Er wurde im Alter von zwei Jahren aus dem Kinderheim geholt. Ins Kinderheim kam er aber aus dem Polizeirevier, wohin ihn eine Streifenwagenbesatzung brachte, nachdem sie ihn allein auf der Straße gefunden hatte.

Weißt du, ich muss dir die Geschichte von Lukas erzählen. Der wurde mit zwei Jahren aus einem Kinderheim geholt. Ins Heim kam er wiederum direkt aus dem Kommissariat, wohin ihn die Polizei gebracht hatte, weil sie ihn allein und kreischend auf einer Bank im Park gefunden haben genau da, wo sich immer die Trinker zur Feier des Tages trafen.

Seine Adoptiveltern liebten ihn über alles. Sie vergötterten ihn regelrecht und haben mit allen Mitteln versucht, zu verbergen, dass er ihr Pflegekind ist. Sie sind extra umgezogen vom Rand von Leipzig nach Nürnberg damit er nie erfahren würde, dass er nicht der leibliche Sohn ist.

Doch irgendwann in der Schule kam es dann raus. Irgendwer steckte es herum, und bald tuschelten alle, nannten ihn das Findelkind, das Straßenkind. Sie lachten ihn aus, haben gehänselt, mit dem Finger auf ihn gezeigt und ihn geschubst oder getreten. Warum und wofür, hat Lukas nie verstanden; er war eigentlich ein ruhiger, stiller Junge.

Sein Vater, als er davon erfuhr, wurde ganz düster. Er brachte ihn zu einem alten Freund in den Boxverein. Dort bekam Lukas erst mal ordentlich was ab er wurde umgehauen und wieder auf die Füße gestellt, Blut im Mundwinkel, aber immer mit einem Grinsen. Nach den Qualen in der Schule empfand er das fast als Erholung.

Schon bald lernte er nicht nur, sich zu wehren, sondern auch die dämlichen Lacher der Mobber zum Verstummen zu bringen. Er wurde zur gefürchtetsten Figur in der ganzen Schule.

Nach dem Abi ging Lukas auf die Uni in München Biologiestudium, Fokus auf Zoologie. Das lag ihm. Nach dem Abschluss bekam er einen Job in einer Forschungsexpedition, reiste ein bisschen, sammelte Erfahrung.

Zurückgekommen, wurde er Mitarbeiter bei einem bekannten Tiermagazin, half im Zoo und unterrichtete wieder an der Uni.

Alles lief soweit super bis seine Mutter krank wurde. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters (Herzinfarkt am Steuer seines LKWs) hatte sie nichts mehr gehalten, ihre Gesundheit verschlechterte sich rapide. Lukas gab die Uni auf, blieb Tag und Nacht bei ihr und versuchte, weiter seine Artikel zu schreiben.

Als seine Mutter starb und er die Beerdigung hinter sich gebracht hatte, zog Lukas in ihre kleine Wohnung. Alles drinnen erinnerte ihn an seine Eltern, die so viel für ihn getan hatten.

Eines Abends fand er draußen ein kleines, graues Kätzchen, das jämmerlich miaute. Komm, Findelkind, sagte er, heul nicht. Jetzt wird alles gut. Ich war früher auch mal ein Straßenkind. Das war der erste. Nicht lange, und die Wohnung war voll mit Katzen und Hunden.

Lukas kümmerte sich rührend um die Tiere: brachte Streu raus, ging mit den Hunden Gassi, schleppte Katzen und Hunde zum Tierarzt. So vergingen die Jahre: Arbeit am Lehrstuhl, die Artikel im Magazin und ganz viel Zeit mit seinen Fellnasen.

Privat lief es eher stockend. Er lernte schon hin und wieder Frauen kennen, aber spätestens wenn sie das erste Mal zu ihm nach Hause kamen, war die Sache gelaufen. Kennst du diese Männer, die einfach im Chaos versinken? Genau so einer war Lukas. Er versuchte aufzuräumen, aber es klappte nie so richtig. Die Damen rochen sofort die Tiere, sahen das Chaos, hörten das Bellen und Miauen und meldeten sich nie wieder.

So fand sich Lukas mit fast fünfzig als Einzelgänger wieder. Gutes Gehalt, eine sichere Stelle an der Uni, Artikelleser im Magazin aber mit der Liebe klappte es einfach nicht.

Dieses eine Date ergab sich über ein Foto bei Parship. Sie gefiel ihm auf Anhieb. Im Restaurant in der Nürnberger Altstadt kam er schon beim Hinsetzen ins Schwitzen: Gegenüber saß eine attraktive Frau, vielleicht vierzig, tolle lange Beine, gepflegtes Gesicht, ein Kleid, das definitiv teuer war.

Na super, dachte Lukas, warum sollte sich so eine tolle, junge Frau für einen älteren, müden Typen mit einem Haufen Tiere in einer kleinen Wohnung interessieren?

Sie tranken und plauderten ein wenig. Sie schaute ihn an und fragte sich, warum sie überhaupt zugesagt hatte. Es gäbe doch bessere Angebote. Doch irgendetwas ließ sie bleiben. Vielleicht war es das entwaffnende, kindliche Lächeln, das immer wieder über sein Gesicht huschte?

Herrgott, ist der vielleicht ein bisschen verrückt? dachte sie. Warum lächelt er ständig so, und warum höre ich überhaupt zu, wie er von seinen Auslandsreisen erzählt?

Plötzlich sagt er: Sieh mal, ich weiß, das hier wird zu nichts führen. Sie werden nachher nicht mehr auf meine Nachrichten antworten. Schon allein wegen meinem Haushalt und meiner ganzen Tiere daheim. Tut mir leid

Er lachte dabei.

Sie runzelte die Stirn: Jetzt mal ehrlich, warum lügen Sie? Wenn ich JETZT mitkomme und wir fahren zu Ihnen, blamiert es Sie dann nicht?

Er war irritiert und stand sogar halb auf: Glauben Sie mir wirklich nicht? Sie können sich gern überzeugen!

Sie zahlten und gingen gemeinsam zu seinem Kleinwagen.

Im zweiten Stock machte Lukas die Tür auf sofort stürzten sich vier Katzen und drei Hunde auf ihn. Dann starrten sie die Besucherin neugierig an

Ach du meine Güte! schrie sie auf. Sieben Paar Augen starrten von unten hoch. Das war also alles wirklich wahr?

Na klar, sagte Lukas, alles Straßenkinder, wie ich.

Wie das?, fragte sie erstaunt.

Wir sind Findel-Spezies, lachte Lukas, in der Schule nannten die mich immer so.

Sie setzten sich, und Lukas schob den Müll vom Tisch beiseite, stellte ein paar Teller und Snacks aus dem Kühlschrank nach vorne. Schließlich fing er an zu erzählen… Er sprach und sprach; wahrscheinlich vertraute er zum ersten Mal in seinem Leben jemandem seine wahre Geschichte an.

Irgendwann wurde ihr Blick steinern, die Augen rot. Dann bat sie um einen Schnaps. Lukas holte eine alte Flasche französischen Rotwein hervor das Portemonnaie gab es her. Nicht der richtige Anlass, meinte sie, gießen Sie mir mal lieber Klaren ein. Sie trank einen kräftigen Schluck, wischte sich die Tränen aus den Augen.

Ganz schön stark, Ihr Schnaps, sagte sie, immer noch schluckend.

Da saß Lukas schüchtern grinsend da und sprach weiter. Bald bemerkte sie, dass unter ihren Füßen sieben hoffnungsvolle, ein wenig ängstliche Augenpaare zu ihr aufblickten.

Na ihr Süßen, sagte sie, ging in die Hocke und kraulte alle. Ehrlich, ich komm gleich wieder, ich bring nur schnell den Müll runter.

Die Tiere blockierten die Tür als wäre sie einbandig zur neuen Bezugsperson erklärt worden! Sie lachte, kraulte noch mal durch: Wirklich, ich komm zurück, versprochen!

Lukas schaute ihr beim Hinausgehen nach. Als sie zurückkam, fragte sie geradeheraus: Haben Sie eigentlich mein Profil richtig gelesen auf der Webseite?

Er wurde rot, das Kindergesicht war wieder da: Ehrlich gesagt, nein. Ich fand einfach nur das Bild so sympathisch.

Sie lächelte: Hätten Sie es gelesen, wüssten Sie, dass ich Tierärztin bin, habilitiert, und eine eigene große Tierklinik leite.

Lukas schnappte nach Luft: Wow

Sie grinste, beugte sich vor, küsste ihn unvermittelt, und die Hunde fingen an zu jaulen und zu springen, die Katzen rieben sich an ihren Beinen.

So, meinte sie, nun kommt! Zeit, was für den Morgen vorzubereiten ich muss früh raus und ihr wollt ja sicher auch Frühstück.

Seither wurde Lukas kleine Wohnung blitzsauber, es roch nach frischem Kaffee, Brötchen und Leckereien; die Tiere wurden kugelrund, gemütlich und zufrieden. Nach ein paar Monaten zogen sie in eine großzügige Wohnung in der Nürnberger Innenstadt.

Lukas selbst verstand nie so ganz, wie ihm dieses Glück widerfahren war, aber die Fellnasen, die jetzt mit ihren Menschen lebten, wussten es. Sie können nämlich auch für ihre Menschen das Glück erbitten und manchmal hören die Katzenengel wirklich zu… und helfen. Manchmal.

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Homy
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