Lass los, lass frei
Jetzt gib doch mal her! Gib sie mir! schrie laut und stampfte mit den Füßen die kleine Annika, zog die Puppe aus Hannahs Händen. Die Puppe war aus Plastik, hatte hellblonde Locken und trug ein gelbes Kleid. Sie wurde wild hin und her gerissen, als ob jeden Moment der Kopf abfliegen würde. Komm schon, gib sie doch, bist du geizig, oder was?! Uuuh! Annika zog mit aller Kraft und riss das Schleifchen vom Kleid. Hannah fing sofort an zu heulen, wie ein kleiner Bär, dem man alle Himbeeren weggenommen hatte.
Hannah war zu Annika aufs Land gefahren, weil Annikas Mama, Ingrid, heute Geburtstag hatte und Ingrid auch Hannahs Mutter, Sabine, eingeladen hatte.
Ingrid und Sabine waren früher gemeinsam in die Schule gegangen, saßen im selben Klassenraum. Doch das ist ewig her, danach haben sich ihre Wege getrennt: Sabine ging fürs Studium nach Göttingen, Ingrid blieb in ihrer Heimatstadt, lernte berufsbegleitend und arbeitete als Verkäuferin aber nicht in irgendeinem Laden, sondern in einem Spirituosengeschäft. Es lief dort gut, und der Ladenbesitzer, Herr Krüger stämmig, immer stoppelig im Gesicht, schnaufend machte Ingrid manchmal kleine Geschenke: einen guten Cognac, einmal sogar Rum, ein anderes Mal ein Fläschchen Obstler von zu Hause. Ingrid dankte freundlich, schob die Flaschen aber an Freunde weiter. Krüger meinte immer, sie habe einen feinen Geschmack, und so beschenkte er sie weiter. Wir hatten eine platonische Liebe, erzählte Ingrid ihren Freundinnen im Scherz. Dann starb Krüger erst wurde ihm aber der Laden abgenommen, und dann folgte er, geplagt von Sorgen. Es hieß, sein Herz hätte nicht mehr gewollt
Er war wirklich einsam, richtig einsam flüsterte Ingrid später, am Küchentisch und hob ihr Schnapsglas. Geld hatte er, alles hatte er. Aber keine Familie, keine Kinder. Keiner hat um ihn geweint. Bei der Beerdigung stand ich da und nur die zwei Lagerarbeiter. Kannst du dir vorstellen, Mama, so viel Geld, und trotzdem niemanden? Traurig, einfach traurig! Ingrid schluchzte, besoffen, erschöpft und durchgefroren nach dem nassen Novembertag auf dem Friedhof. Ihre Hände zitterten noch, entweder vor Kälte oder vor Angst vor dem Tod, vor der Frage, wie das alles mal sein wird. Viele Jahre später, nach einigem Erwachsenwerden, würde sie ihre Eltern lange und hingebungsvoll pflegen, sie besuchen, Suppe bringen, sie zum Essen überreden und irgendwann beide, zuerst ihren Vater, dann ihre Mutter, beerdigen. Und dann, irgendwann, hatte sie keine Angst mehr. Sie blickte dem Tod ins Gesicht einer müden, ausgemergelten Alten, die nur entschuldigend mit den Schultern zuckt. Und Ingrid würde nur sagen: Danke. Danke, dass du sie erlöst hast
Das war später. Jetzt aber hetzte Ingrid schnell zur Ballettschule, las dabei irgendwas auf dem Smartphone, hob dann den Kopf und sah die Silhouette.
Plötzlich freute sie sich so sehr, dass sie losrannte und rief:
Sabine! Warte doch mal!
Sabine drehte sich um, blinzelte kurzsichtig. Sie erkannte Ingrid kaum wieder vielleicht lags an der neuen Frisur, vielleicht hatte sie an Ausstrahlung gewonnen, oder vielleicht sah sie einfach angekommen aus.
Ba, Mensch, was für eine Überraschung! Und, wer ist das bei dir? Deine Tochter? Ich habe auch eine Tochter, Annika! Die ist gerade beim Ballett guck! Ingrid zeigte auf die Füße und lachte. Wir fördern das. Mein Mann, Tobi, ist dagegen, meint, wir quälen das Kind aber ich setze mich durch! Annika muss sich bewegen, der Rücken ist schief, sagt der Arzt. Sie soll es mal besser haben als wir. Aber genug von mir! sprudelte Ingrid los. Und bei dir so? Kind sehe ich ja, aber einen Ehering ?
Wir sind geschieden, sagte Sabine, zog die Hand zurück in die Jackentasche.
Ach, na und? Was gibts da zu schämen! Zahlt er wenigstens Unterhalt? Ingrid zwinkerte Hannah zu, die abwehrend wegsah. Wenn ja, ist doch alles gut! Die Hälfte der Welt trennt sich mittlerweile. Klar, wenn ihr kirchlich geheiratet hättet, wäre es eine Todsünde! Oh, was für eine Sünde! Ingrid verzog ihr Gesicht auf Omi-Art, wie damals ihre Großmutter aus der Uckermark, die sie vielleicht dreimal im Leben besucht hatte.
Waren wir nicht, murmelte Sabine.
Also, dann soll er einen guten Heimweg haben! Mädels, ich muss Annika abholen, heute ist nämlich Prüfung und Frau Berger, die große Lehrerin, sucht sich wieder die Besten raus. Berger, Sabine, das ist wirklich eine Koryphäe! Aber wisst ihr was Ingrid hielt inne, grinste und sagte plötzlich:
Kommt doch am Samstag zu meinem Geburtstag raus aufs Land! Sabine, du weißt ja noch, wie man fährt, oder?
Weiß nicht ist irgendwie peinlich stotterte Sabine und dachte darüber nach, was sie als angemessenes Geschenk besorgen könnte. Ohne Geschenk geht ja gar nicht, aber zu billiges will sie auch nicht bringen Ingrid ist ja aus einer anderen Liga.
Peinlich ist, am Ohr zu kratzen mit dem Fuß. Ihr kommt! Nur Familie, meine Eltern sind auch da, die kennen dich noch. Neulich sagte meine Mutter noch, sie hätte im Fernsehen deinen Namen gehört, irgendwas mit Baurestaurierung. Sie drehte sogar den Ton auf, aber dann war es nur eine Namensvetterin! Ach, ich quatsch schon wieder Kommt, Sabine! Es kommen auch andere Paare Oh, das war jetzt blöd, oder? Ich wollts nicht betonen, ehrlich bring jemanden mit, wenn du möchtest! Also, Samstag, ab zehn! Ich freu mich! rief sie schon von der anderen Straßenseite und winkte wild, wie ein SOS-Signal. Alle schauten ihr nach, aber Ingrid störte das wenig sie war nie verlegen
Sabine rügte sich innerlich, dass sie kein klares Nein gesagt hatte, jetzt würde man sie wohl erwarten. Oder auch nicht vielleicht hatte Ingrid sie längst wieder vergessen, diese Sabine aus dem früheren Leben geschieden, mit Kind, halber Wohnung, Tante Marianne, Problemen und null Festtagslaune.
Sabine schimpfte auf sich selbst, während sie mit Hannah einkaufen ging, an der Kasse anstand, nach Hause lief.
Warum steht ihr hier so rum? Alles für mich umsonst gemacht? Sabine, du räumst ja selbst nicht sauber aber könntest ja wenigstens die Arbeit anderer schätzen und dein Kind erziehen! keifte Tante Marianne, stemmte die Hände in die Hüften und schaute, wie Hannah auf Zehenspitzen versuchte, nicht die frisch ausgelegte Jutematte zu verschmutzen und sich mit der Mutter in ihr Zimmer schlich.
So geht das nicht! gab Marianne nicht auf, die den ganzen Tag nur zu Hause saß, eingebildet vom Alleinsein und weil sie wieder niemanden zum Streiten hatte. Schuhe aus, sauber machen! Nur, dass ich nicht noch ‘ne Pfütze aufwischen muss, für euch wieder die Dumme!
Die Stimme war schrill, und sie zupfte ständig an ihrem billigen, roten Plastikarmband.
Marianne, da ist nichts nass, der Weg ist trocken. Draußen ist doch kein Regen! sagte Sabine.
Tja, dann eben Staub! Muss ich den wohl einatmen? Ich hab Asthma, weißt du ja! Warum ich euch überhaupt aufgenommen habe, war eh ein Fehler. Eigenes tut nicht weh, und meine Gesundheit schon zweimal nicht, wa die Mitbewohnerin war voll in Fahrt. Endlich war was los am Abend.
Gut, ich mach sauber. Gehen Sie jetzt bitte aus dem Flur, Marianne, sonst ziehts noch! Sabine schnappte die Schuhe, brachte sie fort, und Marianne, zufrieden mit ihrem Sieg, ging ins Wohnzimmer. Gleich kam der Bericht über Helene Fischer. Die interessierte sie immer brennend was wohl privat bei Helene abging, obs brisante Details gibt
Nachdem sie das zu Ende gehört und immer noch nicht genug Klatsch bekommen hatte, kam Marianne in die Küche, wo Sabine für sich und Hannah hastig das Abendessen aufwärmte.
Tante Marianne stand mit verschränkten Armen und beobachtete Sabine, dann fauchte sie plötzlich:
Willst du mir noch alle Pfannen kaputt braten?! Du brätst wie aufm Marktplatz! Kauf dir deine eigenen Pfannen, dann kannst du machen, was du willst!
Ist meine Pfanne, Marianne. Auch mein Pfannenheber, sagte Sabine atemlos beim Umfüllen der Bratkartoffeln mit Frikadellen auf die Teller. Hannah, nimm und geh schon ins Zimmer.
Hannah balancierte beide Teller, wollte an Marianne vorbei, aber die rempelte sie an fast als wäre es Absicht. Das Essen landete auf dem Boden, die Gabel klirrte. Hannah japste erschrocken, kniete nieder und begann, alles einzusammeln.
Warum machen Sie das, Marianne?! Sie haben Hannah extra gestoßen! Warum eigentlich? Was tun wir Ihnen? Wir zahlen Miete, leben so, wie sie es wollen. Und Sie vergiften uns das Leben! Warum immer dieser Ärger? Am Morgen schmeißen Sie meinen Kaffee weg, das Fenster steht sperrangelweit offen, selbst wenns draußen friert! Wenn wir Ihnen nicht passen, sagen Sie es einfach! Hannah, geh bitte ins Zimmer, ich räum das hier auf. Weine nicht, Schatz, ich koche frisches Essen! Und zwar. In. Meiner. Pfanne. So. Wie. Ich. Will. fauchte Sabine und sah Marianne herausfordernd an.
Die, als hätte sie auf so eine Reaktion gewartet, lächelte plötzlich.
Na guck, da kommt ja noch Biss! Wieso, hast du deinen Mann nicht gehalten? Konkurrenz nicht weggejagt? fragte Marianne mit fieser Miene. Weißt du warum? Du bist ein Feigling, Sabine. Selbst jetzt streitest du dich, aber zitterst innerlich, Angst vor meiner Antwort. Und dein Georg hat das gemerkt, der wollte keine lahme Ente als Frau! Seine Neue zeigt ihm, wos langgeht, ist bestimmt leidenschaftlicher, als du’s je warst!
Sabine erblasste, biss sich auf die Lippe, knallte die Pfanne ins Spülbecken, schob Marianne beiseite und floh zu Hannah ins Zimmer. Dort konnte sie wenigstens leise, ganz leise, weinen, damit ihre Tochter nichts merkt.
Sabine war schon immer so nie Streit, nie Krach, bloß keinen Ärger. Die Eltern sagten immer: So ein braves, folgsames Kind, ein Wunder. Auch andere Mütter mochten Sabine sehr. Gab man ihr eine Aufgabe, führte sie sie aus. Wenn jemand um ein Spielzeug bat, gab sie es, egal wie gerne sie es hatte.
Die Lehrer hielten Sabine für vorbildlich, bis sie eines Tages das Geld für Arbeitshefte das eigentlich für die ganze Klasse gesammelt wurde einem Bettler auf der Straße gab.
Warum hast du das gemacht? Das war Klassenkasse! schüttelte die Klassenlehrerin den Kopf.
Er hat so gebettelt Er hat gesagt, er hat Hunger, stammelte Sabine mit roten Wangen und schniefte.
Sie müssen sie entschuldigen! stand ihr Vater hinter Sabine. Wie viel wars denn? Ich bezahle das.
Nicht ums Geld gehts, Herr Fischer
Konrad, half der Vater aus.
Es geht nicht ums Geld, Herr Konrad Fischer! Natürlich werden Sie das ersetzen. Aber aber Sie verstehen nicht: Ihre Tochter ist zu gutmütig, hat gar keinen eigenen Willen! Sie gibt jedem alles, macht alles, was man ihr sagt. Wer wird aus so einem Menschen mal?
Die Lehrerin war sehr aufgebracht, malte Sabines Zukunft in grauen Farben an die Tafel. Der Vater tat so, als hätte er alles verstanden, packte Sabine und verabschiedete sich. Die Lehrerin konnte ihm nicht mal hinterher, so schnell war er mit Sabine raus
Papa, tut mir leid ich hab euch enttäuscht, murmelte Sabine, als sie an der Bushaltestelle standen.
Ach komm, Kindchen. Mach dir keinen Kopf Aber hör zu: Werd bloß nicht kalt, hörst du? Das Gute, was du tust, kommt irgendwann zurück. Meine Oma, also deine Uroma, hat auch immer alles gegeben, allen geholfen, auch wenn sie oft ausgenutzt wurde, aber das Leben hat ihr Gutes zurückgegeben. Weißt du, als sie eine OP brauchte, hieß es, nirgendwo gibts einen, der helfen kann nur in Hamburg gäbs einen Spezialisten. Und was glaubst du? Genau der kam am nächsten Tag zufällig in unser Provinz-Krankenhaus weil er einen alten Freund besuchen wollte. Und hat dann tatsächlich meine Oma operiert. Alles gut ausgegangen! Also: Helfen ist gut. Aber
Aber was, Papa? schniefte Sabine.
Mit Verstand, Sabine! Mit Verstand!
Gerade kam der Bus, sie stiegen ein Sabine packte plötzlich den Arm ihres Vaters.
Da! Das ist der, dem ich das Geld gegeben hab. Der ist betrunken Sie deutete auf einen Mann, der über zwei Sitze hing und schnarchte.
Siehst du, Sabine? Immer mit Verstand, mahnte der Vater. Sieh lieber weg
Das Leben brachte Sabine nach und nach bei, Gutes nicht blind, sondern mit Vernunft zu tun. Manches tat weh, anderes kam doppelt so gut zurück.
An der Uni zum Beispiel, als ihre Mitbewohnerin Rita durch eine fiese Geschichte mit einem Professor rausflog.
Wie soll ich jetzt nach Hause kommen? Die Bahntickets sind jetzt ein Vermögen, ist ja Silvester! flüsterte Rita beim Packen. Und der Herr Professor taucht ab, als wär nix gewesen, nicht mal einen Arzt besorgt!
Egal, fahr nach Hause, Rita! Bleib nicht hier unter Fremden Hier, nimm! Sabine drückte Rita ihre Ohrstecker und dazu Geld in die Hand. Pass auf dich auf, iss was Richtiges. Nicht jammern, okay?
Du bist bekloppt, Sabine, ehrlich! Wie soll ich das je zurückzahlen? Nimm alles zurück, ich komm schon klar!
Sagen alle immer
Was sagen alle?
Dass ich verrückt bin, Sabine zuckte mit den Schultern. Ich helfe halt immer, auch wenn ich dabei draufzahle. Ist halt so.
Sie umarmten sich lange. Zwei Wochen später bekam Sabine von Rita ein Paket schwer wie ein Tresor! Drin waren Marmelade, geräucherter Schinken, gedörrte Äpfel, Honig, Socken mit Schneemännern und gut versteckt ein zusammengerolltes Bündel Geld.
Im Brief stand, Rita lebt nun bei der Oma, die hat überredet, das Kind zu behalten, Rita hat Arbeit gefunden
Sabine lächelte.
Von wem sind denn all die Köstlichkeiten? fragte die neue Mitbewohnerin. Verehrer?
Von einer Freundin
Mit Männern hatte sie nie Glück. Eigentlich war sie unsicher, wenn einer sie beachtete, wurde steif, alles, was an Aufgeschlossenheit dran war, war dann weg. Die Jungs kamen nicht mal zum Händchenhalten, geschweige denn zum Kuss.
Warum versteckst du dich eigentlich, Sabine? Du bist doch hübsch, wunderten sich die Freundinnen. Wenn du nur einmal schnippst, laufen alle Jungs zu dir!
Aber Sabine wollte nicht schnipsen. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, dass sie mal heiraten, Kinder kriegen würde
Und dann der Zufall: Georg, der später ihr Ehemann wurde. Zwei Jahre nachm Studium, beim Zahnarzt. Beide nervös, sie tröstete ihn
Sie heirateten, sie zog zu ihm, bald kam Hannah. Und als Frau und Mutter veränderte sich Sabine. Nein, sie wurde nicht härter, aber sie stellte jetzt erst mal die Familie an erste Stelle. Trotzdem wenn Freunde Georg besuchten, schnappte sie ihnen irgendwas zum Mitnehmen zu Kuchen, Äpfel, Schokolade. Georg lachte, die Leute nahmen es, Sabine war froh
Das ist alles schon lang her, wirklich lang her.
Sie kamen gegen elf bei Ingrid auf dem Land an. Ingrid sah die zwei Gestalten, stürmte hinaus, gefolgt vom kläffenden Dackel Bello.
Bello! Ruhe jetzt! Das sind Freunde! Mami, Sabine kommt mit Tochter! Annika, komm, deine Freundin ist da! rief sie, völlig ungeniert, und ihr Mann, Tobi, verdrehte die Augen und zündete sich eine Zigarette an. Schön, dass ihr da seid!
Sabine drückte ihr den kleinen Strauß und eine Schachtel Pralinen aus belgischer Schokolade in die Hand.
Ach, das wär doch nicht nötig gewesen, Sabine! sagte Ingrid und schnappte sich die Geschenke.
An der Tür kam Ingrids Mutter, Margarete, raus.
Nicht zu fassen! Ewige Zeiten! Sabine, herein! Wie heißt deine Tochter? Hannah? Dann komm, Hannah, Annika und ich machen heute Kuchen. Du hilfst jetzt mit! sagte Margarete. Die Mamis plaudern ein bisschen.
Annas Vater brachte Liegestühle in den Garten.
Danke, Papi. Alles gut bei dir? Schwindlig? fragte Ingrid.
Er zuckte die Schultern und ging ins Haus.
Sag mal ehrlich, geweint, hast du? fragte Ingrid, setzte sich und reichte Sabine einen Apfel.
Ach, alles gut. Habe mit der Mitbewohnerin gestritten winkte Sabine ab.
Mit welcher? Wo wohnst du überhaupt mit Kind? runzelte Ingrid die Stirn.
Ach, bei einer Bekannten, Marianne. Die kannte mal meinen Ex-Mann, von Kindheit an Sabine biss in den Apfel, schmeckte nichts, irgendwie war alles wieder so farblos, als wäre plötzlich ein grauer Schleier über die Welt gelegt.
Du wohnst bei einer, die deinen Mann schon von klein auf kennt? Und wie behandelt sie dich?
Na ja
Na, wie steht sie zu deiner Trennung? So als Insiderin? Ingrid war sich nicht sicher, ob das zu neugierig war. Ihr Mann musterte sie missmutig von der Bank aus sie winkte nur.
Meiner will sich ja auch scheiden lassen, wollte schon ab und zu durchbrennen, behauptet, das Leben ging am besten mit einer anderen Frau.
Kenne ich, sagte Sabine, schluckte. Lässt du ihn gehen?
Niemals! Ingrid schlug die Beine hoch, starrte sie an. Bis dass der Tod uns scheidet! Er wollte Familie, Kinder? Jetzt kriegt er, was er wollte. Ich halte ihn fest. Ist ja immerhin bequem bei mir, alles läuft, die Tochter hängt an ihm, meine Eltern schätzen ihn, und auf Arbeit klingt Familienvater immer gut! Ich klammer mich fest. Wenn er Fremd geht, kommt er doch zurück. Ich reiße ihn lieber auseinander als dass ich loslasse!
Sie klatschte eine Mücke tot. Aber du hast es anders gemacht ?
Ich hab losgelassen. Was bringts denn Man kann niemanden zwingen, zu lieben. Ich hab von Anfang an gemerkt, Georg liebt mich nicht mehr. Oder hat mich vielleicht auch nie richtig geliebt. Klar, am Anfang wars schön, wie im Roman, aber als Hannah kam, dann das Kränkeln und der Alltag, wars irgendwie vorbei. Wir haben uns getrennt. Marianne hält mich übrigens für rückgratlos, weil ich nicht gekämpft hab. Aber so ist doch für alle besser. Wo keine Liebe ist, ist alles Verpflichtung und Gewohnheit. Da tut man sich gegenseitig nur weh.
Ingrid schob die Sonnenbrille hoch, schaute Sabine an.
Liebe die gibts eh nicht. Erst ist es Chemie, dann Gewohnheit. Warte! Ingrid sprang auf, knöpfte Tobi an, der steckte sein Handy in die Tasche und wandte sich ab.
Ingrid kam zurück, ließ sich in den Liegestuhl fallen.
Sag mal, hast du vom Georg wenigstens die Hälfte der Wohnung behalten? fragte sie weiter, als müsse das so sein.
Tobi schreibt schon wieder mit einer anderen, erklärte sie, ich muss ihn andauernd erwischen. Aber weißt du was, über Annika krieg ich ihn immer. Droh ihm damit, das Sorgerecht zu streichen als ob das in Deutschland so einfach wär! lachte Ingrid.
Die Wohnung gehörte Georg, wir sind ausgezogen, sagte Sabine ruhig.
Also hast du nicht mal für Hannah gekämpft? Wenigstens Geld, andere Bleibe? Das hätte er doch tun müssen! empörte sich Ingrid.
Ich will nichts von ihm. Sobald ich die Restaurierung vom Stadthaus fertig habe, zieh ich mit Hannah zu meinen Eltern. Soll ich in der Küche helfen?
Wenn bei den Kuchen alles fertig ist, machen wir Salate. Ich wollte erst bestellen, habs mir aber anders überlegt! Selbstgemacht schmeckt besser. Ingrid schleppte Sabine in die Küche. Und ich hab noch Champagner aus Frankreich, ein Traum! Komm, auf uns!
Sie liefen Richtung Hausflur, Tobi schielte grimmig, spuckte zur Seite.
Mama, Annika hat meiner Puppe das Kleid kaputt gemacht! knurrte Hannah.
Ich wollte nur spielen, sie hat nicht gelassen. Dann hab ich gezogen Maaaaaama! heulte Annika. Tobi tauchte sofort auf, trug die Tochter fort und redete beruhigend auf sie ein.
Siehst du, so hält man sie fest! zwinkerte Ingrid ihrer Freundin zu, dann wandte sie sich Hannah zu. Nicht traurig sein, ich näh das gleich! Und du, hol mal die Malkreide und geh nach draußen!
Darf ich, Mama? fragte Hannah.
Klar.
Sabine fröstelte plötzlich, eine Gänsehaut prickelte über ihren Rücken.
Mich fröstelt hier auch, als läge was in der Luft, raunte Margarete, Ingrids Mutter, ihr leise zu. Ja, ja, wenn Liebe fehlt, bleibt nur noch Streiterei und Missgunst.
Mama! rief Ingrid.
Was Mama?! Margarete blieb gelassen. Komm, Sabine, wir haben Arbeit in der Küche!
Margarete verteilte Messer, Bretter, Gemüse los gings.
Dann schmiss Ingrid alles hin, rannte zu Tobi, riss ihm das Handy weg und ließ es auf die Gartenmauer krachen. Tobi sagte etwas, ging in den Schuppen.
Das geht jetzt seit zwei Jahren Zwei Jahre, Sabine Ach, wenn sie ihn doch endlich rauswerfen würde. Dann wäre endlich Ruhe. seufzte Margarete. Und bei dir?
Geschieden, sagte Sabine knapp. Liebt Ingrid ihn denn noch?
Quatsch! winkte Margarete ab. Sie gibt nicht los, weils ihres ist. So ist sie schon immer. Sie würde alles für andere hergeben, aber nur, solange es nicht wirklich ihrs ist.
Sie lebt nicht mehr sagte Sabine leise. Seit wieviel, zwei Jahren? Nicht mehr wirklich. Wir haben gleich Schluss gemacht. Jetzt hat jeder sein eigenes Leben vielleicht nicht sehr glücklich, aber ohne Nervenkrieg.
Du sagst es, Margarete nickte. Sie geht nur noch ein und aus, läuft nervös rum, ist ganz mager geworden, schickt Annika von Kurs zu Kurs, nur damit sie weniger mit dem Vater zu tun hat. Tut mir leid für sie, aber ändern kann ichs nicht.
Da kam Ingrid zurück, sie taten alle so, als sei nichts gewesen, sprachen übers Essen, über die Schule, über die Restauration.
und ehrlich, ich wollte schon dreimal absagen, weil Georg dagegen war aber als wir uns trennten und das Geld knapp wurde … jetzt liebe ich meine Arbeit! Sabine lächelte. Und es stimmte.
Na, war das doch dein Bericht im Radio! freute sich Margarete. Ich bin stolz auf dich, Sabine! Ingrid! In den Salat kommt kein Zwiebel!! Was machst du denn?! schnauzte sie plötzlich rum.
Ingrid wollte widersprechen, da hupte ein Auto, sie drückte Sabine die Wange, flitzte zur Tür, um Gäste zu empfangen
Kurz darauf gesellte sich Sabine dazu, Ingrid stellte sie allen Freunden vor. Erst fühlte sich Sabine unpassend, alles zu laut, alles fremd aber bald gewöhnte sie sich, lachte mit.
Tobi saß blass neben seiner Frau, grinste schief, verzog sich später unter Vorwänden
Zum Abend gabs Torte und Kerzen, Lieder, manche Gäste fuhren, manche blieben. Sabine und Hannah bekamen das schönste Gästezimmer mit Blick aufs Flusstal.
Manchmal siehst du hier nachts Glühwürmchen, flüsterte Ingrid zu Hannah. Und morgens kommen die Reiher ans Wasser! Vielleicht habt ihr Glück!
Hannah drückte Mamas Hand, Sabine nickte.
Ganz früh wurde es leise im Haus, die drei Frauen räumten auf, Annas Vater übernahm am Ende das Spülen.
Du hast Glück mit deinem Vater, so einen Mann macht keiner mehr, seufzte Ingrid.
Ach, es gibt schon noch ein paar murmelte Margarete. Leb jetzt endlich, Ingrid, sonst wirst du noch zum Schatten!
Mama, hör auf! fuhr Ingrid sie an und rannte rein. Sabine ging auch.
Ich schau mal nach Hannah. Macht euch keinen Kopf, heute ist doch Geburtstag, alles wird gut!
Margarete wischte sich verstohlen ein paar Tränen fort
Sabine wachte nachts auf, als draußen ein Auto hustend ansprang und das große Tor laut ins Schloss fiel. Scheinwerfer entfernten sich im Nebel, immer kleiner, bis sie verschwanden. Der Nebel kroch übers Gras, stieg zwischen die Bäume, brachte den Duft vom Fluss und von Kiefernnadeln mit.
Ingrid stand zitternd auf der Terrasse, jemand legte ihr still eine Strickjacke um.
Sabine, bist dus? Ich hab Tobi rausgeschmissen
Losgelassen konnte sie nicht sagen, das wäre wie Kapitulation, wie ein weißes Taschentuch hochhalten und davonkriechen.
Herzlichen Glückwunsch, Ingrid! Heute fängt dein neues Leben an, und weißt du was: Es wird dir gefallen! Jetzt musst du keinen mehr verfolgen. Alles vorbei. Du bist frei! Sabine legte den Arm um sie, vergrub das Gesicht in Ingrids Haar.
Du glaubst, es wird mir gefallen? Und wenn nicht? stammelte Ingrid ängstlich wie ein Kind.
Doch, das wird. Komm, gehen wir baden? Sabine zwinkerte frech.
Wie jetzt?! Nachts? Ohne Badesachen?
Du bist eine Spaßbremse! Na dann, bleib halt stehen! rief Sabine und rannte barfuß, lachend Richtung Gartentor.
Warte! Ich komme! Mann, Sabine, aus dir wird man nie schlau! Ingrid tippelte hinterher.
Stille Wasser sind tief, sag ich nur! rief Sabine und lachte
Das Bad im Mondlicht sah nur der Sichelmond über dem Fluss, die Sterne und Margarete, die am Fenster wachte, während die Mädchen auf einmal beschlossen hatten, in einem Zimmer zu schlafen.
Margarete lächelte. Heute war ihre Tochter zum zweiten Mal geboren erst untergegangen, jetzt auferstanden. Und wenn Tobi jetzt alles neu anfangen muss, hat Ingrid einfach weitergemacht: Vor ihr liegen Glühwürmchen, Morgendämmerung, Flussmilch und das Leben voller Ereignisse und Glück. Es geht gar nicht anders!
Einen Monat später zogen Sabine und Hannah endgültig bei Marianne aus. Ingrid hatte einer Freundin das neue Zuhause vermittelt.
Tante Marianne weinte und flehte, Sabine solle bleiben, sie besuchen kommen. Sabine nickte. Vielleicht. Manchmal. Wer weiß Ein paar Wochen später, als der Sommer seinem Höhepunkt zusteuerte, bekam Sabine im neuen Haus einen Anruf von Ingrid. Es war abends, die Küche roch nach frisch gebackenem Brot, und Hannah war im Garten auf der Suche nach Glühwürmchen.
Na, hast du dich schon eingelebt? fragte Ingrid und es klang ein wenig, als fragte sie nach dem Wetter.
Immer noch fremd, aber das vergeht, sagte Sabine. Hannah findet jeden Tag was Neues. Und du?
Ich hab Angst, gestand Ingrid nach kurzem Zögern. Dieses Loslassen ist wie Schwimmen ohne Ufer. Weißt du, manchmal denke ich an Tobi und spüre rein gar nichts. An anderen Tagen, da will ich alles wiederhaben: Krach, Tränen, sogar seine blöden Witze. Ist das normal?
Sabine lächelte in den Hörer, so weich, dass Ingrid es durch die Leitung spüren konnte.
Es geht vorbei. Irgendwann fängst du an, dich selbst zu vermissen und findest dich neu dabei. Und dann denkst du an die Glühwürmchen, an den Fluss und an uns beide beim Mondscheinbaden, erinnerst du dich?
Ingrid lachte leise, ehrlich, fast kindlich.
Ich hab mir neue Gummistiefel gekauft. Man weiß ja nie, wo ich jetzt überall hintrete.
Dann komm doch am Wochenende rüber, sagte Sabine. Hannah würde sich freuen. Wir könnten an den Fluss gehen, auf Freunde warten, die Gläser klingen lassen das Leben feiern, egal wie.
Ich komm, versprach Ingrid. Diesmal als ich selbst.
Als Sabine auflegte, sah sie hinaus zu ihrer Tochter, die mit einem Glas Licht fing. Über dem Garten hing der erste Stern, irgendwo schlief bereits das Dorf, nur ab und zu hörte man ein Lachen, das durch den blauen Abend trieb.
Sabine trat hinaus, zog Hannah zu sich heran, und gemeinsam hielten sie das Glas gegen den Himmel, in dem eine kleine Glühwürmchenlaterne tanzte. Sie dachte: Loslassen tut weh, aber man wird leichter. Und manchmal fliegt der, der sich traut, das Alte aufzugeben immer geradewegs ins eigene Glück.
Und im Gras, zwischen den blassen Füßen, glomm schon die nächste Freude auf.




