Vom Rentengeld gönnte sich Gerda Schröder – neben den unvermeidlichen Nebenkosten und dem Einkauf vo…

Von ihrer Rente leistete sich Gisela Hartmann, abgesehen von den festen Ausgaben für Miete, Gas und Strom sowie Lebensmitteleinkäufen auf dem Wochenmarkt, ein einziges kleines Vergnügen ein Säckchen Kaffeebohnen. Bereits geröstet dufteten die Bohnen beim Aufschneiden der Verpackung so verheißungsvoll, dass Gisela jedes Mal die Augen schloss, den Moment im Stillen genoss und tief einatmete, als gäbe es nur diesen einen Sinn auf der Welt. Immer wieder erlebte sie dann das gleiche Wunder: Mit dem betörenden Aroma schlich sich neue Kraft in ihren Körper, und in Giselas Gedanken lebten die Mädchen-Träume von fernen Ländern auf der Gedanke an tosende Atlantikbrandung, das Tosen tropischer Regengüsse, das geheimnisvolle Rascheln im Dschungel und wilde Affenschreie in den Baumwipfeln

Nichts davon hatte sie je gesehen, doch die Erzählungen ihres Vaters, der in den Dreißigern auf Forschungsreisen nach Brasilien verschwunden war, waren ihr unvergesslich geblieben. Wenn er, der hagere, wettergegerbte Forscher, selten nach Hause kam, erzählte er der kleinen Giselchen seine Abenteuer aus dem Amazonasgebiet natürlich während er dunklen, starken Kaffee schlürfte. Und immer wenn sie jetzt das Aroma spürte, kehrte das Bild ihres Vaters zurück.

Dass ihre Eltern nicht ihre eigenen waren, wusste sie schon immer, auch wenn es nie ausgesprochen wurde. Sie erinnerte sich, wie sie als Dreijährige während der Kriegsjahre ihre Familie verloren hatte, und eine fremde Frau sie zu sich nahm die fortan ihre Mutter war. Dann verlief ihr Leben wie bei so vielen: Schule, Ausbildung, Arbeit, Heirat, Geburt des Sohnes und am Ende das große Alleinsein. Ihr Sohn, schon vor zwei Jahrzehnten nach München gezogen, weil es die Schwiegertochter wollte, lebte längst sein eigenes Leben. Er besuchte Gisela in all den Jahren nur ein einziges Mal. Einmal im Monat rief er sie an, schickte Geld aber sie rührte es nicht an, sondern legte jeden Euro sorgfältig auf ein extra Eröffnungskonto zurück. Über die Jahre war eine hübsche Summe zusammengekommen, die sollte bald wieder an ihn zurückgehen. Wenn es soweit war

Immer häufiger fragte sie sich, ob sie nicht ein gutes, aber fremdes Leben gelebt hatte. Ohne den Krieg hätte sie vielleicht eine andere Familie gehabt, andere Eltern, ein anderes Zuhause. Auch ihr Schicksal hätte sich anders entwickelt. An ihre leiblichen Eltern erinnerte sie sich kaum, aber öfter an das Mädchen von damals, immer an ihrer Seite Gretchen hieß sie. Wie oft hörte sie noch den Ruf: Gretelchen, Giselchen! War sie eine Schwester? Beste Freundin? Sie wusste es nicht.

Ihre Gedanken wurden von dem kurzen Klingelton des Handys unterbrochen. Rente gebucht! Endlich, wie gut! Nun konnte sie den Spaziergang zum Laden antreten und neuen Kaffee kaufen die letzte Tasse hatte sie gestern früh aufgebrüht. Vorsichtig, den Gehstock vor sich her setzend und den Herbstpfützen ausweichend, näherte sich Gisela dem kleinen Supermarkt an der Ecke.

Vor der Tür kauerte eine graugestreifte Katze, scheu blickend zwischen Passanten und der Glasfront des Eingangs hin und her. Mitleid regte sich in Giselas Herz. Das arme Tierchen friert bestimmt und hungert sicherlich. Ich würde dich ja mit heim nehmen aber was wäre, wenn ich nicht mehr hier bin? Wer kümmert sich dann um dich? Mir bleibt ja auch nicht mehr so lange Dennoch kaufte sie eine billige Tüte Futter für die Katze.

Sorgfältig drückte sie die Portion aus dem Beutel in ein Plastikschälchen, während die Katze wartete und sie dankbar ansah. Kaum war das Schälchen gefüllt, öffnete sich die Tür des Ladens. Heraus kam eine stämmige Frau mit finsterem Blick und stieß das Schälchen achtlos beiseite, sodass das Futter auf dem Gehweg verteilte.

Wie oft soll ich es noch sagen? Füttern Sie die Viecher hier nicht! schimpfte sie und rauschte davon.

Die Katze schlich vorsichtig zu den Futterbrocken, und während Gisela sich abwandte, spürte sie plötzlich den vertrauten, schneidenden Schmerz. Ein Anflug von Panik stieg in ihr auf Migräne! Sie schleppte sich zur Bushaltestelle, wo endlich eine Bank war, und begann zitternd, in den Taschen nach ihren Tabletten zu suchen vergeblich.

Die Schmerzen rollten in Wellen über sie hinweg, es fühlte sich an, als würde ihr Schädel von innen auseinandergerissen, vor ihren Augen wurde alles schwarz, ein Stöhnen brach aus ihrer Brust. Da spürte sie eine leichte Berührung an der Schulter. Mühsam sah sie auf neben ihr stand ein junges Mädchen, das sie besorgt anblickte:

Geht es Ihnen schlecht, Großmutter? Kann ich helfen?

Im Beutel , stammelte Gisela matt. Der Kaffee schneid ihn bitte auf.

Das Mädchen tat, wie geheißen, und Gisela sog den Duft der Bohnen ein, einmal, zweimal. Es war nicht viel, aber der Schmerz ließ ein wenig nach.

Danke, mein Kind , hauchte sie.

Ich heiße Anneliese, aber danken sollten Sie besser der Katze. Die ist gar nicht mehr von Ihrer Seite gewichen und hat so laut miaut! lächelte das Mädchen.

Dir auch danke, meine Gute, murmelte Gisela, die Hand auf das weiche Katzenfell legend.

Was ist passiert? fragte Anneliese besorgt.

Nur Migräne, mein Kind. Ich hab mich zu sehr aufgeregt, das passiert manchmal.

Ich begleite Sie nach Hause. Es wäre zu riskant, alleine zu gehen

Wenig später saßen sie in Giselas kleiner Wohnung beim dünnen Milchkaffee und Butterkeksen.

Meine Urgroßmutter hat auch oft Migräne, erzählte Anneliese. Sie lebt mit meiner Oma, Mama und Papa im Dorf. Ich studiere hier in Hamburg am medizinischen Fachinstitut. Sie nennt mich auch immer ,mein Kind’. Und Sie sehen ihr so ähnlich ich dachte im ersten Moment wirklich, Sie wären sie! Haben Sie nie versucht, Ihre richtigen Angehörigen zu suchen?

Wie denn, Annelieschen? Ich erinnere mich weder an unseren Namen noch an den Ort, aus dem ich komme. Ich weiß nur, dass wir im Krieg flüchten mussten, irgendwo in Bayern. Da war die Bombardierung, die Kutschen, dann die Panzer und ich bin gelaufen, immer nur gelaufen. Eine Frau fand mich allein am Straßenrand, sie wurde meine Mutter. Ihr Mann kam nach dem Krieg zurück und wurde mein Vater, so gut wie es einen Vater geben kann. Von meinen leiblichen Eltern habe ich nur meinen Vornamen behalten. Meine Familie war vermutlich unter den Toten. Auch Gretelchen, mein Gretelchen ”

Da zuckte Anneliese zusammen, ihre blauen Augen waren ganz groß:

Frau Hartmann, haben Sie zufällig ein Muttermal am rechten Schulterblatt, das wie ein Blatt aussieht?

Gisela verschluckte sich fast an ihrem Kaffee, selbst die Katze sah sie mit gespitzten Ohren an.

Woher weißt du das, mein Kind?

Meine Urgroßmutter hat genau das gleiche Mal. Sie heißt Margarete. Sie kann bis heute kaum über ihre Zwillingsschwester reden Giselchen, sagt sie immer. Sie ist damals, bei der Evakuierung, verloren gegangen. Als die deutschen Truppen die Straßen abgeriegelt hatten, musste die Familie zurück nach Hause und Giselchen blieb verschwunden. Trotz aller Suche

Am nächsten Morgen konnte Gisela weder schlafen noch sitzen. Sie bewegte sich unruhig zwischen Fenster und Haustür. Die graue Katze, die sie inzwischen Margot nannte, wich ihr nicht von der Seite.

Beruhige dich, Margot, es ist alles in Ordnung. Das Herz will nur nicht stillstehen murmelte Gisela.

Endlich, ein zartes Klingeln an der Tür. Zitternd öffnete sie. Zwei alte Frauen standen da die eine auf der Schwelle, die andere im Flur. Sie betrachteten einander abwartend, mit gespannter Hoffnung im Blick. Die blauen Augen, das silberweiße Haar, die feinen Linien um den Mund all das spiegelte sich wie im Traum, nach so vielen Jahren.

Da atmete die Besucherin tief durch, lächelte, trat vor und schloss Gisela in die Arme.

Giselchen endlich.

Und auf der Schwelle standen die Menschen, die sie ihr Leben lang vermisst hatte und weinten glücklich.

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Homy
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Zwischen zwei Fronten