Jenseits des Erlaubten
Ich schlage vor, wir legen die nächste Sitzung auf nächste Woche. Passt Ihnen das? Johanna legte den Kugelschreiber mit einer Ernsthaftigkeit auf den Tisch, die sie im Schlaf beherrschte, und blickte Armin über ihre randlose Brille hinweg an.
Sehr gerne. Ich würde Sie sogar noch öfter treffen, so viel haben Sie mir schon geholfen! Sie haben mich wirklich aus einem Sumpf gezogen! Armin richtete sich im Sessel auf, ein herzliches Lächeln breiterte sich auf seinem Gesicht aus.
Man konnte hören: Das war keine freundlich dahingesagte Floskel er meinte es wirklich. Seit den Sitzungen mit Johanna schien Armins Leben, das vorher zwischen Frust und Apfelkuchen mit Magenbrennen pendelte, plötzlich wieder Takt zu gewinnen.
Meine Aufgabe ist es, Menschen zu begleiten, die gerade einen Wegbegleiter brauchen. Johanna nickte und sagte das in dem ruhigen Ton, den sie quasi mit dem Diplom überreicht bekommen hatte. Ich freue mich, dass Sie Veränderungen spüren.
Innerlich aber und darauf hätte sie beim besten Willen keinen Eid schwören wollen fühlte Johanna sich eher wie ein Gummibärchen in der Sonne: angespannt. Ihr Lächeln wirkte für Außenstehende warm und unverfänglich, für ihr Inneres war es mittlerweile Dehnübung. Aber Routine war nun eben Routine. Jahre in der Praxis hatten sie gelehrt, wie man die richtige Distanz hält und trotzdem Mitgefühl professionell portioniert.
Dann piepste Armins Handy kurz, und seine Miene wurde noch heller wahrscheinlich das wöchentliche Fußball-Tippspiel oder ein Katzenvideo von einem Kumpel. Schwupps, war er auf den Beinen.
Bis nächste Woche, dann! Schönen Tag noch.
Ihnen auch einen angenehmen Tag. Johanna begleitete ihn mit dem Blick zur Tür, dann fiel der professionelle Gesichtsausdruck in sich zusammen wie zusammengeklebte IKEA-Möbel nach der ersten Benutzung. Sie seufzte lautlos, ließ sich in den Sessel sinken, schloss die Augen und gestattete sich einen Moment menschlicher Erschöpfung. Dreißig Minuten bis zum nächsten Patienten ein knappes Zeitfenster, um das innere Gleichgewicht wiederherzustellen. Wasser, ein paar tiefe Atemzüge und der Versuch, den eigenen Pulsschlag wieder unter 120 zu bekommen. Heute standen noch so viele Sitzungen an, heute, morgen, immer. Aber jetzt galt: einmal nur Johanna sein nicht Therapeutin, nicht Partnerin in der Not, sondern einfach eine Frau, die auch mal durchatmen musste.
Armin war vor drei Monaten in Johannas Leben geplatzt. Er kam mit gesenktem Kopf, als hätte er eine Palette Currywürste auf dem Rücken zu tragen. Ein halbes Jahr lief alles schief: Stress im Steuerbüro, die Mutter im Krankenhaus und die Ehe bröckelte so verlässlich wie bayrischer Fels in den Alpen. Die Frau hatte irgendwann die Nase voll und sagte: Such dir Hilfe, sonst ersäufen wir beide!
Armin winkte erst genervt ab (Psycho-Gespräche? Unnötig wie ein Handtuch im November!), ließ sich dann aber doch bequatschen und holte sich über eine Kollegin die Nummer von Johanna. Beim ersten Treffen fiel Johanna an Armin nichts außergewöhnliches auf: Mitte 40, ruhig, fast etwas auf Reserve, aber mit einer Müdigkeit in den Augen, als hätte er jede Nacht mit den Bremer Stadtmusikanten gefeiert. Klar, zunächst wertete sie ihn als Fallbeispiel, den man in Büchern bespricht oder auf Tagungen in Kaffee-Pausen erwähnt ehrlich interessiert, aber nicht mehr.
Die ersten Sitzungen waren Handwerk: Anamnese, Problemfelder, Lösungsstrategien. Checklisten für die Seele. Armin tauchte langsam wieder auf, die Mundwinkel wurden elastischer, die Probleme fanden endlich Namen und Ecken.
Doch Johanna merkte plötzlich, dass Armin sich leise in ihren Gedanken einnistete. Eigentlich war alles logisch: Er war ehrlich, nahm eigene Fehler an, wollte sich aufrappeln eine Mischung, die, Hand aufs Herz, manchen Männer in ihrem Leben abging. Sie freute sich auf seine Termine. Sie ertappte sich, wie sie nach Feierabend an ihn dachte oder sich fragte, wie er ohne Sorgen wohl wirkte.
Dass sie sich verknallt hatte in einen Klienten! wurde ihr erst klar, als die Tagträume regelmäßiger wurden. Anfangs schob sie das auf Zufall, dann auf den Frühjahrsblues, doch irgendwann half alles rationale Analysieren nichts mehr: Sie, gestandene Psychologin, war hoffnungslos verknallt.
Dabei war ihre Ehe stabil wie der Berliner Fernsehturm, der Mann, Kurt, ein wahrer Schatz: verlässlich, klug, ruhig. Sie hatten viele Jahre gemeinsam durchlebt, sich einen liebevollen Alltag geschaffen, fast schon ein IKEA-Katalog in lebendig. Plötzlich aber erschien ihr diese Solidität wie ein Teich, während das Gefühl für Armin einer sprudelnden Quelle glich.
Von außen betrachtet wusste sie: Verboten, gefährlich und, pardon, wirklich nicht ihr Stil. Therapie stand vor Liebe, Ethik vor Sehnsucht. Trotzdem musste sie alle Willenskraft aufbringen, um im Beruf Allüren und Herzflattern zu verstecken.
Kurt, der Ehemann, bemerkte natürlich, dass etwas nicht stimmte. Früher tratschte Johanna nach Feierabend über schräge Patienten-Stories oder bat um Rat, jetzt hockte sie schweigend am Teetisch, sah verträumt aus dem Fenster und zeigte ein Lächeln, das jeden Lügendetektor aus dem Konzept gebracht hätte.
Eines Abends, als sie apathisch mit einem Kamillentee vor sich hinstierte, fasste Kurt sie sanft am Handgelenk: Johanna, ist alles ok? Stress in der Praxis?
Da zuckte sie zusammen, wie jemand, der beim Naschen der Lebkuchen ertappt wird. Es ist… nicht direkt Stress. Eher eine seltsame Situation, murmelte sie, als wolle sie ein Rätsel auflösen. Das schlechte Gewissen machte es nicht leichter. Du kennst mich doch ich packe das! Das Lächeln drohte abzurutschen, und hätte der Hund im Haushalt noch gelebt, hätte selbst er das bemerkt.
Kurt insistierte nicht. Du bist eben nicht nur Therapeutin, sondern für ganz viele so etwas wie eine Freundin und Lebensretterin, erklärte er, voller Wärme. Und Johanna fragte sich, ob das reichen würde. Wollte sie Freundin sein oder mehr?
Die Gedanken an Armin wuchsen weiter. Sie kannte seine Mimik beim Grübeln auswendig, erging sich in Zukunftsphantasien, überprüfte heimlich sein Facebook-Profil über ein Fake-Account ja, reife Leistungen für eine ausgebildete Psychologin! Jedes Mal nach dem Stalken kam Scham auf, aber neugierig war sie trotzdem. Spinnst du?, fragte sie sich oft selbst. Aber der Wunsch, ihm näher zu sein, blieb.
Vielleicht, dachte sie manchmal heimlich, sollte sie sich selbst einen Therapieplatz suchen aber welcher Therapeutin gesteht schon offen, Kunden zu stalken? Nein, so viel Selbstmotivation zur Peinlichkeit konnte sie nicht aufbringen. Also trug sie weiter ihre Alltagsmaske und machte weiter gute Miene zum unlustigen Spiel.
Eines Abends nach einer besonders zermürbenden Sitzung mit Armin wollte sie niemanden mehr sehen nicht Kurt, nicht Greta, die inzwischen erwachsene Tochter, die in letzter Zeit ohnehin schon mit misstrauischem Blick die Mutters Seufzer beobachtete. Alles in Johanna schrie nach Pause: keine Küche, kein Smalltalk, einfach ein bisschen Dämmerung beim Blick aus dem Treppenhausfenster.
Da klingelte ihr Handy. Armin. Den wollten sie natürlich gleich wegdrücken Feierabend war Feierabend! Aber dann: Was, wenn etwas passiert war? Sie nahm zögerlich an, Bann der Berufsethik in der Stimme: Ja, Armin?
Ich musste jemanden sprechen. Es ist… sie macht wieder alles kaputt! Versteht nicht, wie schwer es mir fällt! Armins Stimme vibrierte, da hatten wohl die Nerven blank gelegen. Gemeint war natürlich seine Frau, das wusste Johanna sofort.
Hatten Sie Streit? fragte sie gedämpft.
Wenn man das so nennen kann! Sie nörgelt nur noch! Sie verstehen mich wenigstens, Sie hören zu!
In Johanna kämpften Mitgefühl und professionelle Bedenken einen Kleinkrieg aus. Ihr Job war klar, aber das Herz schlug Purzelbäume. Beruhigen Sie sich. Reden Sie in Ruhe mit ihr, versuchen Sie es ohne Vorwürfe. Erklären Sie ihr, was Sie gerade brauchen Unterstützung, nicht weitere Vorwürfe, sagte sie, seriös wie im Lehrbuch.
Das Gespräch zog sich, Johanna gab sich Mühe, den Profi nicht zu verlieren, auch wenn ihr Herz dabei einen Ironman lief. Nach der halben Stunde fühlte sie sich wie nach einem Halbmarathon bei Gegenwind. Schultern steif, Kehle trocken, im Kopf die Frage, warum eigentlich Armins Frau so hakte schließlich hatte sie die Therapie ermutigt! Vielleicht ahnte sie etwas? Oder vertrug sie einfach keinen Ehewandel mit psychotherapeutischem Antlitz?
Mühsam schleppte sich Johanna dann in die Wohnung natürlich stand Kurt schon im Flur, Stirn in Falten: Warum bleibst du auf dem Treppenabsatz sitzen? Telefon, murmelte sie und simulierte ein Lächeln, das sogar dem Milchkarton im Kühlschrank spanisch vorkam. Plötzlich hämmerte ein Kopfschmerz auf sie ein, wie ein improvisiertes Percussion-Orchester.
Du siehst gar nicht gesund aus, sagte Kurt besorgt. Er lotste sie liebevoll ins Schlafzimmer. Während sie das bequeme Lieblings-Nachthemd anzog und eine Tablette schluckte, bereitete er Tee und legte eine leise Playlist auf, die vielleicht sogar Wellensittiche in Tiefenentspannung versetzt hätte.
Sie verstummte unter seinen fürsorglichen Bewegungen, verkrümelte sich im Bett und oh Wunder der Selbstkontrolle weinte sich still nüchtern. Das Kopfkissen sog das Elend auf, wenigstens war jetzt niemand, der gute Ratschläge gab oder Maßstäbe vorgab. Alle Schichten Ehefrau, Therapeutin, Fels in jeder Brandung fielen ab, für einen winzigen Moment Ungefiltertheit.
Irgendwann hörte das Zittern auf. In der Küche klapperte Kurt mit dem Geschirr, aus dem Wohnzimmer roch es nach frisch gebackenem Apfelkuchen. Vor ihrem inneren Auge tauchte wieder Armin auf, gleich darauf Kurt: stets verlässlich, stets an ihrer Seite, stets voller Geduld. Was wollte sie eigentlich?
Auf der einen Seite Kurt, Ehemann deluxe, Alltagsheld und günstiger Therapeut in Personalunion. Auf der anderen Armin, Suchender, Klagender, Klient, der aber gleichzeitig in ihrer Gedankenwelt eine VIP-Karte besaß. Wieso hatte sie sich bloß darauf eingelassen? Und war das normal? Oder hatte sich einfach zu viel Kummer in ein unachtsames Herz geschlichen?
Johanna wusste: Es konnte nicht ewig so weitergehen. Jede weitere Sitzung tickende Zeitbombe für Job, Ehe und sich selbst. Keine Ausreden mehr, kein Selbstbetrug.
Sie wusste: Das war alles falsch! Für sie, für Kurt, für Armin. Sie brach jedes denkbare Gebot. Liebe zu Armin hätte nie eine Chance. Selbst wenn, um Gottes willen, Armin je Notiz von ihr als Frau nehmen würde für ein solches Drama fehlten ihr Energie und Glaube. Sie musste einen Schlussstrich ziehen wie, das war die Million-Euro-Frage.
Kurt sah in den folgenden Tagen, wie seine Frau abbaute: weniger schlafen, weniger essen, weniger Lachen. Je länger er sie beobachtete, desto entschlossener wurde er: Hier musste eine radikale Lösung her!
Eines Tages empfing er sie an der Haustür in der Art eines Generalfeldmarschalls: Wir fahren nächste Woche in Urlaub. Sag deinem Chef Bescheid ich habe das schon vorbereitet, dein Kalender wird anders bestückt. Deine Patienten landest du auf Kollegen um, Punkt. Pures Entsetzen, leicht garniert mit Erleichterung, machte sich in Johanna breit.
Wann gehts los?, fragte sie, inzwischen zu müde zum Gegenargumentieren.
Morgen. Er grinste sie verschmitzt an, als hätte er ihr soeben einen Hauptgewinn in der Lottoziehung präsentiert.
Zunächst kam Verblüffung, dann Erleichterung. Auch Aufatmen kann ein Feiertag sein. Warum nicht einfach alles stehen und liegen lassen?
Der Urlaub drei Wochen an der Nordsee, Wind in den Haaren, Sand zwischen den Zehen und Frühlingssonne auf der Nase. Morgens keine Termine, vormittags Croissant und Blick auf die Wellen. Kein Handy, keine Anrufe, keine Therapeutenrolle. Nichts hören von Armin, keine heimlichen Social-Media-Aktivitäten. Stattdessen lernte Johanna, wie man Wolken skizziert und Knäckebrot mit Matjes belegte.
Mit jedem Spaziergang wurde das Bild von Armin blasser, erst ein Schemen, dann ein Schatten, zuletzt wie eine Zeitschrift, die im falschen Wartezimmer zurückblieb. Dafür glänzte Kurt wieder in kleinen Gesten, im breiten Lachen, beim gemeinsamen Raten, wie viele Möwen sich diesmal um ein Fischbrötchen schlagen würden.
Eines Abends, zwischen Sonnenuntergang und Sauerteigbrot, wusste Johanna plötzlich: Kurt war und blieb das Beste in ihrem Leben. Der ganze emotionale Slalom der letzten Monate war schlicht eine Verirrung ein Ausrutscher, wie wenn man versehentlich den falschen Schlüssel ins Schloss steckt.
Nach dem Urlaub, entschlossen wie nie, kündigte Johanna in der Praxis. Sie hatte genug. Ab jetzt standen Gesundheit, Familie, Freude im Kalender die Seele musste nicht mehr zwischen Terminen verrenken. Kurt war hin und weg Das habe ich mir immer gewünscht, aber nie getraut zu sagen, bekannte er gerührt.
Johanna verspürte Leichtigkeit keine Angst mehr vor dem Morgen, neue Perspektiven, vielleicht Enkel hüten oder einmal ein Psychologie-Seminar geben, ganz ohne emotionalen Burnout und zwischenmenschliches Minenfeld.
Zuhause machte sich sogar der Hauskater Gustav auf dem Sofa breit, als ahnte er die Wendung. Johanna war angekommen nicht perfekt, aber bei sich.
Und endlich fühlte es sich an, als wäre alles so, wie es sein sollte.




