Spiel nicht mit mir
Ich, Sebastian, stand an der Theke einer Bar im Hamburger Szeneclub Lichtwerk, mein Rücken angelehnt an die kühle, glatte Oberfläche. Gedankenverloren fuhr ich mit dem Finger den Rand meines Glases mit sprudelndem Mineralwasser entlang, während mein Blick ab und zu über das wogende Gewirr der Feiernden glitt. Um mich herum tobte das gewohnt chaotische Clubleben: Bässe, die den Boden beben ließen, bunte Lichtblitze, die den halbdunklen Raum durchschnitten, plötzliche Ausbrüche von Gelächter und Rufen voller Überschwang. Doch ich fühlte mich davon seltsam unberührt wie ein Besucher auf einem fremden Planeten, dessen Sprache und Regeln ihm verschlossen blieben.
Mein Glas war mein sicherer Anker. Nur Mineralwasser nichts anderes kam für mich infrage. Hochprozentiges lehnte ich seit jeher ab, und die zuckrigen, knallbunten Cocktails waren mir viel zu künstlich.
Na, Held!, rief es plötzlich neben mir mit vertrautem Tonfall.
Ich drehte meinen Kopf und sah Thomas. Er war wie aus dem Nichts aufgetaucht, hochrot im Gesicht, funkelnde Augen. Sein breites Grinsen wirkte im flackernden Licht noch intensiver.
Langeweile?, fragte Thomas und lehnte sich locker zur Theke.
Siehst du doch…, antwortete ich halb lachend, halb resigniert. Du weißt ja, das ist einfach nicht meine Welt.
Ach, komm, entspann dich mal! Freundschaftlich knuffte er mich an die Schulter, fast hätte er dabei mein Glas umgeworfen. Wir haben dich doch extra mitgeschleppt! Bleib wenigstens heute nicht so steif.
Ich bin entspannt. Ohne Alkohol, ohne Tanzen. Ganz ehrlich es geht mir gut so, konterte ich ruhig und deutete auf mein Mineralwasser.
Unverbesserlich…, schüttelte Thomas lachend den Kopf. Warte ab, jetzt stelle ich dich jemanden vor. Das ändert alles.
Er deutete auf die Tanzfläche. Als ich hinsah, näherte sich uns eine junge Frau. Ihr himbeerrotes Kleid funkelte im Licht, Make-up und Frisur makellos gleich einer Fotostrecke aus der Zeitschrift Grazia. Sie bewegte sich mit der souveränen Leichtigkeit jemandes, der im Club zu Hause ist.
Das ist Annika, rief Thomas begeistert und schob sie sanft nach vorn. Und das hier ist Sebastian, ein echt guter Kumpel.
Annika schenkte mir ein strahlendes Lächeln. Ihre Hand mit zart schimmerndem Nagellack wurde mir in perfektem Clubstil entgegengestreckt.
Freut mich sehr!, rief ihre klare, angenehme Stimme. Thomas hat schon so viel erzählt. Du seist ein Quell genialer Ideen, sagte er.
Ich neigte den Kopf zum höflichen Gruß und erwiderte förmlich den Händedruck ihre warme Hand war ein seltsamer Kontrast zu meinem zurückhaltenden Gruß.
Freut mich auch, erwiderte ich knapp. Neue Bekanntschaften suchte ich wahrlich nicht schließlich war ich mit der wunderbarsten Frau verheiratet, die ich mir vorstellen konnte.
Annika überging meine Kühle und sah zu den Tanzenden, deren Bewegungen im Lichtspiel fast zu einer einzigen wogenden Masse verschmolzen. Dann wandte sie sich mir zu und ihre Augen funkelten herausfordernd.
Tanzen ist nichts für dich?, fragte sie nach kurzem Zögern. Komm schon, die Musik ist klasse! Hebt garantiert die Laune.
Kaum merklich seufzte ich, aber ich blieb ruhig. Solche Einladungen kannte ich schon die Ablehnung darauf hatte ich mir angewöhnt.
Danke, aber ich tanze wirklich nicht, sagte ich freundlich und bestimmt.
Jetzt sei kein Frosch! Annika hakte sich fast unmerklich bei mir unter, ihre Finger lagen plötzlich sanft, aber fest auf meinem Arm. Ein einziger Tanz, dann lasse ich dich in Ruhe. Versprochen.
Ein zäher Anflug von Verärgerung stieg in mir auf. Ich mochte es gar nicht, wenn man mich zu etwas drängte. Umso mehr, wenn es um so Persönliches wie Tanzen ging.
Ich habe nein gesagt, antwortete ich ruhig, legte aber resolut ihre Hand beiseite. Entschuldige, ich muss mal kurz raus.
Bevor jemand reagieren konnte, nickte ich Thomas noch einmal zu, der die Szene mit einem Fragezeichen im Blick verfolgte, und bahnte mir meinen Weg Richtung Ausgang. Ich brauchte frische Luft und Abstand zu dieser drängelnden Ausgelassenheit.
Mit jedem Schritt durch die Menge wurden Bass und Musik etwas leiser. Draußen, auf dem Balkon, umfing mich die nächtlich kühle Stadtluft. Ich blieb an der Balustrade stehen, blickte auf das flirrende Lichtermeer Hamburgs ferne Leuchtreklamen, Autoscheinwerfer, die spiegelnden Scheiben der Altbauwohnungen. Alles wirkte plötzlich so ruhig und nah.
In Gedanken sah ich meine Frau Elisabeth auf dem Sofa in unserer Wohnung. Vielleicht las sie gerade, vielleicht bereitete sie in der Küche etwas vor. Die Vorstellung, bald nach Hause zu kommen, beruhigte mich sofort. Im Licht ihres Lächelns wurde das Chaos des Clubs nebensächlich.
Ein paar Minuten blieb ich so bis die Tür hinter mir ging. Annika stand im Halbdunkel auf dem Balkon und trat zu mir. Sie blieb knapp neben mir stehen, nicht zu aufdringlich, aber spürbar. Sie stützte sich auf das Geländer, sah mir direkt ins Gesicht.
Bist du immer so ernst?, fragte sie leise.
Ich zuckte die Schultern, wandte mich dem Stadtbild zu.
Nicht immer. Ich kann Clubpartys bloß schon seit Jahren nicht mehr ausstehen.
Kann ich verstehen, sagte Annika plötzlich ungewohnt ruhig, fast schüchtern. Ehrlich gesagt fühle ich mich auch nicht wirklich wohl hier. Bin nur meinen Freunden zuliebe gekommen. Aber nachdem ich jetzt dich kennengelernt habe du bist halt anders als diese Feierwütigen da.
Das überraschte mich, und zum ersten Mal musterte ich sie länger. Im Zwielicht wirkte sie viel offener, aufrichtig.
Du bist also auch nur den anderen zuliebe hier?
Sie nickte und nestelte nervös am Saum ihres Kleides. Ja, manchmal sagt man halt zu, um Diskussionen zu vermeiden. Weißt du du gefällst mir trotzdem. Du bist nicht so wie die anderen.
Ich suchte eine ehrliche, aber unmissverständliche Antwort. Elisabeths Bild stand mir dabei, wie so oft, vor Augen.
Danke für deine Offenheit, sagte ich nachdenklich. Aber ich bin verheiratet und meine Frau ist die einzige Frau für mich.
Annika wich dem nicht aus, machte einen Schritt näher, fast berührte sie mich dabei. Ihr Atem streifte mich leicht, angespannt wartete ich ab.
Was macht das schon?, flüsterte sie. Man kann doch trotzdem mit einer interessanten Frau einen netten Abend verbringen. Wer weiß, vielleicht ergibt sich ja was?
Ich drehte mich ruhig zu ihr, fest in meiner Überzeugung. Da ergibt sich nichts. Ich liebe meine Frau, und daran gibt es nichts zu rütteln. Bitte akzeptiere das.
Für einen Augenblick war Annika still, dann umspielte wieder ein etwas gezwungenes Lächeln ihre Lippen.
Mensch, du bist jung, attraktiv, hast alles warum willst du dich einsperren? Ein Abend, ein Treffen, mehr nicht!
Sie ergriff meine Hand, diesmal fester. Ich zog sie sanft, aber bestimmt zurück.
Ich weiß dein Interesse zu schätzen, aber mein Herz gehört einer einzigen Person. Daran ändert sich nichts, sprach ich nun klar und ruhig.
Na gut, meinte Annika, hob trotzig das Kinn. Es ist nur du bist halt so anders. Wir hätten ein tolles Paar abgegeben.
Annika, erwiderte ich ruhig, ich habe keine Zweifel und bin glücklich verheiratet. Respektiere das bitte.
Für einen Moment zuckte ein Hauch Ärger durch ihren Blick, dann ein rasches Lächeln.
Vielleicht hast du einfach noch nicht die Richtige getroffen gib mir eine Chance.
Ich brauche keinen Beweis. Ich bin angekommen, da wo ich bin.
Jetzt brach Annika endgültig ab, blickte mich böse an. Für einen Wimpernschlag zeigte sich offen Zorn, dann straffte sie sich.
Okay, ich hör auf.
Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und verschwand wieder in der Hitze des Clubs. Ich blieb noch auf dem Balkon, atmete langsam durch. Mein Kopf war leer und ruhig. Elisabeth ihre kleine Geste, ihr Lächeln, ihre Art, das Zuhause so warm zu machen das war alles, wonach ich mich sehnte.
Ich betrachtete noch einmal die Stadt, dann machte ich mich endlich auf den Heimweg.
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Ich hatte gedacht, das Kapitel Annika wäre abgeschlossen stattdessen fing die Geschichte nun erst richtig an.
Am nächsten Morgen poppte während der Frühstücksmarmelade auf meinem Handy ihr Name auf. Drei Worte in messerscharfer Unschuld: Na, wie gehts? Nichts Aufdringliches, ein schlichtes Morgengruß.
Ich antwortete knapp und höflich: Alles gut. Bitte schreib mir nicht mehr. Telefongespräch beendet, Nummer blockiert.
Doch die Nachrichten häuften sich. Mal war es ein Tipp für eine Kunstgalerie, mal eine nette Wetterprognose, bald wurde die Tonlage eindeutiger: Man sollte Chancen nicht vergeuden, Sebastian Stumm drückte ich jede Nachricht weg, blockierte weitere Nummern. Kommunikationsversuche gab es jetzt fast täglich. Mal früher Morgen, mal mitten in der Nacht, wenn ich neben Elisabeth im Bett lag.
Eine Woche später: Nach Feierabend wollte ich noch am Wochenmarkt ein Brot fürs Abendessen holen. Plötzlich stand sie am Eingang meines Bürohauses.
Sebastian! Was für ein Zufall! Lass uns nen Kaffee trinken, nur zehn Minuten!
Ich verlangsamte den Schritt, wich aus.
Ich muss nach Hause, sagte ich knapp.
Annika packte mich am Jackett, hielt mich fest. Ihre Stimme dringlich: Bitte, ich will nur reden! Du hast noch nie jemandem wie mir eine richtige Chance gegeben!
Jetzt platzte mir dann doch der Kragen. Ich sah ihr offen und bestimmt in die Augen:
Annika, es reicht. Ich bin glücklich verheiratet, und ich HABE KEIN INTERESSE. Deine Hartnäckigkeit nervt mich. Bitte lass mich in Ruhe.
Langsam befreite ich meinen Arm aus ihrem Griff, wohl wissend, dass dies keine halben Antworten vertrug.
Ihr Blick kippte, blanker Ärger zeigte sich unmaskiert. Das wirst du noch bereuen!, zischte sie. Einen Moment lang glaubte ich, dass sie losschimpft, aber sie fing sich, reckte das Kinn. Du hast keine Ahnung, was du verpasst, schleuderte sie mir hinterher.
Doch, habe ich. Und ich verpasse nichts.
Ich drehte mich um und ging ohne zurückzublicken. Doch die letzte Szene markierte nur ein weiteres Kapitel in einem zermürbenden Spiel: Fast täglich trudelten neue Nachrichten ein, von immer wechselnden Nummern.
Eines Tages erhielt meine Frau Elisabeth einen merkwürdigen Anruf: Eine Frau behauptete, meine Überstunden seien ausgedacht, ich hätte sie belogen, erzählte sie mir beim Abendessen. Aber ich hab sofort gemerkt, dass die Frau alles erfindet.
Ich kochte vor Ärger, versprach Elisabeth, mich zu kümmern.
Kurz darauf traf ich Annika wieder, diesmal am Eingang unseres Mehrfamilienhauses in Eppendorf.
Sie versuchte, Unschuld zu spielen: Hallo, ich bin bloß auf einem Spaziergang hier.
Jetzt reichte es mir. Annika, lass uns damit aufhören. Jegliche weitere Kontaktaufnahme wird rechtliche Konsequenzen haben!
Ihre Reaktion: Eine Mischung aus kühler Ironie und Trotz. Was willst du denn machen? Anzeige?
Ich sah sie an, eiskalt entschlossen. Du kannst das selbst herausfinden.
Diesmal blieb sie reglos stehen, ich drehte mich wortlos um und ging.
Und doch: Zwei Tage später rief Thomas an, hörbar unsicher. Annika will dich anzeigen wegen Belästigung. Sie erzählt jetzt überall, du wärst derjenige gewesen.
Was sie nicht wusste: Da ich oft geschäftlich dokumentiere, archiviere ich traditionell alle Nachrichten, auch Mitschnitte von Anrufen. Der ganze Chatverlauf war gesichert inklusive ihrer anzüglichen Vorschläge und ihren Gesprächen mit Thomas, aus denen hervorging, dass sie meine Kontaktdaten von ihm erhalten hatte.
Ich sagte zu Thomas: Lass Annika ruhig zur Polizei gehen. Ich habe alles dokumentiert, von A bis Z.
Betretenes Schweigen am anderen Ende. Du meinst du hast Beweise?
Ja. Und wenn du und eure Clique sie weiterhin unterstützt, ist unsere Freundschaft Geschichte. Nur zur Info.
Sorry, war dumm von uns, stammelte Thomas nach einer Pause. Wir wollten dich wieder zum alten Sebastian machen, dachten Annika wäre genau die Richtige. Aber ab sofort mischt sich keiner von uns mehr ein.
Ich beschloss, die Sache endgültig zu klären. Ich schickte Annika einen Ausschnitt aus der Audiodatei, dazu: Das ist nur der Anfang. Falls du nicht aufhörst, bringe ich alles zur Anzeige. Mit sämtlichen Belegen, auch den Deals mit Thomas und Gregor.
Die Antwort kam eine Stunde später, voller Wut: Das traust du dich eh nicht!
Ich konterte: Lass uns das ausloten.
Seitdem blieb es still. Für einige Tage ahnte ich: Das war es. Endlich. Ich prüfte alle Benachrichtigungen, nichts mehr von ihr.
Eine Woche später rief Thomas wieder an. In seiner Stimme Unsicherheit, Reue.
Tut mir leid. Annika hat jetzt endlich verstanden, dass Schluss ist. Wir wollten nicht, dass es so eskaliert.
Gut. Aber fürs Erste kein Kontakt zu dir und den Jungs. Ich brauche jetzt Zeit für das, was zählt.
Zu Hause empfing mich Elisabeth mit einem langen, wortlosen Blick und einer Umarmung. Sie stellte Klassikradio auf leise, so wie wir beide es am liebsten mögen. Ich setzte mich zu ihr aufs Sofa, nahm ihre Hand und spürte, wie der Kreislauf aus Stress und Ärger langsam verflog.
Ist alles vorbei?, flüsterte sie.
Alles. Ich habe mich gekümmert.
Sie lächelte sanft. Ich habe nicht daran gezweifelt. Du kämpfst für uns in jeder Situation.
Da wurde mir erneut bewusst: Alles, worauf es ankommt, ist hier. Im warmen Schein unserer kleinen Welt, im Frieden unseres Hamburger Heims, im Vertrauen zu dem Menschen, mit dem ich mein Leben teilen will.
Und so lernte ich wieder einmal: Wahres Glück liegt nicht in lauten Nächten, fremden Reizen oder schnellen Abenteuern. Es liegt im Gefundenen, im Bewahrten im stillen Zusammensein mit der einen richtigen Frau. Alles andere war nie mehr als oberflächliches Rauschen.




