Rote Schuhe im Flur
Anna, wie gehts dir eigentlich? Tatjanas Stimme in der Leitung klang so, als würde sie gerade etwas kauen und laufen. Du hast dich lange nicht gemeldet.
Alles gut, Anna drückte das Handy ans Ohr und wandte sich dem Zugfenster zu. Draußen zogen nasse Felder vorbei, grau, niedergedrückt vom Herbstregen. Bin schon unterwegs.
Früher als geplant?
Früher.
Tatjana schwieg kurz.
Weiß Markus Bescheid?
Nein.
Noch eine längere Pause.
Anna, ruf ihn lieber an und sag ihm Bescheid.
Tanja, ich fahre nach Hause. In mein eigenes Zuhause. Wozu sollte ich das ankündigen?
Wieder Schwiegen. Anna sah Tatjana so deutlich vor sich, als säße sie neben ihr: gerader Rücken, zusammengepresste Lippen, der Blick von jemandem, der mehr weiß, als er sagt. Aber Tatjana wusste nichts sie spürte nur immer alles im Voraus.
Na gut. Ruf mich an, wenn du angekommen bist.
Mach ich.
Anna steckte das Handy zurück in die Jackentasche. Die Jacke, dunkelblau mit abgewetztem Kragen, hatte sie vor drei Jahren gekauft. Früher war ihr das nie aufgefallen jetzt bemerkte sie alles.
Eineinhalb Monate. Sechsundvierzig Tage in einem Dorf bei Lübeck, im Elternhaus, das nach Arznei und Katzengeruch roch. Wo Erika, ihre Schwiegermutter, stets genau dann Wasser wollte, wenn Anna sich hingesetzt hatte. Morgens musste die Heizung angefeuert werden, weil der Gasofen wieder spinnt, der Sohn kümmert sich, aber der Sohn kam nie. Kein einziges Mal in sechsundvierzig Tagen.
Anna hatte Kuchen dabei. Gekauft am Bahnhof in Hamburg, beim Umstieg: Bienenstich, eingepackt in einer Pappschachtel mit feinem Band drum. Markus liebte Bienenstich. Über der Auslage fiel es ihr wieder ein, und sie kaufte ihn automatisch, ganz ohne zu überlegen. Der Körper erinnerte sich noch, auch wenn der Kopf schon nicht mehr konnte.
Anna lehnte die Stirn ans kühle Zugfenster. Die Felder wichen Reihen von Einfamilienhäusern, dann dem Stadtrand, dann wurde alles städtischer, breitere Straßen, hellere Fassaden.
Nach Hause.
Früher war das ein warmes Wort. Jetzt bedeutete es nichts.
Sie dachte an das Dorf bei Lübeck. Oder besser gesagt: Sie konnte nicht aufhören, es zu spüren, wie man einen schmerzenden Rücken spürt der Körper vergisst nicht.
Erika war nie bösartig gewesen. Es ist wichtig, das zu wissen. Sie war einfach ein Mensch, der an eine bestimmte Ordnung glaubte eine Ordnung mit uns und nicht uns. Sohn unser. Anna Schwiegertochter, aber nie Tochter. Nie ganz.
In der ersten Woche bemühte sich Anna noch. Kochte nach alten handschriftlichen Rezepten, sortierte die Kissen so, wie Erika es wollte. Schwieg, wenn sie Stunden von Nachbarn erzählte.
Die Suppe hast du versalzen, sagte Erika, ohne aufzublicken. Markus mag das nicht.
Ich gebe mir nächstes Mal Mühe.
Tu das. Und vergiss heute Abend nicht, das Fenster zu schließen, du hast es gestern offen gelassen. Ich habe die ganze Nacht gefroren.
Ja, Erika.
Sag ruhig Erika. Kurze Pause. Oder wie du willst.
Bis zur dritten Woche hörte Anna die Worte nicht mehr einzeln, sie verschmolzen zum Hintergrundrauschen wie Regen oder das Knarren der Dielen. Sie funktionierte: morgens Ofen, dann Frühstück, Tabletten in der richtigen Reihenfolge, dann putzen, dann Mittagessen, dann ein kurzer Spaziergang mit Erika zum Gartenzaun, danach Abendessen, dann der Fernseher, der immer viel zu laut war.
Bald würde sie den Geruch von Baldrian nicht mehr vergessen. Er hatte sich überall hineingefressen: Gardinen, Decke im kleinen Zimmer, sogar in ihre Kleidung. Zweimal am Tag nahm Erika Tropfen, als wäre es ein Ritual.
Markus rief selten an. Alle fünf Tage, manchmal seltener.
Wie gehts Mama?
Besser. Geht schon alleine in die Küche.
Super. Du bist die Beste, Anna.
Markus, wann kommst du?
Bald. Die Arbeit wird nicht weniger.
Mein Urlaub ist in zwei Wochen zu Ende.
Ich regle das mit Verlängerung. Mach dir keine Sorgen.
Er regelte es. Anna erfuhr davon per Mail von der Personalabteilung: Unbezahlter Urlaub, um drei Wochen verlängert, ihr Mann hats beantragt. Sie las die Mail zweimal, klappte dann den Laptop zu und ging Holz hacken. Irgendwohin mussten ihre Hände.
Es war kein Zorn. Sie hätte es nicht so genannt. Es war einfach etwas Kaltes, wie Eis unter den Füßen: Man weiß, dass man vorsichtig gehen muss und geht trotzdem weiter.
Am sechsundvierzigsten Tag stand sie um fünf auf, packte ihre Sachen, rief ein Taxi zum Bahnhof. Erika schlief noch. Anna hinterließ einen Zettel: Alles Notwendige im Kühlschrank. Tabletten für Mittwoch und Donnerstag in der blauen Dose. Gute Besserung.
Sie schrieb nicht Pass auf dich auf und auch nicht Verzeih mir. Nur Fakten.
Im Taxi sah sie aus dem Fenster auf Felder im Morgengrauen und spürte, wie sich ihr Körper langsam erholte. Die Schultern sanken, das Atmen fiel leichter. Sie dachte: Gleich bin ich zu Hause, gehe duschen, ziehe meine Sachen an, lege mich in mein eigenes Bett dann wird alles wieder gut.
Den Bienenstich hielt sie auf dem Schoß. Das Band war etwas geknickt. Anna strich es mit dem Finger glatt.
Der Zug hielt an. Sie nahm ihre Tasche und stieg aus.
Der Aufzug trug sie in den achten Stock des Plattenbaus. Gewohnte Bewegung: Schlüssel ins Schloss. Es öffnete sich wie immer ganz leicht.
Die Wohnungstür war einen Spalt offen, dabei wusste sie, dass sie sonst immer zuschließt.
Das Erste, was sie sah, waren fremde Schuhe. Rote, hohe Pumps mit goldener Schnalle an der Seite. Kleine Größe, sechsunddreißig, vielleicht siebenunddreißig. Sorgfältig an die Wand gestellt, die Spitzen zur Tür.
Anna stand im Flur. Aus der Küche hörte sie Wasser rauschen. Schritte.
Sie trat jung, vielleicht um die dreißig, im blauen Frottee-Bademantel genau Annas Bademantel. Sie erinnerte sich noch, wie sie ihn gekauft hatte: dunkelblau, mit gestickten Margeriten auf der Tasche. Sie war drei Abteilungen abgelaufen, bis sie den gefunden hatte.
Die Frau sah Anna und blieb stehen. Einen Moment schauten beide sich einfach nur an.
Wer sind Sie? fragte die junge Frau, ruhig, fast erstaunt, wie jemand, der auf was Überraschendes stößt, aber sich nicht erschreckt.
Ich wohne hier, sagte Anna, ihre Stimme ganz gleichmäßig, selbst für sie überraschend.
In der Küche standen: Eine geöffnete Flasche Rotwein, zwei Gläser, in einem davon noch etwas am Boden. Auf dem Teller aufgeschnittene Salami.
Lena! rief es aus dem Schlafzimmer. Wer ist da?
Eine Männerstimme. Markus.
Anna stellte den Kuchen auf das Schränkchen im Flur. Ganz ruhig. Dann ging sie in den Flur und öffnete die Schlafzimmertür.
Markus saß auf dem Bett. Jogginghose, Unterhemd, verwuschelte Haare, Handy in der Hand. Er schaute Anna an, als sähe er einen Geist.
Anna? brachte er hervor. Du… du wolltest doch erst in drei Wochen
Ich bin früher gefahren.
Er stand auf, fuhr sich durch die Haare.
Warte. Lass mich das erklären.
Dann erklär.
Er erklärte lange. Sie lehnte an der Wand und beobachtete: wie er sprach, wie er nach Worten rang, wie er stockte. Sie sah all das zum ersten Mal. Oder vielleicht hatte sie es immer gesehen nur nie richtig hingesehen.
Ein halbes Jahr. So lange ging das schon. Lena arbeitete in einer Firma, die Markus Aufträge verschaffte. Geschäftsbeziehung, die weiterging. Erika hatte es gewusst. Erika fand das vernünftig, der Junge braucht Unterstützung, Vitamin B ist alles.
Mama sagt, du bist stark, meinte Markus, ohne sie anzusehen. Dass du das schaffst.
Was schaffe ich?
Keine Antwort.
Im Flur hörte sie Lenas Schritte. Dann das Geräusch der Badezimmertür.
Die Wohnung läuft auf meinen Namen, sagte Markus. Sein Ton war sachlicher, leiser. Das weißt du.
Weiß ich.
Anna, ich wollte nicht, dass es so kommt…
Markus, sie stoppte ihn ruhig. Sag mir einfach, wie es jetzt weitergeht.
Er schwieg.
Deine Sachen sind in den Taschen im Flur. Ich habe sie schon gepackt.
Sie sah zum Flur. Drei große bunte Taschen, wie man sie auf dem Markt kauft. In einer konnte sie den Umriss ihrer Winterjacke erkennen, in einer anderen vermutlich Bücher.
Anna betrachtete die Taschen, dann den Kuchen im Karton auf dem Schränkchen: Bienenstich, den Markus mochte.
Gut, sagte sie.
Sie nahm zwei Taschen, der dritte passte nicht. Sie stellte ihn wieder ab.
Ich hole den Rest später.
Anna, versuchte Markus noch einmal.
Lass gut sein.
Sie trat hinaus ins Treppenhaus. Der Aufzug brachte sie nach unten. Draußen regnete es immer noch, feiner, gleichgültiger Herbstregen. Anna blieb vor dem Hauseingang stehen und wusste nicht, wohin.
Die Taschen standen neben ihr bunt, unbequem, billig.
Sie nahm das Handy und rief Tatjana an.
Anna? Sie nahm sofort ab, als hätte sie gewartet.
Tanja, bist du zuhause?
Bin da. Was ist passiert?
Kann ich zu dir kommen?
Ganz kurz zögerte sie.
Fahr los.
Tatjana wohnte am anderen Ende der Stadt, in der Finkenbergstraße, dritte Etage, zwei Zimmer. Als Anna klingelte, öffnete sie fast sofort. Sah auf Annas Taschen, ihre nasse Jacke und das Gesicht.
Komm rein, sagte sie. Ich koche Tee.
Sie stellte die ersten dreißig Minuten keine Fragen. Holte ein Handtuch, machte Tee, stellte eine Schale Kekse hin. Anna saß am Küchentisch und hielt die Tasse mit beiden Händen. Ihre Hände zitterten leicht. Nicht vor Kälte einfach so.
Dann setzte sich Tatjana ihr gegenüber.
Erzähl.
Anna erzählte. Ruhig, knapp, ohne Ausschmückungen. Tatjana hörte zu, unterbrach nicht. Nur als es um die Taschen ging, schnaufte sie kurz durch.
Erika wusste Bescheid, wiederholte Anna. Sie hat mich extra dahin geschickt, damit ich es nicht sehe.
Ich sage jetzt was, begann Tatjana langsam. Bitte sei nicht böse.
Sag es.
Ich habe an ihm immer irgendwas gemerkt. Schon bei eurer Hochzeit. So wie er dich ansah: wie ein bequemes Möbelstück, nicht wie einen geliebten Menschen.
Anna sagte nichts.
Ich habe nichts gesagt, weil… na ja, du schienst doch glücklich. Dachte ich zumindest.
Ich weiß nicht, ob ich glücklich war, sagte Anna leise. Im Moment weiß ich das nicht. Ich habe einfach gelebt, gemacht was nötig war, mich um seine Mutter gekümmert.
Das ist Gewohnheit kein Glück.
Sie sagte nichts, nahm noch ein Keks, aß es aber nicht.
Du bleibst jetzt erst mal hier, meinte Tatjana bestimmt. So lang du willst. Ich stelle eine Klappcouch im Wohnzimmer auf.
Tanja, ich will dir keine Umstände machen.
Anna, wir kennen uns seit zwanzig Jahren. Jetzt halt einfach den Mund.
Anna nickte. Schloß kurz die Augen. Draußen regnete es, auf der dritten Etage klang er dumpfer als hoch oben in ihrer alten Wohnung.
In der Nacht schlief sie nicht. Lag auf der Klappcouch und starrte an die Decke. Tatjana schnarchte ruhig nebenan der gleichmäßige Ton war unerwartet beruhigend. Irgendwas Lebendiges war da.
Anna dachte nicht an Markus. Sie dachte an die roten Schuhe im Flur. Wie ordentlich sie da standen, die Spitzen zur Tür. An den blauen Bademantel mit den Margeriten. An den Kuchen, den sie nicht mitgenommen hatte. Er stand immer noch dort. Bienenstich, für jemanden, der ihr längst fremd war, nur wusste sie es erst jetzt.
Am Morgen stand sie um sieben auf länger liegen war unmöglich. Ging in die Küche, stellte Wasser auf, suchte Kaffee. Tatjana kam um acht dazu, zerzaust im Bademantel.
Hast du geschlafen? fragte sie und sah Anna an.
Nicht besonders.
Möchtest du was essen?
Eigentlich nicht.
Ist nötig, Tatjana öffnete den Kühlschrank. Willst du Ei? Quark?
Tanja.
Ja?
Ich brauche Arbeit.
Tatjana schloss wieder den Kühlschrank. Sah Anna aufmerksam an.
Du bist doch in der Buchhaltung?
Sie haben mich in unbezahlten Urlaub geschickt. Markus hat das geregelt. Keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht. Muss ich herausfinden. Und überhaupt… ich weiß nicht, ob ich zurück will. Es waren seine Freunde, die mich damals da reingebracht haben.
Verstehe, Tatjana holte Eier raus. Jetzt frühstück erstmal, dann sehen wir weiter.
Die ersten zwei Wochen waren die schlimmsten. Nicht, weil etwas Neues, sondern weil gar nichts passierte. Anna stand auf, trank Kaffee, telefonierte mit der Personalabteilung, schrieb irgendwohin, klärte irgendetwas. Sie schlief schlecht, aß wenig. Tatjana drängte nicht, aber achtete heimlich darauf: stellte einen Teller hin, erinnerte an die Suppe.
Abends saßen sie in der Küche, Tatjana erzählte von der Arbeit, über Nachbarn, irgendwas, das normal war. Anna hörte zu und dachte: Das Leben geht weiter. Leute streiten über Parkplätze, kochen Abendessen, schimpfen über neue Serien die Welt steht nicht still. Nur etwas in ihr bewegte sich nicht mehr.
Markus schrieb nach einer Woche eine Nachricht: Wir können uns über eine einvernehmliche Scheidung unterhalten. Bin bereit zur finanziellen Einigung. Anna antwortete nicht und gab die Mail an einen Anwalt, den Tatjana ihr empfohlen hatte.
Die Anwältin war sachlich, nicht mehr jung, mit kurzen Haaren. Sie prüfte die Unterlagen, machte sich Notizen.
Die Wohnung ist seine, das stimmt. Gemeinsames Vermögen?
Ein Auto, ein Häuschen, noch eine kleine Beteiligung.
Wir regeln das.
Anna verließ die Kanzlei und spürte: Etwas war erledigt. Nicht viel, aber doch etwas. Sie lief ein paar Blöcke zu Fuß, weil sie keine Lust auf die U-Bahn hatte. Der Herbst wurde jetzt kalt, erste Blätter klebten auf dem Pflaster.
Ohne es zu merken landete sie in einer kleinen Seitenstraße. Es gab ein paar Läden: Apotheke, Reinigung und dazwischen ein kleiner Blumenladen.
Azalee.
Eigentlich wollte Anna nicht rein. Schaute nur ins Schaufenster. Draußen kleine Sträuße, nichts Großes. Nicht die Gebinde von Geburtstagen, sondern zierliche als hätte jemand mit Liebe zusammengestellt. Chrysanthemen mit Lavendel, Astern mit grünem Beiwerk, gelbe Blüten, deren Namen sie nicht kannte.
Sie ging hinein.
Drinnen roch es nach Erde, nach einer milden Blumennote, nicht süßlich, sondern frisch. Überall Regale, Eimer mit Wasser, lose gebundene Sträuße.
Kann ich helfen? fragte eine Frau von hinter der Theke.
Etwa sechzig, ordentlich, mit dunklem Kurzhaarschnitt, Schürze über der Alltagskleidung.
Ich schaue nur, sagte Anna.
Nur zu, antwortete die Frau und widmete sich wieder ihrem Werk: schnitt Stiele, ruhig und genau.
Anna schlenderte an den Regalen entlang. Ihre Finger richteten automatisch einen leicht gekippten Stiel auf.
Sie kennen sich aus, bemerkte die Ladeninhaberin, ohne aufzublicken.
Nein. Ich schaue nur.
Sie haben Gefühl in den Händen, sagte sie. Diesmal sah sie Anna direkt an. Kaum einer macht das so. Die meisten merken den schiefen Stiel nicht mal.
Anna sah auf ihre Hände. Ganz normale Hände.
Ich nehme diesen Strauß, nickte sie zu den Chrysanthemen mit Lavendel. Was kostet er?
Vierundzwanzig Euro. Kurze Pause. Kommen Sie von hier?
Aus der Nachbarstraße. Bin nur vorbeigelaufen.
Vielleicht öfter?
Kann sein.
Die Frau verpackte den Strauß in Kraftpapier, band eine Kordel darum und reichte ihn Anna.
Ich bin Luise Neumann, stellte sie sich vor.
Anna.
Kommen Sie gerne mal vorbei, einfach so.
Anna trat mit dem Strauß nach draußen. Hob ihn ans Gesicht und atmete ein. Die Chrysanthemen rochen nach Herbst, kräftig und leicht herb. Der Lavendel brachte Trockenheit, Wärme.
Zum ersten Mal seit zwei Wochen wurde es leichter.
Drei Tage später kam Anna wieder. Zum Nur schauen. Luise Neumann hantierte mit einer neuen Lieferung.
Ach, Anna, sagte sie nickend. Helfen Sie mir doch, wenn Sie Zeit haben.
Anna hatte Zeit. Sie zog die Jacke aus, hängte sie auf, trat zu ihr.
Die bitte ins Wasser, schräg anschneiden.
Luise zeigte es vor. Anna nahm die Schere.
Sie arbeiteten schweigend etwa vierzig Minuten. Anna schnitt Stiele ab, Luise sortierte. Zwischendurch hieß es: Der ist schwach, raus, Sie haben es raus sehen Sie den Unterschied?
Später tranken sie Tee im kleinen Lagerraum.
Was machen Sie eigentlich? fragte Luise.
Buchhalterin. Im Moment ohne Job.
Im Moment?
Ich suche.
Luise schwieg.
Meine Aushilfe ist letzten Monat weggezogen, weil sie heiratete. Ich hätte eine Halbtagsstelle. Bezahlt wird nicht üppig, ehrlich.
Was heißt üppig?
Luise nannte eine Zahl. Etwa anderthalbmal weniger als Anna in der Buchhaltung erhalten hatte.
Ich denke darüber nach.
Denken Sie ruhig. Das hier ist kein Bürojob. Hände frieren, Rücken tut weh, manche Kunden anstrengend. Aber wenn es einem Spaß macht, bleibt man lange.
Anna berichtete Tatjana zu Hause davon.
Willst du das wirklich machen? fragte diese von ihrem Stuhl aus.
Sie hat gefragt.
Anna, du hast zwanzig Jahre in der Buchhaltung gearbeitet. Qualifikation, Erfahrung
Ich weiß.
Und jetzt Blümchen schneiden?
Ich weiß nicht, was ich will. Aber im Laden habe ich mich wohler gefühlt als sonst irgendwo in letzter Zeit.
Tatjana betrachtete sie lange.
Du wirkst wieder wie du selbst, sagte sie. Gerade jetzt, wo du davon sprichst.
Anna begann in der Azalee in der nächsten Woche. Sie schickte weiterhin Bewerbungen für Bürojobs. Zwei Bewerbungsgespräche liefen okay, eine Stelle wurde ihr angeboten Bedenkzeit.
Doch jeden Morgen war sie lieber im kleinen Laden. Jacke aus, Schürze an. Lieferungen auspacken, Blumennamen lernen. Luise Neumann erklärte ohne Hektik, präzise: Haltbarkeit der Sorten, was zu welchem Anlass passt, wie Stiele zu schneiden sind.
Anna hörte genau zu, fragte nach, wenn sie nicht weiterkam. Luise hatte Geduld und zeigte immer wieder.
Blumenarbeit war nicht so, wie Anna sich Floristik vorgestellt hatte. Sie hatte gedacht: hübsch, leicht, Bouquets und Lächeln. Die Realität: schwere Eimer, kalte Finger, Erdenaroma, Blätter, die entfernt werden müssen, sonst vermodern sie, Dornen, die kratzen, und Kunden mit den seltsamsten Wünschen.
Aber es gab auch anderes: Wenn Anna Sträuße zusammenstellte, wurde sie ruhig. Die Gedanken an Markus, die Wohnung, den Anwalt, das Geld waren weg. Sie konzentrierte sich: Das passt hierhin, das sollte höher, dieser Stiel macht den Unterschied.
Luise schaute ihr irgendwann über die Schulter.
Sehr gut, sagte sie knapp. Sie haben das räumliche Gespür.
Was meinen Sie?
Sie merken, wenn ein Strauß lebendig wird. Die meisten brauchen Jahre dafür. Sie spüren das sofort.
Anna betrachtete den Strauß: rote Mohnblumen mit Schleierkraut, dazu dunkles Laub. Etwas daran fühlte sich stimmig an.
Woher kommt das? meinte Luise. Hat man eben. Oder man hat es nicht.
Im Dezember hörte Anna auf, Bewerbungen als Buchhalterin zu schreiben. Das beschloss sie still für sich. Die Arbeit in der Azalee wurde vollzeitig, Luise erhöhte den Lohn, nicht viel, aber spürbar.
Abends las Anna Fachtexte, schaute Videos von Floristen, belegte Online-Kurse.
Du gehst völlig darin auf, stellte Tatjana eines Abends fest. Sie beobachtete, wie Anna Notizen schrieb. Ist das Flucht oder Leidenschaft?
Vielleicht beides, antwortete Anna offen. Ich brauche das als Pause vor dem Denken an die Vergangenheit.
Und dann?
Anna lächelte.
Dann sehen wir weiter.
Die Scheidung wurde im Februar vollzogen. Die Anwältin erreichte einen Vergleich: einen Anteil vom Haus, das Auto das sofort verkauft wurde. Ausreichend Geld, um ein kleines Zimmer zu mieten, damit sie Tatjana nicht länger zur Last fiel obwohl Tatjana immer sagte, es mache ihr nichts aus.
Das Zimmer lag in der Uhlandstraße, bei einer ruhigen älteren Dame. Sie begegneten sich kaum.
Am ersten Abend stellte Anna einen kleinen Reststrauß ans Fenster: ein paar grüne Zweige, zwei gelbe Gerbera. Sie betrachtete sie der Geruch des fremden Raums wurde langsam vertraut.
Der Frühling kam früh. Im März roch es nach nassem Asphalt und erstem Schimmel. In der Azalee gab es Narzissen, Tulpen, all die Frühlingsblumen. Mehr Arbeit, häufig Überstunden.
Eines Abends blieb Luise Neumann nach Ladenschluss länger. Gemeinsam räumten sie auf.
Haben Sie über Fortbildung nachgedacht? fragte Luise.
Ja.
Es gibt eine gute Berufsschule hier. Sechs Monate, anspruchsvoll. Nicht billig aber professionell.
Das kann ich mir nicht leisten.
Ich helfe. Rückzahlung später, keine Fristen.
Anna hielt inne.
Warum das?
Luise zuckte die Schultern.
Ich werde im September 71. Ich behalte mein Geschäft aus Liebe, aber sehe in Ihnen jemanden, der wirklich seinen Platz gefunden hat. Das ist selten. Es soll nicht am Geld scheitern.
Anna schwieg lange.
Ich zahle zurück.
Das weiß ich.
Im April begann die Schule. Dreimal pro Woche, abends. Anspruchsvoll, Fachtheorie, Geschichte, viel Praxis. Anna machte weiter, war abends oft erschöpft.
Aber sie zog es durch.
Beim dritten Kurs bat die Lehrerin jeden, einen freien Strauß zu binden. Anna entschied sich für silbrige Zweige, dunkles Blätterwerk, weiße Tulpen. Kein überflüssiges Blatt.
Sehr schön, murmelte die Lehrerin, als sie vorbeiging. Anna hörte es.
Im Mai rief Anna Tatjana an.
Erinnerst du dich an diese Einzimmerwohnung in der Lenzstraße, die deine Kollegin verkaufen wollte?
Ja, hat sie noch?
Ich frag nach. Ich habe etwas zusammengespart, möchte sie besichtigen.
Pause.
Anna, sagte Tatjana langsam. Es ist noch kein Jahr her.
Ich weiß.
Hast du keine Angst?
Doch. Aber das Zimmer bei Frau Herrmann ist nicht meins. Ich will etwas Eigenes.
Die Wohnung war klein: ein Zimmer mit Kochnische, kleiner Balkon, fünfte Etage, Blick auf hohe Bäume im Hof. Anna lief zweimal durch, berührte die Wände, sah hinaus.
Ich nehme sie.
Der Verkäufer, ein junger Mann mit müdem Blick, war überrascht.
Kein Bedenkzeit?
Nein.
Im Juni zog sie um. Schritt für Schritt richtete sie sich ein. Erst Bett und Schreibtisch, dann Schrank, später, als das Geld reichte, Vorhänge und Regale. Auf den Balkon kamen Geranien, Ableger von Luise.
Tatjana kam zum Einzug, brachte Kuchen und musterte alles kritisch.
Ganz schön klein, sagte sie.
Reicht mir.
Wenn du meinst. Sie blieb auf dem Balkon stehen. Die Geranien: selbst gepflanzt?
Ja. Luise hat sie mir gegeben.
Sie ist wirklich gutherzig, oder?
Sehr.
Sie tranken Tee bei offener Balkontür. Unten spielten Kinder, irgendwo bellte ein Hund, leise Musik klang vom Hof.
Du bist anders geworden, sagte Tatjana leise.
Wie anders?
Früher warst du immer angespannt. Jetzt sitzt du einfach nur so da.
Anna blickte auf die Bäume.
Ich sitze einfach nur, wiederholte sie.
Im Herbst war die Floristenschule geschafft. Ihre Abschlussarbeit eine große Installation aus Ästen, Trockenblumen und frischen Chrysanthemen wurde besonders gelobt. Luise war zur Ausstellung gekommen, schwieg meist, aber beim Hinausgehen sagte sie:
Ich bin froh, dass ich Ihnen damals die Stelle angeboten habe.
Das erste Jahr in der Azalee wurde zum zweiten. Anna betreute mittlerweile einige Firmenkunden selbst, fuhr zu Lieferanten, kannte fast alle beim Namen. Entwickelte neue Straußideen, probierte neue Richtungen aus.
Ihre Hände wurden kräftiger und präziser. Narben von Dornen gehörten einfach zum Alltag.
Im Winter lernte Anna Andreas kennen. Auf einer Firmenfeier, für die sie das Blumendekor gestaltete. Sie befestigte gerade eine Bogenkonstruktion aus Tannenzweigen, als sich ihr jemand näherte.
Kann ich helfen?
Nein danke. Ohne aufzublicken. Halten Sie das mal kurz bitte.
Er hielt. Still, ohne zu fragen. Sie schaute auf.
Ein Mann, etwa fünfzig, groß, mit der ruhigen Haltung eines Menschen, der nachdenkt, bevor er handelt.
Architekt, erklärte er. Wir arbeiten im Raum oft mit Floristen.
Anna, stellte sie sich vor.
Andreas.
Sie unterhielten sich noch kurz über Technik und Material ganz sachlich.
Kann ich Ihre Nummer bekommen? fragte er, bevor er ging. Wir vergeben öfter Aufträge an Floristen.
Ja.
Er meldete sich nach einer Woche. Die Eröffnung eines neuen Büros sollte floral gestaltet werden. Anna besprach alles, setzte etwas Eigenes um.
Besser als vorgestellt, befand Andreas.
Wir sehen Räume verschieden, entgegnete Anna.
Er lachte. Leise, ehrlich.
Sie arbeiteten regelmäßig zusammen. Dann merkte Anna: Manchmal rief er einfach so an. Fragte, wies ihr geht. Kein Drängen, einfach langsam.
Ich mag dich, sagte er eines Tages, ganz direkt, ohne großes Aufheben. Vielleicht ist jetzt nicht der beste Moment. Sag, wenn du das findest.
Anna hielt die Kaffeetasse.
Es ist nicht zu früh. Ich will nur langsam. Sehr langsam.
Kein Problem, sagte er und ließ das Thema ruhen.
Sie hetzten nicht. Trafen sich alle ein, zwei Wochen. Erzählt, spazierten. Er sprach über Gebäude und das Leben darin, sie über Blumen und Komposition.
Unsere Berufe sind ähnlich, meinte er.
Wie meinst du das?
Ohne Leben ist ein Raum nur Geometrie. Ohne Form sind Blumen nur Pflanzen.
Sie dachte nach.
Stimmt.
Im Frühjahr bot ihr Luise die Hälfte eines anderen Geschäfts an. Die Eigentümerin wollte verkaufen. Kleiner Laden, gutes Viertel. Anna schaute ihn sich an.
Schlicht, etwa vierzig Quadratmeter, aber das Gefühl stimmte.
Was kostets? fragte sie.
Eine große Summe, aber nicht utopisch. Sie hatte einiges zusammengespart. Nicht alles, aber fast.
Ich brauche eine Woche Bedenkzeit, erklärte Anna.
Sie sprach mit Tatjana, mit Luise, machte Notizen, fragte bei der Bank nach einem Kredit nach.
Andreas sagte nur:
Was fühlst du dabei?
Es fühlt sich richtig an.
Dann mach es.
Ende April unterschrieb sie den Vertrag. Im Juni eröffnete sie: Wilde Minze. Sie hatte wochenlang gegrübelt. Minze war gut: Frische, Duft, das kleine wild, das ihr gefiel.
Zur Eröffnung kamen Tatjana, Luise, Stammkunden, Andreas. Er brachte einen kleinen Topf mit Sukkulenten.
Warum ausgerechnet den?
Zäh. So wie du.
Das erste Jahr Wilde Minze war anstrengend. Anna arbeitete manchmal sieben Tage die Woche. Sorgte für Lieferanten, Social Media, Aufträge, Auslieferung. Manchmal fiel sie abends einfach ins Bett.
Aber es lief. Langsam aber sicher: Stammkunden, Firmenaufträge, Presseartikel über junge Floristinnen.
Jung Anna lachte nur über diese Zeile.
Sie leistete sich einen guten Mantel. Dunkelgrau, langer Schnitt, aus gutem Wollstoff. Lange gesucht. Dann die passenden Schuhe, klassisch, kleiner Absatz. Tatjana, die sie beim Einkaufen begleitete, nickte nur.
So stelle ich mir dich vor.
Im Mantel?
Im Reinen mit dir.
Anna kaufte sich noch einen Bademantel. Schlicht weiß, mit Taschen. Ohne Margeriten.
Im zweiten Jahr stellte sie die erste Mitarbeiterin ein: Lena, achtundzwanzig, wenig Erfahrung, aber Talent. Anna unterwies sie: knapp, präzise, ohne Druck wie Luise einst sie.
Sie und Andreas waren jetzt über ein Jahr zusammen, lebten getrennt, sahen sich oft, aber nie mit dem Drang nach permanenter Nähe. Luft zwischen ihnen erst ungewohnt, dann wertvoll.
Warst du schon mal in Mailand? fragte er.
Nein.
Wollen wir hin? Im Oktober. Ich bin dort auf einem Projekt, eine Woche, danach können wir bleiben.
Sie reiste mit. Mailand war anders, anderes Licht, andere Rhythmen. Anna schlenderte über Märkte, besuchte urige Blumenläden, fachsimpelte auf Italienisch-Deutsch-Mix und Gesten.
Andreas wartete nachsichtig draußen.
Wie schaffst du das dieses Warten?
Meine Oma hat mich gelehrt: Wenn jemand auf seine Weise beschäftigt ist, ehre das dräng ihn nicht.
Gute Frau, deine Oma.
Stimmt.
Dieses Jahr verlief ruhig. Ein Wort, das Anna früher für langweilig hielt jetzt bedeutete es Boden unter den Füßen.
Im zweiten Herbst kam ein Mann in den Laden, den sie erst nicht erkannte.
Oktober, Dienstag, drei Uhr nachmittags. Ruhig war es, Anna band einen Geburtstagsstrauß, Lena bediente einen Kunden.
Die Tür öffnete sich, ein Mann trat ein. Anna schaute nur kurz, beendete ihren Handgriff. Dann blickte sie auf.
Markus war gealtert. Auffallend und irgendwie schief als hätten die Jahre rücksichtslos behandelt. Das Übergewicht sah nun nur schwerfällig aus, der Anzug hing an ihm. Er stand im Eingang, unsicher.
Anna sah ihn ruhig an.
Er entdeckte sie etwas Zartes zuckte übers Gesicht.
Anna hallo.
Hallo.
Lena warf einen fragenden Blick; Anna bedeutete ihr: ich mach das.
Können wir reden? fragte Markus.
Sag, was du willst.
Er schaute zu Lena und dem anderen Kunden, blieb dann, trat näher zum Arbeitstisch. Anna arbeitete weiter.
Mama geht es schlecht, sagte er. Sehr schlecht. Sie steht nicht mehr auf.
Anna schwieg.
Sie spricht viel von dir, murmelte er. Sagt, du warst die Einzige, die sie richtig gepflegt hat.
Sie braucht eine professionelle Betreuung. Ich kann dir ein gutes Pflegebüro empfehlen.
Anna
Was?
Er zögerte.
Lena ist im Februar gegangen, hat jemand anderen gefunden. Der Betrieb ist den Bach runter, die Aufträge, die sie mir versprochen hatte, kamen nie. Dann ist alles kaputt gegangen.
Verstehe.
Ich weiß, ich hab kein Recht Er ringt mit Worten. Aber vielleicht kannst du Erinnerst du dich noch an das Gute zwischen uns?
Anna legte die Arbeitsstiele hin. Sah ihn an.
Markus, sagte sie. Ich bin nicht sauer auf dich. Das ist vorbei.
Er sah sie an.
Das, was du das Gute nennst, war meine Gewohnheit und dein Komfort. Das weiß ich jetzt. Damals nicht.
Anna
Sag bitte nicht Anna. Ich bin ich. Ich habe alles gegeben war bei deiner Mutter, habe geschwiegen, gemacht, was nötig war. Ihr habt das beide ausgenutzt.
Er senkte den Blick.
Verstanden.
Was deine Mutter angeht, sagte Anna ruhig. Lena hat den Kontakt meines Pflegedienstes. Ich kenne das Team, die sind gut. Rufen kannst du sie.
Und du?
Was soll mit mir sein?
Könntest du?
Anna betrachtete ihn schweigend. In ihm war eine traurige Leere. Jemand, der den Halt verloren hat und an vertrauten Stellen sucht, wo nichts mehr ist.
Nein.
Markus nickte langsam.
Du siehst gut aus, sagte er.
Ich weiß.
Er blieb noch kurz stehen. Dann ging er, drehte sich noch einmal um:
Anna verzeih.
Sie antwortete nicht. Sah ihm nur nach.
Die Tür schloss sich. Im Laden war es ruhig. Lena kam zurück.
Alles gut? fragte sie.
Ja. Schreib bitte die Kontaktdaten des Pflegedienstes hier auf. Im Handy findest du die Nummer unter Partner.
Mach ich, Anna.
Anna wandte sich wieder dem Geburtstagsstrauß zu. Ihre Hände arbeiteten ruhig. Im Kopf kein Lärm, keine Leere einfach Arbeit.
Anderthalb Stunden später rief Andreas an.
Wie gehts? fragte er, wie immer ohne Umschweife.
Gut. Markus war heute hier.
Stille.
Und?
Nichts. Er ist weg.
Wie fühlst du dich?
Anna blickte aus dem Fenster. Draußen der Oktober: Blätter auf dem Gehweg, Passanten mit hochgezogenem Kragen, eine junge Frau mit Kinderwagen vor dem Nachbarladen.
Weißt du, sie sprach langsam, ich bin einfach ruhig. Nicht froh, nicht traurig. Einfach ruhig.
Gut so.
Ja.
Ich komme abends vorbei, wenn dir recht ist.
Komm ruhig. Ich koche Suppe.
Hühnersuppe?
Wenn du willst.
Will ich.
Anna legte das Handy hin. Vor ihr stand ein fast fertiger Strauß: violette Astern mit dunklem Grün und einigen Halmen trockenes Gras. Vorsichtig drehte sie ihn, betrachtete.
Schön, sagte Lena leise hinter ihr.
Noch nicht fertig.
Fast.
Anna nahm noch einen Stiel dazu, setzte ihn ein, änderte ihn wieder, dann war alles richtig.
Draußen lebte der Oktober sein Leben: Wolken, Wind, Blätter, die noch halten, aber bald loslassen. Irgendwo in dieser Straße lief Markus. Es war ihr egal, wohin. Er ging seinen Weg, und ihr Weg war hier: im eigenen Laden, wo es nach Minze, Chrysanthemen und ein wenig nach Erde roch. Abends käme Andreas, es gäbe Suppe, ein Gespräch Ruhe.
Anna trat zurück, sah ihren Strauß an.
Jetzt ist er fertig.
Lena nickte und begann zu verpacken. Anna wischte sich die Hände an der Schürze ab, trat ans Fenster und sah hinaus.




