich brauche dich an meiner Seite, ich brauche, dass du nicht schweigst, wenn jemand gegen mich stichelt. Hörst du?
Ich höre.
Das ist wichtig.
Ich weiß.
Er trocknet sich die Hände ab, dreht sich zu mir.
Ich spreche noch einmal mit ihr diesmal richtig, sagt er.
Gut.
Am Morgen fährt Mama mit dem Bus zurück. Ich bringe sie zur Haltestelle. Kalter Novembermorgen, Atem zieht Wolkenschwaden, nasses Laub auf dem Gehweg. Die Tasche ist leichter, Marmelade und Socken hat sie bei uns gelassen.
Mama, sage ich. Gestern… ich wusste nicht, dass du so klar und deutlich sein kannst.
Sie sieht mich verblüfft an.
Wie so?
So entschieden. So … bestimmt.
Sie zuckt die Schultern.
Ich bin ruhig, solange man schweigen sollte. Aber wenn man meine Tochter verletzt, dann geht das nicht still.
Nach drei Minuten kommt der Bus. Wir umarmen uns.
Melde dich mal, sagt sie.
Jeden Abend, verspreche ich.
Sie lacht aus dem Fenster, winkt. Ich bleibe lange an der Haltestelle stehen, atme die kalte Luft ein. In mir ist ein neues Gefühl keine Leichtigkeit, keine Freude, etwas Komplexeres. Wie ein alter Stachel, der sich endlich bewegt hat. Nicht verschwunden, aber er sticht nicht mehr so wie früher.
Drei Tage später fährt Martin zu seiner Mutter. Allein. Abends sagt er: Ich war bei Mama. Wir haben geredet. Mehr erzählt er nicht, ich frage nicht nach. Nur: Wie geht es ihr?
Beleidigt. Aber sie hat zugehört.
Das ist schon mal was.
Hannelore Schröder kommt zwei Wochen später. Nicht am Donnerstag, sondern am Samstag ruft extra an: Martin, sag Gisela, ich komme am Samstag vorbei, ist das okay? Nur dass sie fragt, statt einfach zu erscheinen, ist neu. Kleines, aber wichtiges Signal.
Sie bringt ein Glas selbstgesammelte Pilze mit und einen Apfelkuchen, den sie gebacken hat.
Du magst doch Apfelkuchen, Martin sagte es mir, meint sie im Flur.
Ich nehme ihn entgegen.
Danke, Frau Schröder.
Sie folgt mir in die Küche, schaut sich um, wie immer. Ihr Blick schweift über Fensterbrett, Regale, Herd. Die alte Kontrollgewohnheit. Aber sie sagt nichts.
Wir trinken Tee. Sie erzählt von den Nachbarn. Ich von meinem aktuellen Auftrag, ein spannender Reiseführertext. Sie fragt, wie die Bezahlung so läuft.
Nicht: Du bist ja eh nur zu Hause. Sie fragt nur.
Martin sitzt daneben, achtsam. Legt manchmal für einen kurzen Moment seine Hand auf meine. Hannelore sieht das, schweigt.
Als sie geht, bleibt sie im Flur stehen, dreht sich zu mir.
Gisela, sagt sie und stockt.
Ich warte.
Du machst das hier ganz gut, sagt sie schließlich. Im Großen und Ganzen.
Im Großen und Ganzen. Ja, das bleibt. Aber für sie ist das viel. Für sie ist im Großen und Ganzen gut fast ein Blumenstrauß.
Danke, sage ich.
Sie nickt. Martin hilft ihr beim Anziehen. Sie geht.
Wir stehen im Flur. Die Tür fällt ins Schloss. Stille.
Und? fragt er.
Ich überlege.
Passt schon, sage ich.
Und das stimmt.
Passt schon. Nicht großartig, nicht wunderbar, nicht endlich alles gut. Einfach passt schon. In diesem Wort steckt viel sieben Jahre Erschöpfung, eine vorsichtige Hoffnung, das Wissen, dass ein Rest bleibt von früher, vielleicht immer. Aber jetzt steht das nicht mehr einsam da, so wie damals nachts am Spülbecken mit dem eigenen Spiegelbild im Dunkelglas.
Denn Martin steht neben mir. Und hört mir wirklich zu.
Das, glaube ich, ist das wichtigste in einer Ehe: nicht keine Konflikte zu haben, sondern dass, wenn es schwer wird, man nicht alleine bleibt. Dass jemand neben einem steht, statt nur zu sagen: Hab Geduld.
Ich gehe in die Küche, stelle Wasser auf.
Schenke mir Tee ein, solange er noch heiß ist.
Setze mich ans Fenster.
Draußen ist der November grau und kalt wie immer. Aber in der Wohnung ist es warm. Echte Wärme, nicht nur von der Heizung.




