Sammlung der Erinnerungen

Sammlung der Erinnerung

Lea, hast du schon wieder diese Tischdecke aufgelegt? Erika Schulze stand im Türrahmen der Küche, die Hände in die Hüften gestemmt. Ihre Stimme klang, als hätte sie ihre Schwiegertochter bei einer Unverschämtheit ertappt, nicht einfach beim Decken des Mittagstisches.

Lea hob den Blick von den Tellern. Die Tischdecke war weiß, mit blauer Borte, etwas verblichen, aber sauber. Lea hatte sie vor zwei Jahren aus dem Elternhaus mitgebracht, als sie hierher zog.

Ja sagte sie leise, ist etwas nicht in Ordnung?

Nicht in Ordnung? Erika Schulze trat zum Tisch, hob den Rand der Decke mit zwei Fingern leicht an, als hätte sie etwas aus dem Müll gefischt. Das willst du hier drauflegen? Wir sind doch eine anständige Familie, Lea. Wir haben genug richtige Tischdecken aus dem Kaufhaus. Du weißt doch, wo sie liegen.

Weiß ich. Aber diese ist noch gut, zu schade zum Wegwerfen.

Dann nimm sie halt mit zu dir. Erika richtete sich auf und zupfte ihren Schürzenbund zurecht. Übrigens, du hast gestern die Suppe zu sehr gesalzen. Markus hat gegessen und geschwiegen weil er ein höflicher Mensch ist. Aber ich habs gemerkt.

Lea sagte nichts. Sie nahm die Tischdecke ab, faltete sie sorgsam und legte sie in die Tasche, die neben dem Kühlschrank stand. Dann holte sie eine andere aus der Kommode, beige, ordentlich gebügelt, legte sie aus und stellte die Teller auf. Alles ohne ein Wort, ruhig, als ob nichts wäre. Erika blieb noch einen Moment stehen, als hoffe sie auf Widerspruch. Doch er kam nicht, und sie ging ins Wohnzimmer zu ihrem roten Kater Felix, der auf dem Sofa schlummerte.

So lebten sie nun schon seit zwei Jahren. Lea König, geborene Bauer, achtundzwanzig Jahre alt, war aus einem kleinen Dorf, dreihundert Kilometer entfernt, in dieses Haus gekommen. Dort war sie aufgewachsen, hatte die Schule abgeschlossen und in der örtlichen Bücherei gearbeitet, bis sie Markus bei einer Hochzeit kennenlernte. Markus stammte aus der Stadt, arbeitete in einer Baufirma, trug immer ordentliche Schuhe und wusste, wie man sich gut ausdrückte. Lea dachte damals, das sei das Schicksal.

Vielleicht war es das auch, nur das Schicksal hatte eine Überraschung parat.

Die Familie Schulze wohnte in einer großzügigen Altbauwohnung im vierten Stock, drei Zimmer, große Küche, Balkon mit Blick in den Hinterhof. Erika nahm das größte Zimmer ein, Markus und Lea das mittlere. Das dritte Zimmer gehörte offiziell Sabine, der älteren Tochter, die aber längst mit ihrem Mann in einem anderen Stadtteil lebte. Trotzdem kam sie mehrmals die Woche vorbei mal um etwas zu holen, mal einfach so, meistens ohne klaren Grund.

Sabine war zweiunddreißig, arbeitete bei einer Immobilienagentur, kleidete sich teuer, sprach laut und schaffte es mit einem Blick, Lea jedes Mal das Gefühl zu geben, überflüssig zu sein in dieser Wohnung, dieser Küche, dieser Familie.

Lea, trägst du schon wieder diese Jeans? fragte Sabine eines Morgens in der Küche, während sie nach Kaffee griff. Die sind ja schon an den Knien ausgebeult!

Ich bin ja zuhause, erwiderte Lea leise.

Und? Sabine ließ Kaffee in die Tasse laufen und lehnte sich ans Fenster. Auch zuhause kann man sich wie ein Mensch anziehen. Mama ist morgens auch immer gemacht.

Ich hab auch gekämmt.

Ja? Sabine lächelte schief, was nichts Gutes verhieß. Das willst du kämmen nennen?

Lea schenkte sich Tee ein und ging wortlos ins Zimmer. Sie wusste inzwischen, dass es zwecklos war, mit Sabine zu streiten. Die hatte auf jedes Wort drei Gegenargumente und die waren schärfer.

Markus fehlte in solchen Momenten meist oder tat, als lese er am Handy. Einmal, als sie unter vier Augen waren, sprach Lea ihn darauf an.

Markus, hast du gehört, was Sabine gesagt hat? Du warst doch dabei.

Hab ich, murmelte er ohne aufzusehen.

Und?

Sie ist halt so, du weißt es doch.

Weiß ich. Aber sagst du nie mal was dagegen?

Markus schwieg, seufzte dann.

Lea, bitte, lass es. Das wäre nur Streit. Es ist doch alles in Ordnung. Ignorier es einfach.

Lea sah ihn an und wusste: so sah er aus, wenn er einfach nichts klären wollte. Ein bisschen schuldbewusst, ein bisschen müde, dahinter nichts weiter. Böse war er nicht. Er wählte immer den Weg mit dem wenigsten Widerstand. Mit der Mutter, mit der Schwester, mit Kollegen und mit Lea. Sie war nur ein weiteres Terrain, wo man besser schwieg.

Sie weinte nachts nicht, wie es in solchen Geschichten oft geschildert wird. Manchmal lag sie einfach im Dunkeln und dachte an das Haus ihres Großvaters. An Opa Heinrich Bauer, der im Dorf Kirchberg lebte und den sie jeden Sonntag anrief. Er fragte Wie gehts?, sie sagte Gut, er antwortete Na, dann ist ja gut. Und dieses Na, dann ist ja gut machte manches leichter.

Heinrich Bauer war jahrzehntelang Geschichtslehrer in der Dorfschule gewesen, seit zwanzig Jahren Rentner, aber immer noch im Dorf, obwohl Leas Mutter ihn gern zu sich in die Stadt geholt hätte. Er sagte, Umziehen im Alter bringe nichts, er habe seinen Garten, die Nachbarn, die vertraute Luft. Und das sagte er kaum einmal laut er hatte seine Sachen. Seine Sammlung, wie Leas Mutter das nannte und dabei abwinkte.

Opa sammelte alles Vergangene: alte Bücher, Handschriften, Kirchenfenster, Tontöpfe, Spinnräder, Brotdosen aus Birkenrinde, Holzlöffel mit abgeblätterter Farbe. Manches stammte von den Eltern oder Nachbarn, wie man es halt so weitergab, anderes hatte er gefunden, anderes brachte man ihm, weil man wusste, er würde es behalten. Drei Zimmer waren vom Boden bis zur Decke mit Regalen vollgestellt. Zu jedem Stück kannte er eine Geschichte.

Lea war als Kind gern im Sommer bei ihm gewesen. Opa führte sie durch die Zimmer, erzählte: Dieses Spinnrad stammt aus dem Nachbardorf, hundertfünfzig Jahre alt. Das Kirchenfenster, schau wie es gemalt ist neunzehntes Jahrhundert. Und dieses Heft, Lealein, ist das Tagebuch eines Dorfschullehrers, von 1918, als draußen alles zusammenbrach, aber der Mann noch immer den Kindern das Lesen beibrachte. Lea hörte zu und fand, dass Opa wie ein Hüter war. Der Einzige, der wirklich wusste, was zu bewahren war.

Später, als sie in der Bücherei arbeitete, redeten sie anders miteinander wie zwei, die einander etwas zu sagen haben. Er fragte nach Büchern, sie nach neuen Funden. Das waren schöne Zeiten.

Als sie dann Markus heiratete und zu den Schulzes zog, war das sonntägliche Telefonat oft das einzige, was sie an die Zeit davor erinnerte.

Im Februar ging es Opa Heinrich gesundheitlich schlecht. Leas Mutter rief an. Lea beantragte Urlaub, setzte sich in den Zug. Erika machte ein Gesicht, als hätte Lea um etwas Unpassendes gebeten.

Eine ganze Woche? fragte sie. In zwei Wochen hat Sabine ihren Geburtstag, da brauchst du zum Helfen.

Ich bin rechtzeitig wieder da, sagte Lea.

Na gut.

Opa lag im Kreiskrankenhaus, klein geworden und blass, die Augen aber wach. Er nahm Leas Hand lange.

Du bist ganz mager. Kriegen sie dich da nicht satt zu Hause?

Doch, Opa. Alles gut.

Na dann. Er schwieg. Ich hab was gemacht, der Notar war da. Mach dir keine Sorgen, alles ist geregelt.

Opa, das ist nicht so wichtig.

Doch, Lea, doch. Er drückte ihre Finger sanft. Das Haus gehört jetzt dir. Alles, was drin ist. Du warst die Einzige, die verstanden hat, was das für Sachen sind. Alle anderen sehen Krempel, du siehst ihre Geschichten. Das ist wichtig.

Lea wollte etwas sagen, doch er schloss die Augen Gespräch beendet.

Heinrich Bauer starb Ende März, ruhig, im Schlaf, als hätte er beschlossen, dass es Zeit war. Lea fuhr allein zur Beerdigung Markus hatte angeblich viel zu tun. Bei der Trauerfeier saß sie still neben ihrer Mutter, sah auf Opas Foto in der Bilderrahmen und dachte, er habe ein gutes Leben gehabt. Kein großes, kein reiches, aber ein echtes Leben.

Einen Monat später bekam sie die Notarpapiere für das Haus in Kirchberg mitsamt Inhalt. Sie sagte zu den Schulzes erstmal nichts, legte die Dokumente einfach in die Schublade.

Erika erfuhr es zufällig: Lea telefonierte in der Küche mit ihrer Mutter, als die Schwiegermutter zum Tee hereinkam und einen Fetzen Gespräch aufschnappte. Das reichte.

Am Abend, als Markus von der Arbeit heimkam und sich an den Tisch setzte, trat Erika mit wichtigem Gesichtsausdruck in die Küche.

Markus, ich hab gehört, dass Leas Opa ihr da was hinterlassen hat.

Markus sah zu Lea. Sie bestrich eine Scheibe Brot, ohne jemanden anzusehen.

Ein Haus, meint sie fuhr Erika fort. Stimmt das, Lea?

Ja, ich habe gerade erst die Unterlagen bekommen.

Was ist das für ein Haus? Wirst du verkaufen?

Ich weiß es noch nicht.

Wie weiß noch nicht? So ein Dorfhaus, da kommt doch eh keiner hin, wert ist das sicher fast nichts. Erika nickte, als täte sie ihr leid. Na, ist ja immerhin etwas. Geld schadet nie.

Da sind noch die Sachen von Opa sagte Lea. Seine Sammlung.

Sammlung? Erikas Stimme veränderte sich. Was für eine Sammlung?

Er hat alte Dinge gesammelt. Kirchenschmuck, Handschriften, Haushaltsgeräte.

Pause.

Also Gerümpel halt sagte Erika vorsichtig, jetzt aber mit anderer Betonung, schon aufmerksamer. Für sowas gibts ja Sammler heutzutage, vielleicht bringts sogar etwas.

Lea aß auf, bedankte sich und ging ins Zimmer. Felix lag an der Tür zum Wohnzimmer, späht mit gelben Augen zu ihr. Sie kraulte ihn mechanisch hinter dem Ohr im Vorbeigehen.

Eine Woche später kam Sabine. Angeblich nur wegen irgendeiner Bluse, aber schon nach zehn Minuten am Küchentisch drehte sich das Gespräch wie zufällig um das Erbe.

Sag mal Lea, hatte dein Opa tatsächlich so eine beachtliche Sammlung? fragte Sabine überm Kaffeerand. Mama meinte, da wären Ikonen.

Kirchenbilder, Handschriften, Alltagsgegenstände.

Mit Handschriften meinst du was Bücher?

Nicht ganz. Handschriftliche Aufzeichnungen. Tagebücher, Briefe, manches über hundert Jahre alt.

Sabine schwieg kurz, drehte ihre Tasse.

Ich kenne da einen Kunden, der handelt mit Antiquitäten. Willst du, dass ich euch bekannt mache? Er kann das alles schnell schätzen und abkaufen, falls was Wertvolles dabei ist. Du fährst ja eh nicht hin, um das alles zu sortieren.

Doch, ich fahre hin sagte Lea ruhig.

Sei ehrlich Sabine beugte sich nach vorn, das ist Arbeit für eine Woche. Staub, Gerümpel. Wen lässt du das schätzen, dich selbst, oder einen Dorfheini? Ich kann dir ernsthaft helfen.

Ich komme schon klar sagte Lea.

Sabine sah sie an, ein wenig verwundert, wie immer, wenn Lea anders reagierte als erwartet.

Wie du meinst sagte sie, stand auf. Sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.

Im Mai nahm Lea Urlaub und fuhr nach Kirchberg. Markus fuhr mit, eigentlich widerwillig. Die ganze Fahrt starrte er aus dem Fenster und meinte irgendwann, die Straße sei wohl wirklich so schlecht, wenn das Navi so lange sucht. Lea blickte auf die Felder, das Gehölz am Straßenrand, und fühlte sich seltsam ruhig. Ohne zu wissen, warum aber es war gut.

Opas Haus stand am Dorfrand, dahinter begann gleich der Wald. Es war nicht groß, aber solide, geschnitzte Fensterläden, die Opa alle paar Jahre neu streichte. Die Nachbarin, Frau Berger, eine freundliche ältere Dame, überreichte den Schlüssel und meinte, sie habe den Ofen im Winter regelmäßig geheizt, damit nichts schimmelt.

Als Lea die Tür öffnete, kam ihr der Geruch von Opas Haus entgegen: alt und holzig, nach Bücherstaub und Kräutern wie ein lebendiges Wesen. Sie blieb ein paar Sekunden in der Diele stehen.

Ganz schön viel Staub, meinte Markus hinter ihr.

Das ist kein Staub. Das ist Zeit, erwiderte Lea und ging hinein.

Sie blieb drei Tage dort. Sortierte die Regale, untersuchte jedes Stück, machte Notizen. Markus lief im Garten umher, telefonierte viel, fuhr am zweiten Tag frühzeitig ab, angeblich wegen Arbeit. Lea blieb allein zurück was ihr leichter fiel.

Am dritten Tag rief sie das Landesmuseum an. Dort verband man sie mit einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin, Frau Julia Roth, die, als sie das Thema erfuhr, plötzlich sehr interessiert wurde.

Sie sagen, Handschriften aus dem 18. Jahrhundert? hakte sie nach. Und Kirchenbilder? Können Sie Fotos schicken?

Oder sie kommen einfach vorbei. Bin die ganze Woche hier.

Zwei Tage später reiste eine kleine Gruppe aus der Stadt an: Julia Roth, der Restaurator Herr Nikolaus Behrens und ein junger Fotograf. Sie gingen leise durch die Zimmer, flüsterten, zeigten sich gegenseitig Stücke.

Das ist selten, meinte Herr Behrens, hielt eine kleine Ikone im dunklen Rahmen. 18. Jahrhundert, norddeutscher Stil. Wie kam Ihr Opa daran?

Eine Nachbarin schenkte sie ihm in den Siebzigern, als sie umzog. Die hatte sie von ihrer Urgroßmutter.

Behrens nickte und legte sie vorsichtig ab.

Und das hier sagte Julia Roth und hielt ein in Leder gebundenes Heft hoch ist sehr spannend. So ein ländliches Archiv übersteht die Zeit sonst kaum. Meistens ist alles verloren gegangen.

Opa sagte, das sei das Tagebuch eines Lehrers.

Ja, und darin, soweit ich sehe, ist eine Chronik der Jahre 1917 bis 1919 in unserer Gegend. Wissen Sie, was das lokalgeschichtlich bedeutet?

Lea wusste es. Sie sah den Leuten zu, wie sie Opas Sachen behandelten, mit demselben Respekt wie er. Und ihr wurde seltsam warm ums Herz.

Beim Abschied gab Julia Roth ihre Karte, bot an, die Sammlung offiziell anzunehmen, mit Schenkungsurkunde, dem Namen des Stifters Heinrich Bauer und Dankesbrief vom Museumsdirektor.

Können Sie auch verkaufen? fragte Lea offen.

Julia Roth überlegte kurz.

Uns fehlen oft die Mittel, wir zahlen nicht direkt. Aber ich kann Ihnen seriöse Sammler nennen. Einige Stücke sind wertvoll. Die Ikone, die Herr Behrens ansah mindestens viertausend Euro. Die Handschriften, wenn das Datum stimmt, ebenfalls.

Lea nickte, bedankte sich, verabschiedete die Gäste.

Am Abend saß sie auf der Veranda, sah in den Wald und hörte aus Frau Bergers Garten die Hühner scharren. Sie dachte an Opa. Er hätte alles zu seinen Lebzeiten verkaufen können, das Geld hätte er gut gebrauchen können. Aber er tat es nicht. Er meinte, diese Dinge sollen dorthin, wo sie verstanden werden. Nicht in eine private Sammlung hinter verschlossener Tür, nicht als Wertanlage im Tresor. In ein Museum, wo Schüler stehen und der Lehrer sagt: Seht ihr, so haben die Menschen vor hundert Jahren gelebt. Mit diesem Löffel wurde gegessen. In diesem Heft wurde aufgeschrieben, wie man Kindern das Lesen beibrachte, als ringsherum Hunger und Angst herrschten.

Sie nahm das Handy und wählte Julia Roths Nummer.

Ich möchte die Sammlung komplett ans Museum geben, sagte Lea. Mit Vertrag und Nennung von Opas Namen.

Stille am anderen Ende.

Sie wissen, dass das eine Schenkung ist? Ohne Geld?

Ich weiß.

Gut. Das freut mich sehr. Wir melden uns nächste Woche.

Zurück in der Wohnung bei den Schulzes erzählte Lea nicht sofort von ihrer Entscheidung. Eine Woche verging, dann noch eine. Eines Abends, beim Abendbrot, begann Erika wieder mit dem Thema.

Lea, was ist jetzt mit den Sachen von deinem Opa? Weißt du, was du willst?

Ja, sagte Lea ruhig und legte den Löffel ab. Alles geht ans Landesmuseum.

Die Stille am Tisch war so dicht, man hörte Felix am Sessel kratzen.

Wie bitte, ans Museum? stieß Erika schließlich hervor.

Unentgeltlich, als Stiftung, mit Opas Namen.

Erika sah zu Markus. Markus blickte in seinen Teller.

Moment, mischte sich Sabine ein, diesmal auch am Tisch, dir ist schon klar, dass manche Stücke viel wert sind? Mama hat mir von den Museumsleuten berichtet.

Ich weiß.

Und du gibst das einfach weg? Über unseren Kopf hinweg?

Es ist mein Erbe sagte Lea. Opa vermachte es mir.

Du bist verheiratet! Sabine wurde lauter. Du hast Familie, du hast einen Mann. Das ist Familiensache.

Lea sah Markus an. Er hob endlich den Blick.

Naja, Lea, sagte er leise, vielleicht können wir ja nochmal reden? Uns käme das Geld auch gelegen. Wir wollten doch das Auto tauschen.

Ihr wolltet entgegnete Lea, selbst erstaunt, wie ruhig ihre Stimme klang. Ich habe nie was von einem neuen Auto gesagt.

Lea Erika legte die Hände auf den Tisch. Ich verstehe, dass du an deinem Großvater hängst. Das ist gut, das ehrt dich. Aber Geld ist Geld. Der Alte ist tot, ihm ist es egal, wohin seine Sachen kommen. Ihr müsst weiterleben.

Eben, sagte Lea. Ich.

Sie stand auf, räumte ab und ging ins Zimmer.

Die nächsten Tage waren schwer. Erika lief durch die Wohnung wie eine Enteignete. Sabine rief an und schickte endlose Nachrichten, Lea sei naiv und egoistisch. Markus schwieg mit so leidendem Gesichtsausdruck, dass es allein schon belastete.

Eines Abends redete Markus doch.

Lea, ich versteh dich nicht. Warum kannst du das nicht wenigstens zum Teil verkaufen?

Weil es nicht Opas Wille wäre.

Woher willst du das wissen? Im Testament steht kein Wort vom Museum.

Er hat es mir gesagt. Als er im Krankenhaus lag. Ich weiß es.

Das ist doch nur Sentimentalität, erklärte Markus, nervös, was sonst untypisch war. Es ist echtes Geld. Mama hat recht, allein die Ikone bringt mehrere Tausend.

Ich weiß, sagte Lea. Frau Roth hat’s mir gesagt. Und ich bringe sie trotzdem ins Museum.

Und was ist jetzt wichtiger: Prinzipien oder unsere Familie?

Lea sah ihn lange an. Felix kam ins Zimmer, umrundete sie und ging wieder hinaus.

Markus sagte Lea ruhig , das ist das erste Mal in zwei Jahren, dass du von unserer Familie sprichst. Vorher kanntest du das Wort kaum.

Er schwieg. Das sagte mehr als jedes Wort.

Nächste Woche hielt Erika ein Gespräch, an das Lea noch lange denken würde. Nicht, weil es besonders böse war. Sondern weil es so ehrlich unehrlich war.

Lea, begann Erika beschwichtigend, fast freundlich, nimms mir nicht übel, wenn wir manchmal schroff sind. Wir mögen dich, du gehörst zu uns.

Lea wartete, wohin das führen würde.

Dein Opa war sicher ein guter Mensch, ich kann das an dir sehen. Aber überleg mal: Er hat das alles gesammelt vielleicht wollte er genau, dass es nützlich für euch ist, dass du und Markus auf die Füße kommt. Ist das nicht der Sinn von Erbschaft?

Der Sinn ist das, was er mir hinterlassen hat, sagte Lea.

Ja, dir, nun klang Erika etwas frostiger, aber du trägst das doch nicht allein. Du bist ein Teil von uns. Wir sind Familie.

Erika, sagte Lea ruhig, Sie haben mir anderthalb Jahre lang eingetrichtert, dass ich aus einfachen Verhältnissen komme und nicht dazugehöre. Jetzt sind wir auf einmal Familie?

Stille. Sogar Felix schien auf der Heizung den Atem anzuhalten.

Erinnerst du mich daran? fragte Erika, hörbar beleidigt.

Nein sagte Lea , ich erkläre nur, warum ich das gerade schlecht hören kann.

Drei Tage später hieß es: du sollst gehen.

Es war Sabine, die es fast offiziell verkündete, wie ein unumstößliches Urteil.

Lea, Mama hält das nicht mehr aus. Du belastest die Familie. Markus schweigt, weil er nett ist, aber uns tut das allen nicht gut. Du solltest erstmal ausziehen.

Erstmal wiederholte Lea. Und wenn ich die Sachen verkaufe und das Geld bringe, darf ich zurückkommen?

Jetzt übertreibst du doch.

Schon gut, sagte Lea. Ich geh.

Sie packte zwei Koffer. Dokumente, Bücher, Kleidung, die blaue Tischdecke mit Borte. Markus stand in der Tür und sah ihr beim Packen zu.

Lea, wohin gehst du?

Zu Opa. Nach Kirchberg.

Im Ernst?

Ja.

Er öffnete den Mund, schwieg dann. Schließlich: Kommst du wieder?

Weiß nicht antwortete Lea. Das stimmte.

Sie bestellte ein Taxi, verabschiedete sich von der Nachbarin auf dem Flur, die alles wusste, aber nichts fragte, und fuhr los.

Im Auto sah sie aus dem Fenster auf die Stadt, die ihr nie richtig Heimat geworden war, und war erstaunt, dass sie nicht weinte. Es war irgendetwas anderes keine Freude, keine Erleichterung, eher so, als wäre die Raumtemperatur plötzlich ganz normal. Weder zu heiß noch zu kalt. Einfach richtig.

Frau Berger begrüßte sie wortlos, setzte Tee auf, stellte Johannisbeermarmelade auf den Tisch und fragte:

Kannst du den Ofen selber anmachen?

Ja, hat Opa mir beigebracht.

Na, dann ists gut.

Lea richtete sich in Opas Haus in einer Woche ein. Es stellte sich heraus, dass man wenig braucht, um sich daheim zu fühlen: saubere Fenster, frisches Brot aus dem Ofen, Bücherstapel und ein Kater, den Frau Berger ihr brachte, grau, still, gleich auf dem warmen Ofen platziert.

Das Museum schickte im Juni einen Transport. Julia Roth, Herr Behrens und noch ein paar Leute kamen. Sie packten sorgsam, jede Einzelheit wurde beschriftet. Lea half, erklärte die Herkunft der Stücke. Die Besucher notierten alles. Zum Abschied übergab Julia Roth ihr einen Brief vom Direktor:

Lea Bauer, wir haben ein Angebot: Wir eröffnen bald eine Dauerausstellung, brauchen eine Mitarbeiterin für diesen Bereich. Sie waren Bibliothekarin, kennen die Stücke, kennen die Geschichte. Es ist keine große Bezahlung, aber eine echte Aufgabe.

Lea sah auf die leeren Regale. Dann zu Julia Roth.

Ich denke drüber nach, sagte sie.

Und dachte genau einen Abend.

Markus kam im Juli. Lea hörte sein Auto an der Pforte, trat hinaus. Er kam etwas unsicher den Weg entlang, trug eine Einkaufstüte wohl mit Lebensmitteln.

Hallo, sagte er.

Hallo, antwortete Lea.

Darf ich reinkommen?

Sie machte Platz. Er trat durch die Diele, sah sich um. Der graue Kater musterte ihn kurz von der Küchentür und verzog sich.

Sie setzten sich an den Tisch, Lea stellte den Wasserkocher an.

Wie geht es dir? fragte Markus.

Gut.

Man merkts. Er schwieg kurz. Lea, ich wollte mit dir reden. Ehrlich.

Dann sags.

Er faltete die Hände am Tisch, schaute erst darauf, dann sie an.

Ich hab Fehler gemacht. Ich weiß es. Ich hab dich nicht verteidigt, geschwiegen, wenn ich hätte reden müssen. Mama und Sabine du kennst die beiden. Das ist keine Entschuldigung, aber ich weiß es.

Lea unterbrach nicht.

Ich will, dass du zurückkommst. Er sagte es leise, aber ehrlich. Wir könnten eine eigene Wohnung nehmen, das wollte ich eigentlich schon lange. Ich brauch dich.

Das Wasser kochte. Lea goss den Tee auf, stellte Tassen auf den Tisch, schaute aus dem Fenster auf Garten, Feld und Himmel.

Markus, ich frage dich was ehrlich.

Frag.

Bist du hergekommen, weil du mich vermisst hast? Oder weil das Museum den Übernahmeakt beglaubigt hat und Mama und Sabine wissen, dass es jetzt kein Geld mehr geben wird?

Er antwortete nicht gleich, rührte im Tee, starrte hinein.

Ich hab dich vermisst, sagte er schließlich. Das stimmt.

Kann sein, sagte Lea. Trotzdem zwei Monate Schweigen, bis die Sammlung offiziell weg ist. Das ist auch wahr.

Lea

Warte. Sie hob die Hand. Kein Vorwurf. Ich sehe nur, was ich sehe. Du bist kein Böser, Markus. Aber du gehst immer dahin, wo es am wenigsten weh tut. Mit mir wars bequemer als mit Mama und Sabine. Deshalb hast du geschwiegen.

Er widersprach nicht. Das passte zu ihm.

Und jetzt? fragte er leise.

Jetzt arbeite ich im Museum. Als Kuratorin für Opas Sammlung. Ich wohne hier. Es geht mir gut.

Und ich?

Sie hielt seinen Blick lange.

Du solltest zurück nach Hause. Sprich mit deiner Mutter. Sag ihr vielleicht mal, was lang fällig ist. Nicht für mich, für dich selbst. Immer wieder nur die bequemste Lösung wählen, ist auch schwer auszuhalten. Ich hab gesehen, wie sehr dich das drückt.

Er sah sie an mit einem Ausdruck, den sie nicht zu deuten vermochte. Da war etwas wie Erleichterung, Kränkung und vielleicht Respekt, den sie nie bemerkt hatte.

Du schickst mich weg, sagte er.

Nein, erwiderte Lea. Ich lasse dich gehen. Das ist was anderes.

Er trank den Tee aus, stand auf, stellte die Tüte auf den Tisch.

Sind Äpfel drin. Von Mama.

Lea sah die Tüte an.

Danke.

Er verließ das Haus. Sie hörte das Motorengeräusch, Reifen auf dem Kiesweg. Dann wurde es still, nur irgendwo hinter dem Garten rief ein Vogel hartnäckig und ungeheuerlich.

Der graue Kater tauchte aus dem Eck auf, sprang auf den Tisch, stocherte in der Apfeltüte und sah Lea an typisch katzenhaft: Und, wie ist es jetzt?

Ganz gut, sagte Lea laut. Alles okay.

Sie öffnete die Tüte, holte einen Apfel, biss hinein. Er war sauer und knackig, aber echt. Draußen vor dem Fenster schoben sich Wolken vor die Sonne, dann verzogen sie sich, und in der Küche wurde es hell.

Im September wurde im Landesmuseum eine Dauerausstellung eröffnet. Auf dem Schild stand: “Sammlung H. Bauer, Lehrer und Sammler, als Geschenk dem Museum übergeben.” Lea las es dreimal, bevor sie den Saal betrat, ans Pult mit dem altledernen Tagebuch trat, neben dem ein Schild erklärte, wer es geschrieben hatte, und zu welcher Zeit.

Die ersten Besucher kamen: ein älteres Paar, drei Schüler und eine Lehrerin. Lea begann zu erzählen. Vom Heft, vom Schreiber, davon, wie 1918 alles um sie herum zusammenbrach und er trotzdem kam und den Kindern das Lesen beibrachte.

Die Lehrerin hörte aufmerksam zu. Die Kinder zappelten zuerst, dann waren sie still.

Und was ist dann aus ihm geworden? fragte einer, ein Junge mit zerzaustem Haar.

Er ist alt geworden sagte Lea. Hat Schüler großgezogen, die wiederum eigene Schüler großzogen. Einer davon hieß Heinrich Bauer.

Der Junge nickte und sah wieder auf das Heft.

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Homy
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Sammlung der Erinnerungen
Verschiedene Menschen Allchen wuchs nicht als einfaches Mädchen auf. Sowohl Simon als auch Marina wussten, dass sie selbst schuld waren: Sie verwöhnten ihre Tochter zu sehr. Aber wie hätte man sie auch nicht verwöhnen können? So hübsch, so zart, und sie hatten so lange um sie gekämpft. Marina konnte kaum schwanger werden. Sie konsultierten jede erdenkliche Klinik, reisten sogar nach Berlin. Doch alle Ärzte waren ratlos und konnten nichts feststellen. Und wenn alles in Ordnung ist, warum gibt es kein Kind? Ein erfahrener Arzt riet schließlich zu Naturmedizin. Also suchten sie eine Kräuterfrau, die Marina eine übel riechende Tinktur gab, die sie tropfenweise täglich einnehmen sollte. Widerwillig hielt sie sich daran – und wurde tatsächlich schwanger. Simon war so glücklich, dass die Nachbarschaft davon erfuhr. Die Schwangerschaft war extrem beschwerlich. Simon glaubte mehrfach, Marina würde das Baby verlieren. Sie litt unter starker Übelkeit, konnte weder essen noch Gerüche ertragen, ihre Beine und Hände schwollen an, sie schlief schlecht und verließ kaum das Haus. Als die Wehen begannen, war Simon erleichtert – doch die Probleme fingen erst richtig an. Nach quälenden zehn Stunden entschieden die Ärzte auf Kaiserschnitt. Das Mädchen war schwach und Marina schwebte zwei Tage lang zwischen Leben und Tod. Nach fast einem Monat im Kinderkrankenhaus durften sie endlich nach Hause. Simon hatte Marina und die kleine Tochter schmerzlich vermisst und war nun überglücklich. Jetzt würde ihr Glück beginnen! Nun waren sie eine richtige Familie. Alles war, wie Simon es sich erträumt hatte. Als Allchen fünf Jahre alt war, kam Simon eines Tages nach Hause, setzte sich zu Marina und sagte: –Wir müssen ein Haus bauen. In der Einzimmerwohnung ist kein Platz. Allchen bekommt ihre eigene Ecke. Marina war immer unterstützend, aber diesmal unsicher: Woher das Geld nehmen? Simon antwortete pragmatisch: Wenn wir es nach und nach machen, klappt es schon. Mit Geduld gelingt alles. Doch der Traum zerplatzte. Nach einem halben Jahr wurde Allchen schwer krank. Zuerst eine Erkältung, dann Komplikationen, dann immer wieder Krankenhaus – die Familie stürzte in Schulden. Aber nach langen drei Jahren wurde das Mädchen wieder gesund. Da dachte Simon nicht mehr ans Haus, sondern daran, die Schulden loszuwerden. Marina wusste, dass Simon immer noch an den Hausbau dachte, auch wenn er nichts sagte. Allchen war inzwischen selbstständig, und Marina nahm Arbeit im Werk auf, weil das Geld reichte, wenn sie beide viel arbeiteten. Erst als Allchen 14 war, konnten sie alles zurückzahlen. Doch wie das Leben – mit jedem Jahr wurden die Wünsche der Tochter größer: neues Kleid, ein Mantel wie das von Annika. Bald war Schulabschluss. Marina und Simon sparten fleißig. Sie hofften, sobald Allchen zum Studium ging, könnten sie endlich anfangen. Aber auch das kam anders. Allchen ging tatsächlich aufs Studium und zog um. Simon und Marina waren stolz. Simon konnte in zwei Jahren die Wände des Hauses hochziehen – Fenster und Türen nur aus Brettern, aber es war schon ein Haus. Zwei weitere Jahre vergingen… An einem freien Tag kamen Simon und Marina völlig erschöpft von der Baustelle nach Hause – aber glücklich, denn zwei Fenster waren endlich eingebaut. Plötzlich klingelte es. Marina öffnete – und schrie auf. Vor der Tür stand Allchen – mit großem Babybauch. Hinter ihr ein langer, junger Mann, der unruhig von Fuß zu Fuß trat. –Allchen, was ist das? Marina zeigte auf den Bauch. –Mama, was glaubst du denn? Da sind unser Baby und Ruslan. Übrigens, das ist Ruslan. Er wird jetzt bei uns leben und wir heiraten. Ruslan nickte zustimmend und kaute weiter Kaugummi. Simon kam dazu; alle gingen in die Küche, setzten sich an den gedeckten Tisch. –Allchen, warum hast du nie was gesagt? –Wozu, damit ich eure Moralpredigten höre? –Und das Studium? –Wozu? Mir geht’s auch ohne gut. Ruslan hat das Studium im ersten Jahr geschmissen, und lebt auch. Simon schaute den jungen Mann an, der weiter zustimmend kaute. –Und wo arbeitet unser Ruslan ohne Abschluss? –Papa, hör auf. Noch nirgends. Er sucht erst mal den richtigen Bereich. Wieder ein bedeutendes Kopfnicken von Ruslan. Simon wurde ungeduldig: –Wovon wollt ihr leben, wenn ihr beide nicht arbeitet und ein Kind bekommt? Allchen staunte: –Na, ich habe doch Eltern. Simon ging in die Küche – um der Tochter keine Vorwürfe zu machen. Bald kam auch Marina. Sie sahen still aus dem Fenster und gingen dann schlafen. Am nächsten Morgen sprach Simon mit Marina: –Ich finde, wir ziehen ins Haus. Wir machen eine Kammer fertig, und der Rest kommt nach und nach. Die Wohnung schenken wir den jungen als Hochzeitsgeschenk. Marina stimmte zu. Als sie es den Kindern verkündeten, waren Allchen und Ruslan begeistert. Simon und Marina nahmen nur die nötigsten Möbel mit ins Haus. Als das Umzugsauto da war, sagte Simon: –So, Tochter. Die Wohnung gehört dir. Sei eine gute Hausherrin. Sie umarmten sich und fuhren ab. Im Haus war noch kaum etwas fertig. Doch Marina klagte nicht: Arbeit, Essen kochen, Wäsche waschen am Waschzuber, Wasser schleppen von der Straße. Abends half sie Simon beim Hausbau. Stein schleppen, Zement mischen. So oft sie konnte, half sie. Allchen tauchte immer wieder auf – meist um Geld zu bitten. Die Eltern halfen, obwohl die Baustelle alles verschlang. Einmal hielt Simon es nicht mehr aus und fragte, als sie zu Besuch waren: –Arbeitet Ruslan immer noch nicht? –Papa, es gibt keine passende Arbeit. Er schuftet nicht auf dem Bau für Kleingeld. –Aber warum? Denkt Ruslan nicht daran, die Familie zu versorgen? Jetzt wollte Simon direkt von Ruslan hören. Wenn Simon laut wurde, wusste man – besser nichts sagen. Ruslan hörte auf zu kauen, schaute zu Allchen und dann zu Simons Familie: –Ich hatte nie vor, Beton zu mischen und Steine zu schleppen. –Aber was hast du gedacht? Dass das Leben einfach ist, wenn du heiratest und ein Kind bekommst? Du musst deine Familie ernähren, wir sind nicht ewig da. Beim Abschied sagte Simon zu Allchen: –Wenn dein Taugenichts nichts zu tun hat, soll er beim Haus helfen; es wird ja eh euch mal gehören. –Warum soll er euch helfen? Ihr habt das angefangen, und jetzt quält ihr alle damit! Simon sagte nichts, Marina drückte der Tochter unbemerkt Geld in die Hand. Eine Woche später fand Ruslan einen Job in irgendeinem Büro – schlechter bezahlt als am Bau, aber das war ihm wohl recht. Die Eltern waren erleichtert: besser so als gar nicht. Simon und Marina wurden oft beim Arbeiten im Hof von Anton beobachtet – einem Nachbarsjungen, etwa zehn oder elf Jahre alt. Er hätte gern geholfen, aber war zu schüchtern. Er wohnte mit seiner Oma in einem alten Häuschen verborgen hinter Apfelbäumen. Abends tranken Simon und Marina gern Tee im Hof. Körper und Seele erholten sich, das Haus wurde langsam zum Zuhause. Eines Abends rief Simon den Jungen heran, Marina kochte eine Tasse Tee und stellte Kekse bereit. Der Junge, Anton, war verlegen, nahm aber dankbar den Tee. –Wir sind jetzt also Nachbarn? –Ja, sind wir. Im Gespräch erfuhren sie, dass Anton keine Eltern hatte; sie waren früh verstorben, und die Oma war alt und oft krank. Anton half ihr, wo er konnte. Beim Abschied fragte Anton: –Darf ich euch manchmal helfen? Ich langweile mich im Sommer ohne Schule. Simon sah Marina an. –Natürlich, wir freuen uns über jede Hilfe. Das stört die Oma doch nicht? –Nein, sie ist nett. Am nächsten Tag wartete Anton schon. Er lernte schnell und Simon schickte Marina bald ins Haus: –Mit so einem pfiffigen Helfer – das geht viel schneller als mit einer Frau, die nicht mal Steine von Ziegeln unterscheiden kann! Marina ging und entdeckte die Oma auf der Bank. Prowitz, wie sie genannt wurde, war wirklich lieb: klug, verständig, herzlich. Marina fragte, ob es recht wäre, wenn Anton mithilft. Die Oma war erstaunt: –Wie könnte man dagegen sein, dass jemand hilft? Es tut Anton gut, was Gescheites zu tun. Ihr Simon ist handwerklich begabt, da lernt Anton was. –Stimmt, antwortete Marina. Sie lud die Oma auf einen Abendtee ein – Nachbarn müssen zusammenhalten. Abends tranken sie gemeinsam Tee – Männer sprachen übers Wasser, Frauen über ihre Themen. Am nächsten Tag wurde Allchen Mutter. Simon und Marina kauften im Krankenhaus Leckereien und Babyausstattung, sogar Ruslan war mit Blumen da. Zurück zuhause feierten sie traditionell mit Nachbarn. Allchen und ihre Familie bekamen Zuwachs: Die Schwester von Ruslan mit Kind wurde von ihrem Mann rausgeworfen und zog ein – das Chaos wuchs. Aber Allchen beschwerte sich nicht. Eltern entschieden: nicht einmischen. Anton wurde Teil der Familie, half immer, trug die Einkäufe, ließ Marina kaum noch etwas schleppen. Simon und Marina gingen in Rente. Anton war Halbwaise und sollte ein gutes Studium bekommen; sie wollten ihn unterstützen. Doch Anton überraschte sie: Er fand sofort einen Nebenjob und betonte, sein Stipendium und Gehalt reiche aus. Er brachte jedes Wochenende Geschenke und umarmte seine Ersatzeltern. Dann wurde Marina krank. Sie magerte ab und war ständig erschöpft. Simon überredete sie zu einer Untersuchung, und der Arzt teilte ihm mit: Krebs, weit fortgeschritten, weniger als sechs Monate zu leben. Simon informierte Allchen: –Mama ist krank. –Schade, aber was soll ich machen? –Sie hat Krebs, sie wird wohl kaum noch leben… –Okay, Papa, morgen besuche ich sie. Allchen kam ein einziges Mal ins Krankenhaus. Als Marina entlassen wurde, meinte der Arzt, bald würde sie Pflege brauchen – Simon war bereit. Er rief Allchen, als es so weit war: –Könntest du kommen, Mama braucht Hilfe beim Baden. –Oh Mann, soll ich jetzt jeden Tag hin- und herfahren? Ich gebe mir Mühe, kann aber nichts versprechen. Simon wartete vergeblich. Niemand half. Mit Mühe schaffte er es allein – Marina weinte: –Warum diese Strafe? Ich quäle dich und mich. Ich möchte nur schneller gehen. Simon versuchte sie zu trösten. Ein Monat später starb Marina. Anton weinte offen – er war 22 und hatte gerade sein Studium abgeschlossen. Simon hatte bis zuletzt nichts gesagt, aber Anton kam oft und merkte es irgendwann. Anton zog in die Stadt, mietete eine Wohnung, fand einen guten Job. Simon wusste, sein Chef schätzte ihn. Simon und Anton und natürlich Marina hatten viel Zeit und Kraft ins Haus investiert; es war richtig schön. Anton besuchte ihn oft, brachte Tee und Gesellschaft. Simon wollte Anton gern zu sich holen – aber Anton bestand darauf: Ich schaffe das allein. Allchen besuchte selten, meistens um Geld oder etwas anderes zu holen. Immer dachte sie daran, wie schön es sein würde, hier zu wohnen – aber bislang war das nicht möglich, weil ihr Mann mit Simons Vater nicht klarkam, und so lebten sie auf engstem Raum. Simon wurde älter, und der Tod seiner Frau setzte ihm sehr zu – das Herz bereitete ihm zunehmend Probleme. Medikamente nahm er nach dem Rat der Nachbarin. Anton schimpfte: –Du musst dich untersuchen lassen! Simon winkte ab: –Ist halt das Alter. Eines Abends bekam er starke Schmerzen in der Brust. Er nahm Medikamente, aber es wurde nicht besser. Er rief Allchen: –Tochter, mein Herz macht nicht mehr mit… –Papa, nimm Valium oder ruf einen Krankenwagen. Ich habe heute keine Zeit quer durch die Stadt zu fahren. Allchen legte auf. Simon war schlecht, also rief er Anton. Anton kam sofort – mit seiner Freundin Alina, einer Sanitäterin. Sie schickte Simon ins Krankenhaus, Anton und Alina kamen täglich vorbei. Simon meinte: –Deine Freundin ist eine wunderbare Frau, du solltest sie heiraten. Anton wollte erst sparen, für eine eigene Wohnung. Nach der Entlassung holten Anton und Alina Simon wieder ab – Allchen hatte keine Zeit, riet ihm, ein Taxi zu nehmen. Alina kochte gleich für zwei Tage vor. Am nächsten Tag kam Allchen, inspizierte das Haus. Schließlich hielt Simon es nicht mehr aus: –Tochter, sogar im Krankenhaus bist du nicht erschienen… –Papa, da kümmern sich genug Ärzte um dich. –Natürlich. Du bist meine Tochter… –Schluss jetzt mit dem Gejammer! –Schrei mich nicht an! Als Mama krank war, bist du nicht gekommen, jetzt auch nicht – bist du überhaupt unsere Tochter? Das brachte Allchen zur Weißglut: –Dieses Gejammer! Wann stirbst du endlich? Du wohnst allein in so einem Haus und wir hocken aufeinander – wie unverschämt! Du bist doch schon ein Krüppel, und lässt deine Tochter nicht leben. –Jetzt verstehe ich: du willst das Haus, nicht den Papa. Du hättest ja helfen können, dein Mann lag wochenlang auf dem Sofa, und wir schufteten. Allchen stürmte hinaus und knallte die Tür. Simon wusste, er muss entscheiden – er bat Antons Hilfe, einen Notar zu organisieren. Anton sagte, der Notar hätte Zeit um drei. Der Notar wunderte sich, aber erledigte seine Arbeit – und Simon schrieb anschließend einen Brief: Anton, falls du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr da. Ich umarme Marina. Anton, Alina ist eine tolle Frau, ich liebe dich wie einen Sohn. Der Haus ist dein Hochzeitsgeschenk – du hast ihn verdient. Marina und ich haben so entschieden. Es wurde immer schwieriger zu atmen, zweimal hatte Simon das Gefühl, Marina im Zimmer zu sehen. Als Anton und Alina am nächsten Tag kamen, fanden sie Simon leblos auf dem Sofa mit dem Foto in den Händen. Antons Tränen flossen – er war zu Simon wie zu einem Vater gewesen. Später, als Allchen mit ihrem Mann kam, fand Anton den Brief. Er zeigte ihn auch Alina, die Allchen darauf aufmerksam machte. Allchen las, wurde rot und schrie: –Der alte Trottel! In seinem Alter ist er verrückt geworden! Er hätte früher sterben sollen, als er noch klar denken konnte! Das werden wir noch sehen! Allchen raste aus dem Haus und ihr Hass gegen alle war deutlich spürbar…