Das facettenreiche Glück

Kompliziertes Glück

Wie bitte, wir lassen uns scheiden? Jonas, das ist doch ein Scherz, oder?

Friederike sah ihren Mann an und verstand die Welt nicht mehr. Scheidung? Nach fast fünfundzwanzig Jahren? In exakt zwei Wochen wollten sie doch feiern Oder jetzt wohl nicht mehr? Ihre Gedanken wirbelten nur so durcheinander. Was ist denn mit dem Fest, den Gästen? Die Einladungen sind doch schon längst draußen Alle kommen, die ganze Familie, Freunde rufen ständig an und fragen, was sie schenken sollen Sogar Anja, ihre beste Freundin, hat ihr Geschenk schon per Post geschickt, leider kann sie nicht dabei sein. Weit weg, und im sechsten Monat fliegt man nicht mehr so locker. Soll sie lieber daheimbleiben, später holen sie die Feier nach. Anja hat schließlich Friederike und Jonas damals zusammengebracht, ihren Kommilitonen. Und auf der Hochzeit war sie es, die ganz vorne brüllte: Küsschen!, und sich mit dem Brautstrauß, den Friederike gar nicht geworfen, sondern einfach überreicht hatte, vor der empörten Braut versteckte.

Ich verstehs nicht warum tut dein Timo eigentlich so? fragte Friederike einmal.

Er ist einfach noch nicht so weit, meinte Anja und rückte ihrer Freundin die Frisur zurecht. Alles kommt zu seiner Zeit, Rike! Wozu ein halbreifer Ehemann? Der mufft dir durch und nach zwei Jahren ist die Scheidung da. Dann: Streit um das Haus, die Kids, Omas und Opas am Ende lieben die mich alle und kann keiner ohne mich? Nein danke! Ich warte lieber noch auf die richtige Ernte.

Du bist aber mutig zwei Jahre Plan?

Ich kann nicht halb leben, Rike. Ganz oder gar nicht!

Und die Kinder? Sofort Zwillinge? Kein Einzelkind?

Klar, gleich ein Doppelpack! Durch und fertig, einmal durch die Hölle und das Komplett-Set. Die Chancen stehen gut bei mir und Timo gibt’s in der Familie lauter Zwillinge.

Die muss man dann aber auch erziehen

Zu zweit ist das leichter als alleine. Konkurrenz, aber die gesunde! Immer wer zum Spielen. Und gleich den Mutter-des-Jahres-Status, weil ich zwei aufziehe. Soll ich noch mehr Gründe bringen?

Bitte nicht! lachte Friederike und war sich trotzdem beinahe sicher, dass Anja kriegt, was sie will.

Genau so kams. Mit dem kleinen Unterschied, dass da oben, irgendwer einen noch besseren Sinn für Ironie hatte als Anja: Statt Zwillingen brachte Anja auf einen Schlag Drillinge auf die Welt. Tja, die Götter testen gern mal die Standfestigkeit ihrer Lieblinge.

Und Anja meisterte das bravourös. Inzwischen hatte sie die ganze Schwiegerfamilie um den Finger gewickelt. Sie war keine, die sich je klein machte, sprach mit allen auf Augenhöhe und war immer bereit zu helfen was meistens hieß, ihren Mann so einzuspannen, dass der sich vor lauter Retter-Posen grämen konnte. Aber Anja bestand drauf: Jonas, weißt du, irgendwann brauchen wir Hilfe, meinst du dann kommt einer? Pustekuchen! Willst du Bratkartoffeln mit Pilzen, dann fahr zu deiner Mutter und baue ihr den Wandschrank zusammen dauert zwei Stunden, macht Mutti glücklich, und ich putze bei ihr nächstes Wochenende die Fenster!

Deshalb standen, als Anja Hilfe bei den Kindern brauchte, gleich zwei Omas und ein Opa parat ihr eigener Vater war schon lange tot. So brachte Anja alle Kinder wunderbar durch, hatte auch genug Muttermilch für drei (manchmal ist Deutschland dann doch pragmatisch), organisierte die Babys und schrieb sich nachher noch an der Uni ein.

Bist du total verrückt, Anja? Wie willst du das schaffen? Friederike war fassungslos.

Anjas Antwort: Wer gibt einer Dreifach-Mama schon eine schlechte Note? So bleibt das Gehirn in der Elternzeit gefordert, und nachher bin ich Wirtschaftswissenschaftlerin und Juristin, zwei Fliegen mit einer Klappe! Was soll’s?

Den Abschluss bekam sie problemlos und schummelte sogar den Arbeitgeber, dass der für mögliche Nächte eine Nanny einplanen könne.

Aber das reicht doch kaum zum Leben!

Pssst, Oma-Alarm, aber die müssen das ja nicht wissen. Ich brauch Erfahrung, Rike! Was nützt mir ein Diplom ohne Praxis? Minimum verdiene ich, Erfahrung dazu, und später picke ich mir den besten Job raus!

Friederike bewunderte stets, wie Anja alles unter einen Hut brachte ohne je zu verschnaufen, während ihr selbst die Entscheidung, ob sie rote oder blaue Strumpfhosen im Kindergarten anziehen sollte, schon den Tag vermiesen konnte.

Aber Rike, triffst du mal eine Entscheidung, ist sie goldrichtig. Im Gegensatz zu mir, die zappelt immer wie ein Aal, munterte Anja auf. Du bist konservativ die verlässlichsten Menschen der Welt!

Verlässlich Jap! Jonas hat das ja wohl zu schätzen gewusst! Friederike ballte die Fäuste. Wie kann er das alles wegwerfen? Sie waren doch glücklich! Klar, keine Kinder, das war schwierig. Aber das hatten sie längst akzeptiert. Friederike hatte eine Weile im Kinderheim ausgeholfen, aber schnell gemerkt, ein fremdes Kind wirklich als eigenes aufnehmen, das konnte sie nicht. Es mangelte nicht an Energie oder Geld. Sie glaubte einfach, sie könnte das Kind nicht so lieben, wie es verdient hätte. Und was sollte das überhaupt heißen, wie man lieben muss? Keine Ahnung. Nur das Gefühl, da brauche es mehr.

Du hast einfach noch nicht dein Kind getroffen, sagte Frau Feldmann, die Heimleiterin, einmal, als Friederike mit hängenden Schultern den Weihnachtsbaum mit den Kindern schmückte. Wenn du deinen siehst, bist du verloren. Dann hält dich nichts mehr keine Schwierigkeiten, keine Probleme.

Und wenn ich ihn nie sehe? Vielleicht gibt es ihn für mich gar nicht? murmelte sie, während sie Geschenke auspackte.

Dann gibt es ihn halt nicht, sagte Frau Feldmann pragmatisch, dass Friederike zusammenzuckte. Lieber keine Mutter, als eine, dies doch nicht schafft. Ich hab hier schon genug Kinder doppelt und dreifach zurückbekommen. Guck mal den Sebastian da drüben an jetzt schon zum zweiten Mal zurückgegeben.

Wie kann das sein? Der ist doch noch so klein!

Sechs wird er. Das erste Mal wurde er adoptiert, dann kam ein leibliches Kind das passiert traurig oft. Beim zweiten Versuch hat die Familie sich mit drei eigenen und zwei adoptierten Kindern übernommen für Sebastian blieb nur Kümmerung, keine Liebe. Nach einem Jahr hat er essen verweigert, wollte zurück ins Heim Das sind die Geschichten, bei denen es mir eiskalt den Rücken runterläuft.

Das war Friederike zu heftig. Sie hätte schon fast angefangen, die Unterlagen für Sebastian auszufüllen, aber Anjas Stimme rief sie zur Vernunft: Bist du sicher, du hast genug Liebe? Wenns nur Mitleid ist, lass es sonst wird er einer von denen, denen du am Ende auch das Herz brichst. Weißt du was? Ich leih dir eines meiner Kinder übers Wochenende, dann weißt du, ob du Mutter sein willst!

Friederike lehnte ab, besuchte das Kinderheim nicht mehr direkt und half nur noch auf Distanz. Aber Sebastian vergaß sie nie ganz. Er war ihr ständiger Geistesblitz als Mahnung: Lebe so, dass du niemandem wehtust.

Friederike umklammerte ihre Schultern. Kalt Warum war es so eisig? Der Oktober war erst halb rum, die Heizung rauschte schon Was tun? Jonas Koffer helfen packen? Was kommt mit, warme Sachen auch? Hier oben im Norden wirds ja nie lange warm, besser an alles denken In ihrer Kindheit bei der Mutter in Freiburg wusste sie gar nicht, wie frieren geht. Den Winter verbrachte man in Lederjacken, dickere Mäntel nur für Bergwochenenden Plötzlich wollte Friederike nur noch eins: Zu Mama. Ihr entkommen, Wandern in den Schwarzwald. Zu zweit, ganz allein, kein Alltag, keine Sorgen Aber die Mutter war längst tot. Und Jonas jetzt auch fort

Freiheit? Pah! Was soll das? Sie wollte ihren Mann. Den Alltag: Kaffee am Morgen, Kaffee um Mitternacht. Gespräche stundenlang, Spontanbesuche im Theater, Ausflüge ins Nirgendwo immer ungeplant, immer verrückt. Jonas rief manchmal einfach an:

Rike, arbeitest du?

Total viel Stress! Zwei Bewerbungsgespräche, dann Bank!

Ach, lass uns rausgehen! Spazieren?

Und Friederike warf alles hin, eine Stunde später schlenderten sie durch den Wald schweigend, plappernd, es war einfach gut.

Jetzt war das alles Vergangenheit Ihr Vergangenheit. Sie behielt ihre Erinnerungen, Jonas hingegen würde eine Zukunft haben. Mit der neuen Dame, die ein Kind erwartet Kind! Ist das der Grund? Oder war die ganze Ehe von Anfang an ein Schauspiel? Ersteres könnte sie verschmerzen, das zweite niemals! Dann hätte sie versagt, wäre eine Niete Keine Frau, die einen Mann dauerhaft glücklich machen konnte?

Sie stand in der Küche am Fenster, presste das Knie an den heißen Heizkörper, hörte Jonas Kisten packen, Schranktüren schlagen, und zitterte so, dass der Blumentopf auf der Fensterbank, ein Geschenk von Anja, bald in die Tiefe segelte. Als die Haustür endlich zu fiel, presste Friederike die Finger aufs Fensterbrett, stemmte sich dagegen, als wolle sie es zerbrechen, dann schmiss sie den Topf zu Boden und schrie so laut, dass ihre Stimme fast zerbarst.

Danach fühlte sie sich kein Stück besser. Die schwarze Erde, vermischt mit Scherben auf dem Küchenboden, brachte sie seltsam zurück ins Jetzt. Genau so, schwarz, war ihr Leben jetzt. Kein Licht mehr, nicht mal der Versuch einer Glühbirne. Ihr Licht war verschwunden. Und alles, was blieb, war der Tastsinn.

Fast alles.

Friederike löste sich endlich von der Heizung, trat barfuß über die Scherben, ignorierte den Schmerz des Schnittes, schleppte sich ins Schlafzimmer, griff nach dem Handy.

Aaaaanja

Es war kein wirklicher Schrei, eher ein Tierlaut, geboren aus tiefstem Schmerz. Anja musste nichts mehr hören.

Jonas weg?

Ja

Gut. Morgen bin ich da.

Bist du bescheuert? Friederike war auf einen Schlag wieder da. Nein! Auf keinen Fall! Schieb keinen Stress, du bist schwanger! Wieso… warte mal… Du wusstest es?

Nicht genau, aber ich habs geahnt. Beim letzten Treffen hat Jonas mich nicht angeguckt, und jetzt ergibt alles Sinn. Rike! Es kommt wie es kommt und manchmal ist das Beste daraus zu machen.

Anja, wie denn? Mein Leben ist vorbei! Man kann nichts tun!

Kauf dir ein Kleid!

Was?

Wie gehört. Das Kleid, für das du zu geizig warst. Hol es dir jetzt gleich. Und dann meldest du dich. Bleib nicht zu Hause, stink nicht in Selbstmitleid. Setz dich in den Zug oder flieg. Mir gehts blendend. Wir gehen wandern!

Was, du bist hochschwanger!

Na und? Bin ja keine Invalidin! Hotel statt Zelt, Kurzwanderungen, fertig. Ich muss hier eh durchdrehen, Timo ist bei der Karate-Meisterschaft, zwei Mädels im Trainingslager. Schnapp die Gelegenheit, später wirds kaum besser. Also dann übermorgen sagst du mir Flugnummer. Halt mich nicht auf!

Anja legte auf, Friederike glotzte das Handy an. Was nun?

Die Antwort kam von selbst. Friederike stand langsam auf, trat vors Spiegel. Da stand sie. Nicht mehr das junge Ding, aber auch keine Großmutter. Da ist noch was Sie griff ins Haar, wischte letzte Tränen weg, richtete sich auf. Bewegung! Jetzt weiter! Stillstand erlaubt sie sich nicht mehr.

Das Handy schickte Stornos für alle Termine, ein paar Anrufe stornierten das Restaurant und Sonstiges. Geschafft! Sie nahm einen Besen plötzlich total vergessen, dass sie zwei teure Staubsauger besitzt! Mit Besen und Lappen entkrümelte sie Küche und Geist.

Das Kleid passte wie angegossen. Knallrot! Sie war sonst zaunpfahlbeiger eingeladen, Anjas knallige Outfits überließ sie immer der Freundin. Aber gerade jetzt wollte sie Aufmerksamkeit. Warum nicht! Was solls!

Im Spiegel sah sie nun eine andere Friederike erschöpft, verwirrt, ja, aber nicht zerbrochen. Da war noch etwas, was niemand ihr nehmen konnte. Wut würde helfen, alles rauszuschwemmen, aber es funktionierte nicht. Vielleicht, weil sie versteht, warum Jonas gegangen ist? Weil das mit Freundschaft und Ehe immer komplizierter wird Ach, Jonas, warum hast du es getan?

Der Flug war doof, mit Umsteigen, Friederike nahms locker. Mehr Zeit, keine dunklen Gedanken.

Die Reise war ein voller Erfolg. Mit Anja stakste sie durch sämtliche Wanderwege ums Hotel. Beim Gehen wurde mal geschwiegen, mal sprudelte es im Dialog, als wollte jede alles auf einmal loswerden. Nach und nach fühlte Friederike, wie der Kummer abfiel. Anja hatte eine Verstörungslogik für alles das, was gestern noch weltbewegend schien, war heute Wurst. Das Unwichtige rückte plötzlich in den Vordergrund, nahm den Platz frei für neue Gedanken.

Komm zurück. Was willst du denn noch allein in Hamburg? Business? Hier sprießen neue Wohnviertel wie Pilze, da steckst du mit Kindertagesstätten das Feld ab. Dein Vater wird auch nicht jünger, wolltest du den nicht eh herholen? Jetzt sparst du dir das! Wohnung, Klima, alles bleibt. Willst du mit ihm wohnen, oder lieber nebenan? Denk nach.

Und Friederike dachte nach. Am Ende dieses ungewöhnlichen Urlaubs stand die Entscheidung fest: Rückzug in den Süden, nach Freiburg, würde besser passen.

Scheidung, Wohnung, Auto verkaufen, alle Geschäftsunterlagen abschließen all das war jetzt ihre Routine. Sie trennte Emotionen von Fakten, traf Jonas ein paar Mal, blieb beherrscht, dann Kontakt gelöscht. Weg.

Freiburg begrüßte sie mit Apfelblüten und Sonne. Durchatmen endlich! Sie kaufte eine kleine Wohnung, nicht beim Vater, sondern in der Nachbarschaft. Musste sie doch an dem Tag, als sie dem Vater einen Überraschungsbesuch machte, auf eine sehr anständig dreinschauende Dame treffen Lore, die neue Herzdame ihres Vaters. Nett und herzlich, was Friederike völlig reichte. Sollen sie doch ihr Glück genießen sie würden sich nie in die Quere kommen. Sie wusste, ihre Eltern hatten sich sehr geliebt. Warum sollte ihr Vater bis zum Lebensende leiden? Als sie zusah, wie Papa den Rasen mähte und Lore den Tee servierte, wusste sie: Das ist genau richtig so.

Sag mal, dein Vater hält sich ja wacker, oder, Rike? Lore sah ihn mit solchem Leuchten an, dass jedem Romanautor das Herz aufgehen würde. Es gibt Liebe wirklich. Manche kriegen sie leicht, andere müssen sie erst mal ein paar Jahrzehnte suchen, und wieder anderen bleibt sie für immer verborgen.

Was Friederike jetzt sah, schenkte Hoffnung. Wenn der eigene Vater so spät noch jemanden findet, vielleicht ist für sie auch noch jemand da draußen? Sie sieht ihn halt nur noch nicht.

Ein Jahr floss dahin, als wäre nichts gewesen. Zwei Kindertagesstätten, die sie eröffnete, liefen wie geschnitten Brot. Friederike war gut beschäftigt, änderte alles an sich Frisur, Garderobe, sogar eine Hündin namens Gretchen zog ein. Doch manchmal schlich sich die Einsamkeit ein. Dann saß sie abends in der dunklen Küche, drehte eine Teetasse in ihren Händen und wünschte sich, Jonas würde hereinkommen, das Licht anmachen und fragen: Was ist los, Rike? Soll ich dir einen Tee machen? Und dann erzählst du!

Sie wusste, das war Quatsch, aber trennen konnte sie sich davon nie ganz.

Sogar der Steuerbescheid, der eineinhalb Jahre nach Firmenverkauf kam, war eine willkommene Ablenkung. Endlich mal Bewegung, etwas zu tun!

Das Problem war halb so wild Friederike hatte alles an einem Tag geregelt und noch ein paar Stunden bis zum Rückflug. Also wanderte sie durch die Stadt, fuhr noch mal in ihren alten Stadtteil. Warum nur? Die Orte sehen, an denen sie glücklich war? Oder nicht? Wer weiß.

Eines ihrer Kinderzentren war geschlossen, das andere florierte weiter. Friederike stand versonnen vorm Fenster, sah die Kinder über die Malblöcke gebeugt, hörte den jungen Lehrer wie einen Bären knurren, die Kinder quietschen begeistert. Er hatte Fantasie, das war wichtig! Letzter Blick auf das Haus, dessen Fassade sie neu bespannt, und dann zur Haltestelle.

Da stand noch ihr früheres Haus, im Park vorne der Sandkasten, in dem sie mit ihren Kindern hatte spielen wollen Und der Park, den sie sonntags mit Jonas geliebt hatte.

Warum lief sie nun spontan in den Park? Es war ein Automatismus. Die vertraute Allee entlang, neue Bänke, frisch renovierte Fontäne.

Auf einer Bank am Rand saß ein Mann und schob einen Kinderwagen hin und her. Irgendwie kam er ihr bekannt vor. Zwei Schritte noch, dann wurde Friederike klar: Jonas. Sie stockte. Was war anders an ihm? Das Haar ganz weiß, aber das war schon Familientradition. Er kauerte irgendwie eingeknickt, schaukelte den Wagen und blickte ins Leere. Und trotzdem wusste sie sofort: Es tut ihm weh. So weh, dass er am liebsten unsichtbar wäre. Das konnte sie so nicht stehen lassen. Sie kannte ihn schließlich, wusste, wie man ihn da rauszieht. Wenn er sie ließ

Jonas?

Er zuckte zusammen, senkte den Kopf noch tiefer.

Hallo, Rike.

Sie setzte sich neben ihn Wie gehts?, fragte sie. Es klang so idiotisch, dass sie am liebsten weggelaufen wäre.

Schlecht. Ganz schlecht, Rike.

Warum?

Noch dümmer diese Frage. Aber sie stellte sie entweder sie klärte das jetzt oder nie.

Weil ich allein bin. Ich hab alles verloren, was mir was bedeutet hat aus Blödheit, Zufall, das wars.

Lüg nicht. Du hast jetzt doch alles, was du wolltest noch viel mehr. Sie deutete auf den Kinderwagen. Mädchen oder Junge?

Tochter. Eva.

Junge Frau, Kind was willst du mehr?

Es gibt keine Frau mehr, Rike. Mila ist tot, Komplikationen nach der Geburt.

Friederike stockte der Atem. Ihr war plötzlich egal, dass diese Frau ihre Ehe zerstört hatte. Sie tat ihr leid. Ein naives Mädchen, das zum richtigen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen war. Jonas hatte sonst nie zu viel getrunken warum ausgerechnet an diesem Abend? Schicksal. Jetzt schlief das Ergebnis dieser Nacht friedlich im Kinderwagen.

Sie schwiegen lange, dann redeten sie durcheinander, und während Eva aufwachte und die beginnende Dämmerung bewunderte, legte sich eine unerwartete Ruhe über die beiden.

Friederike stand auf, betrachtete das kleine Mädchen und erstarrte. In diesem Moment erinnerte sie sich an Frau Feldmanns Worte: Wenn Sie Ihr Kind sehen, verstehen Sie.

Ein halbes Jahr später führte diese Frau Feldmann einen stillen, ernsten Jungen in ihr Büro, ließ sie mit Friederike allein.

Maximilian, weißt du, warum ich da bin?

Wegen mir.

Willst du bei mir leben?

Weiß nicht. Ich glaube nicht, dass Sie mich nehmen.

Der Junge sah Friederike an, als wäre sie aus Glas. Eine winzige Hoffnung blitzte auf, als Friederike Fotos herausholte.

Ist das Ihr Mann?

Ja.

Und das Ihre Tochter?

Nein, Max. Noch nicht. Aber ich werde ihr Mama wenn du und sie es wollt.

Sie geben mich eh zurück.

Warum?

Machen doch alle.

Ich nicht, weißt du warum?

Nein.

Weil ich weiß, wie es ist, alles zu verlieren. Wenn nichts mehr bleibt, niemand einen liebt. Das tut weh.

Weiß ich.

Und weißt du, was eine Mutter ist, Max?

Nein.

Die, die das niemals zulässt.

Haben Sie Mitleid mit mir?

Friederike sah ihn lange an, schüttelte langsam den Kopf.

Nein. Ich will dich nicht bemitleiden. Ich will dich lieben, verstehst du? Will, dass es dir gut geht. Und Eva braucht übrigens einen großen Bruder, einen starken. Einen, der sie beschützt. Was meinst du, schaffen wir das?

Max schwieg, starrte sie an. Dann strich er ganz sacht über den roten Ärmel ihres Kleids. So ein kräftiges Rot, dass Max sicher sein wollte, es ist real.

Gefällts dir?

Sehr.

Mir auch. Das hab ich gekauft, als es mir richtig schlecht ging. Seitdem liebe ich rot.

Ich auch. Nochmal strich er hin Ich wills versuchen.

Nein, Maximilian, wir versuchen nicht. Wir machen. Weils richtig ist. Ich geb dich nie mehr her. Aber du musst mir helfen, ich weiß nämlich auch nicht wirklich, wie das geht mit dem Muttersein. Aber ich wills lernen, für dich und für Eva. Machst du mit?

Max nickte ganz langsam. Friederike atmete durch.

Zwei Jahre später marschierte eine Familie im Gänsemarsch über den Wanderweg: Ein dünner, dunkelhaariger Junge passte auf ein quirliges, flippiges Mädchen auf, das ständig irgendwohin davon sauste.

Eva, im Wald gibts Wölfe!

Gibts nicht!

Doch, und Bären! Riesige! Richtig hungrig.

Hat ihre Mama ihnen nichts gekocht?

Nö, kennt kein Porridge!

Unsere kann das!

Eben. Sag Mama, sie soll für die Bären kochen.

Mama! Eva meint, du sollst Bären Haferbrei kochen!

Grießbrei?, japste Friederike, die endlich zu ihren wuseligen Kids aufgeschlossen hatte.

Mama! Eva blickte sie empört an. Deiner hat immer Klümpchen! Das mögen die Bären nicht!

Du Schlaumeierin! Die Bären würden sich freuen über Klümpchen und ich nehm extra viel Honig.

Den, den du gestern gekauft hast, kannst du gleich mitgeben!

Von wegen, den mag ich lieber selbst! Magst du weiter auf dem Arm, oder selber laufen?

Auf den Arm!

Papa ist dran! Friederike übergab Eva an Jonas, wuschelte Max durchs Haar. Und du, Maximilian? Haferbrei für die Bären?

Ach Mama, ich will noch nicht nach Hause. Wenn Eva die Tiere hier anfüttert, kommen wir gar nicht mehr aus dem Hotel raus. Lass sie noch ein bisschen hungrig!

Friederike lachte, sah zu Jonas, dann zu ihren Kindern. Eva, die Bären bekommen ihren Brei später. Ich lerne inzwischen, wie man ihn ohne Klümpchen macht, okay?

Okay!, rief Eva. Der Rest der Familie grinste sich an.

Oh, Mama!, machte Max eine Grimasse.

Oh, Sohn!, lachte Friederike, Lass sie nicht aus den Augen. Sonst nehmen wir bald den halben Schwarzwald als Haustiere mit heim. Alles, was hungrig ist und geliebt werden will!

Ihr Lachen flog über die Lichtung, tanzte hinter den Menschen durch die Berge und verschwand in der Weite. Der Tag, der langsam dämmerte, versprach, ein heller, guter Tag zu werden.

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Homy
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