Meine Geschichte spielt vor 15 Jahren. Ein kleines Mädchen aus dem Kinderheim in München sah mich einige Minuten lang mit ihren grünen Augen an und fragte mich auf einmal:
Haben Sie eine Tochter?
Nein, antwortete ich überrascht.
Sie seufzte und meinte mit traurig gefasstem Blick:
Würden Sie nicht gerne eine haben?
Während ich noch über ihre Worte nachdachte, sprach sie weiter:
Ich kann Ihre Tochter sein. Wenn Sie das natürlich möchten…
Meine Gedanken begannen zu kreisen. Ich habe bereits einen Sohn, der jetzt 20 Jahre alt ist. Ein zweites Kind hatte ich nie in Erwägung gezogen. Doch ihr Satz: Eine Tochter wäre doch nicht zu viel. und ihr ausdrucksvoller Blick ließen mich nicht mehr los.
Schon immer habe ich mir eine Tochter gewünscht. Ein kleines Fräulein, dem ich Kleider und Puppen kaufe, gemeinsam schminke, Mädchenspiele spiele. Aber ich hatte einen Jungen und wagte kein zweites Kind. Ich sagte mir: Jetzt bin ich eine gestandene Frau. Kann ich wirklich ein Mädchen großziehen? Vor allem, wenn ich mir das immer erträumt habe? Aber natürlich! sagte ich, und sie umarmte mich, als wären wir schon immer Mutter und Tochter gewesen.
Mit dieser Umarmung schenkte sie mir all die Liebe, die sie in den Jahren im Kinderheim gesammelt hatte. Anna war damals fünf Jahre alt. Sie kam ins Heim, als sie anderthalb Jahre alt war. Ihre Eltern verloren bei einem schweren Autounfall in der Nähe von Nürnberg ihr Leben mit insgesamt sieben Todesopfern. Seitdem wünscht Anna sich nichts sehnlicher als eine Familie, doch wie in vielen Kinderheimen waren auch hier die Chancen gering, adoptiert zu werden. Also musste sie weiter warten.
Man kann sich kaum vorstellen, wie glücklich sie war, neue Verwandte zu haben, wie schnell sie sich alle Namen der Familienmitglieder einprägte. Jeder verliebte sich sofort in sie, denn Anna war ein wunderbar liebevolles Kind. Mein Mann war zunächst skeptisch, doch schon nach den ersten Minuten erlag er Annas Charme. Sie nannte uns sofort Mama und Papa und mein Mann dachte keinen Moment mehr daran, sich von ihr zu trennen.
Anna gewöhnte sich schnell an alles und konnte mühelos mit ihren neuen Klassenkameraden mithalten. Schon in der ersten Klasse fiel sie mit ihrer Intelligenz und ihrem logischen Denken auf. Mittlerweile hat Anna eine neue Leidenschaft: Sie schreibt Gedichte. Sie ist der Liebling in unserer Familie geworden, und ich bin dem Schicksal unendlich dankbar, dass ich damals das Kinderheim besucht habe, um sie kennenzulernen.





