In den letzten drei Monaten habe ich mich mit meinem Bruder durch seltsame Gänge eines alten Gerichtsgebäudes gestritten, alles wegen unserer Mutter. Seit ihrem Schlaganfall läuft die Zeit für sie anders; sie vergisst sich selbst bei jedem Schritt und gleitet manchmal wie eine Silhouette durch unser Zuhause. Ständig braucht sie jemanden bei sich, als sei sie zurückversetzt in die Kindheit, und alle Aufgaben liegen auf meinen Schultern als wäre ich plötzlich selbst wieder ein Kind, das für ein Kind sorgt. Ich habe einen Beruf, ein Haus, meine eigene Familie. Wie soll ich das alles teilen? Ich schlug vor, sie in ein Pflegeheim zu bringen, aber mein Bruder wurde wie aus dem Nichts wütend und bezichtigte mich, unmenschlich zu sein. Dennoch weigert er sich, sie zu sich zu nehmen er lebt doch im gläsernen Turm seiner Frau in München.
Früher waren wir ein festes Quartett, Vater, Mutter, mein Bruder und ich ein klassisches deutsches Familienspiel. Zwischen meinem Bruder und mir lag nur ein Jahr, kaum genug Zeit, um sich wirklich zu unterscheiden. Unsere Eltern bekamen uns spät, so spät, dass die Welt manchmal schien wie ein Wartezimmer. Jetzt bin ich 36, mein Bruder 35, und Mutter ist schon 72 und scheint mit jedem Sonnenstrahl älter zu werden. Bis zum Tod unseres Vaters war alles in Ordnung, die Routine ein endloses Frühstück.
Dann entschied sich mein Bruder, Wirtschaft in Hamburg zu studieren und blieb dort, heiratete und entfernte sich. Ich kehrte in meine kleine Heimatstadt am Rande des Schwarzwalds zurück, ließ Wurzeln schlagen. Erst wohnte ich mit Mutter und Vater, dann nach meiner Heirat mit Dieter zogen wir in eine gemütliche Altbauwohnung, träumten von einer Eigentumswohnung, von Kindern. Das waren die Pläne, die nachts am Himmel standen.
Vor zwei Jahren wurde alles zerbrechlich: Vater starb, Mutter versank in Trauer, wurde still und schien zu verschwinden. Sie alterte innerhalb eines Flüsterns. Ihre Gesundheit war wie ein verlorenes Pfand, bis der Schlaganfall kam, plötzlich wie ein umgefallener Stuhl. Ich glaubte, sie würde nicht überleben. Erst konnte sie kaum sprechen, Arme und Beine schienen wie fremde Landkarten. Später wurde ihre Beweglichkeit besser, doch ihr Geist wanderte ab wie ein unruhiger Hund.
Die Ärzte in Stuttgart sagten, das sei nun ihr Weg, unumkehrbar. Also blieb ich, nahm die Rolle an, wurde zur Pflegerin, zog mit Dieter in das verstaubte Wohnzimmer meiner Mutter. Ich wechselte meinen Job, wurde selbstständige Texterin, um immer da zu sein. Sie allein zu lassen war unmöglich. Selbst als sie wieder laufen konnte, wurde es nicht leichter.
Sie stammelte, lief davon, wir jagten hinterher, immer in Angst, sie könnte unterwegs verschwinden, während sie überzeugt war, dass Erich, unser verstorbener Vater, sie wohl am Bahnhof erwartet. Alles war Schwärmerei. Schlaf kam selten, die Arbeit wurde zum Nebel, der nicht griffbereit war. Dieter schlug vor, Mutter ins Seniorenheim zu geben. Es kostet viel, aber mit etwas Planung reichen die Euros für einen guten Platz. Du hast doch einen Bruder, sagt Dieter. Lass ihn zahlen. Das ist fair.
Lange zögerte ich, doch mir wurde klar, dass mein innerer Countdown läuft. Wie lange noch? Im Heim würde sie 24 Stunden versorgt, gepflegt, mit Ärzten, die ihre Träume überwachen. Ich besuchte verschiedene Einrichtungen: Die Zimmer leuchteten wie seltsame Blumen, die Menschen redeten im Rhythmus der Uhren. Alles teuer, aber was bleibt mir?
Ich rief meinen Bruder an, erzählte ihm von der Wirklichkeit, hoffte, er würde klar sehen. Stattdessen wurde seine Stimme zu einer Sirene. Bist du noch ganz bei Trost? Schickst unsere Mutter in ein Heim, unter Fremde? Wie kannst du das? Du bist herzlos! Willst sie nur loswerden!
Ich versuchte zu erklären, doch er hörte den Klang meines Arguments nicht. Also blieb ich in der Rolle, bis ich nur noch Schatten war. Wieder bat ich ihn, wieder wurde er zu einer steinernen Wand.
Ich hätte nie gedacht, dass ich Mutter das antun müsste. Schließlich hat sie uns mit Geduld großgezogen, daheim, nie im Kinderheim. Sie klagte nie darüber. Wir beide sind ihr etwas schuldig, aber warum bin ich die einzige, die das spürt? Wenn ihm meine Idee nicht gefällt, kann er sie mitnehmen und ihr die versprochene Güte in Hamburg zeigen.
Du weißt, dass ich mit meiner Frau im Apartment lebe, das ihr gehört! Wie sollte ich sie überzeugen, sich um ihre Schwiegermutter zu kümmern?
Mein Mann kümmert sich doch auch, antworte ich, warum sollte deine Frau das nicht tun?
Ihr lebt doch mit unserer Mutter.
Deshalb kümmert sich Dieter um sie. Das ist alles.
Ich sagte meinem Bruder, dass ich Mutter auch jetzt verlassen könnte. Dann sollen sie doch einziehen, er und seine Frau. Mein Bruder zögerte, sagte, er müsse arbeiten und könne sich nicht ablenken lassen. Ich wolle nur meine Verantwortung abgeben, behauptete er.
Es fühlt sich an wie ein endloser Alptraum, als wären die Wände aus trüben Spiegeln. Einerseits weiß ich, ein Heim würde alles für alle leichter machen, andererseits habe ich Angst, eine undankbare Tochter zu sein. Dieter steht fest hinter mir. Dort wird für sie gesorgt, wir haben ein eigenes Leben. Er klingt wie ein Uhrwerk.
Ich entschloss mich, noch eine Woche zu warten. Falls mein Bruder nicht kommt, bestimme ich. Dann bringe ich Mutter ins Heim. Es ist für alle besser. Jeder gibt gute Ratschläge, aber nur ich kenne die Schwere, die in meinen Armen und Gedanken liegt, wenn ich eine kranke Mutter durch den Tag trage. Mein Bruder kann gern weiter Geschichten erfinden für seine Freunde ich habe genug von ihrem Gerede.





