Du wirst auch für die Familie meiner Schwester kochen, verkündete ihr Mann in einem bestimmenden Ton doch das sollte er bald bereuen.
Sophie stand am Fenster und beobachtete, wie ein überladener Lieferwagen in den Hof einfuhr. Ihr Herz zog sich vor Anspannung zusammen sie wusste, was das bedeutete. Seit drei Tagen schon lief Thomas mit einem schuldbewussten Gesicht durch die Wohnung, offensichtlich bereitete er sich auf ein ernstes Gespräch vor.
Soph, fing er vorsichtig am Abend zuvor an, erinnerst du dich, dass ich dir erzählt habe, dass Anja Probleme mit ihrer Wohnung hat?
Sophie erinnerte sich. Thomas Schwester hatte vier Jahre lang eine Zwei-Zimmer-Wohnung am Stadtrand gemietet. Sie lebte dort mit ihrem Mann, Markus, und ihren beiden Kindern dem zehnjährigen Jonas und der sechsjährigen Lina. Die Wohnung war in Ordnung, die Vermieterin vernünftig, aber es gab ein Problem die Tochter der Vermieterin heiratete, und die Frischvermählten brauchten eine Bleibe. Die Mieter mussten raus
Sie haben gefragt, ob sie eine Weile bei uns wohnen können, fuhr Thomas fort, während er den Blick seiner Frau mied. Weißt du, bis sie etwas finden
Sophie nickte schweigend. Was sollte sie sagen? Anja war seine einzige Schwester, sie hatten ein gutes Verhältnis Familie lässt man nicht im Stich. Und das Problem, das musste sie zugeben, war ernst man kann eine Familie mit zwei Kindern nicht einfach auf die Straße setzen.
Wie lange?, war alles, was sie fragte.
Zwei, höchstens drei Wochen, antwortete Thomas schnell. Sie suchen schon intensiv. Markus hat sogar einen Makler eingeschaltet.
Jetzt, während sie zusah, wie Kisten, Koffer, Kinderfahrräder und eine Katzentransportbox aus dem Lieferwagen geladen wurden, wurde Sophie klar, dass zwei, drei Wochen unwahrscheinlich waren.
Die Kinder stürmten als Erste ins Haus Jonas mit einem Rucksack und einem Fußball, Lina, die ein riesiges Kuscheltier hinter sich herzog und ihrem Bruder aufgeregt etwas erzählte. Die Erwachsenen folgten Anja mit der Katze in der Transportbox, Markus mit den Koffern, Thomas mit den Kartons.
Sophie!, rief Anja freudig, sobald sie die Türschwelle übertrat. Vielen Dank, dass wir bei euch wohnen dürfen. Wir ziehen aus, sobald wir können
Sophie umarmte ihre Schwägerin und hatte ehrlich Mitleid mit ihr. Anja war immer eine nette, aber etwas hilflose Frau gewesen. Sie hatte jung geheiratet, direkt nach dem Studium, bekam Kinder, und seitdem bestand ihr Leben nur noch aus Familie und Haushalt. Sie arbeitete im Homeoffice irgendwas mit Grafikdesign aber ihr Mann traf trotzdem die meisten Entscheidungen.
Mama, wo schlafen wir?, fragte Lina sofort und schaute sich um.
Sophies und Thomas Zwei-Zimmer-Wohnung war gemütlich, aber klein. Das größere Zimmer war ihr Schlafzimmer, das kleinere ein Wohnzimmer mit Sofa und Sessel, die Küche hatte zehn Quadratmeter, Bad und WC waren getrennt. Für zwei perfekt. Für sechs?
Wir nehmen das Sofa im Wohnzimmer, sagte Anja schnell. Und die Kinder vielleicht legen wir Matratzen auf den Boden? Entweder im Wohnzimmer oder im Flur?
Im Flur steht schon ein Schrank, merkte Thomas an. Die Kinder passen ins Wohnzimmer.
Und die Katze?, machte sich Lina plötzlich Sorgen.
Die Katze bleibt im Flur, entschied Markus. Da ist Platz für ihr Klo.
Innerhalb von zwei Stunden hatte sich die gemütliche Wohnung in eine Mischung aus WG und Studentenbude verwandelt. Die Sachen der Kinder überschwemmten das Wohnzimmer, die Koffer der Erwachsenen säumten den Flur, die Katze hatte sich im Bad eingerichtet vorübergehend, bis sie sich eingewöhnt. In der Luft lag der Geruch von fremden Menschen, fremdem Essen, einem fremden Leben.
Sophie beobachtete wortlos, wie ihr persönlicher Raum vor ihren Augen verschwand. Am meisten schockierte sie, wie selbstverständlich sich alle breitmachten. Als wäre das nicht mehr ihre Wohnung, sondern Gemeinschaftseigentum.
Sophie, wo bewahrst du das Klopapier auf?, fragte Anja, als sie mit einer Kosmetiktasche ins Bad ging.
Unter dem Waschbecken.
Und darf ich ein Handtuch nehmen? Wir haben noch nicht alles mitgebracht.
Natürlich.
Am Abend war klar: Ihr gewohntes Leben war vorbei. Die Kinder tobten beim Versteckspiel, die Katze miaute nach Aufmerksamkeit, die Erwachsenen diskutierten Wohnungssuche-Pläne.
Morgen gehen wir zur Maklerin in der Bahnhofstraße da arbeitet eine nette Frau, erzählte Markus. Und übermorgen schauen wir uns in der Gegend um, vielleicht finden wir etwas Passendes.
Bloß nichts zu Teures, seufzte Anja. Unser Budget ist begrenzt.
Wir finden schon was, sagte Thomas zuversichtlich. Im schlimmsten Fall bleibt ihr eben etwas länger bei uns.
Sophie fuhr herum und starrte ihren Mann an. Länger? Sie fing seinen Blick Thomas wich aus und drehte sich schnell weg.
Gut, ich mache Abendessen, sagte Sophie und ging in die Küche.
Automatisch holte sie Lebensmittel aus dem Kühlschrank und überlegte, für wie viele sie kochen musste. Normalerweise kaufte sie für zwei, höchstens drei mit etwas Puffer. Jetzt waren sechs Personen in der Wohnung, darunter Kinder, die fast so viel aßen wie Erwachsene.
Was gibts zu essen?, lugte Jonas in die Küche.
Weiß ich noch nicht genau, antwortete Sophie ehrlich.
Bei uns hat Mama immer Buletten mit Kartoffelpüree gemacht, warf Lina sofort ein.
Buletten haben wir nicht, sagte Sophie und öffnete das Gefrierfach.
Für sechs Personen hatte sie ein Huhn, eine Packung Nudeln, etwas Gemüse und Reste von der gestrigen Suppe. Würde das reichen?
Sophie, mach dir keinen Stress, kam Anja in die Küche. Wir sind nicht wählerisch. Wir essen, was da ist.
Ja, aber es reicht vielleicht nicht für alle.
Morgen gehen wir einkaufen und decken uns ein.
Sophie nickte schweigend und schnitt das Huhn in Stücke. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass der Einkauf morgen auch an ihr hängenbleiben würde.
Das Abendessen fiel tatsächlich bescheiden aus. Hühnchen mit Nudeln für sechs ist etwas ganz anderes als für zwei. Die Kinder aßen mit Appetit, die Erwachsenen taten so, als wäre es genug.
Danke, es war sehr lecker, sagte Anja dankbar.
Ja, super, pflichtete Markus bei.
Nach dem Essen verzogen sich alle in ihre improvisierten Schlafplätze. Sophie räumte die Küche alleine auf die anderen waren damit beschäftigt, die Kinder ins Bett zu bringen und sich für die Nacht einzurichten.
Wie läufts?, fragte Thomas, als er in die Küche kam.
Gut, antwortete seine Frau knapp.
Keine Sorge, sie finden schon bald was.
Mhm.
Thomas spürte die Kälte in ihrer Stimme, beschloss aber, nicht nachzuhaken. Heute war genug Stress für alle.
Am nächsten Morgen wachte Sophie von Kinderlachen und Getrampel im Flur auf. Der Wecker zeigte halb sieben. Normalerweise stand sie um sieben auf, aber heute hatten die Kinder offenbar beschlossen, früher zu starten.
Leise, leise, hörte sie Anjas Stimme. Onkel und Tante schlafen noch.
Doch es war zu spät Sophie war wach und konnte nicht mehr einschlafen.
In der Küche fand sie einen Berg schmutzigen Geschirrs anscheinend hatte sich einer der Erwachsenen spät noch einen Tee gemacht, und die Kinder hatten etwas Süßes gegessen.
Guten Morgen!, begrüßte Anja sie fröhlich. Ich wollte schon abspülen, aber ich weiß nicht, wo alles hingehört.
Ich machs, antwortete Sophie automatisch.
Das Frühstück wurde zum Logistiktest. Thomas trank Kaffee, während er sich für die Arbeit fertigmachte, Markus hatte es auch eilig, Anja fütterte die Kinder, und Sophie sprang zwischen allen hin und her, um alle satt zu kriegen und aus der Tür zu bringen.
Soph, haben wir Müsli?, fragte Anja.
Ich glaube schon.
Und Joghurt?
Einen noch.
Lina, iss Müsli, sagte Anja zu ihrer Tochter.
Ich will kein Müsli, ich will Joghurt wie zu Hause, maulte das Mädchen.
Lina, es gibt nur einen Joghurt, und ihr seid zwei Kinder, erklärte Sophie geduldig.
Dann soll Jonas ihn nicht essen.
Ich will aber auch!, protestierte der Junge.
Kinder, jetzt reichts, griff Anja ein. Ihr esst Müsli, und damit hat sichs.
Als die Männer zur Arbeit gegangen waren und die Kinder zur Ruhe gekommen waren, fühlte sich Sophie, als hätte sie einen Marathon hinter sich. Und das war erst der erste Morgen.
Anja, arbeitest du nicht?, fragte sie ihre Schwägerin.
Doch, aber im Homeoffice. Ich setze mich gleich an den Laptop. Die Kinder können Cartoons gucken da sind sie ruhig.
Sophie nickte und ging ins Schlafzimmer der einzige Ort in der Wohnung, wo noch ein kleiner Rest ihres alten Lebens existierte.
Doch nach einer halben Stunde wurde ihre Ruhe gestört.
Tante Sophie, klopfte Lina an die Tür. Kann ich was trinken?
Sophie gab dem Kind etwas Wasser und ging zurück.
Zwanzig Minuten später:
Tante Sophie, ich muss aufs Klo.
Eine halbe Stunde danach:
Tante Sophie, Mama sagt, ob wir die Waschmaschine anmachen dürfen?
Bis zum Mittagessen hatte Sophie verstanden: Arbeiten von zu Hause war unter diesen Bedingungen unmöglich. Die Kinder fragten ständig etwas, die Katze miaute, Anja telefonierte mit Kunden.
Sophie, was essen wir?, fragte Anja um eins.
Keine Ahnung. Was esst ihr normalerweise?
Ach, wir werfen was zusammen. Hast du Kartoffeln?
Ja, aber nicht viele.
Und Fleisch?
Hühnchen im Gefrierfach.
Perfekt, dann machen wir Hühnchen mit Kartoffeln.
Sophie bemerkte, dass Anja zwar wir machen sagte, aber nicht zum Herd ging, sondern mit ihrem Laptop aufs Sofa.
Kochst du?, hakte Sophie nach.
Oh ja, natürlich, sagte Anja abwesend. Ich muss nur bis drei ein Projekt abgeben. Vielleicht fängst du schon an, und ich komme dann dazu?
Sophie ging wortlos in die Küche.
Am Abend war sie am Limit. Den ganzen Tag hatte sie gekocht, zweimal gespült, die Katze beruhigt, die sich noch nicht eingewöhnt hatte, und eine Flut von Kinderfragen beantwortet. Gearbeitet hatte sie keine Minute.
Als die Männer von der Arbeit zurückkamen, lag Spannung in der Luft.
Wie wars?, fragte Thomas.
Kommt drauf an, antwortete Sophie kühl.
Beim Abendessen berichtete Markus von der Wohnungssuche:
Wir haben heute zwei Wohnungen gesehen, aber keine passt. Eine ist zu teuer, die andere in schlechtem Zustand. Morgen schauen wir uns noch ein paar an.
Lasst euch Zeit, sagte Thomas großzügig. Bei uns ist genug Platz.
Sophie warf ihrem Mann einen scharfen Blick zu. Genug Platz? In einer Zwei-Zimmer-Wohnung für sechs Personen?
Na ja, wir bleiben ja nicht für immer, sagte Anja unsicher.
Natürlich nicht für immer, aber solange ihr sucht bleibt in Ruhe.
Nach dem Essen, als die Kinder im Bett waren und die anderen im Wohnzimmer TV schauten, bat Sophie ihren Mann in die Küche.
Thomas, wir müssen reden.
Worüber?
Über die Situation. Es ist anstrengender, als ich dachte.
Wie meinst du das?
Ich meine, ich hatte nicht verstanden, worauf wir uns einlassen. Die Kinder sind dauernd laut, arbeiten unmöglich, ich koche für eine Horde, räume hinter allen auf
Sophie, halt einfach noch ein bisschen durch. Sie ist meine Schwester.
Ich verstehe das. Aber warum muss ich alles machen?
Wer denn sonst? Anja kümmert sich um die Kinder, die Männer gehen arbeiten.
Und ich? Arbeite ich nicht?
Naja, du bist zu Hause
Zu Hause sein heißt nicht, Zeit zu haben!
Thomas schwieg, dann seufzte er:
Okay, ich rede mit Anja. Sie sollte mehr helfen.
Und Markus auch.
Und Markus.
Doch am nächsten Tag änderte sich nichts. Anja war weiter mit Arbeit und Kindern beschäftigt, die Männer gingen ihren Jobs nach, und Sophie ertrank im Chaos des fremden Familienlebens.
Am Ende des dritten Tages riss ihr der Geduldsfaden.
Hört mal, sagte Sophie beim Abendessen. Lassen wir uns doch Küchendienste einteilen, ja? So wie es ist, koche nur ich.
Ja, ja, natürlich, stimmte Anja schnell zu. Ich koche morgen.
Und wir wechseln uns beim Abspülen ab, fügte Sophie hinzu.
Klar, nickte Markus.
Doch am nächsten Morgen verkündete Anja, sie habe dringende Arbeit und bat Sophie, für sie einzuspringen. Markus war früh weg und würde spät zurückkommen. Thomas hatte auch viel zu tun.
Also wieder ich, stellte Sophie fest.
Tut mir leid, aber die Umstände, zuckte Anja mit den Schultern.
An diesem Abend hielt Sophie nicht mehr zurück:
Thomas, so geht das nicht weiter.
Was genau?
Ich bin zur Dienstmagd für die ganze Familie geworden. Ich koche, putze, passe auf die Kinder auf. Alle anderen leben hier, als wäre es ein Hotel.
Du übertreibst.
Echt? Dann sag mir wer hat heute Frühstück gemacht?
Na du.
Mittagessen?
Du.
Abendessen?
Auch du, aber
Wer hat abgespült?
Sophie, jetzt reichts. Ich verstehe es ist gerade hart für dich.
Hart? Es ist nicht hart, es ist unfair! Warum soll ich eine ganze Familie versorgen?
Versorgen? Sie bleiben doch nicht für immer!
Es ist jetzt schon eine Woche. Und keine Fortschritte. Gestern meinte Anja sogar, gute Wohnungen gäbe es erst in einem Monat.
Na und? Ein Monat, zwei Monate kein Problem.
Kein Problem für dich! Du gehst morgens und kommst zum fertigen Abendessen zurück. Und ich
Und du bist zu Hause, also ist es doch nicht so anstrengend
Hör auf!, Sophie wurde blass vor Wut. Ich bin zu Hause? Ich arbeite! Im Homeoffice, aber ich arbeite! Und ich kann nicht arbeiten, weil ich ständig jemanden füttere, hinter jemandem aufräume, jemanden bespaße!
Thomas begriff, dass er zu weit gegangen war.
Okay, okay. Morgen rede ich ernsthaft mit Anja. Wir teilen die Aufgaben auf.
Und mit Markus auch.
Und mit Markus.
Doch am nächsten Tag beschränkte sich das Gespräch auf vage Floskeln über gegenseitige Hilfe. Keine konkreten Absprachen.
An diesem Abend passierte etwas, das das Fass zum Überlaufen brachte.
Sophie machte Abendessen, als Thomas zu ihr kam:
Ach, übrigens, ich habs vergessen zu sagen. Ab morgen gehen Jonas und Lina zur Schule und in den Kindergarten sie wurden vorläufig hier im Bezirk aufgenommen. Also müssen wir früher frühstücken.
Okay.
Und Pausenbrote machen.
Mhm.
Und Anja meinte, die Kinder haben kaum noch saubere Sachen. Vielleicht könntest du was waschen?
Vielleicht könnte sie es selbst machen?
Sie kennt sich mit unserer Maschine nicht aus.
Dann lernt sie es.
Thomas schwieg einen Moment, dann fügte er hinzu:
Und weil wir jetzt mehr sind, musst du natürlich mehr kochen.
Sophie drehte sich zu ihm um.
Wie meinst du das?
Naja, sie essen jetzt immer hier
Und?
Du wirst auch für die Familie meiner Schwester kochen, sagte ihr Mann in einem bestimmenden Ton und bereute es sofort.
Sophie legte das Messer, mit dem sie Gemüse schnitt, langsam hin. Sie drehte sich zu Thomas um. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, den er noch nie gesehen hatte.
Sag das noch mal, sagte sie leise.
Was noch mal?
Was du gerade gesagt hast. Dass ich kochen werde.
Thomas verstand plötzlich, dass er einen Fehler gemacht hatte. Aber zurückrudern ging nicht mehr.
Na ja ich meine, du kochst jetzt halt weil wir mehr sind
Ich werde kochen, wiederholte Sophie. Aha.
Sie nahm ihre Schürze ab, hängte sie auf und verließ die Küche.
Sophie, wo gehst du hin?, fragte Thomas verwirrt.
Ins Schlafzimmer.
Und das Abendessen?
Was ist mit dem Abendessen? Du hast gesagt, ich werde kochen. Also werde ich. Wenn ich es für richtig halte.
Sophie schloss sich im Schlafzimmer ein und setzte sich aufs Bett. Ihre Hände zitterten leicht vor Wut, Verletzung, Erschöpfung. In zwei Wochen war sie von der Ehefrau zur Haushälterin geworden. Und ihr Mann sah nicht einmal, was daran falsch war.
Sie stand auf, holte einen großen Koffer aus dem Schrank und begann, Thomas Sachen einzupacken. Hemden, Hosen, Unterwäsche, Socken. Alles ordentlich, wie sie es immer tat.
Nach einer Weile schloss sie den Koffer und trug ihn ins Wohnzimmer, wo die ganze Familie fern sah.
Entschuldigt die Störung, sagte sie und stellte den Koffer in die Mitte. Ich habe einen Vorschlag.
Alle drehten sich um.
Ich habe eingepackt, was Thomas erstmal braucht. Ich denke, für alle ist es besser, wenn ihr zu Mutters Haus zieht. Da ist genug Platz für euch alle.
Sophie, was machst du da?, fragte Anja verwirrt.
Ich denke an euren Komfort. Bei Mutter haben die Kinder Platz zum Spielen, und die Erwachsenen sind nicht so eingepfercht.
Aber wir haben uns hier schon eingerichtet, begann Markus.
Ihr habt euch eingerichtet, ja. Ich nicht. In zwei Wochen habe ich gemerkt: Die Rolle, die ihr mir zuweist, kann ich nicht spielen.
Welche Rolle?, verstand Markus nicht.
Köchin, Putzfrau, Kindermädchen und Wäscherin in einem.
Stille.
Sophie, sagte Anja vorsichtig. Wenn du denkst, wir nutzen dich aus
Ich denke nicht. Ich weiß es. Zwei Wochen lang habe ich euch bekocht, aufgeräumt, auf die Kinder aufgepasst und gewaschen. Allein. Und heute wurde mir im Befehlston mitgeteilt, dass das so weitergeht.
Alle sahen Thomas an.
Sophie, ich meinte das nicht als Befehl, begann er.
Genau als Befehl. Du wirst für die Familie meiner Schwester kochen. Keine Optionen, keine Diskussion.
Aber so war das nicht gemeint
Wie dann? Erklärs allen.
Thomas schwieg.
Eben, sagte Sophie. Deshalb schlage ich vor, dass ihr alle gemeinsam zu Mutter geht. Dort könnt ihr in Ruhe überlegen, wie ihr leben wollt. Und wenn ihr einen Plan habt, wie wir alle zusammenleben können mit Rechten und Pflichten für jeden dann kommt zurück und redet mit mir.
Sophie, sagte Thomas hilflos. Das ist doch albern
Was ist albern? Dass ich keine Dienstmagd in meinem eigenen Zuhause sein will?
Wir sehen dich nicht als Dienstmagd!
Echt nicht? Dann sag mir wer hat zuletzt in diesem Haus gekocht?
Stille.
Wer hat gestern abgespült?
Stille.
Wer hat vorgestern die Kinderwäsche gewaschen?
Na ja, wir können
Ihr könnt aber ihr tut es nicht. Und ich kann also mache ich es. Für alle.
Sophie nahm die Autoschlüssel vom Tisch.
Ich fahre euch zu Mutter. Packt eure Sachen.
Sophie, sei doch nicht so radikal, flehte Anja. Lass uns einfach reden
Worüber? Dass ich eine sechsköpfige Familie bedienen soll? Wir haben geredet. Mehrmals. Ihr seht das Ergebnis.
Wir kriegen das hin, wir verteilen die Aufgaben, beeilte sich Markus zu sagen.
Prima. Dann kümmert euch darum. Bei Mutter. Da ist mehr Platz und Zeit zum Nachdenken.
Mama, was ist los?, fragte Jonas.
Nichts Schlimmes, Schatz. Wir besuchen nur Oma.
Für immer?
Noch nicht. Erstmal für eine Weile.
Eine Stunde später saß die ganze Familie im Auto auf dem Weg zu Thomas Mutter, einer rüstigen Siebzigjährigen.
Was führt euch alle hierher?, fragte sie überrascht.
Mama, wir kommen zu Besuch, sagte Thomas unbehaglich.
Alle? Für lange?
Erstmal für ein paar Tage, antwortete Sophie. Sie müssen ein paar Dinge klären wie man einen Haushalt fair organisiert.
Die ältere Frau sah ihre Schwiegertochter an, dann ihren Sohn.
Aha, sagte sie. Kommt rein, für alle ist Platz.
Sophie half, die Sachen auszuladen, und machte sich fertig zum Gehen.
Sophie, holte Thomas sie ein. Das ist doch albern. Lass uns nach Hause fahren und in Ruhe reden.
Es gibt nichts zu besprechen. Du wolltest, dass ich für alle koche und putze? Gut. Aber dann nach meinem Zeitplan und meinen Bedingungen. In der Zwischenzeit denkt über meinen Vorschlag nach.
Welchen Vorschlag?
Dass alle Erwachsenen die Aufgaben fair aufteilen. Kochen, putzen, waschen, Kinderbetreuung. Alles im Wechsel, alles gerecht.
Aber
Kein Aber. Entweder beteiligt sich jeder an der Hausarbeit, oder man lebt getrennt.
Und wenn wir zustimmen?
Dann kommt zurück und zeigt mir den Plan wer macht was und wann unterschrieben von allen.
Am nächsten Tag schlief Sophie zum ersten Mal seit zwei Wochen richtig durch. Sie wachte um acht auf, nicht von Kindergeschrei, sondern natürlich. Sie machte sich Kaffee und frühstückte in Ruhe. Sie arbeitete, ohne von Kinderfragen oder Katzengemau




