Weiße Tischdecke, graues Leben

Weiße Tischdecke, graues Leben

Die Suppe war ausgezeichnet. Ich wusste es genau, denn ich hatte sie beim Kochen dreimal probiert und jedes Mal wurde ich zufriedener. Die Rote Beete war frisch vom Wochenmarkt, das Fleisch zartes Suppenfleisch mit Knochen hatte zwei Stunden leise geschmort, und den Knoblauch gab ich ganz wie es sich gehört erst am Schluss dazu. Auf dem Esstisch brannten Kerzen, und ich hatte die feine weiße Leinentischdecke aufgelegt, die ich seit Jahren für besondere Anlässe aufhob. Fünfzehn Jahre Ehe das war schon ein besonderer Anlass.

Draußen wurde es dunkel. So war der Oktober in Nürnberg immer: grau, nass, mit dem Duft von feuchtem Laub und einer Brise Dieseldunst. Ich rückte die Gabel rechts neben den Teller zurecht, zupfte die Tischdecke am Rand, obwohl sie schon akkurat lag. Dann blieb ich einen Moment mitten in der Küche stehen, lauschte den Takt der Uhr über dem Kühlschrank.

Thomas kam halb neun nach Hause. Ich hörte, wie er mit dem Schlüssel haderte, wie er die Einkaufstasche auf den Fliesenboden fallen ließ, wie der Lichtschalter im Flur klackte.

Und, was gibts?, fragte er und steckte den Kopf zur Küchentür herein, noch mit Jacke, die Nase rot von der Kälte.

Komm rein. Wasch dir die Hände und setz dich, lächelte ich. Es gibt Borschtsch, Brathähnchen, ich habe auch Salat gemacht.

Thomas zog die Jacke gleich in der Küche aus, warf sie über den Stuhl und sah sich um.

Wozu die Kerzen?

Wozu wohl? Unser Hochzeitstag, Thomas!

Er schwieg, ging zum Waschbecken, wusch sich hastig die Hände, setzte sich. Ich schöpfte Suppe in seinen Teller, reichte ihm auch die frische saure Sahne vom Bauernmarkt, wie er es mag, mittig platziert.

Er schnupperte, probierte, kaute.

Ganz schön sauer.

Ich setzte mich gegenüber.

Findest du? Mir schmeckts.

Meine Mutter macht Borschtsch ganz anders. Kräftiger, weißt du? Bei ihr ist das ein richtiger Genuss. So schmeckts original.

Ich nahm meinen Löffel.

Iss, solange es heiß ist.

Ja, ja. Er drehte den Teller. Und die weiße Tischdecke muss das sein? Da tropfst du ja drauf.

Ich passe schon auf.

Na, mir egal. Er schnaubte. Meine Mutter deckt zu Feiertagen immer eine dunkle, bordeauxrote auf. Praktisch. Und sieht trotzdem gut aus.

Ich schaute auf die Kerzen. Die kleine Flamme zitterte, weil Thomas sich am Tisch bewegte.

Thomas, sagte ich ruhig, heute sind es fünfzehn Jahre.

Weiß ich.

Du hast nichts gesagt, als du reinkamst.

Er hob den Blick, überrascht, beinahe gekränkt.

Was soll ich sagen? Glückwunsch oder wie? Wir wohnen doch zusammen, kein Geburtstag.

Einfach… fünfzehn Jahre, das ist doch…

Das sind halt fünfzehn Jahre, fiel er mir ins Wort. Wo ist das Hähnchen?

Ich stand auf, holte das Backhähnchen aus dem Ofen. Saftig und goldbraun, gewürzt mit Kräutern, wie er es gern hat.

Zu trocken, stellte er fest, nachdem er ein Stück abgeschnitten hatte.

Ich habe es soeben rausgeholt.

War dann wohl zu lange drin. Mama deckt immer mit Folie ab, dann bleibts saftig.

Ich pikte mir etwas Hähnchen, kaute. Draußen fuhr ein Auto vorbei, das Licht huschte über die Decke.

Hast du heute deine Mutter gesehen?, fragte ich.

War nach der Arbeit kurz dort, ja. Wieso?

Einfach so.

Er betrachtete wieder die Tischdecke.

Die weiße ist ein Fehler, wirklich. Mama weiß halt, wie man richtig auftischt. Bei ihr ist alles ordentlich: das passende Geschirr, die richtige Decke, und Brot schneidet sie dünn. Du das ist viel zu dick. Er deutete auf die Brotscheiben.

Ich legte die Gabel ab. Nicht abrupt, ganz still, einfach neben den Teller.

In mir zog sich etwas zusammen, löste sich, wie eine Faust.

Thomas, sagte ich und wunderte mich über meine ruhige Stimme, merkst du eigentlich, was du sagst?

Er blickte mich leicht genervt an, wie einer, der sich beim Essen stören lässt.

Was? Ich sage doch nur, dass es bei Mama besser schmeckt. Das ist doch nicht beleidigend.

Du kommst zur Tür rein, sagst nichts, kritisierst das Essen, die Decke, das Brot, das Hähnchen. Ich habe drei Stunden gekocht, Thomas.

Na und? Soll ich jetzt Beifall klatschen? Das ist doch deine Aufgabe.

Ich schwieg.

Aufgabe, wiederholte ich das Wort, als würde ich es auf der Zunge wiegen.

Ja. Du bist zu Hause, du kochst. Ich arbeite. Logisch.

Und fünfzehn Ehejahre sind auch… einfach gegeben?

Was willst du denn? Dass ich dir Gedichte vortrage? Mama hat immer gesagt: Weniger Romantik, mehr Ordnung im Haus, dann hält die Familie.

Die Kerze flackerte. Einmal, wie wenn sie etwas gehört hatte.

Ich stand auf. Räumte meinen Teller weg. Dann blieb ich am Fenster stehen, schaute auf die nassen Dächer, die gelb leuchtenden Fenster, auf den Baum vor dem Haus, dem fast alle Blätter fehlten.

Dann drehte ich mich zu ihm um.

Thomas, pack deine Sachen.

Er hob den Kopf.

Wie bitte?

Pack. Und geh bitte.

Er sah mich an, als hätte ich plötzlich eine fremde Sprache gesprochen. Dann lachte er kurz, wie ein Husten.

Im Ernst?

Ja.

Wegen der Suppe?

Nicht wegen der Suppe.

Wegen was dann? Weil ich Mama erwähnt habe? Marie, das ist lächerlich.

Mir ist nicht zum Lachen.

Du bist beleidigt? Gut, sorry, ja? Komm, iss.

Nein, Thomas.

Er musterte mich. Ich stand am Fenster, ganz ruhig, mit geradem Rücken. Vielleicht wartete er auf Tränen, einen Wutanfall, Türenschlagen auf alles. Nur nicht auf dieses ruhige Geh.

Du meinst das ernst, sagte er langsam.

Ja.

Stille. Die Uhr tickte. Die Kerzen brannten weiter.

Alles wegen eines Abendessens, begann er.

Nicht wegen einem Gespräch, sagte ich ruhig. Wegen fünfzehn Jahren ein und desselben Gesprächs. Geh jetzt, Thomas. Das, was du heute brauchst, nimm mit, den Rest holst du wann anders.

Thomas blieb noch eine Minute. Dann drehte er sich wortlos um, ging ins Schlafzimmer. Ich hörte ihn im Schrank rascheln, eine Tasche packen. Ich blieb in der Küche, starrte auf die Kerzen. Sie brannten ruhig, ohne zu flackern.

Als er mit der Tasche durch die Tür ging, blieb er in der Küche stehen. Er blickte auf den Tisch: die weiße Decke, die Suppe, das Brot dick geschnitten.

Du wirst es bereuen, sagte er.

Möglich, erwiderte ich. Auf Wiedersehen, Thomas.

Die Tür fiel zu. Der Schlüssel drehte sich. Ich saß da und lauschte seinen Schritten im Treppenhaus.

Danach blies ich die Kerzen aus. Es hatte keinen Sinn, sie ohne ihn weiter brennen zu lassen. Dann spülte ich ab, stellte die Suppe in den Kühlschrank. Ich hatte keinen Appetit.

Die Wohnung roch nach gebratenen Zwiebeln und leicht modrig, so wie es in Altbauhäusern im Oktober oft der Fall ist, wenn die Heizung noch nicht wirklich warm macht.

Ich legte mich um halb elf ins Bett, schlief erst spät ein, hörte noch die Fernseher der Nachbarn und dachte immer wieder: Ich weine nicht. Kurios.

***

Ursula öffnete die Tür, bevor Thomas ein zweites Mal klingeln konnte. Sie machte das immer, wartete förmlich dahinter.

Thomas!, rief sie erschrocken, sah die Tasche. Ach, du meine Güte, was ist passiert?

Rausgeworfen, sagte er knapp.

Wer denn? Marie? Ich habs dir ja gesagt, Thomas! Komm rein, ich habe gerade frische Kartoffelsuppe gekocht.

Er zog die Schuhe aus, ging direkt in die Küche, setzte sich. In der Wohnung roch es nach Essen, dazu dieser unverkennbare Geruch, den es nur in Wohnungen älterer alleinstehender Menschen gibt: ein wenig nach Lavendelsäckchen, ein wenig nach Baldrian, und darüber liegt ein Hauch Küche.

Seine Mutter werkelte am Herd und redete ohne Pause.

Ich habs gleich gewusst, dass sie nichts für dich ist. Eine kalte Frau, Thomas, du verstehst? Und weißt du, bei den kalten Frauen kommt auch nichts dabei raus, nicht mal Kinder, das ist kein Zufall. Die Natur weiß, was sie tut. Hier, Brot, dünn geschnitten.

Das Brot war akkurat, hauchdünn. Thomas schaute darauf und musste an Marie denken, die immer dick geschnitten hatte.

Mama, sagte er, lass das jetzt bitte.

Was lass ich? Fünfzehn Jahre hältst du das aus und dann das Resultat! Kein Kind, keine richtige Wohnung, und jetzt… Ess wenigstens.

Die Suppe war heiß, kräftig, ganz wie sie es immer ankündigte. Thomas aß schweigend.

Die ersten Tage verliefen wie in Trance. Er fuhr zur Arbeit, kam heim, aß mit Ursula, schaute fern. Seine Mutter kochte täglich, jeden Morgen, mit Freude. Sie holte Frikadellen aus dem Kühlschrank, stellte einen Teller hin, schimpfte: Du musst mehr essen, du bist ganz blass, Thomas.

Nach drei Tagen hatte sie seine Tasche schon ausgepackt, als er heimkam.

Zieh das Hemd nicht mehr an, das ist zerknittert, bestimmte sie beim Abendessen. Das blaue steht dir eh besser.

Ich mag das graue, erwiderte Thomas.

Ach, dir gefällt es. Mir steht aber das blaue besser zu Gesicht.

Er schwieg. Aß seine Frikadellen, trank Tee. Mutter erzählte von Frau Heinemann, der Nachbarin aus dem vierten Stock, die sich alleine viel besser macht. Irgendwo darin steckte auch ein Seitenhieb auf Marie, aber Thomas hörte nicht hin.

Nach einer Woche verkündete Ursula, dass seine Schuhe hinüber seien und sie am Samstag shoppen müssten.

Mama, die Schuhe sind in Ordnung.

Thomas, ich seh das. Die Sohle löst sich.

Nein!

Doch. Samstag gehen wir.

Am Samstag gingen sie. Sie suchte lange, kritisch, drückte ihm Schuhe auf, die ihr gefielen. Er wollte schlichte, schwarze. Sie wählte braune mit Zierschnalle.

Die stehen dir doch viel besser, fand sie.

Ich mag sie nicht.

Mach mal keinen Aufstand, Thomas. Die sind besser.

Die Verkäuferin blickte zur Seite. Thomas sah im Spiegel einen Mann mittleren Alters in braunen Schuhen mit Schnalle, ausdruckslos.

Er kaufte sie.

Abends saß Mutter ihm gegenüber, erzählte von früher, wie er als Junge war, wie sie ihn allein großzog, wie schwer das war und wie Marie das nie geschätzt habe. Thomas nickte.

Manchmal dachte er an die weiße Tischdecke, an die Kerzen. Warum sie das alles gemacht hatte, verstand er nicht: fünfzehn Jahre, und dann? Was gabs da zu feiern.

Aber er musste daran denken.

Und, dass sie nicht geweint hatte. Nicht geschrien. Am Fenster gestanden hatte, ganz ruhig, und ihn gebeten hatte zu gehen. Woher nur kam diese Ruhe, fragte er sich daran war er nicht gewöhnt.

Ende des Monats machte Mutter einen Wochenplan für ihn. Sie nannte ihn nicht so, es war einfach: Dienstag gehst du zum Arzt, ich habe dich angemeldet, Donnerstag besuchen wir Tante Irmgard, Freitag, nicht zu spät ich backe Kuchen, ich mag das nicht, wenn du zu spät bist.

Am Freitag kam er später heim: Sitzung in der Arbeit. Rief an, kündigte es an. Sie redete während er im Bus fuhr auf ihn ein, er hielt das Handy ans Ohr und sah zum Fenster hinaus.

Kuchen gabs und er schmeckte. Alles schmeckte.

Thomas saß am Tisch und spürte einen Druck auf der Brust. Kein Schmerz. Nur Druck, wie zu wenig Luft leise, stetig.

***

Komische Wochen waren das für Marie wie im Nebel.

Sie ging zur Arbeit, kam heim, kochte einfache Sachen, aß, legte sich schlafen. Die Abende waren am schwersten, weil die Wohnung nun so still war, erst unheimlich still, dann einfach… still.

Ihre Freundin Claudia rief alle zwei Tage an: Marie, wie gehts, komm doch mal vorbei? Marie winkte ab, ihr sei nicht danach. Claudia kam trotzdem am ersten Samstag, brachte Wein und Plätzchen, sie saßen bis tief in die Nacht in der Küche, redeten über alles Kerzen, Suppe, Schwiegermutter mit den passenden Tischdecken und Claudia schimpfte immer wieder leise: Was für ein Klotz!, was die Sache ein bisschen erleichterte.

Du hast das Richtige getan, sagte Claudia schließlich. Absolut richtig, Marie.

Ich habe Angst, gestand Marie.

Das vergeht.

Nach Claudias Besuch stand Marie im Wohnzimmer und betrachtete die schweren, dunkelblauen Vorhänge, die Thomas ausgesucht und vor acht Jahren aufgehängt hatte: Ist praktisch, hält das Licht ab. Sie hatten seitdem nie wieder gewechselt. Nie drüber nachgedacht. Eben Vorhänge.

Am nächsten Tag nahm sie sie ab.

Gebraucht hat sie eineinhalb Stunden, der Stab war schwer, der Hocker zu klein, aber schließlich waren sie weg. Sie verstaute sie im Schrank. Das Licht war nun anders, kühl und blass, aber immerhin ehrlich. Besser als der ewige Dämmer.

Dann stellte sie das Sofa um rief dafür Herrn Wöhrle von nebenan, einen älteren hilfsbereiten Herrn. Das Sofa stand jetzt am Fenster, das Licht fiel anders. Seltsam, aber tat gut.

Ab der zweiten Woche schlief sie besser. Nicht sofort sorgenfrei, aber immerhin nicht mehr bis um drei wach im leeren Zimmer.

In der Arbeit lief alles wie immer. Marie war eine gewissenhafte Buchhalterin, pünktlich, ordentlich, verlässlich. Ihre Kolleginnen schätzten sie, vor allem Frau Vogt, die strenge Chef-Buchhalterin mit Perlenohrsteckern, die nie Privates erzählte, Marie aber stets lobte.

Ende Oktober bat Frau Vogt sie ins Büro.

Marie, begann sie ohne Umschweife, ich gehe im kommenden Jahr in Rente, ziehe zu meiner Tochter. Der Chef möchte dir meinen Posten anbieten.

Marie schwieg ein paar Sekunden.

Mir?, brachte sie schließlich hervor nicht, weil sie überrascht war, sondern weil sie etwas sagen musste.

Natürlich dir. Ich beobachte das schon lange. Nimm an.

Marie fuhr heim im Bus und dachte an das Angebot. Chef-Buchhalterin mehr Verantwortung, mehr Stress. Hatte sie immer gemieden. Thomas hatte mal gesagt: Wozu willst du Karriere, ich verdiene doch genug. Sie hatte es damals einfach hingenommen.

Jetzt blickte sie aus dem Fenster auf die Lichter. Warum eigentlich nicht?

Im November renovierte sie ein wenig. Malte die Schlafzimmerwand in sanftem Gelb, tauschte die Vorhänge jetzt lunengelb, hell. Kauft sich eine neue Stehleuchte, warmes Orange, und ließ abends das Deckenlicht aus, setzte sich unter die Lampe. Die Wohnung wurde nach und nach ihre echte Heimat.

Sie stellte Töpfe mit Geranien auf die Fensterbank. Es roch würzig und grün und passte zu den Leinenvorhängen und der gelben Wand.

Die Sache mit Thomas lief ruhig übers Anwaltliche. Die Wohnung war ihre, er forderte nichts. Kein Streit. Vielleicht hatte Ursula ihn besänftigt, vielleicht war er einfach müde.

Im Dezember nahm Marie das Angebot an. Frau Vogt schüttelte ihr die Hand.

Gut gemacht, sagte sie zum ersten Mal warm und herzlich.

Silvester feierte Marie bei Claudia, in einer bunten, lauten Runde, mit Kindern, mit Hunden, drei Sorten Kartoffelsalat. Es war schön und auch wehmütig, diese besondere Melancholie, die einen an Feiertagen überkommt, wenn man zurückblickt. Sie trank ein Glas Sekt, betrachtete das Feuerwerk draußen und dachte: Wieder ein Jahr um. Ich lebe noch. Eigentlich: Ich komme klar.

***

Für Thomas verlief der Winter wie verhext.

Seine Mutter meinte, er müsse nun dringend zum Arzt. Sie organisierte einen Termin beim Hausarzt, Kardiologen, Internisten Du siehst schlecht aus, Thomas, das muss kontrolliert werden. Er ging hin. Die Ärzte fanden nichts Ungewöhnliches: Für Ihr Alter alles normal. Ursula seufzte enttäuscht als wolle sie, dass es etwas zu beklagen gäbe.

Im Büro wurde Thomas gereizter. Die Kollegen merkten es. Markus, sein Pausenraucher, fragte einmal:

Was ist los, Kerl?

Nichts.

Ist was daheim?

Nein.

Markus drückte die Zigarette aus, ging. Thomas betrachtete den grauen Innenhof, der Schnee war schmutzig, mit Ölflecken. Er wollte weder zurück zur Arbeit, noch zu seiner Mutter. Eigentlich nirgendwohin.

Er fragte sich: Wohin eigentlich?

Keine Antwort.

Jeden Abend empfing ihn Ursula mit Abendessen. Das war Fürsorge, irgendwie angenehm, aber immer auch verbunden mit Planung: Zieh das an, geh da hin, ruf an, wenn du unterwegs bist. Wenn Thomas länger brauchte, rief sie ständig an. Wenn er nicht ranging, folgte eine SMS: Ich mache mir Sorgen, Thomas, wo bist du?

Einmal im Februar blieb er bei Markus, weil der zum Eishockeyschauen eingeladen hatte, ein Bier trinken, Männerabend. Thomas war halb elf zu Hause.

Mutter saß in der dunklen Küche, schaltete beim Eintreten das Licht an, sah ihn mit einem Blick an, der ihn frösteln ließ.

Wo warst du?

Hab doch gesagt, dass ich später komme.

Komm später das ist kein Bescheid! Ich wusste nicht, wo du bist. Mein Blutdruck ging hoch!

Ach Mama…

Iss, ich habe was warm gehalten. Sie stellte ihm Frikadellen auf den Tisch. Und lass das Handy künftig an ich rufe nicht umsonst an.

Ich habs nicht gehört, lief doch Eishockey.

Eishockey, sagte sie mit einem Tonfall, als sei es unanständig.

Thomas aß und starrte auf die Tischplatte.

Er merkte selbst, dass er sich ständig rechtfertigte. Bei allem. Warum spät, warum das Hemd, warum nicht angerufen, warum gegessen, warum nicht.

Er erinnerte sich, wie er einmal zu Marie gesagt hatte: Mama weiß immer, wies richtig ist. Stolz hatte er das gesagt heute war die Erinnerung seltsam und schal.

Im März suchte er nach einer eigenen Wohnung, sah sich ein Zimmer an, nicht teuer, nahe an der Arbeit. Erwähnte es bei Mutter.

Sie weinte.

Nicht laut, still, kein Vorwurf. Also passt es dir hier nicht mehr. Ich störe dich ich habs verstanden, Thomas.

Er zog nicht aus.

Nachts träumte er manchmal von Marie. Selten, aber doch sie am Herd, sie im Auto, Alltagsszenen. Er wachte auf, starrte an die Decke von Mutters Wohnung da war nichts als Decke.

Was tut sie wohl? Wie gehts ihr?

Und gleich hinterher: Ach, bestimmt hat sie wen Neuen.

Das ärgerte ihn.

***

Der Februar war strahlend weiß. Der Schnee lag sauber, und morgens, wenn Marie an der Haltestelle stand, blendete die Sonne sie, und sie dachte: Ich brauche endlich richtige Sonnenbrillen.

Sie kaufte sich welche. Zartrosa, dünne Fassung. Sah sich im Spiegel und lachte nie hätte sie so etwas früher getragen.

Im Büro kamen neue Aufgaben dazu. Mehr Verantwortung, manches fiel ihr schwer, aber sie meisterte es. Oft blieb sie bis acht, ordnete Belege, sprach mit Herrn Berger, dem sachlichen, wortkargen Direktor. Er war zufrieden und man spürte das.

Die Kolleginnen mochten sie. Lisa, die junge Helferin, brachte ihr manchmal Kaffee einfach so, stellte ihn auf den Tisch, Marie sagte danke, Lisa wurde rot.

Im März überredete Claudia sie zum Geburtstag einer gemeinsamen Freundin, Sabine. Marie hatte keine Lust: lauter fremde Leute, laut, anstrengend. Claudia sagte: Genug Einsiedlerin! Komm, es wird lustig!

Sabine war eine fröhliche Gastgeberin mit zwei Katzen und einem gigantischen Gummibaum. Rund ein Dutzend Leute waren da. Marie hielt sich erst an Claudia, kam dann mit einer Mathelehrerin ins Gespräch sie redeten den ganzen Abend über Bücher.

Martin saß gegenüber. Sie bemerkte ihn erst spät. Keiner, der auffiel: mittelgroß, schon ein wenig grau, grauer Pullover. Er sprach wenig, hörte aufmerksam zu, lächelte ab und zu leise.

Gegen Ende landeten sie gemeinsam mit Teetassen am Fenster. Er fragte, sie antwortete, dann umgekehrt. Das Gespräch ergab sich wie von selbst, ohne Druck. Er war Ingenieur, arbeitete in einem Planungsbüro, seit vier Jahren verwitwet. Er erwähnte es sachlich, ohne Pathos, wie man von etwas spricht, das man verarbeitet hat.

Kennen Sie Sabine schon lang?, fragte Marie.

Von ihrem früheren Mann her. Er ist weg, aber wir sind Freunde geblieben. Er trank. Sie kennen Claudia seit…

Dem Studium.

Gute Freundinnen sind Gold wert, sagte Martin.

Sehr, stimmte sie zu.

Sie tauschten Nummern, ganz beiläufig. Nach drei Tagen schrieb er, bat um ein Treffen zum Kaffee. Sie sagte ja.

Sie trafen sich in einem kleinen Café nahe ihrer Arbeit, sprachen zwei Stunden. Sie erzählte vom Ende ihrer Ehe. Er hörte zu, gab weder Ratschläge noch Urteile, sprach dann von sich. Draußen vor dem Café verabschiedeten sie sich, kalt aber angenehm. Er fragte, ob er nochmal anrufen dürfe. Sie sagte: Gerne.

Später schlenderten sie an der Pegnitz, gingen ins Kino, und eines Abends im April lud er sie zum Abendessen zu sich ein.

***

Martin wohnte im fünften Stock eines alten Backsteingebäudes. Marie stieg die Treppe hoch, hielt eine Flasche Silvaner, und dachte: Wahrscheinlich ist es ein Single-Chaos, ich darf nicht zu kritisch sein. Sie war wieder mal ein wenig nervös, so wie jemand, der zu oft bewertet wurde.

Sie klingelte.

Martin öffnete. Es duftete nach Äpfeln, nach Süße, nach Zimt, vermutlich.

Komm rein, meinte er freundlich. Hab schon einen Apfelkuchen im Ofen. Ich hoffe, das passt?

Passt perfekt, sagte sie.

Die Wohnung war schlicht. Kein Musterhaushalt, aber wohnlich: Im Flur standen Bücher neben Werkzeug, am Küchentisch lag eine Zeitung. Keine Pose, keine erzwungene Perfektion einfach normal.

Sie half beim Salat: Marie schnitt Tomaten, Martin den Käse. Mal sprachen sie, mal schwiegen beide es war ein gutes, freundliches Schweigen.

Sie wartete darauf, dass er gleich anmerken würde: Besser mit Gurken, andere Soße wäre passender, oder dieser prüfende Blick, den sie über Jahre kennengelernt hatte.

Aber es kam nichts. Sie setzten sich, er schenkte den Wein ein, sah auf den Tisch, dann auf sie.

Danke, dass du gekommen bist, sagte er still.

Nur drei Worte ohne Anmerkung, ohne Vorbehalt.

Marie blickte auf ihren Teller und fühlte, wie etwas in ihr langsam losließ. Es war, als hätte sie immer alles festgehalten und endlich durfte sie loslassen.

Draußen war Frühlingsabend, die Straßenlaternen gingen an, sie sah einen Ast mit ersten kleinen Blättern. Der Apfelkuchen im Ofen duftete durch die ganze Küche.

Sie redeten lange. Marie erzählte von der Kindheit, vom Wunsch Lehrerin zu werden, doch der Weg führte zu Zahlen. Martin sprach über Projekte, die Restaurierung alter Gebäude. Marie dachte: Welch schöne Arbeit, das Zerstörte wiederaufbauen.

Als sie sich zum Gehen fertig machte, begleitete Martin sie zur Treppe und sagte:

Ich bin froh, dass wir uns kennen.

Auf dem Heimweg dachte Marie nicht nur an ihn, sondern an den Abend, an den Apfelkuchen, daran, dass es einfach gut tat, zu jemanden zu gehen, wo keine Kritik lauerte. Einfach Ankommen. Essen, reden, nach Hause gehen erleichtert.

***

Der Sommer verstrich leise und schön.

Marie traf Martin oft, aber ohne Hast, alles gemächlich. Am Wochenende gingen sie gemeinsam zum Markt er kaufte Fisch, sie Kräuter und Rahm. Sie kochten zusammen. Es war anders: Gemeinsam kochen, keine Kritik, einfach Freude.

Eines Juliabends blieb sie über Nacht. Es war schon spät, sie wollte nicht nach Hause. Morgens brachte er ihr Kaffee ans Bett ganz selbstverständlich, ohne Getue. Einfach so.

Musst du heute arbeiten?, fragte er.

Erst ab zwölf.

Wollen wir noch zum Markt? Kirschen gibts schon.

Marie hielt die Tasse mit beiden Händen. Draußen war blauer Himmel, frisches Morgengefühl, irgendwo Schreie der Mauersegler. Ihr war zum Weinen, aber nicht aus Not, sondern… aus Dankbarkeit für dieses stille Glück.

Gerne, sagte sie.

Im Herbst schlug Martin ihr vor, zu ihm zu ziehen. Kein Antrag, keine Riesenromantik eines Abends beim Abwasch: Marie, vielleicht wärs schön, du ziehst her. Die Wohnung ist groß, für dich wärs schön, für mich sowieso.

Ich muss nachdenken, sagte sie.

Natürlich. Überlegs.

Zwei Wochen dachte sie dann sagte sie ja.

Im November zog sie ein. Ihre Wohnung vermietete sie erstmal, verkaufte sie nicht. Bücher, Geranien, die orange Lampe, Leinenvorhänge, alles kam mit. Martin räumte extra ein Regal für ihre Bücher frei, sie stellten beides zusammen: Technik und Belletristik und es passte.

Im Dezember heirateten sie still im Standesamt. Nur Claudia und Martins Freund Bernhard waren dabei. Danach gingen sie zu viert fein essen es war lecker, lustig, Claudia weinte sogar vor Freude, beruhigt euch!

Und im Januar erfuhr Marie, dass sie schwanger war.

Sie stand im Bad mit dem Test, sah auf die zwei Striche. Setzte sich auf den Wannenrand, starrte zehn Minuten lang.

Dreiundvierzig war sie. Sie hatte geglaubt, keine Kinder mehr bekommen zu können. Mit Thomas hatte sich das Thema erledigt, ohne viel Worte. Die Ärzte sagten nie, es ginge nicht, aber für Marie war es einfach: sollte wohl nicht sein.

Und jetzt.

Martin arbeitete in seinem Büro. Sie trat in die Tür. Er spürte es, drehte sich um.

Was ist?, fragte er leise.

Sie reichte ihm einfach den Test. Er schaute, schwieg einen Moment. Dann stand er auf, umarmte sie, lange, fest.

Dann sagte er:

Das ist schön, Marie. Sehr schön.

Sie weinte, heftig, das erste Mal seit langem. Martin drückte sie nur, flüsterte immer wieder: Alles gut. Wirklich gut.

***

Der April kehrte nach Nürnberg zurück, wieder die Cafés, die Pegnitz, nur zog Marie nun gemächlich die Straßen entlang, der Bauch war schon sichtbar, Martin half ihr manchmal über die Bordsteine.

Sechster Monat alle Kollegen wussten es, auch Herr Berger gratulierte: Alles Gute, Frau Wagner. Ihr Platz bleibt, keine Sorge. Lisa blickte jetzt mit großem Respekt zu ihr auf wie nur junge Frauen auf Frauen blicken, die ihr Leben im Griff haben.

Die Wohnung, jetzt ihr gemeinsames Zuhause, füllte sich mit Neuem: Ein Babybett wartete, ein Nachtlicht in Mondform, winzige Sachen im Schubladenschrank. Manchmal öffnete Marie die Lade, strich über die winzigen Sachen und wusste, es ist jetzt wirklich, jetzt ist alles möglich.

Morgens saß sie am Fenster, trank Tee, sah in den Hof, auf den das frische Grün sprießte. Es roch nach nasser Erde, ein bisschen nach Äpfeln vom Garten nebenan. Alles war still und gut.

Abends, wenn Martin schon schlief, lag sie manchmal wach, spürte die Tritte im Bauch und dachte an früher nicht mit Schmerz, eher wie an ein altes Foto: Ja, das war mein Leben damals. Da war auch Schönes. Manches bedauerte sie. Vielleicht die verstrichenen fünfzehn Jahre, in denen so vieles möglich gewesen wäre. Und vielleicht tat ihr ihre junge, bemüht-eifrige Version leid, die voller Hoffnung Borschtsch kochte und die weiße Tischdecke sorgfältig auflegte.

Was Thomas inzwischen tat, wusste sie nicht. Claudia meinte, sie habe ihn kürzlich im Supermarkt gesehen gealtert, meinte sie. Marie nickte und antwortete nicht. Sie wünschte ihm nichts Böses. Es war einfach ein Kapitel ihres Lebens, das abgeschlossen war.

***

Thomas saß am Küchentisch seiner Mutter.

Draußen war April, drinnen aber immer noch Winter. Die schweren Vorhänge hielten das Licht ab, auf den Regalen dieselben Sachen, der Geruch war der alte: Kräutertee, kräftige Suppe, irgendwas Uraltes, Unverändertes eben.

Ursula stand am Herd, rührte Suppe, redete dabei, wie immer.

Du schaust schlecht aus, Thomas. Geh bitte zum richtigen Arzt. Da gibts einen guten Kardiologen in der Siebener. Ich mache dir einen Termin.

Mir gehts gut.

Du kannst das gar nicht beurteilen, sagte sie, überzeugt alles besser zu wissen. Männer merken das erst, wenns zu spät ist. Dein Vater hat genauso gesagt, und schau, was war!

Thomas starrte auf den Tisch.

Da lag eine kariert-blaue Decke. Praktisch, wirklich schmutzt nicht so leicht. Mutter hatte doch recht.

Sie stellte ihm die Suppe vor.

Iss, solange es heiß ist. Heute mit Buchweizen, magst du doch.

Gerne, Mama.

Er nahm den Löffel. Die Suppe war gut. Mutter konnte das einfach.

Thomas, sagte sie mit einer Tasse Tee, hast du über Ludmilla nachgedacht?

Thomas hob den Blick.

Nein.

Wirklich schade. Eine nette Frau, Witwe mit eigener Wohnung sie hat nach dir gefragt.

Bitte, Mama.

Was denn? Mit fünfundvierzig ohne Frau das geht nicht.

Ich habe doch eine, sagte er plötzlich selbst überrascht.

Sie sah ihn fragend an.

Wo denn?

Nirgends. Er senkte wieder den Blick. Ich meine nur, du musst mich nicht verkuppeln. Lass es.

Wie willst du dich denn sonst kümmern? Ich seh doch, dass du noch an Marie denkst. Warum? Sie hat dich rausgeworfen! Über solche Frauen gibts Sprüche, weißt du…

Mama, fiel er ihr ins Wort, so schroff, dass sie schwieg.

Stille. Die Uhr tickte. Draußen quirlte ein Vogel.

Iss, wird sonst kalt, sagte sie endlich. Wer soll dich sonst so umsorgen wie deine Mutter?

Er starrte auf die Suppe.

Die war wirklich gut. Unbestreitbar.

Er aß. Und dachte zurück an den Oktober, ans nach Hause kommen, den Streit über die Tischdecke, die Suppe, die Sprüche von der Mutter, das Mama weiß, wies geht.

Damals merkte er nicht, dass es nie um die Tischdecke ging. Heute begriff er, mit jahrelanger Verspätung, was eigentlich gemeint war. Viel zu spät, wie Menschen, die zu spät begreifen.

Er war eingesperrt. Das Wort kam von selbst, und Thomas hielt fast den Löffel an eingesperrt. Früher dachte er, Marie hätte ihn eingesperrt, weil sie anders kochte, anders dachte. Aber das war Unsinn. Marie hatte nachgegeben, sich zurückgenommen. Die wahren Gitter hatte er sich selbst gebastelt: erst bei Mutter, dann bei Marie, jetzt wieder hier.

Schmeckts denn?, fragte Mutter.

Sehr gut, Mama, erwiderte er.

Siehst du. Ohne mich wärst du verloren, Thomas!

Er schwieg.

Draußen sang der Vogel lauter. Der Frühling stand vor dem Fenster, aber nur ein winziger Streifen Licht drang durch die Vorhänge: helles, für ihn grundloses Aprillicht.

Thomas saß gebückt am Tisch und aß seine Suppe.

***

Marie stand an diesem Aprilabend auf dem Balkon ihrer neuen, ihrer gemeinsamen Wohnung, sah in die sinkende Sonne. Der Bauch war rund, das Stehen beschwerlich, doch sie brauchte frische Luft. Unten stieg der Duft von frischer Erde, etwas Jungem, was keinen Namen hat und nur im Frühling zu greifen ist.

Drinnen telefonierte Martin, ruhig, sachlich. In der Küche zwei Becher, sein und ihrer, die warme orange Lampe brannte.

Marie legte die Hand auf den Bauch, das Baby trat leicht.

Na, hallo, sagte sie leise hinaus.

Es war beängstigend. Es war gut. Es war ein ehrliches, stilles Glück, ohne Garantie, ohne große Worte, nur dieses: Aprilsabend, Erde, Licht, der Duft in der Wohnung, und das neue Leben, das von innen klopfte.

Marie blieb noch einen Moment. Dann ging sie hinein.

***

Und eines habe ich in all dem gelernt: Wenn das Leben grau wird, muss man manchmal ganz ruhig die weiße Tischdecke auslegen und auf das warten, was neu beginnt auch wenn man dabei allein ist. Denn manchmal, ganz unerwartet, wird das Leben wieder hell.

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Homy
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