Matthias fand sich seltsam verloren, als seine Frau unerwartet verschwand.
Frauke stand am Fenster und blickte hinaus in den trüben Innenhof, regenverwaschen und glitschig.
Matthias scrollte durch Nachrichten auf seinem Handy, brummte ab und zu und hielt Frauke einen besonders empörenden Beitrag vor die Nase.
Frauke, murmelte er, ohne den Blick zu heben, kannst du vielleicht kurz zum Supermarkt? Ich hab Lust auf was Nettes zum Tee.
Sie drehte sich langsam um. Ihr Blick haftete am Ehemann. Wann war er zuletzt selbst losgezogen, um einzukaufen?
Matze, kannst du nicht einfach mal selber gehen?
Bin doch völlig erledigt von der Arbeit. Außerdem weißt du doch besser, was wir brauchen.
Besser wissen. Ja, natürlich. Weil ich nun seit fünfzehn Jahren die Lebensmittel besorge. Listen mache, Euro zähle, immer an das Salz denke, und dass Leonie keinen Quark isst.
Und du? Was weißt du eigentlich über unsere Einkäufe? ihre Stimme klang leise wie Nebelregen.
Wie meinst du?
Wie viele Liter Milch brauchen wir pro Woche?
Matthias geriet ins Holpern:
Äh Viel?
Welchen Quark kaufe ich?
Den normalen, oder?
Landliebe neun Prozent. Leonie isst nichts anderes. Und welcher Brotlaib kommt bei uns auf den Tisch?
Frauke, warum fragst du mich sowas?
Weil, Frauke stellte ihre Tasse klirrend auf das Fensterbrett, du wohnst in diesem Haus wie ein Gast im Hotel. Essen taucht auf, Wäsche wird magisch sauber, die Kinder erscheinen angezogen.
Ach komm schon, Mühsam löste Matthias sich vom Display. Ich ackere doch! Ich bring doch das Geld heim!
Ich arbeite auch. Nur habe ich dazu noch eine zweite Schicht zuhause.
Mama, hob Leonie den Kopf, morgen ist Elternabend. Kommst du da hin?
Natürlich.
Und Papa?
Frauke sah hinüber zu Matthias. Der zuckte die Schultern:
Hab leider ein wichtiges Meeting.
Und ich hab keinen wichtigen Job?
Darum gehts doch nicht.
Worum dann? Dass die Kinder meine Verantwortung sind?
Ihr versteht euch doch besser mit den Lehrern
Frauke lachte still, mit einer seltsam bitteren Note.
Weißt du, was ich gerade denke? Du kennst den Namen von Leas Klassenlehrerin nicht. Du erinnerst dich nicht, an welchem Tag Leonie Englisch hat. Für dich ist das alles ein natürliches Rollenmodell.
Ist das nicht so?
Matthias, sie setzte sich ihm gegenüber. Jetzt ehrlich: Was machst du, wenn ich morgen einfach verschwinde?
Was soll das denn für ein alberner Gedanke sein?
Antwort.
Matthias schwieg. Es war zu sehen, wie es in seinem Kopf ratterte.
Irgendwie wirds schon gehen.
Irgendwie. Du weißt nicht, wo die Kinderpässe liegen. Kennst die Nummer der Kinderärztin nicht. Weißt nicht mal die Schuhgröße unserer Töchter.
Kriege ich raus!
Leonie tauschte einen Blick mit Lea. Die Luft wurde dicht, als hätten die Wände begonnen zu atmen die Kinder spürten, dass es ernst wurde.
Frauke, seine Stimme wurde weicher, was ist los? Warum plötzlich so
Nicht plötzlich. Hat sich jahrelang angesammelt. Ich dachte immer, das gehört so. Die Frau muss alles wuppen. Jetzt merke ich muss sie eben nicht.
In der Nacht lag sie wach und zählte.
Fünfzehn Jahre Ehe. Fünfeinhalbtausend Tage, an denen sie morgens zuerst aufstand und nachts zuletzt zu Bett ging. Frühstück zubereitete, Hausaufgaben prüfte, wusch, putzte, Impftermine und Geburtstage im Kopf behielt.
Und Matthias? Arbeitete und fand, das reiche völlig.
Am Morgen hatte sie entschlossen.
Mädels, sagte Frauke zu ihren Töchtern beim Frühstück, heute Abend fahre ich zu Oma Ruth.
Für lange? fragte Lea.
Für eine Woche. Vielleicht länger.
Matthias hob den Blick aus seiner Kaffeetasse:
Was soll das? Ich hab doch meine Arbeit!
Du hast eine Woche, um zu verstehen, wie das Leben hier ohne mich funktioniert.
Frauke, das ist doch Flucht!
Nein, sie räumte den Tisch ab, ein Experiment.
Was für ein Experiment?
Mal sehen, ob du eine Woche lang Herr deines eigenen Hauses sein kannst.
Bis Mittag hatte Frauke ihren Koffer mit Sachen gepackt. Matthias schritt ihr nach, redete ihr zu, das sei alles Unsinn, er habe es kapiert, sie würden sich schon wieder einbekommen.
Wann kommst du zurück?
Weiß nicht, gab Frauke ehrlich zurück. Wenn ich spüre, dass man mich hier erwartet. Nicht benutzt.
Oma Ruth Matthias Mutter empfing sie argwöhnisch.
Was ist denn passiert? Streit?
Kein Streit. Ich habe einfach keine Lust mehr, Dienstmädchen zu sein.
Dienstmädchen? die Schwiegermutter war empört. Du bist doch Frau und Mutter!
Genau. Frau und Mutter. Keine Haushälterin.
Ruth schüttelte den Kopf:
Die jungen Leute! Früher hat die Frau alles geschafft, ohne zu jammern.
Und der Mann? Was hat er früher gemacht?
Was wohl? Gearbeitet! Die Familie versorgt!
Und sonst nichts?
Was denn? Das Entsetzen kam wie Nebel aus dem nächsten Traumzimmer.
Frauke betrachtete diese siebzigjährige Dame, die ihr Leben lang selbstverständlich alles allein stemmte. Die ihren Sohn großzog, ohne je zu verlangen, dass er mal abwäscht.
Ruth, haben Sie sich nie gefragt, ob Sie das alles allein schaffen müssen?
Doch unerwartet leise. Sehr oft war ich erschöpft. Aber was soll man machen? Das ist halt das Los der Frau.
Nein. Das ist kein Los. Das ist eine Entscheidung.
Die ersten drei Tage rief Matthias jeden Abend an. Klagte, dass Leonie die Frikadellen verschmäht, dass Lea die Sportsachen nicht findet, dass er nicht weiß, wann sie von der Schule abzuholen sind.
Frag die Mädchen selber, gab Frauke zurück.
Die wissen das doch auch nicht!
Sie wissen es. Du hast dich nur nie gekümmert.
Am vierten Tag hörten die Anrufe auf. Frauke wurde unruhig und meldete sich selbst.
Hallo? seine Stimme klang brüchig, fern, irgendwie verwittert.
Wie geht’s dir?
Miserabel, gab Matthias ehrlich zu.
Schweigen im Hörer, so dick wie Butterbrot.
Frauke, reicht’s jetzt? Ich habs verstanden. Wirklich verstanden.
Was denn?
Dass ich ein lausiger Vater bin. Und als Ehemann tauge ich auch nicht. Du bist eine Heldin, verdammt nochmal. Ich wusste echt nicht, wie schwer das alles ist.
Frauke schloss die Augen. Zum ersten Mal in fünfzehn Jahren hatte ihr Mann ihr zugegeben, dass es schwer sein kann.
Es geht nicht um schwer oder leicht. Es geht darum, dass Familie uns alle betrifft. Nicht mich allein und den Rest als Zuschauer.
Komm bitte zurück.
Bald.
Am siebten Tag sprach Oma Ruth von selbst den Aufbruch an:
Kind, vielleicht reicht die Lektion? Matthias hat angerufen, er klingt schon tränenreich.
Frauke kam nach zehn Tagen zurück.
Mädels! Sie umarmte die Kinder, ich hab euch so vermisst!
Und wir dich! Leonie klammerte sich an sie. Papa kann jetzt Nudeln kochen!
Wirklich? Frauke lächelte.
Und Wäsche waschen, ergänzte Lea. Aber meine Lieblingsjacke ist jetzt rosarot.
Matthias sah sie zerknirscht an:
Ich wusste nicht, dass man Buntes extra waschen muss.
Auf dem Küchentisch lag nun ein Zettel: Aufgabenliste, von Matthias selbst geschrieben. Terminplan der Hobbys, Telefonnummern von Ärzte, Menüplan für die Woche.
Was ist das denn? staunte Frauke.
Ich hab mich organisiert, gab Matthias schüchtern zu.
Abends, als die Kinder schliefen, saßen sie gemeinsam in der Küche bei Tee.
Entschuldige, sagte Matthias. Ich war blind. Ich dachte, alles passiert einfach so. Wie ein Depp hab ich fünfzehn Jahre in einem Zauberhaus gelebt, wo Elfen alles machen.
Frauke lachte zum ersten Mal seit Wochen aus tiefstem Herzen.
Keine Elfen. Nur eine völlig erschöpfte Frau.
Das wird nie wieder so sein. Versprochen. Ich hab einen Plan gemacht: Wer kocht, wer putzt, wer sich um die Kinder kümmert. Gleichberechtigt.
Wirklich?
Ja, wirklich.
Draußen tropfte Regen wie Melancholie aus alten Gemälden. Doch drinnen war es warm.
Manchmal muss eine Frau wirklich verschwinden, damit ein Mann lernt, sie wertzuschätzen.
Manchmal träumt man sich heraus, um endlich wach zu werden und sieht, das war kein Märchen.





