Gut für alle

Herr Friedrich Müller, sagt die Nachbarin, sind Sie ganz allein? Kommt hier niemand zu Besuch?

Ach nein, antworte ich, die Nachbarn haben alle viel zu tun.

Eine andere Nachbarin seufzt: Ihre Kinder sind ja ganz herzlos, Herr Müller, niemand denkt an den alten Mann. Und Sie, immer so freundlich, haben immer allen geholfen.

***

Auf Liesels Regal steht eine neue Puppe. Sie ist knallrosa, trägt ein glitzerndes Ballkleid und duftet nach Parfüm Liesel hat bereits das Parfüm ihrer Mutter benutzt.

Die Urgroßmutter mütterlicherseits, Gisela Petersen, kommt am Wochenende zu Besuch, und sie hat kein leeres Portemonnaie.

Lieselchen, mein lieber Schatz!, ruft sie, stolpert über Friedrichs Arbeitsschuhe und die Werkzeuge, die er nie wegräumt, schau, was ich dir mitgebracht habe!

Hinter ihrem Rücken erscheint die Puppe fast schulterhoch, mit leuchtend blauen Augen und dichten Wimpern, goldgelben Locken, die zu einer Haarschleife frisieren. Das Kleid ist mehrlagig, mit Glitzer bestickt, und um den Hals liegt eine feine Perlenkette.

Mama, flüstert Ingrid, wo hast du so ein schönes Spielzeug her? Ich würde damit spielen, sagt sie und wirft einen Blick zu Liesel.

Sag das nicht, Ingrid!, streichelt Gisela das funkelnde Kleid, ich habe so etwas nur aus Bilderbüchern gekannt. Ich bin zu alt zum Spielen, aber für Liesel habe ich es gekauft. Es hat mich fast die Hälfte meiner Rente gekostet, aber für meine Enkelin ist das kein Preis! Liesel, stell sie deinen anderen Puppen vor.

Danke, Oma!, ruft Liesel und löst den Blick von der Puppe, danke!

Sie berührt den Saum des Kleides. Die Puppe ist makellos.

Wie heißt sie?, fragt Liesel.

Nenn sie, wie du willst, sagt Gisela, ich gehe dann mit deiner Mama ein bisschen plaudern.

Auch Klaus bekommt ein neues Spielzeug, aber kein Spielzeug kann mit dieser Puppe mithalten!

Die nächsten beiden Tage vergehen im Glanz des Puppenwunders. Liesel lässt die Puppe nicht aus den Augen, erst betrachtet sie sie, dann kämmt ihr Haar, steckt ihr Schmuck an und richtet ihr ein kleines Bettchen ein eine alte Schuhschachtel, die trotzdem hübsch aussieht. Sie füttert sie aus winzigen Plastiktellern, die schon lange niemand mehr anfasst, und nimmt die Puppe sogar mit in die Küche, um Mama beim Kochen zu helfen.

Klaus, der jüngere Bruder, bricht sein Spielauto und greift nach der Puppe. Unter Liesels strenger Aufsicht lässt sie ihn sogar kurz hinein schauen.

Liesel, warum hat die Puppe so große Füße?, fragt er, betrachtet die zierlichen, proportionierten Füße in winzigen Schuhchen.

Damit sie tanzen kann, erklärt Liesel ernst, Balltänze. Und sie kann singen, das hat Oma gesagt.

Singen?, zweifelt Klaus, hast du das gehört?

Noch nicht, gibt Liesel zu, aber ich bin sicher, bald höre ich es. Ich muss nur den richtigen Knopf finden.

Am Sonntagabend, kurz bevor sie den Zug nach Berlin nehmen, begleitet Gisela die Kinder bis zum Bahnsteig:

Auf Wiedersehen, meine Lieben!, umarmt sie Liesel, vermisst mich nicht. Und deine Puppe ist ein echter Schatz, behüte sie gut!

Das mache ich, Oma!, verspricht Liesel.

Liesel nimmt die Puppe nicht mit auf die Reise, aus Angst, sie könnte im Zug beschädigt werden oder verloren gehen.

Zuhause läuft Liesel sofort zum Puppenbettchen.

Mag sie jemand haben?, fragt die Mutter.

Ich lege sie schlafen und komme dann, antwortet Liesel.

Doch das Zimmer ist leer. Niemand ist da, um die Puppe ins Bett zu legen. Liesel denkt, ihr Bruder habe einen Streich gespielt, aber Klaus hat das Zimmer noch nicht betreten er hat noch nicht einmal seine Hände gewaschen.

Wo bist du? ruft sie und schaut unter das Bett, hinter die Vorhänge, Mila? Wo versteckst du dich?

Klaus, der ihr folgt, bleibt verwirrt stehen.

Hast du sie nicht auf das Regal gestellt?, fragt Liesel.

Sie durchsucht das Zimmer gründlich, doch die Puppe ist zu groß, um sich zu verstecken.

Mama!, ruft Liesel aus dem Zimmer, wo ist die Puppe?

Doch die Mutter ist gerade mit ihnen angekommen.

Welche Puppe, Lieselchen?, fragt sie, überzeugt, dass eine neue Puppe nicht einfach verschwinden kann.

Meine! Omas! Sie ist weg!

Ingrid schaut überrascht.

Weg? Wie kann das sein? Sie war doch hier.

Auch die Mutter sucht, doch das ist ja wohl ein Witz eine Puppe kann das Zimmer nicht verlassen.

Könnte sie hinter den Schrank gerutscht sein?, fragt Liesel.

Wenn du sie auf das Regal gestellt hast, dann nicht, antwortet die Mutter.

Da kracht die Haustür. Friedrich kommt zurück, er hat heute frei von der Arbeit in der Werft, aber einen Nebenjob als Automechaniker, und sein Finger ist noch mit einem Verbandsmaterial eingewickelt.

Hallo zusammen!, sagt er und zieht die schmutzige Jacke aus, wie war das Wochenende? Wie geht es der Schwiegermutter? Alles gut warum seid ihr so verwirrt?

Friedrich!, schreit Ingrid, die Puppe ist weg. Die, die meine Mutter gebracht hat!

Friedrichs Gesicht verfinstert sich.

Weg? Seltsam

Du warst doch zu Hause, als wir zur Oma gefahren sind!, wirft Ingrid vor, weißt du, wo sie sein könnte?

Er kratzt sich verlegen am Hinterkopf.

Nein, keine Ahnung

Ich habe das Gefühl, du weißt etwas. Sag, wo ist die Puppe, Friedrich. Und besorg dir keine neue, wir haben doch kein Geld dafür.

Er zögert, dann gesteht er.

Ich ich habe sie verschenkt.

Verschenkt?, fragt Ingrid scharf, wem?

Vera, stammelt Friedrich, unsere Nichte. Sie hatte Geburtstag, wir haben ihr Malbücher und Stifte geschenkt und dann hat sie die Puppe gesehen. Sie hat geweint, weil sie sich so eine Puppe immer gewünscht hat. Ich ich konnte ihr nicht widerstehen.

Sie ist fast so alt wie unsere Tochter, flüstert Ingrid verärgert.

Liesel steht daneben, hört zu und beginnt zu weinen.

Aber das ist meine Puppe!, schluchzt sie, Oma hat sie mir geschenkt!

Lieselchen, versucht Friedrich zu trösten, weine nicht. Es ist nur eine Puppe. Vera braucht sie mehr, sie hat nicht so viele schöne Spielsachen wie du.

Jetzt habe ich nichts mehr!, stampft Liesel, sie war meine! Ich habe sie geliebt!

Ingrid starrt ihren Mann an. Er denkt immer nur an sich. Er würde alles tun, nur nicht für seine eigenen Kinder.

Friedrich, verstehst du, was du getan hast? Das war ein Geschenk meiner Mutter! Wie kann man einem Kind das wegnehmen?

Du übertreibst, Ingrid, seufzt Friedrich, Liesel hat doch noch viele Puppen. Morgen wird sie das vergessen. Wir müssen der Familie helfen. Vera kann sich nicht viele Spielsachen leisten, Liesel hat genug. Wir können später eine neue kaufen, etwas Einfaches.

Liesel schreit: Ich will keine neue! Ich will meine!

Ingrid knurrt: Hör auf zu jammern, es ist nur ein Spielzeug, das ist nicht das Ende der Welt.

Solche Situationen wiederholen sich immer wieder. Ingrid versucht immer wieder, für die Familie etwas Vernünftiges zu sparen, doch Friedrich lässt seine angebliche Freundlichkeit entscheiden.

Ihr Plan, eine größere Wohnung zu kaufen, wird immer weiter aufgeschoben. Liesel und Klaus wachsen in einer kleinen Zweizimmerwohnung auf, es wird eng. Ingrid schaut bereits nach neuen Objekten, besucht Besichtigungen. Sie haben ein gutes Sparbuch und das Geld aus dem Verkauf ihrer alten Wohnung, also könnten sie auch ohne Kredit auskommen.

Friedrich, sagt Ingrid, ich habe ein schönes Mehrfamilienhaus in der Nähe der Schule gefunden, mit Balkon. Wenn wir ein bisschen Druck machen, könnten wir es bald bekommen. Der Vermieter, so sagt der Makler, wartet ein wenig, bis wir zusagen.

Friedrich, gerade mit dem Reparieren des alten Kühlschranks beschäftigt, blickt auf.

Eine Wohnung? Ja, klingt gut, Ingrid. Aber

Aber was?, fragt Ingrid besorgt.

Ich habe das Geld bereits ausgegeben. Sabine hat angerufen, ihr Neffe heiratet und braucht ein Zuhause. Ich dachte, wir könnten ihm helfen

Du konntest das nicht, Friedrich!, schreit Ingrid, Sag, dass du es nicht konntest!

Ich habe alles gegeben, erklärt Friedrich, sie sind meine Familie. Wir haben doch noch unsere Zweizimmerwohnung, das reicht. Warum brauchen wir mehr? Die Kinder haben ein Zimmer, wir haben eins.

Warum sollen wir uns mit weniger zufrieden geben, wenn wir Geld hatten? Ruf sofort Sabine an und hol das Geld zurück!, fordert Ingrid.

Ingrid, das geht nicht, meint Friedrich, sie vertrauen mir schon. Wir können das nicht einfach rückgängig machen.

Liesel und Klaus bleiben in ihrem engen Zimmer.

Es gab harte Zeiten, in denen das Geld nicht einmal für Lebensmittel reichte. Ingrid stand stundenlang im Supermarkt und wählte die billigsten Nudeln und das günstigste Gemüse.

Friedrich fuhr in dieser Zeit seine Eltern, die einen Kredit für Sabine aufgenommen hatten, nach Hause. Sie wollten das Darlehen zurückzahlen.

Friedrich, sagte Ingrid, wir schaffen es kaum bis zum Monatsende! Die Kinder

Meine Eltern haben nur eine kleine Rente, das Darlehen muss bedient werden. Sie dürfen nicht von Inkassobüros kommen. Sie haben doch für Sabine gesorgt, und ihr Enkelkind ist geboren, die Tochter wächst. Wir können nicht alles aufgeben, antwortete Friedrich.

Und unsere Kinder?, fragte Ingrid.

Denken wir schon an sie, sagte Friedrich, sie brauchen nicht die teuersten Dinge. Wir geben, was wir können.

Manchmal bedeutete das, dass sie zu Weihnachten ohne Geschenke auskommen mussten, bis Ingrid heimlich Geld zurückgelegt hatte. Und Friedrich ärgerte sich, weil sie ihm nichts davon erzählte.

Der entscheidende Wendepunkt kommt, als Liesel die Schule beendet. Dann verbessert sich die finanzielle Lage ein wenig. Friedrich gibt das Billigreparieren von Nachbarautos auf und arbeitet jetzt regulär für Kunden. Ingrid sucht nun nach Studienplätzen für Liesel. Der Medizinstudiengang ist sehr hart, die Plätze sind knapp, daher denken sie an ein kostenpflichtiges Studium.

Doch im selben Jahr will Vera, Friedrichs Nichte, ebenfalls studieren. Und wieder entstehen finanzielle Spannungen.

Ingrid, sagt Friedrich, Vera braucht Unterstützung, sie möchte studieren.

Und was?, fragt Ingrid, das kennen wir schon.

Ich will ihr das Studium bezahlen, erklärt Friedrich, Sabine hat es schwer, du weißt das.

Du bist verrückt, Friedrich!, schreit Ingrid fast, wir haben für Liesel gespart! Für unsere Tochter!

Wenn Liesel nicht selbst studiert, braucht sie das Geld vielleicht nicht, meint Friedrich.

Und Vera?, fragt Ingrid, braucht es nicht auch?

Wir müssen der Familie helfen. Vera braucht es jetzt mehr als Liesel. Liesel hat doch die Chance, sie schafft das auch ohne Geld.

Ingrid glaubt, Liesel höre Musik und verpasst das Gespräch, doch Liesel steht bereits, hört zu und spricht:

Papa, wenn du das machst, verzeihe ich dir nie.

Friedrich schaut seine Tochter an, das überrascht ihn.

Lieselchen, wie kannst du so kalt sein?, sagt er, sie sind doch deine Familie. Du willst doch ein Stipendium, nicht wahr?

Und ich?, fragt Liesel, bin ich für dich keine Familie?

Das ist eine andere Frage, sagt er.

Das ist eine Frage der Prioritäten, Papa, antwortet Liesel, du wählst nicht uns. Du wählst immer die anderen!

Friedrich trifft seine Entscheidung, er wählt die Nichte.

Ihr habt alles, was ihr braucht

Ende.

Ich wusste es, flüstet Ingrid, ich wusste es

***

Liesel schafft es schließlich, an die Universität zu kommen. Die Studiengebühren kann sich Ingrid nicht leisten, aber Liesel schafft es selbst. Ihre Mutter unterstützt sie dabei finanziell. Klaus findet ebenfalls seinen Weg, etwas weiter weg von den Familienproblemen.

Der Vater erscheint nicht mehr im Leben der Kinder. Sie rufen ihn nicht mehr.

Am Tag, an dem Liesel ihr Studium bezahlt hat, gibt Ingrid ihrem Mann einen Beutel mit ein paar Sachen:

Für ein paar Tage reicht das, später holst du den Rest und bezahlst die Lieferung.

Ingrid, das ist doch mein Geld, protestiert Friedrich, und das ist meine Wohnung.

Friedrich, alt geworden, lebt jetzt auf dem Land bei seiner Schwester, nicht umsonst. Die Kinder haben kaum noch Kontakt zu ihm, besuchen ihn nur kurz aus Pflicht.

Er geht eine staubige Feldstraße entlang. Zwei Nachbarinnen kommen mit Körben voller Pilze vorbei.

Herr Friedrich Müller, sagt die eine, sind Sie ganz allein? Kommt hier jemand zu Ihnen?

Ach nein, antwortet er, die Nachbarn haben alle viel zu tun.

Wie herzlos Ihre Kinder doch sind, Herr Müller, seufzt die andere, niemand denkt an den alten Mann. Und Sie, immer so gutherzig, helfen allen.

Friedrich lächelt, versteht nicht, wie er all den Menschen geholfen hat und doch niemanden mehr hat.

Irgendwo, in einer anderen Stadt, leben seine Kinder. Vielleicht verzeihen sie ihm eines Tages, vielleicht auch nicht.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Gut für alle
Die Schwiegermutter im Hochzeitskleid Als Agnė den Fuß über die Schwelle des Restaurants setzte, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte – viel zu leer für einen Freitagabend, das Licht zu gedämpft, der Oberkellner zu bemüht freundlich. Mantas, sonst immer gelassen, drückte ihre Hand fest. „Ihr Tisch“, sagte der Kellner und führte sie in ein kleines Séparée. Hunderte Kerzen flackerten im Halbdunkel, warfen geheimnisvolle Schatten auf die schneeweiße Tischdecke. In der Mitte ein riesiger Strauß tiefroter Rosen – ihre Lieblingsblumen. Aus versteckten Lautsprechern erklang leise Musik. „Mantas“, hauchte Agnė, „was ist los?“ Statt einer Antwort kniete Mantas schon nieder, ein funkelnder Ring in seinen zitternden Händen. „Agne Jonaitienė,“ sagte er feierlich, „ich habe lange überlegt, wie ich diesen Moment besonders mache. Aber ich habe begriffen: Es zählt nicht, wo und wie – die Hauptsache ist, ob du meine Frau werden willst.“ Sie sah das aufgeregte Gesicht, die störrische Haarsträhne, das unsichere Lächeln – und fühlte sich von unendlicher Zärtlichkeit durchströmt. „Ja“, flüsterte sie. „Natürlich, ja!“ Der Ring glitt auf ihren Finger. Agnė schmiegte sich an Mantas, atmete seinen vertrauten Duft ein und dachte: Genau das ist Glück – einfach und klar wie ein sonniger Tag. Doch schon eine Woche später war es mit der Ruhe vorbei. „Wie, ihr macht das alles selbst?“, fragte Aurelija Mantienė, Mantas’ Mutter, ungehalten und nestelte nervös an ihrer Frisur. „Das geht doch nicht! Eine Hochzeit – das ist doch eine ernste Angelegenheit, das braucht Erfahrung und weibliche Weisheit! Ich habe schon ein wunderbares Restaurant gefunden …“ „Mama“, unterbrach Mantas sanft, „wir danken dir für deine Hilfe, aber wir möchten alles selbst organisieren.“ „Selbst? Ihr habt doch keine Ahnung! Meine Nichte …“, begann Aurelija und lief in der Wohnung auf und ab, redete auf sie ein über Traditionen, Anstand und dass man doch nicht „vor den Leuten untergehen“ dürfe. Prüfend blickte sie sich im Zimmer um – als ob sie überlegte, was man hier alles verändern müsste. „Mama, wir haben uns schon entschieden“, setzte Mantas an, „das ‚Weiße Jasmin‘ – kennst du das?“ Aurelija verzog das Gesicht, als hätte er von Zahnschmerzen gesprochen. „‚Weißer Jasmin‘? Dieses neumodische Lokal? Niemals! Nur das ‚Klassik‘ – was für Kronleuchter, was für Servietten, und ich kenne den Geschäftsführer persönlich…“ „Mama“, sagte Mantas mit fester Stimme, „wir zahlen die Hochzeit selbst, wir feiern, wo wir wollen.“ Aurelija schwieg, hob das Kinn: „Na, wie ihr meint. Aber ihr seid gewarnt.“ Sie entfernte sich, ein Hauch teures Parfum und eine Vorahnung von Unwetter blieben zurück. „Es tut mir leid“, lächelte Mantas entschuldigend und nahm Agnė in den Arm. „Sie ist halt … etwas temperamentvoll.“ Agnė schwieg. Eine leise Stimme sagte: Das ist erst der Anfang. Und sie behielt recht. Die nächsten Wochen glichen einer Endlosschleife aus Streit, Andeutungen und versteckten Vorwürfen; Aurelija fand an allem etwas auszusetzen – den Blumen, der Sitzordnung. „Rosa Pfingstrosen? Im September? Nur weiße Callas! Und der Blumenschmuck muss viel pompöser. Und ihr wollt wirklich diese Laienband? Ich kenne ein Quartett aus der Musikhochschule …“ Agnė hielt nur dank der Unterstützung ihrer ruhigen, verständigen Mutter Marija durch. „Du bist die Braut, du entscheidest“, sagte Marija, wenn Agnė nach dem x-ten Hochzeitsstreit verzweifelt bei ihr auftauchte. „Die Schwiegermutter will nur nicht akzeptieren, dass ihr Sohn erwachsen ist.“ Zum endgültigen Eklat kam es aber beim Tortenstreit. „Drei Etagen? Wo sind die Zuckerrosen, wo das Brautpaar oben drauf?“, empörte sich Aurelija und wedelte mit dem Katalog. „So bringst du deine Mutter doch in Verruf, dass alle tuscheln: Die berühmte Architektin und dann so eine Torte!“ „Aurelija, lassen Sie uns eines klarstellen: Das ist UNSERE Hochzeit. Nicht IHRE“, platzte es aus Agnė heraus. Stille. Aurelija erblasste, wurde rot, sprang auf und rief: „Ich sehe, ich werde hier nicht gebraucht. Macht doch, was ihr wollt!“ Entschlossen schlug sie die Tür zu. „Jetzt ist sie beleidigt“, seufzte Mantas. Agnė war zum Heulen zumute. Doch dann geschah Unerwartetes. Beim letzten Termin im Brautmodengeschäft hörte Agnė zufällig die Verkäuferin ins Telefon sagen: „Ja, Frau Mantienė, Ihr Kleid wird rechtzeitig fertig – dieser helle Cremeton; fast wie das der Braut …“ Agnes Welt geriet ins Wanken. Sie rief ihre Mutter an, völlig aufgelöst: „Sie macht das extra – sie will mir alles verderben … das Kleid sieht aus wie …“ „Ganz ruhig“, klang Marijas Stimme ruhig und fest, „ich regle das. Vertrau mir.“ Am Hochzeitstag regnete es. Agnė stand am Fenster, die Frisörinnen schwirrten hinter ihr, aber sie dachte nur an eines: Wird Aurelija es wirklich wagen, mit einem Brautkleid aufzutauchen? „Lass mich dich ansehen“, rief Marija und lächelte geheimnisvoll auf ihre besorgte Tochter. „Mach dir keine Sorgen. Das ist dein Tag. Niemand wird ihn dir verderben.“ Im Standesamt verging alles wie im Rausch; Musik, Reden, Mantas’ leuchtende Augen. Sie tanzte wie in einem Traum durch die Glückwünsche – doch suchte ständig nach der hellcremefarbenen Robe. Aurelija war nirgendwo. „Sie kommt direkt ins Restaurant“, flüsterte Mantas. „Macht sich noch fertig …“ Im Lokal wurden sie stürmisch empfangen. Schneewittchendecken, Kristalllüster, Blumen überall – Agnė vergaß für einen Moment ihre Sorgen. Dann, draußen, der schwarze Mercedes – und Aurelija stieg aus. In diesem Kleid, bestickt mit Zirkonia, fast wie eine Braut. Aber kaum hatte sie den Saal betreten, passierte es: Ein junger Kellner stolperte herbei, ein Tablett kippte, und eine Welle Kirschsoße ergoss sich über den perfekten cremigen Seidenstoff. „Oh, Verzeihung, wie ungeschickt von mir …“, stotterte der Kellner, wischte hektisch – rot auf hell. Aurelija erstarrte. Suchte das Weite. Am anderen Ende des Saals sortierte Marija seelenruhig Blumen in Vasen, mit einem kleinen, spitzen Lächeln. „Weißt du“, sagte Mantas leise zu Agnė, „ich bin fast froh, dass das passiert ist. Sie wollte schon immer alles bestimmen. Aber nicht mehr über uns.“ Agnė lehnte sich an seine Schulter. Draußen regnete es sanft, aber ihr schien die Sonne. Aurelija ließ sich den Rest des Tages nicht mehr blicken – doch die Feier wurde trotzdem ein voller Erfolg. Manchmal regelt das Leben alles von selbst: mit Kirschsoße, einem Kellner und der richtigen Mutter.