Das große Kennenlernen: Ein traditioneller Tag des gegenseitigen Vorstellens in deutschen Familien

Verlobung

Wie bitte, du willst heiraten? Sebastian, warum erfahre ich denn erst jetzt davon? Frau Marianne Schuster legte die Stricknadeln und den fast fertigen Schal beiseite. Der dicke, zufriedene Kater Otto rollte sich schnurrend auf ihrem Schoß zusammen.

Mama, ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte…

Und warum nicht?

Ich hatte Angst, dass du es nicht gutheißen würdest!

Sebastian, was ist los? Seit wann hast du Angst vor mir? Und was habe ich je nicht gebilligt? Sohn, du machst mich nervös!

Das bitte nicht, Mama! Sebastian hockte sich zu ihr auf den Teppich, sah ihr direkt in die Augen. Ich erzähl dir alles, wenn du nicht nervös wirst und aufhörst, mir mit emotionaler Erpressung zu drohen.

Mein Sohn!

Mama! Als ob ich das nicht kennen würde. Die Stimme zittert, und in den Augen blitzt es vor lauter Teufelchen! Lass das lieber sein. Es ist alles etwas kompliziert. Ich hatte einfach keine Ahnung, wie ich mit dir darüber anfangen soll.

Fang doch einfach vorne an und dann sehen wir weiter. Marianne Schuster legte das Strickzeug beiseite und zog ihren Sohn leicht an den Ohren. Am liebsten würde ich dir was hinter die Ohren geben, aber dafür fehlt mir die Kraft, und sonst macht’s ja niemand.

Wenn Papa noch da wäre…

Sprich nicht von deinem Vater! Marianne zog die Stirn kraus, und Sebastian beugte sich gleich zu ihr, um sie zu umarmen.

Entschuldige, Mama. Ich vermisse ihn auch sehr…

Mit deinem Vater hättest du dir das nicht getraut. Sieh ihn euch an, Leute! Marianne wandte sich an Otto, der sich behäbig rekelte, und Trudi, das kleine knuffige Hundemischling, die sofort zur Vorsitz sprang und die Alte aufmerksam anschaute. Der Kerl ist schon fast vierzig, traut sich aber nicht, seiner eigenen Mutter die Braut zu zeigen! Warum?

Sebastians Ohr, das von ihren Fingern festgehalten wurde, lief rot an, er lachte und befreite sich.

Mama! Lass los, sonst seh ich bald aus wie ein Wackelohropax!

Dir würde ein bisschen Charakter gar nicht schaden! Quäl mich jetzt nicht weiter erzähl schon! Wer ist sie?

Sie heißt Katrin.

Ach, spannend! Und das ist alles?

Nein.

Muss ich dir jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen? Oder soll ich dich zu was zwingen?

Willst du mir die Schokolade verweigern oder mich in die Ecke stellen?

Ich lass dich den Zaun am Garten reparieren! Und die Johannisbeeren jäten!

Mama, seit wann hast du im Garten anderes als Blumen, Erdbeeren und Johannisbeeren? Da ist noch nie eine Kartoffel gewachsen!

Speziell für dich würde ich welche pflanzen!

Bitte nicht! Ich erzähle ja schon!

Je mehr Marianne ihrem Sohn zuhörte, desto mehr zogen sich ihre Brauen zusammen. Damit hatte sie gar nicht gerechnet. Was sollte sie jetzt nur mit diesen Informationen anfangen? Eines war klar: Sebastian meinte es ernst, das war keine Laune, sondern wirklich eine Frau, die ihm wichtig war. Und dass er nicht übertrieb, wenn er sagte, das sei alles ziemlich kompliziert, merkte sie sofort da gab es noch viele offene Fragen.

Und sie? Will sie dich heiraten?

Noch nicht.

Wieso?

Sie meint, sie wolle mir das Leben nicht schwerer machen.

Aha. Hast du ein Foto?

Sebastian zog sein Handy aus der Tasche, blätterte durch die Galerie und reichte seiner Mutter das Gerät.

Das ist sie. Katrin.

Marianne setzte die Lesebrille auf und entwand ihm das Smartphone, betrachtete das Bild. Eine sympathische, etwa dreißigjährige Frau blickte ihr entgegen, strohblonde Haare, ein bisschen zerzaust, fast kein Make-up das Foto strahlte eine angenehme Ruhe aus. Offenbar hatte Sebastian sie überrascht, wohl im Park. Die kahlen Äste mit ersten jungen Blättern umrahmten ihr Gesicht wie der Wonnemonat Mai. Frühling, der das Leben schenkt Man sah, das war kein gestelltes Bild sie schaute Sebastian an, nicht in die Kamera.

Du bist wirklich sehr talentiert! Dein Vater sagte immer, wenn du nicht zur Bundeswehr gegangen wärst, solltest du Fotograf werden. Was für ein intensiver Moment! Einfach im Vorbeigehen, und so viel Sinn. Gut gemacht, mein Junge! Marianne reichte Sebastian das Handy zurück und stellte die wichtigste Frage: Wann stellst du sie uns vor?

Sobald sie zusagt. Mama…

Sebastian, warum zitterst du wie ein Hase? Ich beiße sie doch nicht! Hast du allen Ernstes gedacht, ich würde darauf warten, dass du eine 18-jährige Jungfrau mit hochrotem Gesicht ins Haus bringst? Du, klar bist ein guter Typ, aber es ist zu spät, dir jetzt noch ein Weib zu erziehen. Oder? Also wenn es keine ganz Junge ist, hat sie ein Vorleben, logisch. Aber das ist eher ihre Sache, nicht deine. Ich muss sie selber kennen lernen. Du lebst mit ihr, nicht ich. Denk daran!

Sebastian ging, und Marianne begann, sich fertig zu machen.

Trudi musste raus, und Ottos Futter war alle. Zwei Sachen auf einmal erledigen, und dabei einen klaren Kopf bekommen. Nachdenken, wie es weitergeht.

Sie wusste, es würde nicht lange dauern, bis sie Katrin kennenlernen würde. Schließlich konnte Sebastians Charme kaum jemand widerstehen. Ein großer, gutaussehender Mann mit einem tollen Humor aber auch selten zu erleben. Er verstand es, unauffällig zu bleiben.

Marianne seufzte schwer.

Diese Zeit der Unsichtbarkeit zog sich schon viel zu lange hin. Seit Sebastians erste Frau, Heike, so unschön ohne ein Wort gegangen war Das macht man einfach nicht, hätte ihr Mann Reinhard gesagt war die Zeit in ihrer Familie stehen geblieben. Sebastian hatte sich nie verziehen, dass er seinen Sohn verloren hatte, und Marianne warf sich vor, sich nicht eingemischt zu haben. Auch wenn es wahrscheinlich nichts geändert hätte, quälte sie die Schuld. Sie hätte der Schwiegertochter von der Abtreibung abraten sollen.

Die Geschichte von Sebastian und Heike war völlig alltäglich: jung, ungestüm, nur Augen füreinander. Dann die Erkenntnis, alles falsch zu machen, eine neue Liebe scheinbar stärker und das Leben von gestern einfach vergessen. Zu schmerzhaft, oder auch nicht.

Marianne verstand damals, wie heute, nicht wirklich, wie Heike so leichtfertig und spielerisch alles abtun konnte als wäre da nichts gewesen, nach beinahe zehn Jahren gemeinsamen Lebens. Besuche, Abschiede, die schlaflosen Nächte, in denen sie nicht wusste, ob Sebastian zurückkäme. Warum? Hatte sie ihn einfach nicht mehr geliebt? Möglich. Doch Heike hatte Marianne direkt angeschaut und gesagt:

Es war nie etwas da. Immer nur Leere. Nichts.

Warum dann?

Weil alle immer sagen, man müsse heiraten. Ohne Trauschein zählt man nicht als Frau. Meine Mutter, Omas, Tanten, alle! Hat mal einer gefragt, was ich will? Nein! Ich will leben, nicht nur existieren! Neben einem Menschen, den ich liebe, nicht nur weil es sein muss!

Heike hatte geweint, sich die Tränen wütend weggewischt, und Marianne tat die junge Frau leid, die im Grunde immer noch ein Mensch auf der Suche nach sich selbst war. Sie fühlte Mitleid für sie und für ihren Sohn, und für das Kind, das nie geboren wurde.

Mit Heikes Abschied veränderte Sebastian sich vollkommen. Er verlor sein Selbstvertrauen, suchte lange, warum alles so endete und fand keinen Grund. Sein Rückzug in ständige Dienstreisen war fast zwanghaft, eine Flucht vor dem Wahnsinn. Eine nach der anderen. Marianne fragte bald nicht mehr, betete jede Nacht stumm, er solle einfach nur lebend zurückkommen.

Mittlerweile war sie schon lange Witwe…

Witwe. Ein Wort, das einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Man lebt weiter weil es Sebastian gibt. Weil sie gebraucht wird.

So lebten sie. Gegenseitig Halt gebend.

Marianne hatte die Hoffnung auf Sebastians Glück eigentlich aufgegeben. Sie wusste, dass er einige Frauen hatte, doch nie war es ernst. Diese Leere machte ihr Angst. Würde nie wieder jemand sein Herz berühren, dieses Feuer in ihm entfachen? Von Enkeln träumte sie kaum, Hauptsache, ihr Sohn kam wieder ins Gleichgewicht. Da war noch so viel ungenutzte Wärme…

Trudi zerrte an der Leine, bellte die vorwitzigen Spatzen an, und Marianne musste grinsen. Sie war wohl gerade ziemlich abgehängt, wie ihr Nachbarsjunge Emil immer sagte. Ein aufgeweckter Zwölfjähriger, der ihr regelmäßig den Laptop richtete und ihr erklärte, wie das Smartphone funktionierte, das Sebastian geschenkt hatte.

Emil, du bist doch noch ein Kind, woher kennst du dich so aus?

Ach, Frau Schuster, das lernst du ganz schnell. Das ist alles kinderleicht, für Einsteiger eben!

Für wen?

Na, für Leute, die mit Technik nichts am Hut haben, sich aber Mühe geben. Also, Sie sind ein Neuling. Nicht böse nehmen! Ich find’s super, dass Sie das lernen wollen! Meine Uroma bekommt schon beim Anblick eines Computers einen Schrecken. Sie meint, er sauge ihr das Gehirn aus!

Das klingt ja wie ein Horrorfilm!

Ja, wenn Oma einen Film schreiben würde, würden die Produzenten staunen! Da gehts in ihrem Kopf ab! So, Frau Schuster, ich hab Ihnen ein neues Spiel installiert zum Zeitvertreib. Und das Strickprogramm, das Sie wollten, ist auch drauf. Da das Symbol.

Wo? Marianne blickte auf, als würde sie wirklich auf dem Schreibtisch danach suchen, während Emil lachte.

Nein, doch nicht so! Sie sind echt witzig, Frau Schuster!

Gut, soll ich weiter ein Neuling bleiben. Hauptsache, der Deckel bleibt fest sitzen!

Emil erinnerte sie an Sebastian als Kind. So neugierig, hilfsbereit. Marianne dachte daran, dass Sebastian womöglich schon längst einen fast zehnjährigen Enkel hätte wäre alles anders gelaufen mit Heike…

Sie dachte plötzlich wieder an Katrins Gesicht. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass diese Frau schlecht war. Da war irgendetwas, vielleicht in diesem Blick, dem leicht schiefen Lächeln sie hatte Sebastian angeschaut, nicht den Fotografen.

Entschlossen nahm Marianne Trudi auf den Arm, bog diesmal nicht auf den üblichen Weg zum Park ab. Und die Tasche, die sie später nach Hause brachte, vertrieb Otto sofort vom Sofa.

Na, wie gefällts dir, Otto? Schön? Du meine Güte! Wir haben viel zu tun, aber wir schaffen das!

Katrin sagte schließlich zu. Aber bis sie überzeugt war, dauerte es fast das ganze verbleibende Jahr. Sebastian kam jedes Mal mit glänzenden Augen zu Besuch, dass Marianne lachen musste:

Bald brauchen wir keine Glühbirnen mehr im Haus, Junge!

Von Bekanntschaft sprechen wollte sie nicht mehr. Sie wartete, bis Sebastian den Termin ankündigte.

Die Feiertage rückten näher, der Beutel mit Geschenken war fast leer, und das, was sie heimlich vorbereitet hatte, wartete auf seinen Moment.

Sebastian verbrachte Silvester wie immer mit Freunden, Weihnachten aber gehörte traditionell der Mutter. Sie atmete erleichtert auf, als er anrief:

Mama, würdest du etwas dagegenhaben, wenn wir mit Katrin zusammen zu dir kommen?

Nach dem Anruf schaffte sie in einer Stunde mehr als sonst an einem Tag. Otto flüchtete unter das Bett, und Trudi drängelte sich so ständig unter ihre Füße, dass sie fast den Staubsauger anheulte. Schließlich war alles bereit. Marianne zog sich um und setzte sich wartend an den Tisch.

Otto kam aus dem Versteck und platzierte sich neben sie, Trudi daneben.

Was denn? Marianne blickte die beiden an.

Vier Kulleraugen blitzten, sie musste lachen. Ihr Wachhundteam. Sebastian neckte sie immer, er würde ihr eher die Tiere als sich selbst anvertrauen.

Marianne kraulte erst die Katze, dann den Hund. Tiere bleiben Tiere und spenden doch so viel Wärme… Sie erinnerte sich, wie sie Trudi übernommen hatte.

Ihr Nachbar, Herr Wilhelm, war ein verschlossener Mensch, lebte allein, hatte keine Familie, aber die kleine Trudi. Als Welpe hatte er sie an der Mülltonne entdeckt und großgezogen. Durch Trudi wurde der einsame Nachbar wie verwandelt. Er redete plötzlich mit den Nachbarn, erzählte begeistert von seinem Hund. Manche hörten zu, manche nicht. Aber er hatte endlich einen Sinn im Leben.

Marianne war froh, nun immer einen dankbaren Empfänger für Brühe und Knochen zu haben. Herr Wilhelm bedankte sich immer, brachte den Topf glänzend sauber zurück.

Meine Töpfe waren nie so sauber, Herr Wilhelm!

Ein kleines Zeichen unserer Dankbarkeit, liebe Frau Schuster!

Nach Herr Wilhelms Tod wurde Trudi zum Notfall ihr endloses Jaulen brachte das ganze Haus zur Verzweiflung. Marianne, gerade zurück aus dem Wochenendhaus, schlug sofort Alarm.

Der Polizist fragte sie:
Warum erst jetzt? Der Hund bellt schon stundenlang heiser.

Zwei Tage… Marianne war wütend wie nie.

Die Nachbarinnen zuckten die Schultern. Niemand wollte Zeit für einen Fremden aufwenden, der kaum gegrüßt hatte. Die Leute schimpften über den Hund, aber daran, Polizei oder Rettung zu holen, dachte niemand.

Marianne regelt alles Notwendige und nahm Trudi zu sich. Die Hündin verstand sofort, bei ihr war sie sicher und wich ihr monatelang nicht von der Seite.

Warum hast du so Angst, Trudi? Keine Sorge! Ich bin jünger als dein Herrchen Enkel gibts schon noch! Dann überlege ich weiter.

Erst als Otto kam, entspannte sie und schlief ruhiger. Tatsächlich war es Trudi, die die Katze in ihr Zuhause brachte. Im Park fanden sie mitten im Winter ein fest verschnürtes Kissen; Trudi zerrte es schnaufend aus den Büschen. Als sich das Kissen bewegte und ein mattes Geräusch herauskam, stockte Marianne fast das Herz.

Mensch, Trudi, du machst mich noch krank! Da ist was Lebendiges drin!

Drei der Kätzchen überlebten leider nicht, so sehr sie sich kümmerte, aber der kleinste, rothaarige, kämpfte tapfer. Trudi passte auf ihren kleinen Ziehsohn auf wie eine Löwin.

Na, meine Liebe? Jetzt weißt du, wofür man lebt…

Eine alte Korbwanne wurde der Schlafplatz. Jetzt hatte jeder seinen Platz Marianne im Bett, Trudi und Otto in ihrem Körbchen.

Sebastian amüsierte sich köstlich, wenn er seine Mutter mit ihren Vierbeinern “beratschlagen” sah.

Mama, du redest mit ihnen wie mit Menschen!

Ach Sebastian, manchmal habe ich das Gefühl, sie begreifen oft mehr als Menschen. Ich vermenschliche sie ja nicht, aber klüger als mancher Nachbar…

Jetzt blickte Marianne ihre Tiere an und klärte sie auf:

Heute kommen Gäste. Wichtige. Wir müssen erst mal schauen, ob wir unserem Sebastian vertrauen können…

Das Klingeln ließ sie aufschrecken.

Sie sind da… Benehmt euch! Ich will mich nicht blamieren!

Sebastian betrat mit Mandarinenkiste den Flur, umarmte seine Mutter und drängte gerade genug Platz frei, um die Gäste hereinzubitten, auf die sie so gewartet hatte.

Die Frau, die ihr jetzt gegenüberstand, war genau die von dem Foto. Selbe meergrüne Augen, halbes Lächeln. Ein Junge von etwa acht Jahren und ein jüngeres Mädchen schauten sie neugierig an. Beide ganz die Mutter.

Herzlich willkommen… die Worte, die Marianne vorbereitet hatte, waren wie weggeblasen. Doch sie musste sowieso kaum etwas sagen.

Es wurde turbulent, Mäntel ausziehen, Mützen abnehmen, dann ging alles seinen Gang. Beim Abendessen packten die Kinder ihre mitgebrachten Spiele aus. Marianne musste immer wieder lachen, als Sebastian als Frosch herumhüpfte und Trudi samt Otto fast zum Herzinfarkt brachte.

Mama, jetzt wirds peinlich!

Was denn, Junge?

Wie du über mich lachst!

Ach, geh schon! Ich spüle lieber ab, bevor wir Tee trinken. Ich habe Schwarzwälder Kirschtorte und Windbeutel gemacht.

Himmel! Sebastian wachte sichtlich auf, Marianne zwinkerte Katrin zu, die beim Abräumen half. Immer schon ein Naschkater, der Junge! Hat als Kind mal fast einen ganzen Kuchen allein gegessen.

Was? Katrin wäre fast das Geschirr aus der Hand gefallen. Und danach?

Schlechter gings ihm! Bauchweh ohne Ende gelernt hat er aber nichts, Kuchen liebt er noch immer.

Katrin lächelte Sebastian an und folgte Marianne in die Küche.

Darf ich helfen? Ich weiß, die Küche ist das Reich einer Frau aber ich hab das Gefühl, Sie sind heute ziemlich geschafft.

Du hast recht. Solche Begegnungen machen einen müde ich war sehr aufgeregt. Nicht jeden Tag trifft man auf diese Weise aufeinander. Ich hatte Angst…

Ich auch!

Hast wohl zu viele Geschichten über böse Schwiegermütter gehört?

Oh ja. Aber ich glaube nicht daran.

Warum?

Ich hatte zwei Schwiegermütter. Beide waren nett.

Also bin ich jetzt die dritte?

Katrin begann zu langsamer, ihre Hände tanzten weniger sicher zwischen dem Geschirr.

Weißt du… Katrin? Darf ich dich so nennen? Meine ältere Schwester hieß auch Katrin. Sie ist längst fort, und ich freu mich, wenn ihr Name hier wieder öfter klingt.

Natürlich… Katrin nickte und legte einen Teller auf das Abtropfgitter.

Wovor hast du Angst? Marianne überlegte, mit ihr nicht lange um den heißen Brei zu reden.

Nicht vor Ihnen, falls Sie das meinen. Ich habe einfach Angst vor Veränderungen. Es ist alles sehr komplex.

Erzähl es mir. Wenn du möchtest. Für uns alle wird’s leichter sein.

Na gut… Katrin strich sich eine Strähne hinters Ohr und verzog leicht das Gesicht. Über sich selbst zu reden ist schwerer…

Fang mit den Kindern an, das ist leichter.

Stimmt. Wie Sie bestimmt gemerkt haben, haben sie unterschiedliche Väter. Vincent ist von meinem ersten Mann. Ein Mitschüler, wir waren fünf Jahre lang nebeneinander in der Schule. Ich kam damals, als meine Familie nach Heidelberg zog, in die Klasse. Mein Bruder wurde auf ein mathematisches Gymnasium geschickt, ich auf die normale Schule. Dann… Klischee: die Streberin und der Lausbub. Ich war das Mädchen mit der Notenmappe, er der Fußballer. Sein Vater verließ die Familie, seine Mutter zog alleine zwei Kinder groß, heldenhaft.

Wie schrecklich.

Ja. Eine andere Frau, die Mutter und die Kinder flogen raus. Aber ihre Kolleginnen halfen ihr, damit sie nicht auf der Straße landete.

Die Wohnung konnten sie behalten?

Ja. Mit Unterhaltszahlungen war das Überleben möglich. Sie hat uns alles gegeben, was sie konnte.

Ihr habt euch dann getrennt?

Oder vielmehr es passierte. Er war Lkw-Fahrer und starb bei einem Unfall irgendwo bei Leipzig. Katrin wischte sich rasch mit dem Handrücken über die Wange, lächelte dann. Ich habe ihn sehr geliebt. Mein Sohn, er kommt ganz nach seinem Vater Aussehen und Charakter. Heißt, dass so Kinder nur aus großer Liebe entstehen…

Hat er noch Kontakt zur Oma?

Ja, auch mit der Tante. Wir sind immer noch Familie. Ohne sie hätte ich nie so mit Vincent klargekommen. Er ist klein für sein Alter, sieht jünger aus als die Mitschüler.

Ich hätte auch so neun Jahre geschätzt…

Er ist zwölf. Es ist nicht einfach. Aber Oma hilft. Wir nennen sie manchmal meine Stütze.

Deine was?

Meine feste Wand zum Anlehnen. Wenn man oft nicht mehr kann und nicht mal Zeit bleibt, sich hinzusetzen, dann braucht man jemanden, an den man sich anlehnen kann kurz ausruhen, Kraft tanken. Oma meint zwar, ich wäre ihre Wand, aber das stimmt gar nicht!

Katrin schaltete das Wasser aus, wischte die Spüle.

Und die Tochter?

Annika stammt von meinem zweiten Mann. Meine Schwiegermutti, Helga, arbeitete mit ihm zusammen. Die zwei wollten unbedingt verkuppeln. Die Zeit brauchten wir, über zwei Jahre hats gebraucht, bis wir zusammengezogen sind. Typisch Künstler: er Maler, extrem begabt, Annika kommt ganz nach ihm. Schon als Kleinkind malte sie in der Badewanne, ich war danach jedes Mal die halbe Stunde mit Putzen beschäftigt. Jetzt besucht sie die Kunstschule. Eigentlich ist sie zu jung, aber uns wurde ein Platz angeboten. Die Lehrer loben sie sehr, aber mit so einem Vater kaum verwunderlich.

Und er?

Gottseidank, lebt er noch, ist gesund und kreativ, aber zusammen leben konnten wir nicht. Nach Annikas Geburt störten wir nur noch. Er konnte nicht arbeiten, alles wurde ihm zu viel. Also beschlossen wir, getrennt zu leben, aber gemeinsam die Tochter zu erziehen.

Und du hattest eine eigene Wohnung?

Nein. Aber es war nicht nötig. Wir wohnten bei Helga, seiner Mutter. Später schenkte sie meinen Kindern die Wohnung ihrer Mutter. Das war sehr großzügig. Ich bestand darauf, dass die Kinder als Eigentümer eingetragen wurden.

Hat sie deinen Sohn auch akzeptiert?

Natürlich! Beide Schwiegermütter waren tolle Frauen.

Echte Mütter. Ich hatte nie selbst eine Mutter, die das Vormachte.

Also, bist du ganz ohne Mutter aufgewachsen?

Nicht ganz. Mein Vater und mein Bruder zogen mich auf. Meine Mutter starb bei meiner Geburt, und beide Omas waren früh gestorben. Ich war so ein bisschen vom Vater großgezogen. Während andere Mädchen mit Puppen spielten, schraubte ich mit meinem Vater an Motorrädern und lernte schießen. Später wollte mein Vater, dass aus mir eine richtige Dame wird. Hat mich in die Musikschule geschickt. Damals mochte ich das gar nicht heute bin ich dankbar. Ohne diese Hartnäckigkeit wüsste ich nicht, was ich machen sollte. Musik ist meine Leidenschaft. Ich unterrichte an der Musikhochschule.

Plötzlich stand Katrin auf, wirkte angespannt, und Marianne staunte, als die kleine Küche plötzlich mit wunderschönem Gesang erfüllt wurde.

Die Lieb ist wie ein Flügelschlag… sanft schwebte ihr Sopran in den Raum, und Marianne vergaß ganz, dass sie Zuhause am Küchentisch saß.

Das ist also meine Arbeit! Singen beibringen. Hab ich Ihre Fragen beantwortet? Bin ich etwas verständlicher jetzt?

Ja… Marianne lächelte erleichtert. Danke, Mädchen. Ich bin froh, dass du mich verstehst.

Ich hab ja auch einen Sohn, und allein bei dem Gedanken, später mal Schwiegermutter zu sein, wird mir anders. Was erwarten Sie denn von einer Schwiegertochter?

Katrin antwortete ohne Zögern, als hätte sie darüber schon oft nachgedacht:

Hauptsache, sie liebt meinen Sohn. Alles andere ist Nebensache.

So seh ich das auch.

Marianne blickte Katrin forsch an, und diese nickte ernst, dann sagte sie leise:

Ich liebe Sebastian.

Das Kläffen und Johlen aus dem Wohnzimmer steigerte sich, Marianne stand auf:

Zeit für den Nachtisch, schätze ich.

Am Abend, nachdem die Schwarzwälder Kirschtorte fast aufgegessen war, schleppte Marianne ein paar Päckchen herein.

Was ist das? Annika riss an der roten Schleife.

Probier’s aus hoffentlich gefällt es dir!

Schneeweißer Schal und Mütze für Katrin, das gleiche mit blauen Schneeflocken für Annika. Vincent zog einen schwarzen Schal heraus und jubelte:

Mama! Schau mal, wie cool!

Katrin nickte und legte sich ihren Schal um.

So weich!

Und warm. Ihr werdet nicht frieren! Marianne rückte Annikas Mütze zurecht. Gefällts dir?

Sehr! Annika fiel ihr ganz natürlich um den Hals, dass Marianne im ersten Moment überrascht war, dann aber zurück umarmte. Danke!

Danke! wiederholte Katrin. Ich kann überhaupt nicht stricken. Wollte es immer mal lernen, aber niemand hat’s mir gezeigt.

Dann weiß ich ja schon, was wir im Sommer im Garten machen!

Marianne und Katrin hielten Blickkontakt und Marianne spürte: Ja, jetzt kann sie ruhiger schlafen. Ihr Sohn würde endlich wieder Familie haben, ihre neuen Enkelkinder würden für viel Leben sorgen. Es lag noch viel Arbeit vor ihnen, aber das Entscheidende hatten beide Frauen verstanden sie liebten denselben Menschen. Jeder auf seine Weise, aber mit ganzem Herzen. Und wenn es Sebastian gut ging, dann würden sie alle glücklich sein. Das funktioniert nur so.

Zwei Jahre später taumelte Katrin mit großem Bauch von der Veranda des kleinen Landhäuschens, rief:

Mama Marianne, Annika, wo seid ihr?

Mit Erdbeeren verschmiertes Kindergesicht lugte hinter der Hausecke hervor:

Hier! Komm zu uns!

Katrin zog die Hausschuhe aus, ging barfuß über den Kiesweg, bog um die Ecke, hielt Marianne die fertig gestrickten Babyschühchen hin:

Na, wie findest du?

Marianne drehte die winzigen weißen Schühchen in den Händen und nickte zufrieden:

Hervorragend!

Und ich habe heute gelernt, dass Familie viel mehr ist als Blutsverwandtschaft Familie wächst dort, wo Menschen sich gegenseitig Halt geben und die Herzen weit genug sind, um neues Glück hineinzulassen.

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Homy
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