Ein Körbchen voller Kirschen

Ein Korb voller Kirschen

Waltraud, wenn du die Äste von deinem Kirschbaum nicht von meinem Zaun wegräumst, pflücke ich die Kirschen runter und koche Marmelade daraus! Renate stand akimbo am Gartenzaun und blickte empört zur Nachbarin hinüber.

Na mach doch, Renate! Du siehst ja, wie viele Kirschen es dieses Jahr gibt. Ich komm kaum hinterher. Die Äste wegmachen da müssten Markus oder unser Konstantin kommen. Wer von beiden zuerst Zeit hat, machts dann.

Dein Schwiegersohn und dein Sohn haben immer so viel zu tun. Ehe du die mal zu fassen kriegst, liegt mein Zaun flach!

Ich versteh gar nicht, warum du dich heute so aufregst, Renate. Der Kirschbaum steht schon seit Jahren da und hat nie gestört, oder? Die Äste berühren nicht mal deinen Zaun. Was ist denn los mit dir?

Ich brauch dir hier keinen Bericht abgeben! Renate schob noch einen deftigen Spruch hinterher. Du tust hier so, als wärst du Chefin vom ganzen Leben!

Waltraud hob erstaunt die Augenbrauen und sah ihrer Nachbarin und langjährigen Freundin nach. Was war denn nur in die gefahren? Sie hatten sich doch nie ernsthaft gestritten und waren immer ein Herz und eine Seele gewesen.

Die Schrebergärten von Renate und Waltraud lagen nebeneinander, getrennt nur durch einen niedrigen Lattenzaun, den Renates Vater einst gezogen hatte, um die Gemüsebeete vor Nachbars Hunden zu schützen. Waltrauds Mutter dagegen mochte Hunde; mindestens zwei liefen immer bei ihnen im Haus herum.

Die Grundstücke bekamen sie zeitgleich zugeteilt, und so wuchsen damals auch zwei kleine Gartenhäuschen gleich nebeneinander. Mit drei Jahren waren die Mädchen und fanden zwischense den Johannisbeerbüschen sofort eine gemeinsame Sprache. Tag für Tag köchelten sie im Sommer in Miniaturtöpfchen Blätter- und Feldblumensuppe, und ihre Puppen warteten brav auf das Mittagessen, während Kinderlachen über die Wiese klang.

Später verbrachten sie mit Freunden Streifzüge durchs Straßendorf, teilten die ersten Geheimnisse über Jungen und auch die ersten unsicheren Küsse unter der Weide am stillen Bach. Auch später riss der Kontakt nie ab. Nach Umzug in die Stadt telefonierten sie, spazierten am Wochenende zusammen durch die Altstadt. Fast zeitgleich heirateten sie, bekamen ihre ersten Kinder und als die beiden Zweijährigen waren, zog das Leben Waltraud und ihre Familie in eine andere Stadt, der Arbeit wegen. Briefe folgten, Telefonate, und wann immer Waltraud die Eltern besuchte, trafen sich die Freundinnen. Sie kehrte mit 13-jährigem Sohn und schwanger zurück; Renate hatte inzwischen noch zwei Jungs bekommen.

Waltraud war erschrocken, als sie Renate nach so langer Zeit wiedersah. Wo war diese quirlige, lebensfrohe Renate geblieben, der die Männer auf der Straße nachschauten? Aus der erschöpften, fast matt wirkenden Frau mit dem grauen Ansatz war die alte Freundin kaum wiederzuerkennen.

Was guckst du so? Versuch du mal, drei Jungs und einen Mann zu jonglieren

Das Wort “Mann” spuckte Renate fast aus, die Augen blitzten kurz, dann flackerten sie wieder. Waltraud sparte sich erstmal Nachfragen, zog Renate entschieden aus dem Café “Los, komm, keine Widerrede!”

Wohin?

Lass dich überraschen.

Ich hab wirklich keine Zeit. Gleich kommen die Jungs aus der Schule, und den Kleinen muss ich auch aus dem Kindergarten holen.

Wir schaffen das locker.

Waltraud bugsierte Renate lachend in den Bus, stellte Fragen zu Renates Kindern, während draußen der Dom und das Staatstheater vorbeizogen.

Aussteigen! Waltraud half der angeschlagenen Renate die Stufen hinunter. Ist dir schwindlig?

Ach, nur niedriger Blutdruck, passiert in letzter Zeit öfter.

Waltraud führte sie direkt in das beste Kosmetikstudio der Stadt.

Was soll das? So viel Geld hab ich nicht und ohne Termin auch nicht! Waltraud!

Doch Waltraud grinste nur und schob Renate in den Sessel, mixte Farben und pflegte die stumpfen, strohigen Haare ihrer Freundin.

Jetzt weißt du, wohins mich verschlagen hat. Waltraud runzelte die Stirn, während sie mit der Schere arbeitete.

Hätt ich nie gedacht. Die ganze Chemieausbildung umsonst?

Überhaupt nicht. Ich bin doch Chemielaborantin. Nach dem Umzug hielt ichs im Betrieb nur ein paar Monate aus. Wurde dauernd krank. Ärzte sagten, ich müsse was ändern, aber wohin mit zwei Kindern und dauernd auf dem Krankenschein? Als meine Schwiegermutter dann ihren runden Geburtstag feierte, schleppte sie mich zum Friseur. Ich hab kaum geglaubt, was die Friseurin alles mit Farben machte. Da hab ich beschlossen: Das kann ich auch. Frisörkurs, dann Bewerbung, und jetzt bin ich im Salon sofort aufgenommen worden. Die Chefin staunte nicht schlecht über die neue Haarfarbe, die ich ihr gemacht hab und dich mach ich genauso schön.

Waltraud, mir fehlt echt das Geld

Quatsch. Heute bist du mein Geburtstagsgast als verspätetes Geschenk. Beweg dich nicht oder ich färbe dich grün. Dein Mann wird Augen machen!

Der ist eh schon baff Renate schmiegte sich ins Sessel und schloss die Augen, Waltrauds Hände im Haar.

Was ist denn los bei euch zu Hause? Ich seh das doch

Renate schwieg lange aber sie konnte die Probleme nicht ewig für sich behalten.

Er hat seit einem Jahr eine andere. Geht nicht, bleibt aber auch nicht weg. Und zerrt an meinen Nerven. Ich kann nicht mehr.

Waltrauds Hände stoppten kurz, dann fuhren sie fort. Warum schickst du ihn nicht raus?

Wohin? Die Wohnung, die gibt er nicht her. Und was hab ich zu teilen? Zwei Zimmerchen. Und wohin dann? Und die Kinder?

Werden sie zu dir halten?

Sie hören nur auf ihn. Alles, was er sagt, ist Gesetz. Sogar der Kleine. Lieb ist er ja, aber der macht doch nur alles nach.

Unter Waltrauds Blick im Spiegel wollte Renate einfach nur verschwinden. Früher war sie doch anders gewesen! Keine Müdigkeit, keine Augenringe, keine trockene Haut und vor allem keine Verzweiflung. Wie ein geprügelter Hund blickte sie. Am liebsten raus hier aber mit Haarfarbe auf dem Kopf blieb ihr nichts anderes.

Schließlich folgte noch Make-up, Maniküre, Pediküre, neue Frisur.

So, und jetzt schau dich an! Waltraud drehte ihre Freundin zum Spiegel.

Renate war den Tränen nahe. Was hatte sie sich selbst bloß angetan? Noch war nicht alles verloren

Sie umarmte Waltraud fest. Danke! Ich das kann ich dir nie zurückzahlen

Ach Unsinn! Vergiss das Geld. Jeden Monat bring ich dich auf Vordermann, das andere ist eine Ausnahme. Und jetzt geh nicht wieder in dich zusammen. Ich brauch dich auch noch Mama ist krank, ich kann Spritzen setzen, aber Tropf, das trau ich mich nicht allein. Hilfst du mir?

Hättest du gar nicht fragen müssen.

Auf der Rückfahrt musterte Renate ihr Spiegelbild im Bus, lächelte zögerlich, dann schalt sie sich gleich wieder für ihre Zaghaftigkeit. Sie war nie so gewesen! Den Beruf hatte sie sich selbst gesucht, Krankenpflegerin gelernt, den Weg von der Aushilfe bis zur Stationsleiterin geschafft und die Jungs auch hauptsächlich allein großgezogen. Ihre Mutter war früh gestorben, und ihre Schwiegermutter streikte von Anfang an: “Mir hat auch niemand geholfen du schaffst das schon!”

Und Renate schaffte es. Nur mit jüngstem Sohn spürte sie noch manchmal Glück als Mutter. Wäre da nicht der Mann gewesen … Wieder diese Gedankenkreise! Sie musste handeln.

Zu Hause angekommen, packte sie die Sachen ihres Mannes jeden Strumpf, jedes Hemd in die Reisetasche, stellte sie an die Tür und wartete. Die Jungs tuschelten in ihren Zimmern. Renate bereitete ihnen das Abendessen; da hörte sie den Schlüssel in der Tür, dann setzte ihr Mann mit Fluchen die Tasche vor die Füße.

Was soll das?! Renate!

Wer Renate will, soll auf den Markt gehen, Sonnenblumenkerne verkaufen! Renate hielt die Küchentür fest. Mach keinen Aufstand.

Du bist ja ganz schön vorlaut heute.

Das ist noch gar nichts. Ich habe nur eins zu sagen: Nimm deine Sachen und geh.

Und wohin bitte?

Wohin du willst. Ich reiche die Scheidung ein. Ich habe genug.

Du spinnst doch! Wer lässt sich denn scheiden?

Ich werde nicht fragen, ob du einverstanden bist. Es reicht mit deinen Demütigungen!

Wohin willst du denn, ohne Kinder?

Ach, nimm doch alle drei Jungs mit! Deine Neue freut sich bestimmt: gleich die ganze Familie, keine Geburten, gleich bereit.

Sie sah, wie ihn die Wut packte wie noch nie. Angst hatte sie nicht mehr. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. Als er einen Schritt auf sie zu tat, sagte Renate leise: Fass mich nur an. Dann wandern die Anzeigen raus und ich hab kein Mitleid mehr mit dir. Deine Söhne werden dir dann auch nicht mehr helfen.

Die Küchentür ging einen Spalt auf. Der jüngste, Paul, schaute hinein: Mama, darf ich ein Plätzchen?

Natürlich, mein Schatz.

Renate wich nicht von ihrem Mann, der plötzlich den Blick senkte und wortlos zur Tür ging.

Das wirst du bereuen du wirst schon sehen!

Sie schwieg. Der Schlüssel drehte sich, die Tür fiel zu. Sie sackte an der Wand zu Boden, lachte und weinte zugleich. Die Jungs kamen, versammelten sich um ihre Mutter, verstörte Fragen in den Augen. Renate rappelte sich auf, umarmte sie.

Hört zu: Ab heute leben wir ohne Papa. Wer bei mir bleiben will, hört auf mich keine Diskussion. Wem das nicht passt, der geht. Dann weiß er wenigstens, woran er ist.

Mama, was redest du da? Der älteste, Sebastian, sah sie erstaunt an.

Was ihr gehört habt. Entweder respektiert ihr mich, oder ihr geht zu eurem Vater. Aber dann gibt es keine Mutter mehr für euch. Ich lass mich von niemandem mehr erniedrigen.

Die Jungs blieben. Keiner wollte mit zum Vater warum, wusste Renate auch nicht. Doch Sebastian hielt die Brüder im Zaum; wenn sie nach Hause kam, war die Küche sauber, Paul war aus dem Kindergarten abgeholt, das Abendbrot stand bereit.

Eine Sorge weniger: Der Exmann war verschwunden, ließ nichts mehr von sich hören.

Leicht war es dennoch nicht. Renate jobbte, setzte Spritzen und Infusionen, um über die Runden zu kommen. Die Schulnoten konnte sie kaum kontrollieren; Sebastian strengte sich an, aber bei Elternabenden versteckte Renate sich immer in der letzten Reihe, wenn es um Mittleren, Elias, ging.

Wann kommt bei dir das schlechte Gewissen, mein Sohn? fragte sie müde in der Küche, als Elias ihr Tee einschenkte. Ich bin auch nicht ewig da.

Mama, ich ich bemühe mich!

Doch Renate ahnte nichts von seinen Freunden. Nach dem Schulabschluss kam er in Schwierigkeiten, und sie musste ihm nun Pakete ins Gefängnis bringen.

Sebastian machte eine Ausbildung, fand Arbeit, rief nur noch selten an, weil Schreiben nie seins war. Die Enkelin lernte Renate erst kennen, als sie schon drei Jahre alt war.

Paul wuchs still und vernünftig auf. Renate spürte leise Hoffnung, dass wenigstens einer im Alter mal “ein Glas Wasser reicht”. Doch das Leben kam anders. Eines heißen Julitages fuhr Paul mit Freunden zum Baden an die Elbe. Ein neues Mädchen dabei, das ins tiefe Wasser geriet. Paul sprang hinterher, rettete sie, doch verschwand dann selbst unter Wasser. Die Rettung kam zu spät, erst nach einem Tag fand man ihn.

Renate war wie versteinert vor Kummer. Nichts drang mehr zu ihr durch, Waltraud organisierte alles, alarmierte Kollegen aus dem Krankenhaus, die Renate medizinisch betreuten. Sie bekam kaum etwas mit, auch, dass Sebastian bei der Trauerfeier den Vater hinauswarf.

Lass dich hier nie mehr blicken! Und wage es niemals, so über Mama zu sprechen!

Waltraud hatte schockiert mitbekommen: Sie ist schuld, ihretwegen ist der Sohn tot!

Sie nahm Sebastian beiseite, beruhigte ihn.

Lass ihn gehen. Deine Mutter braucht dich jetzt.

Tante Waltraud, wie konnte er nur?! Wo war er eigentlich? Warum ist alles so grausam?

Ich weiß auch keine Antwort, Sebastian. Das Leben ist manchmal schrecklich ungerecht. Niemand weiß, was ihm vorherbestimmt ist, und ändern kann man wenig.

Sebastian zog mit seiner Familie zurück nach Dresden, seine Frau Julia war einverstanden, aber je länger sie mit der Schwiegermutter wohnte, desto angespannter wurde es.

Sebastian, ich halte das nicht mehr aus. Sie ignoriert mich oder kritisiert dauernd. Die Kinder zucken schon zusammen, wenn Oma das Zimmer betritt. Wir müssen irgendwas ändern getrennte Wohnungen vielleicht?

Ich würde ja, aber Mama allein lassen du siehst doch, wie es ihr geht!

Renate dämmerte nur noch vor sich hin, arbeitete irgendwann im Altenheim, um bei den alten Leuten vielleicht ihren Schmerz und die Schuld zu sühnen weil sie Paul nicht aufgehalten hatte, nicht immer bei ihm gewesen war.

Frau Renate, Ihre Hände sind wie Zauber! Sie legen Spritzen wie sonst niemand!

Die Senioren mochten die stille, ernste Pflegerin, die freundlich, aber selten sprach. Zuhause schloss Renate sich ein, entzog sich sogar den Enkeln und Julia. Oft dachte sie: Wer sind diese Menschen, die jetzt in meiner Wohnung wohnen? Nur Sebastian war ihr vertraut.

Waltraud, die regelmäßig zu Besuch kam, suchte einen Weg, um Renate herauszuholen aus diesem Dunkel. Als der Frühling kam, bestand sie darauf, zusammen mit ihr zur Datsche zu fahren.

Komm, wir waren schon eine Ewigkeit nicht dort.

Der Garten ist doch längst verfallen, Waltraud

Dein Haus steht noch. Ist ein bisschen krumm, aber es steht. Schau dirs einfach mal an!

Irgendwie schaffte Waltraud es, Renate zu überreden. Noch am Abend des Freitags räumten sie das Notwendigste aus, aßen etwas und fielen todmüde ins Bett. Waltraud hatte einen langen Tag im Salon gehabt.

Morgen, Renate. Alles morgen.

Im Morgengrauen stand Renate auf, trat in den nassen Obstgarten hinaus. Der Regen hatte den ganzen Garten wie neu belebt. Sie setzte sich auf die Treppe vom Häuschen und ließ den Duft von Erde und Grün auf sich wirken. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten: Es tat gut! Nein, an Paul würde sie jetzt nicht denken. Ein bisschen Luft holen, wenigstens für ein paar Minuten.

Waltraud fand sie später im Nachbargarten, wo Renate bereits tüchtig Apfelbaumäste schnitt und eine Liste von Reparaturen aufstellte. Waltraud musste schmunzeln endlich war wieder Leben in Renate.

Eine Woche später zog sie ganz in die Datsche. Elias kam zurück, Sebastian mit Familie blieb in der Wohnung. So ist es besser, sagte Renate. Der Bungalow ist groß genug für zwei. Ihr schafft das in der Wohnung, am Wochenende könnt ihr kommen.

Julia beobachtete, wie Renate zum ersten Mal den jüngsten Enkel auf den Arm nahm. Vielleicht wird jetzt doch noch alles gut?

Elias und Sebastian renovierten zusammen Haus und Garten, schließlich war alles bewohnbar. Renate sah, dass Elias sich bemühte, aber gebrochen war. In die Stadt wollte er nicht zurück, die alten Freunde waren zu präsent. Im Dorf kannte ihn kaum jemand; allmählich kamen die Nachbarn mit Reparaturanfragen. Elias hatte sprichwörtlich “goldene Hände”. Er wurde ruhiger, fast schon heiter.

Ein halbes Jahr später brachte er Daria mit. Das Herz der Mutter machte einen Aussetzer, aber sie verbot sich schlechte Vorahnungen. Daria war neu im Dorf, mietete ein Haus in der Parallelstraße. Ihre zwei Kinder, die Renate erst nach einer Woche zu Gesicht bekam, benahmen sich seltsam leise und brav. Der sechsjährige Igor hielt seine kleine Schwester fest an der Hand; anfangs dachte Renate, das Mädchen sei höchstens eineinhalb, tatsächlich war sie aber schon drei.

Als Renate kurz aus dem Zimmer ging und zurückkam, sah sie, wie der Junge Plätzchen heimlich einsteckte. Sie schwieg, holte eine Dose Bonbons und ein Glas Honig mehr Süßes gabs nicht im Haus. Dann deckte sie den Tisch, stellte Tee auf, ging wieder.

Ab dann kamen die Kinder täglich, setzten sich früh auf die Verandastufen, bis Renate sie begrüßte: Guten Morgen, Frühstück ist fertig.

Schnell merkte Renate: Der Junge sprach nicht aus Schüchternheit. Er stotterte stark. Als sie Daria vorsichtig fragte, warum sie nicht zum Arzt ginge, winkte die Mutter ab:

Ich habs so oft versucht. Aber Therapie ist teuer! Und die Praxis gibt sowieso keine Überweisungen. Außerdem fehlte mir die Zeit, die Kleine braucht ja auch Betreuung.

Renate fuhr daraufhin selbst mit den Kindern nach Dresden.

Die Kleine ist stark vernachlässigt, aber wenn Sie dranbleiben, gibts Fortschritte. Bei Igor wird es schwer aber nicht unmöglich.

Renate hörte aufmerksam zu, kritzelte alles mit. Zum ersten Mal seit Langem spürte sie wieder Energie, Tatkraft, sie wollte helfen.

In den folgenden Wochen machten Elias und Daria Familienpläne, wollten zusammenziehen, aber lieber bei Renate im Haus als zur Miete. Ob das gut war oder nicht, Renate war zumindest beruhigt, dass sie auf die Kinder Acht geben konnte.

Sie hielt sich an alle Empfehlungen der Ärzte, stellte fest, dass Igor und seine Schwester abgesehen von Vernachlässigung kaum Probleme hatten. Mit Geduld und Liebe lernte die Kleine neue Worte, das erste war “Oma”. Daria schnaubte: Sag doch “Mama” und nicht “Oma”!

Das Kind verkroch sich bei Renate. Lass sie, meinte Renate. Sie wird noch alles sagen und Mama auch. Hab Geduld und schimpf nicht gleich.

Eines Abends räumte Igor wie immer nach dem Essen mit ab, half beim Spülen. Du bist echt klasse, Igor! Auf dich kann man sich verlassen, nicht eine Tasse zerdeppert, lobte Renate. Igor lächelte, mühte sich, etwas zu sagen und siehe da, allmählich wurde es tatsächlich besser.

Nur Daria fand das nicht gut. Hör auf, das ist Frauensache. Räum nicht den Mädchen die Küche auf! Pass lieber auf deine Schwester auf!

Das traf Renate wie eine Ohrfeige. “Frauensache!” Wo hatte sie das nur schon einmal gehört?

Wütend stand sie auf. Wenn du nicht willst, dass die Kinder helfen, mach es doch bitte selbst. Ich bin keine Hausangestellte. Ich muss morgen früh raus gute Nacht!

Am nächsten Morgen war die Küche dennoch blitzblank, Daria kochte das Abendessen für sie. Doch der Frieden hielt nicht lange. Zwei Wochen später war Daria verschwunden. Elias suchte, fuhr sogar nach Berlin, aber alles war umsonst. Erst einen Monat später kam Nachricht: Daria war zur Arbeit nach Hamburg gegangen.

Sie lässt die Kinder einfach hier! Ihr seid ja nicht mal verheiratet!

Mama, ich hab verstanden. Aber du weißt, es sind nicht meine Kinder.

Nach Elias Abreise ging Renate ans Jugendamt. Was sollte sie tun die Kinder ins Heim geben, niemals! Zuhause kam es zum Streit mit Waltraud, einfach aus Frust, aus Neid vielleicht bei Waltraud lief doch alles glatt. Sie hatte brave Kinder, gute Enkel. Renate dagegen: alles verquer und schief im Leben.

Sie saß auf der Treppe, hörte den Kindern beim Spielen zu. Was wird bloß aus ihnen? Für wen hat sich das alles gelohnt die Mühe und Liebe in den letzten Monaten? Sollten die Kinder doch noch im Heim landen sie spürte ihr Versagen.

Plötzlich setzte sich Waltraud zu ihr.

Warum zusammenzucken? Sags mir oder sind wir uns fremd geworden?

Renate seufzte, erzählte Waltraud alles: von Elias, Daria, von den Kindern und ihrem Kummer.

Da hab ich ja einiges verpasst. Was willst du tun?

Dass die Kinder bleiben dürfen, Waltraud. Mehr wünsche ich mir nicht und dass ich nicht versage.

Ach, Renate! Sei nicht immer so streng zu dir. Du hast Gutes getan viel Gutes. Wir suchen uns unser Schicksal nicht aus, aber wir machen das Beste draus. Ich helfe dir, was ich kann; ein paar Kontakte hab ich auch. Die Unterlagen für die Kinder hast du?

Hab ich! Renate leuchteten die Augen. Alles noch von den Arztbesuchen.

Dann morgen gehen wir auf die Ämter, ich mache die nötigen Anrufe. Genug gejammert, jetzt handeln wir!

Ein Jahr später.

Igor, nimm doch noch die letzten Kirschen von dem Ast runter, das gibt noch ein halbes Eimerchen! Renate stand unter dem Kirschbaum und beobachtete den Jungen.

Oma, die Kirschen schmecken supersüß!

Dann brauchen wir weniger Zucker fürs Einkochen! Morgen kommt Oma Waltraud, dann machen wir Kompott und ihr bekommt den Schaum!

Schmeckt das gut? Klein Vroni, von Kopf bis Fuß mit Kirschsaft bekleckert, lachte verschmitzt.

Wartes ab, dann wirst du es wissen! Und jetzt hol dir Igors Körbchen und komm mit Zeit für Abendessen und Bad. Morgen gehts in den Kindergarten und so wie du aussiehst Hier die Körbchen, für den Abendbrottisch!

Vroni schnappte sich das kleine Korb, steckte sich eine Kirsche in den Mund, spuckte den Kern aus und hüpfte über den Gartenweg.

Pass auf, dass du nichts verlierst, kleines Wirbelwindchen!

Nein, Oma! Kommt Oma Waltraud allein?

Diesmal mit den Jungs. Und Sebastian kommt auch mit seinen Kindern aber erst heute Abend. Die ganze Familie, das wird schön fürs Wochenende.

Das ist super! Vroni lachte, das “r” noch ein wenig holprig, aber bald, da war Renate sicher, wird sie Igor einholen. Denn der sprach schon fast ohne zu stottern. Dank Renates Engagement durfte Igor zur Musikschule und singen fiel ihm noch leichter als Sprechen. Vroni war schon angemeldet, aber sie braucht noch ein bisschen.

Vroni drehte sich um, sah wie Igor vom Baum sprang, kreischte und rannte zur Haustür:

Ich bin zuerst da!

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Homy
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Ein Körbchen voller Kirschen
Gut für alle