Der Spatz
Über Felix Neumann sprach man in ganz Düsseldorf, besonders wenn es um sein Privatleben ging. Es schien, als wüssten alle alles, als lebten sie gemeinsam mit ihm unter einem Dach.
Man wusste zum Beispiel, dass Felix Gemütlichkeit und Beständigkeit schätzte. Er wollte nach Hause kommen, wo seine Frau auf ihn wartete, natürlich im hübschen Kleid, mit eleganten Schuhen und ordentlich hochgesteckten Haaren, die Lippen dezent, aber einladend rot geschminkt und immer ein warmes Lächeln auf den Lippen: Willkommen, Liebling, ich freue mich so, dass du wieder da bist. Nein, nicht so grob wie endlich bist du da, sondern liebevoller: Ich habe dich vermisst, hab ganz oft zum Fenster rausgeschaut… Das ist schöner, das passt.
Damals, bei seinem Vater, hieß es immer: Na, endlich bist du da! Wo warst du denn? Die Großmutter oder die Mutter verlangten Rechenschaft, brummten Vorwürfe, er stapfte ins Bad und rauchte dort, schickte den Rauch die Lüftung hoch.
Felix wunderte sich immer, wie man im Bad rauchen konnte, wenn doch der Balkon da war, oder die Straße. Aber eben: Auf dem Balkon gabs Ärger, die Frau oder Schwiegermutter schimpften, dass er ein schlechter Schwiegersohn sei, bestätigten das bei jeder Kleinigkeit.
Draußen vor dem Haus rauchte sein Vater fast eine halbe Schachtel durch, blieb deshalb oft länger weg. Die Lippen zerklüftet von den Zigaretten, an ihnen schwarze Flecken. Er starb, als Felix neunzehn war. Die letzten Jahre verbrachte er wie ein Einsiedler in einer Schrebergartenhütte eines Freundes vor den Toren von Essen, ließ niemanden zu sich und sagte nur zu Felix, wenn der vorbei kam, dass er Luft bräuchte, dass er die Ruhe liebe.
Weißt du, Felix, hier ist so still, dass die Ohren rauschen. Hier quält dich niemand, keiner kratzt an deiner Haut und will dich ändern. Du solltest lieber in die Stadt zu deiner Mutter ziehen, ich komm schon zurecht, sagte sein Vater. Als sie ihn beerdigt hatten, schwor sich Felix, dass es bei ihm anders werden sollte Liebe, Frieden, Harmonie.
Ob ihm das gelingt?
Felix mochte es ordentlich und sauber, hasste es, wenn frisch gewaschene Strümpfe und Unterhosen an den Küchenschränken hingen, wie früher in der alten Altbauwohnung. Das hatte er satt! Die Luft sollte nach leckerem Abendessen duften und nicht nach dampfendem Waschzuber. Und ein Schnaps zum Feierabend, das war doch erlaubt zum Entspannen, für den Schlaf.
Mit Felix zu leben war ein Gewinn, dachten alle. Er hatte ein gutes Einkommen, sorgte für Komfort
Das Eichenbuffet? Hatte er besorgt. Den Tisch, wie ihn die Meyers damals bei der Trauerfeier für die alte Frau Meyer hatten? Felix suchte überall, erzählte jeder Antiquitätenladen, dass Herr Neumann genau so ein Stück suchte es wurde gefunden, gebracht und für einen Gefallen dagelassen. Die Leute nahmen nicht einmal Geld.
Warum? Weil Felix Neumann ein angesehener Mann war, ein Anruf und er konnte das Schicksal anderer bestimmen. Neulich gefiel ihm in einem Restaurant das Personal nicht, kurz darauf stand eine Kontrolle da, Männer in Anzügen prüften alles und verschwanden wieder.
Was passiert ist? Ach, die haben doch so lecker gekocht! staunten die Gäste.
Pssst, auf der Küche wimmelts von Kakerlaken, und in den Tellern lag nur Abfall anstatt Delikatessen tuschelten die, die es wissen wollten.
Das Restaurant wurde geschlossen, ein neues eröffnet ganz im Sinne von Felix. Dorthin ging er jetzt mit seiner Frau, seiner kleinen Carola.
Über Felix Neumann wurde viel getratscht und gelogen, um wichtig zu erscheinen.
Da war seine Frau, Carola
Ein sonderbarer Name für die Frau EINES Mannes. Eine Sophia, eine Annemarie, Helga, das wären würdevolle Namen. Aber Carola als hätte man eine Schnecke mit dem Schuh zerquetscht und ihr Haus zerknirscht: Carolaaa
Was hat er nur an ihr gefunden?! raunten alle Sophias, Tamaras, Hildes und Brigittes, wenn die beiden auftauchten. Da ist doch gar nichts dran! Rein gar nichts!
Man sagt, sie sei klug, zuckten einige mit den Schultern. Sie hält die Wohnung in Schuss, die Gäste fühlen sich wohl. Gut für jemanden als Dienstmädchen. Und er liebt sie ja nicht, das ist halt für die Gesellschaft, sonst nichts!
Wart ihr mal bei den Neumanns?
Nein, auf keinen Fall! Da sind nur Eingeweihte eingeladen
Die Eingeweihten aus Felix Kollegenkreis kamen regelmäßig. Wochentags war immer jemand zum Abendbrot da, an Sonntagen und Feiertagen zum Mittag, manchmal sogar schon zum Frühstück wenn Felix nächtliche Jagdausflüge machte und mit seinem Fang heimkam.
Und immer war der Tisch voll, Carola trug ihr schönstes Kleid, lachte, servierte die leckersten Speisen. Und keine Spur von Hauspersonal, Carola schaffte alles allein.
Felix war stolz auf sie.
Niemals stolz auf sie, auf sich!, riefen die, die es wissen wollten. Guckt doch, wen er gewählt hat! Klein, unscheinbar, aber wie sie sich um euch kümmert! Seht ihr, Carola wagt nicht zu widersprechen, macht alles folgsam wie einst, als die Frau noch die Füße des Mannes küsste und sich freute, dass er nicht zuschlug.
Carola arbeitete in einer Druckerei, verdiente ein wenig, aber niemand dachte, ihr Geld helfe der Familie.
Ach, das ist nur ein Hobby, erklärte Felix, wenn die Sprache aufs Geld kam. Sie will halt nicht, dass man sagt, sie lebt nur auf meine Kosten. Das sind die Frauen heute. Nicht wahr, Caro?
Carola zuckte nur mit den Schultern, lächelte und nickte wie eine Puppe.
Herr Neumann, Sie sind ein außergewöhnlicher Mann! So ordentlich hier! jubilierte die nächste Besucherin, Susi König, die irgendwie beim Theater arbeitete. Es ist unvergleichlich, wie Sie alles eingerichtet haben. Sogar das Atmen fällt leichter im Hause Neumann!
Susi schwieg dann, biss sich auf die Lippen, neigte den Kopf in stummer Bewunderung.
Felix winkte ab. Genug, Sie loben zu viel! Spielen wir lieber ein Spiel!
Dann wurde getanzt, Karten gespielt, während Carola weiter lächelte.
Sie ist eine Puppe. Gekauft mit Haut und Haar, deshalb lacht sie immer, zischte Susi später zu ihrer Tante Margot, bei der sie seit fünf Jahren wohnte. Diese Carola war bestimmt niemand, und er hat ihr alles gegeben jetzt freut sie sich. Aber verdient hat sie es nicht. Überhaupt nicht!
Und du? fragte Margot und klopfte die Zigarette ab, legte Karten zum Solitaire. Susi, was ist mit der Tischdecke?! schimpfte sie, reichte die Aschenbecher. Ich? Ja Vielleicht. Ich bin gebildeter, hübscher und kann noch dazu besser kochen! Was servierte Carola gestern? Kartoffelpuffer mit saurer Sahne und eine Gräte von Fisch. Ich wäre viel besser!
Zusammen, Susi, nicht anstatt, sagte Margot. Sei mal ein bisschen gelassener. Und weißt du was? Ich sorge dafür, dass Carola für ein paar Wochen verschwindet. Sie braucht Urlaub. Ich besorg ihr eine Kur, und du bietest Felix deine Hilfe an.
Ach Tante Margot, Sie sind genial! Susi war begeistert und fiel ihrer Tante um den Hals.
Komm, lass das. Wann gehst du zu denen?
Mittwoch, Felix macht Gitarrenabend, ich kann auch singen
Na, dann los, nickte Margot, wünschte sich die Nichte vom Hals.
Carola hatte wie immer alles perfekt organisiert. Der Tisch voller Häppchen, es roch nach Flieder und frischer Tischdecke, die Gäste fühlten sich fast familiär, und in den Tassen dampfte schwarzer Tee.
Carola liebte die Gitarre, ihren warmen Klang. Sie schaukelte leicht im Takt, spürte Felix Hand auf ihrer Schulter, warm und ein wenig verschwitzt.
Felix wurde schnell heiß, seine Hosen zwickten, das Hemd spannte egal. Es war ein schöner Abend, Carola neben ihm, sang leise mit.
Susi König saß auf dem Sofa, auffällig rausgeputzt, mit riesigen Ohrringen, angeblich der letzte Schrei. Felix amüsierte sich insgeheim, wie Mode etwas so Lautes sein konnte.
Und, Felix, bist du wirklich zwei Wochen ganz allein? Deine Frau fährt doch zur Kur flüsterte Susi scheinbar mitleidig. Ein schweres Parfüm stieg in Felix Nase, irgendwas Orientalisches.
Ach Ja Sie hat die Reise gewonnen. Ich wollte sie nicht lassen, wollte nicht als Tyrann dastehen. Schließlich soll sie sich etwas gönnen.
Und wer wird dann für Ordnung sorgen? nickte Susi.
Ich finde jemanden, wenn Felix nichts dagegen hat murmelte Carola.
Schauen wir mal. So, jetzt gibts Torte! Caro, bring sie doch!, Felix breitete die Arme aus, als wolle er alle umarmen.
Alle setzten sich, Carola brachte einen riesigen Tortenberg, rosa mit Sahnetupfern, schnitt Stücke ab, verteilte alles zurückhaltend und höflich.
Susi zuckte. Zu einem Mann wie Felix gehört doch eine leuchtende, ausgelassene Frau, nicht so ein scheuer Spatz! Bald wird es gerechter zugehen
Carola reiste in der Nacht ab. Felix begleitete sie nicht, sie verabschiedeten sich zu Hause, er küsste sie auf die Stirn, sie lehnte sich kurz an seine Brust, wollte noch etwas sagen, doch er winkte ab.
Es reicht, das Taxi wartet. Ich weiß Bescheid, morgen kommt deine Cousine Margarete. Fahr schon!
Carola nahm brav den Koffer, übergab ihn dem Fahrer, blickte ein letztes Mal zurück und rannte dann die Stufen hinab wie ein Schulkind.
Margarete kam aber nie. Susi hatte sie schon an der Haltestelle abgefangen, ihr Geld in die Hand gedrückt und gebeten, erst am nächsten Tag zu kommen.
Aber Carola hat gesagt, ich soll heute! Was, der Herr soll doch nicht ohne Aufsicht sein? Ich habe sogar Rinderzunge eingekauft.
Zu Hause! Heute wirst du nicht gebraucht, Carola hat sich vertan. Hier, das Geld, geh nach Hause! Und gib mir nur die Schlüssel, alles gut, ich bin doch die Schwester vom Hausherrn. Wir quatschen heute Abend, weißt schon Susi riss ihr die Schlüssel aus der Hand, wandte sich ab und blickte zum Himmel. Schwarze Wolken, bald würde es regnen.
Im Hof überraschte das Gewitter Susi. Sie wurde pitschnass, die Strümpfe klebten, das Kleid, die Einkaufstasche ebenso. Susi wollte Felix einen besonderen Abend machen, Häppchen und Sekt, dann sollte alles seinen Lauf nehmen Dass Carola zurückkehren würde, würde Felix verhindern.
Gut, dass Margarete so einfältig war, die Schlüssel rauszurücken. Was für ein Volk! Susi stürmte in Felix Wohnung, warf alles in die Ecke, zog sich aus, fand ein Seidenmorgenmantel im Schrank, der etwas zu eng war egal!
Die große Küche war ihr unheimlich. So viele Töpfe, Pfannen, Schüsseln. Und das, obwohl sie sonst auswärts essen. Carola kann bestimmt nicht mal Grießbrei kochen! In Susis Einkaufspackung war zerdrückte Erdbeeren, Wurst, ein käsiges Stück französischen Ursprungs, der seltsam roch.
Susi suchte Gläser heraus, verstaute den Sekt im Kühlschrank. Was war das da? Suppe im Topf, Borschtsch vielleicht und andere Hausmannskost sicher für das Dienstmädchen. Susi knallte die Kühlschranktür zu.
Sie hing das nasse Kleid auf, die Strümpfe auch, direkt in der Küche.
Schon fast zehn Uhr und Felix war immer noch nicht da. Susi bekam Heißhunger, probierte etwas von dem Käse, verzog das Gesicht, biss sich lieber in die Erdbeeren. Wo bleibt Felix?
Endlich fuhr er auf den Hof, der Fahrer öffnete die Tür, Felix wuchtete sich langsam heraus. Susi beobachtete ihn hinter der Gardine aus dem Dunklen. Überraschung!
Von oben sieht er furchtbar aus! Dick, schwitzend, humpelt. Aber er hat Einfluss, dachte sie trotzig und eilte in den Flur.
Der Magen knurrte, alles Romantische war verflogen jetzt wollte sie Rinderzunge essen.
Im Schloss klickte es, Felix stolperte herein, hakte sich mit dem Mantel im Aktenkoffer ein, befreite sich und blieb überrascht stehen.
Was machen Sie denn hier, Susi? fragte Felix streng.
Ich Carola bat mich, auf Sie aufzupassen. Ich bin jetzt da. Wissen Sie, ich bin hungrig, bestellen wir noch was zu essen? Im Kühlschrank ist nichts Besonderes. Ich habe Sekt und Häppchen dabei. Felix ich hab auf Sie gewartet
Susi ging auf ihn zu, Felix drückte ihr den Koffer in die Hand, warf den Mantel weg, wollte sie loswerden und ging zum Wohnzimmer.
Sind Sie sicher, dass Carola das wollte? Sie sagte, eine Cousine käme, vielleicht Nina oder Margarete, brummelte er hinter die Tür.
Susi hörte zu.
Mit Margarete war es schlimm. Blinddarm, wissen Sie! Wurde ins Krankenhaus gebracht, Carola rief mich an. Beruhigen Sie sich, Felix! säuselte sie, wie Tante Margot ihr geraten hatte, nur grummelte ihr Magen laut. Wann gibt es endlich Essen? Was kocht Felix heute für mich?
Hören Sie auf mit dem Felix! Ich bin hungrig und müde. Was ist das? redete er, schnallte die Ärmel hoch, schob Susi zur Seite, ging in die Küche. Warum tragen Sie Carolas Morgenmantel?
Gewitter, alles nass, Schreck, seufzte Susi, ließ sich schwach auf seinen Rücken fallen, doch Felix schüttelte sie ab. Wo bleibt das Essen? Ist Ihr Fahrer noch unterwegs?
Susi! Gehen Sie mir aus dem Weg! Was für Essen? Alles hat Carola immer selbst gekocht! Sehen Sie, das ist ihre Suppe. Wenn was fehlt, muss man aufwärmen. Was haben Sie da hingestellt? Das ist doch Unsinn! Felix holte Käse, Wurst und legte sie auf den Tisch, dann blieb sein Blick an den Strümpfen hängen, die auf dem Stuhl hingen.
Susi merkte, wie er sich innerlich schüttelte. Was denn? Schöne Strümpfe, mit Spitze, romantisch! Was schreit er so?
Felix begann zu brüllen, stampfte wütend, warf Susi die Strümpfe ins Gesicht.
Nun beruhige dich, Felix! Lass uns doch Sekt trinken, ich spiele dir Gitarre vor, als sei ich dein Spatz, ja? wisperte Susi verzweifelt.
Felix rang nach Luft.
Wen? Was?! Sie müssen gehen! Was denken Sie sich eigentlich? Ich bin verheiratet, meine Frau ist einzigartig, die beste Gastgeberin Fassen Sie mich nicht an!
Susi sah ihn ungläubig an er wirkte plötzlich verloren und klein, huschte suchend durch die Küche, als würde er nach Carola Ausschau halten, diesem Spatz, diesem kleinen, stillen Wesen.
Felix, keine Angst Ich wollte dir einen romantischen Abend machen, leicht, elegant ein bisschen wie im Restaurant. Machen wir das doch zusammen, ja? Wo sind jetzt meine Strümpfe? vage suchte Susi und balancierte auf einem Bein.
Felix stöhnte, zog den Strumpf aus der Hosentasche.
Ich brauche keinen romantischen Abend mit irgendwem! Ich mag mein eigenes Zuhause und das Essen meiner Frau. Ich weiß, wie mühsam es für sie ist: nach der Arbeit, mit Kopfschmerzen, steht sie doch am Herd. Ich habe sie oft gebeten, aufzuhören, sich auszuruhen, Hauspersonal zu holen. Aber sie kann nicht anders. Sie macht es, damit ich mich wohlfühle und sie weiß das. Denken Sie, ich bin ein Tyrann? Nein! Ohne sie bin ich nichts. Heute Morgen habe ich alles falsch angezogen, musste zurück nach Hause. Ich bin nicht ich, wenn Carola nicht da ist. Es fühlt sich an, als hätte man mir das Herz gestohlen.
Susi stumme Tränen liefen, sie nahm schweigend ihre Wurst und ihren Käse, zog sich an und verschwand. Felix wartete keine Sekunde, sprang hinaus, schloss ab.
So früh, Susi? tönte aus der dunklen Diele Tante Margot, Hat es geklappt?
Er liebt seine Frau, seufzte Susi.
Wie banal. Kopf hoch, Mädchen, auch für dich kommt einer! Margot stellte den Teekessel auf, sie würden noch lange über Männer klatschen…
Felix erreichte seine Carola bleich und atemlos, knetete die Mütze in den Händen, und der Spatz, einen Moment wie erstarrt, vergaß alles um sich herum, fiel ihm um den Hals, lachte, weinte vor Freude.
Willkommen, mein Schatz! Wie glücklich ich bin, dass du gekommen bist! flüsterte sie.
Und er schmolz dahin, bei diesen einfachen Worten, gesprochen nur für ihn von ihr, seiner Carola. Es gab für ihn kein größeres Glück, als bei ihr zu sein. Die Leute schauten, wie der schwere, müde Mann die Hände seiner Frau küsste, sie bat aufzuhören, doch er konnte nicht. Er hatte sie vermisst, ihre Abwesenheit war fast eine Ewigkeit
Im Frühling bekam Carola einen Sohn, das Abbild von Felix.
Auch der kleine Neumann war bald ohne Carola verloren. Das lag wohl an der Familie.
Was ist ihr Geheimnis, Tante Margot? Sie ist kaum auffällig, klagte Susi. Heute wurde sie aus dem Theater entlassen, ein Pechtag. Und Felix vergöttert sie.
Das ist Charisma, Susi. Das lernt man nicht. Hinter starken Männern stehen immer solche stillen Frauen, seufzte Margot. Mach dir keine Sorgen. Auch für dich wirds einen netten Ehemann geben! Tante Margot goss Likör ins Glas das beste Mittel gegen Herzeleid. Möge Susi bald auch ihr Glück findenDraußen in Düsseldorf drehte der Wind die letzten Blüten in den Straßen. Carola stand am Fenster, der kleine Neumann auf dem Arm, und winkte Felix lachend entgegen, als er von der Arbeit kam. Die Welt draußen mag getuschelt haben, gerätselt, gelogen aber das kleine, unsichtbare Band zwischen Carola und Felix verstand keiner. Es war nicht Glanz, nicht Reichtum, nicht das, was Augen sehen wollten.
Es war diese kleine, zärtliche Vertrautheit, die sich im Flüstern beim Abendbrot fand, im geteilten Lächeln zwischen Hektik und Alltag, im Singen leiser Schlaflieder, im schlichten Schön, dass du da bist.
Und wenn die Spatzen auf dem Fensterbrett schirpten, lachten Carola und Felix im Einklang mit ihnen, während das Baby quietschte und nach den Federn griff. Die große, laute Stadt hatte ihren eigenen Rhythmus, voller Gerüchte, Neid, Unrast doch im Hause Neumann zählte nur eines: Die Treue eines Herzens, das endlich angekommen war.
So lebten sie, Jahr um Jahr einander genug, einander Heimat. Und selbst Margot, die sonst über alle herzog, schlich manchmal an deren Fenster vorbei und griff unwillkürlich nach ihrem eigenen Herzen ein wenig neidisch, ein wenig gerührt.
Vielleicht, dachte sie, ist das größte Glück wirklich das, was niemand sieht, außer denen, die es erleben.
Und als in einem besonders heißen Sommerabend die Spatzen unterm Dach tanzten, lachte Carola, Felix tanzte mit ihr durchs Wohnzimmer, der kleine Neumann klatschte und draußen, irgendwo zwischen den Linden, hätte sich sogar Susi gewünscht, ein Spatz zu sein.
Denn selbst das leiseste Glück, wenn es ehrlich ist, klingt lauter nach Liebe als jedes laute Lied.
Und so blieb noch lange von der Familie Neumann nur ein warmes, heimliches Summen in Düsseldorf ein Klingen, das alle, die es ahnten, nie wieder vergaßen.




