Mein Sohn bringt eine Freundin mit auffälligen Kussmund-Lippen nach Hause. Ich halte mich zurück, so gut ich kann, aber als sie meinen traditionellen Biskuit-Roulade als „Kalorienbombe“ bezeichnet, platzt mir der Kragen

Mein Sohn rief mittags an und meinte, er würde heute Abend nicht allein vorbeikommen, sondern seine Freundin mitbringen. Irgendwie klang er dabei sehr vorsichtig, ja fast feierlich, als habe er sich schon vorher überlegt, wie ich reagieren könnte. Ich fragte, ob sie länger bleiben würden, woraufhin er ausweichend meinte, es gehe nur ums Kennenlernen und wäre nichts Großes aber aus seiner Stimme hörte ich, wie wichtig es ihm war. Ich sagte natürlich, dass sie gerne vorbeischauen können, und schon nach dem Gespräch stand ich wie automatisch in der Küche, obwohl ich eigentlich gar nichts zu tun hatte.

Ich beschloss, eine Baiserrolle zu backen. Während die Eiweiße schaumig wurden, überlegte ich, wie sie wohl ist. Jung, modern, vielleicht ein wenig forsch oder doch eher ruhig? Über ihre Lippen hatte ich zu dem Zeitpunkt wirklich noch nicht nachgedacht.

Sie kamen, mein Sohn ging als Erster durch die Tür.

Mama, das ist Annalena, stellte er sie vor.

Ich hob den Kopf und in diesem Moment war es, als stünde die Zeit kurz still. Das Erste, was mir sofort auffiel, waren die Lippen. Groß, rosa-glänzend, wie aufgepumpt. Ich wusste im ersten Moment gar nicht, wohin ich schauen sollte, denn mein Blick wanderte immer wieder zu diesem Mund zurück.

Annalena gab mir die Hand. Sehr erfreut, sagte sie.

Ich lächelte automatisch zurück und dachte, dass meine verstorbene Schwiegermutter bei so etwas einen Monat lang die Nachbarinnen im Hausflur damit unterhalten hätte. In unserer Generation lösen solche Kussmundlippen ja eher einen Kulturschock aus als modische Bewunderung.

Wir setzten uns an den Tisch. Mein Sohn war übertrieben aufmerksam schob ihr den Stuhl zurecht, fragte besorgt, ob ihr nicht kalt sei. Annalena legte ihr Smartphone neben den Teller, als gehöre das Gerät ebenfalls zum Abendessen. Sie begann, von sich zu erzählen.

Ich achte sehr auf meine Ernährung. Das ist heute doch einfach ein Muss.

Das ist auch richtig so, antwortete ich. Gesundheit ist das Wichtigste.

Sie nickte und fügte hinzu: Ich esse mittlerweile fast gar kein Brot mehr.

Ich nickte erneut, musste aber innerlich schmunzeln. Wenn ich mein ganzes Leben lang kein Brot gegessen hätte, wäre ich wahrscheinlich ein ziemlich unleidlicher Mensch geworden.

Als ich die Baiserrolle brachte, geriet mein Sohn richtig in Verzückung.

Mama, hast du die selbst gemacht?

Sollte ich sie etwa bestellen? fragte ich mit einem Augenzwinkern.

Annalena betrachtete die Rolle, erst mich, dann wieder das Backwerk, verzog aber leicht das Gesicht, als hätte sie gerade etwas Verdächtiges entdeckt.

Sieht schon schön aus, aber das ist ja pures Fett und Zucker. Eine absolute Kalorienbombe.

Ich schwieg. Bemühte mich ehrlich, ruhig zu bleiben. Mein Sohn lachte gequält auf:

Mamas Backwaren waren schon immer lecker.

Das glaube ich, entgegnete Annalena. Aber ich esse sowas einfach grundsätzlich nicht.

Da merkte ich, wie es in mir zu brodeln begann. Es ging gar nicht um die Rolle, nicht mal um das Gesagte. Sondern um diesen Ton. Ich schaute erst meinen Sohn an, dann sie und plötzlich wurde mir klar, wenn ich jetzt wieder schweige, würde ich vermutlich für immer schweigen.

Ich stellte die Tasse etwas lauter ab als nötig und sagte: Nun ja, jedem das Seine. Wir sind offenbar eher die bodenständigen Leute.

Sie sah mich mit ihren großen Augen über den markanten Lippen an und lächelte, als hätte sie gar nicht verstanden, worauf ich hinauswollte. Ich wusste da schon der Abend würde bestimmt noch spannend werden.

Nach meiner Bemerkung über bodenständige Leute breitete sich Stille aus. Mein Sohn starrte in seine Teetasse, Annalena nippte am Wasser und musterte mich, jetzt ohne das Lächeln von zuvor.

Ich wollte wirklich niemanden beleidigen, sagte sie schließlich. Es ist heute einfach eine andere Zeit. Wir denken mehr an Gesundheit.

Darum geht es mir auch, erwiderte ich. Aber damals hat niemand Gesundheit an Kalorienzahlen festgemacht.

Mein Sohn versuchte zu schlichten: Mama, komm schon lass das bitte jetzt.

Ich sah ihn an und auf einmal war mir sehr klar, dass er gerade zwischen zwei Welten sitzt und Angst hat, aus beiden zu fallen. Es tat mir nicht einmal weh es war mehr bitter und ein bisschen tragikomisch.

Annalena blickte erneut auf die Baiserrolle und sagte stirnrunzelnd: Ich verstehe gar nicht, warum man so viel Süßes überhaupt zubereitet. Das ist doch ungesund.

Da machte es bei mir klick. Ich legte die Gabel weg und sagte fast erstaunt über mich selbst:

Und ich verstehe nicht, warum man die Lippen so machen lässt, dass man kaum noch essen kann. Aber ich sage ja auch nichts dazu.

Mein Sohn hob den Kopf: Mama

Annalena wurde rot, die Lippen glänzten noch mehr, und sie entgegnete scharf:

Das geht Sie doch überhaupt nichts an.

Genau, sagte ich ruhig, und meine Baiserrolle geht Sie auch nichts an.

Sekundenlang herrschte Pause. Das Handy auf dem Tisch vibrierte, doch niemand griff danach. Mein Sohn sah aus, als müsste er dringend raus. Ich dachte nur: Vielleicht habe ich heute zum ersten Mal seit Langem wirklich ausgesprochen, was ich denke, anstatt das, was von mir erwartet wird.

Annalena stand schließlich auf.

Danke für das Abendessen. Ich gehe jetzt.

Natürlich, nickte ich. Ich halte Sie nicht auf.

Mein Sohn begleitete sie. Im Flur stritten sie leise ich hörte nur Brocken wie sein gereiztes Jetzt warte doch mal und ihr scharfes Hast du gehört, wie sie mit mir geredet hat? Als die Tür ins Schloss fiel, war es so still, dass ich die Küchenuhr ticken hörte, die ich eigentlich längst austauschen wollte, doch es nie getan habe.

Mein Sohn kam nach vielleicht zehn Minuten zurück. Setzte sich wieder an den Tisch, blickte auf die Baiserrolle.

Musste das wirklich sein, Mama?

Wie denn sonst? Soll ich so tun, als fände ich alles gut?

Er seufzte und rieb sich das Gesicht.

Du verstehst das nicht… Heute läuft alles anders.

Ich verstehe nur eins: Wenn jemand ins Haus kommt und als Erstes mein Essen als Kalorienbombe bezeichnet, gehts nicht um Gesundheit, sondern um Respekt.

Er schwieg lange und sagte dann leise: Sie meint, sie will nicht mehr zu dir kommen.

Dann ist das wohl so, entgegnete ich, Ich wollte sie ja auch nicht besuchen.

Er musste schief grinsen, aber ohne Freude.

Weißt du, ich bin manchmal selbst müde von allem. Von Kalorienzählen, von dauerndem Darfst du nicht.

Ich schob ihm die Baiserrolle hin.

Dann iss. Und trink noch einen Tee, solange er heiß ist.

Er nahm die Gabel, schnitt ein Stück ab, probierte und meinte dann leise: Lecker.

Wir saßen schweigend da, aber es war ein anderes Schweigen. Schließlich stand er auf, umarmte mich, sagte:

Du hast echt deinen eigenen Kopf, Mama.

Und du bist mein vernünftiger Junge, antwortete ich.

Er ging erst spät. Ich blieb noch eine Weile in der Küche sitzen, aß den Rest der Rolle, und dachte: Die Zeiten ändern sich, klar. Aber ich muss nicht alles mitmachen. Manchmal reicht es, einfach nur bei sich zu bleiben auch wenn das nicht jedem gefällt.

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Homy
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