Ja, Hunde sind unendlich treu! Aber sie sind nur jenen treu, die sie ehrlich lieben Verrätern aber vergeben sie niemals
Liesl rannte dem Auto hinterher, quer durch das wabernde Zwielicht, durch die seltsam verdrehten Straßen am Rande einer deutschen Kleinstadt, deren Name sich wie ein Nebel in der Erinnerung verlor. Sie wollte nicht allein zurückbleiben, nicht in dieser fremden, glitschigen Welt stehen, ausgesetzt und vergessen.
Sie jagte dem hinterher, den sie geliebt hatte, an den sie geglaubt hatte bis zuletzt. Dem Menschen, den sie nicht verraten konnte nein, Verrat lag ihr fremd wie Fremdsprache in einem fiebrigen Traum.
Marlene, das ist Liesl! lächelte Herr Sebastian breit, stellte seine Hündin der jungen Frau im glänzenden Kleid und mit Stiefeln vor, deren Absätze so hoch waren, dass sie Sebastian um eine halbe Kopfgröße überragte.
Sie ist brav und klug. Ich bin sicher, ihr werdet euch gut verstehen. Sogar ziemlich sicher!
Liesl drehte sich freudig um Sebastians Beine, aber warf Marlene vorsichtige, prüfende Blicke zu.
Es war normal, dass Hunde Fremden misstrauen, doch diesmal war es anders. Liesl spürte es tief im Fell irgendetwas an Marlene roch unangenehm in ihrer Welt, so fern wie der Geschmack von Bittermandeln. Vielleicht lag es an dem stechend blumigen Parfüm, das alle chemischen Grenzwerte sprengte. Doch da war noch mehr.
Hunde besitzen eben diese eigenartige Fähigkeit: schlechte Menschen sofort zu erschnüffeln.
Liesl hatte dieses Talent ausgeprägt wie ein Musikinstrument, auf dem ein erfahrener Spieler alle Töne trifft. Ihr Gespür hatte sie nie betrügt.
Traten solche Leute auf der Straße auf, zog sie Sebastian am Strick fort, so fest sie konnte, oft gegen seinen Willen. Denn sie liebte ihn auf ihre Weise und wollte sein Glück bewahren, so gut es eben ging.
Aber in einer engen Altbauwohnung blieb kein Platz zum Ausweichen. Und Sebastian schenkte Marlene seine volle Aufmerksamkeit, war zärtlich zu ihr, umarmte sie, küsste sie
Als Liesl Marlene mit scharfem Blick musterte, nahm Marlene Sebastian beiseite, führte ihn in die winzige Küche und flüsterte hinter der halb geschlossenen Tür:
Sag mal, warum hast du mir nie erzählt, dass du einen Hund hast?
Ach, das ergab sich einfach nie wisperte Sebastian. Stört sie dich etwa?
Ja! Ich mag keine Hunde. Ich will nicht, dass so ein Tier mit uns unter einem Dach lebt Wie heißt sie noch?
Liesl. Liesl.
Wohin soll ich sie denn geben? Ins Tierheim? Auf die Straße? Wir sind nun schon fünf Jahre zusammen, glaube ich. Vielleicht auch vier. Ist doch egal aber eben schon ewig!
Sebastian Marlene schaute ihn vielsagend an. So lange der Hund hier wohnt, zieh ich nicht ein, und von Hochzeit keine Rede!
Ich kann Hunde einfach nicht ausstehen, kapiert? Such dir aus, was dir wichtiger ist: ich oder der Hund.
Der Regen fiel in dicken, wirren Schnüren vom Himmel, wischte gegen das Autofenster, tanzte auf Dach, Haube, Kofferraum. Scheibenwischer warfen Tropfen hektisch fort, wie um sie zu vertreiben, wie Sebastian, der tief in die Nacht hinein durch München jagte, das Gesicht düsterer als die Wolken.
Irgendetwas nagte an seinem Inneren, als hätte jemand einen ganzen Eimer Spülwasser auf seine Seele gegossen, als hätte ihn etwas dazu gezwungen, was er niemals tun wollte.
Aber er liebte Marlene. Oder meinte, sie zu lieben. Vielleicht war das mittlerweile egal.
Wichtiger war: Marlenes Vater hatte versprochen, alle Probleme seiner kleinen Medienagentur zu lösen, notfalls mit Beziehungen. Und der Mann hielt, was er zusagte.
Es war eine echte Chance, wieder auf die Beine zu kommen und die Firma in Zukunft zu vergrößern. Erfolgreich zu sein. Es wäre reichlich dumm, das auszuschlagen.
Draußen vor der Stadt drückte Sebastian das Gaspedal durch. Der Regen wurde stärker und der Wind auch Trommeln auf Glas, auf Dach und Motorhaube: Denk nochmal nach!, klang es wie aus den Schlaglöchern der feuchten Nacht.
Liesl lag auf dem Rücksitz und beobachtete die tanzenden Tropfen am Fenster. Ihr Gespür hatte Recht behalten. Seit Marlene kam, war Sebastian anders geworden wie der erste graue Herbstregen. Kein Wort, keine Hand strich ihr durchs Fell. Er wurde ihr fremd.
An einem grauen Rastplatz hielt Sebastian an, zündete sich eine Zigarette an. Rauch kräuselte sich im stickigen Innenraum.
Mit hochgezogener Kapuze stieg er aus. Liesl wartete stumm. Dann, ganz wie gedreht im Traum: Die Tür riss auf Rauch, Wind, kalte Nachtluft strömten hinein und hinaus. Sebastian griff nach dem Halsband, zerrte Liesl nach draußen. Sie winselte.
Zwei metallische Schläge zuerst flog die hintere Tür zu, dann die Fahrertür. Das Auto beschleunigte. Die Rücklichter glommen rot, Regen schlug weiter gnadenlos auf das Blech.
Liesl, allein auf der Landstraße, starrte dem Wagen nach. Der Regen peitschte in ihr Fell, saugte sich gierig in jede Faser.
Sie lief los. Sie rannte dem Auto nach, mit aller Kraft, durch Pfützen, gegen den Wind. Sie rannte dem nach, den sie geliebt hatte. Dem, den sie nie verraten konnte.
Aber wie sollte sie mit hundert Stundenkilometern mithalten? Sie war kein Gepard, sie war nur ein Hund. Das Fell wurde schwer und nass, das Herz schwerer.
Die Rücklichter verschwanden im dunklen Labyrinth der nassen Landstraße. Und Liesl rannte immer weiter. Konnte nicht anhalten.
Wenn man nicht selber zum Halten kommt, schaltet sich manchmal das Schicksal ein, wie aus dem Nichts eines Alptraums nicht aus Bosheit, sondern weil es keinen Sinn ergibt, der Vergangenheit nachzujagen.
Ein Quietschen. Ein dumpfer Aufprall. Ein Autofahrer, Herr Ulrich, sprang aus seinem Wagen, riss die Hände an den Kopf. Auf dem Asphalt, spiegelglatt wie ein Kristall in der Finsternis, lag die Hündin.
Vorsichtig kniete er sich zu ihr. Ihre Augen, noch voll Vertrauen, schwammen jetzt in Melancholie und Leere.
Gott sei Dank, sie lebt! dachte Ulrich.
Er legte seine Jacke auf den Beifahrersitz, hob Liesl sanft auf das provisorische Lager.
Es war spät. Nur die 24-Stunden-Tierklinik am Rand von Augsburg hatte noch geöffnet. Dorthin fuhr er. Zwischendurch beobachtete er die Hündin, wie sie im Halbschlaf immer noch mit den Hinterläufen zu laufen versuchte, als wolle sie die Zeit rückwärts drehen.
Der Tierarzt nahm Liesl ohne Zögern auf, wollte kein Geld für den ersten Blick Ulrich erzählte stockend, was passiert war.
Der Arzt, sachlich und ruhig, erkannte sofort: Der Hund war einfach abgeschoben worden. Nicht der erste Fall, leider.
Glücklicherweise hatte Liesl außer Prellungen keine ernsthaften Verletzungen. Der Doktor verschrieb eine spezielle Salbe und riet, regelmäßig zu kühlen, damit die Schwellungen zurückgingen.
Ulrich trug Liesl nach Hause, bettete sie auf seine Jacke. Nur vorübergehend entschuldigte er sich.
Am zehnten Tag konnte Liesl wieder gehen, wenn auch mit einem kleinen Hinken, das aber mit der Zeit vergehen würde.
Hat man dich rausgesetzt? murmelte Ulrich auf dem Bett neben ihr.
Er hatte nie Hunde gehabt, kannte auch niemanden mit Hund. Eigentlich hatte er überhaupt keine Freunde mehr. Die paar, die einst da waren, hatte er verloren der eine hatte ihm die Freundin ausgespannt, der nächste den Betrieb ruiniert. Der dritte eine dubiose Sache eingefädelt und Ulrich beinahe in den Ruin gestürzt.
Alles überstanden. Nun wohnte er in Nürnberg, einem Ort, an dem seine neue Geschichte begann. Was Hundepflege anging, stützte er sich ganz auf Dr. Weber, den Tierarzt, der ihm vertrauensvoll geraten hatte: ruf an, wenn du etwas brauchst.
Durch Webers Hinweise bekam Liesl ihr erstes Bad bei Ulrich. Er hatte einen Kampf erwartet, aber Liesl ließ es seltsam gelassen geschehen.
Auch beim Futter ließ Ulrich sich beraten, fuhr zweimal mit ihr zum Kontrollbesuch. Wichtig war: keine Angst und keine Schwermut zurücklassen.
Das dauert eben, erklärte der Tierarzt. Weber empfahl Spaziergänge, Zeit, Geduld.
Gehen Sie mit ihr raus, verlangen Sie nichts. Sie wird Ihnen vertrauen. Geben Sie ihr Raum vielleicht werden Sie ja Freunde.
Und so wurde es. Alte Wunden heilten, äußerlich wie innerlich, und sechs Wochen nach der rätselhaften Begegnung verband Ulrich und Liesl längst mehr als nur ein Band aus Leine und Routine. Sie begann ihm zu vertrauen und tat bald schon, als würde sie sich auf das neue Leben freuen.
Dabei hieß sie jetzt nicht mehr Liesl, sondern Anneliese. Ins neue Leben mit neuem Namen für einen Neuanfang in einer anderen deutschen Stadt. Der Hund gewöhnte sich schnell an das neue Rufen. Vielleicht, weil der Klang ähnlich war, vielleicht, weil das Alte endlich vergangen war.
Sie liefen jeden Tag auf den verschlungenen Wegen durch verregnete Alleen, durch Parks voller Herbstlaub. Und ihnen war gut zu zweit.
Nur im Regen wurden Annelieses Augen melancholisch und ein wenig feucht nicht vom Regen, sondern von Erinnerungen.
Es ist schwer, das zu vergessen. Hunde sind keine Menschen, aber auch sie tragen Gefühle in ihren Seelen. Wer das leugnet, hat nie einen Hund gehabt.
Eines Tages im Park, als Ulrich eine Tasse dampfenden Kaffee in der Hand hielt und sich der Wind wie Herbstlieder um die Bänke legte, jagte Anneliese plötzlich einer Katze nach. Ulrich drehte sich um und sie war fort.
Die Kälte biss ihn, der Kaffee wurde vergessen. Suchend rannte er blindlings los, nicht wissend, in welche Richtung, aber in Eile, als hinge das Glück an einem losen Faden.
Anneliese bellte inzwischen lauthals eine Katze an, die sich ängstlich auf einen Baum geflüchtet hatte.
Ein schwarzer SUV hielt nebenan. Sebastian stieg aus. Auf dem Weg zum Supermarkt blieb er stehen, starrte wie vom Blitz getroffen.
Liesl! rief er ungläubig.
Anneliese erkannte ihren alten Namen erst beim zweiten Mal, zögerte, erst als sie die vertrauten Töne heraushörte, wandte sie sich wie in Zeitlupe zu Sebastian.
Liesl, komm! Der alte Besitzer hockte sich hin, lachte, lockte.
Fast wollte sie in seine Arme springen. Aber etwas hielt sie zurück, irgendetwas Schweres, was niemand kennt außer vielleicht die Hunde in deutschen Träumen.
Hat er sie verraten? Hat er sie verlassen, oder hat sie es nur falsch verstanden? Hat er all die Zeit gesucht, und nun gefunden?
Ihr Schwanz zuckte kaum merklich, ob vor Freude oder Unruhe, ließ sich nie genau sagen.
Sebastian sprang kurzerhand über den Zaun, kam auf sie zu, hielt die Hand hin.
Lieslchen! Ich bin’s! Wie schön, dass ich dich wiederhabe! Er streichelte sie, drückte sie an sich. Sie ließ es zu, aber von Begeisterung war nichts zu spüren. Kein erfreutes Drehen, keine wedelnde Rute.
Irgendetwas störte sie, hielt sie zurück.
In diesem Moment sah Ulrich, wie ein Fremder seine Anneliese am Halsband zur Karre zerrte.
Was machen Sie da? Das ist mein Hund!
Ulrich packte Sebastian an der Schulter, drehte ihn mit einer schnellen Bewegung um.
Ich sagte: Das ist mein Hund!
Wirklich?
Ja, wirklich! Anneliese, komm zu mir!
Sie machte einen Schritt auf Ulrich zu, aber Sebastian hielt sie fest.
Anneliese? Das ist Liesl! Sie ist meine Hündin, ich habe sie als Welpe großgezogen und dann
Und dann? Ulrichs Stimme zitterte, aber schon vor Ahnung.
Ist nicht dein Bier! Das ist mein Hund, ich nehme sie mit!
Nein, das wirst du nicht! Sie bleibt. Schluss aus und ansonsten bleib ruhig, mein Freund!
Was bitte?
Sebastians Gesicht wurde rot, die Fäuste geballt, er holte aus doch in diesem Moment zeigte die Hundeseele ihre ganze Entschlossenheit. Anneliese fletschte die Zähne, riss sich los und sprang zwischen die Männer, drehte sich Sebastian zu, knurrte, als wollte sie sagen: Bis hierhin und nicht weiter.
Sebastian erstarrte.
Nicht aus Angst, sondern vor Schock. Noch nie hatte Liesl so auf ihn reagiert. Noch nie hatte sie ihn bedroht.
Noch nie hatte sie ihn so angesehen voller Entschlossenheit, zu verteidigen, wenn es sein muss. Er ließ resigniert los und wich zurück.
Anneliese, komm, ist gut. Ulrich sprach leise.
Anneliese drückte ihre Schnauze in seine Hand, senkte demütig den Kopf, ließ die Leine einhaken.
Sie liefen Seite an Seite die Allee entlang, Goldlaub zu ihren Füßen, drehten sich kein einziges Mal um. Sebastian aber stand da, das Gesicht verzerrt, die Fäuste vor ohnmächtiger Wut geballt.
Mit Marlene hatte es nie geklappt, von Heirat keine Spur geblieben. Ihr Vater half nie im Geschäft, die Firma wurde verkauft, um Schulden zu begleichen. Sebastian konnte sich selbst nie verzeihen, was er in jener feuchten Nacht getan hatte.
Aber er konnte nichts mehr ändern.
Ja, Hunde sind treu doch nicht denen, die sie verraten haben
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