Als ich noch ein ganz gewöhnlicher Angestellter in München war, wie so viele andere auch arbeitete hart für einen kargen Lohn, da schienen all meine Verwandten mich zu vergöttern. Sie luden mich zu jedem Familienfest ein, halfen mir, wenn ich selbst nicht mehr weiterwusste, behandelten mich wie einen Schatz.
Doch irgendwann reichte mir dieses Leben nicht mehr. Ich wollte mehr. Ich beschloss, mein eigenes Unternehmen von Grund auf zu gründen, aber das Geld reichte beim besten Willen nicht. Als ich neunzehn war, starben meine Eltern bei einem Autounfall seitdem war ich auf mich allein gestellt.
Meine Tante Gisela hatte einen wohlhabenden Mann aus Hamburg geheiratet. Ich war überzeugt, dass sie mir ohne Zögern helfen würde. Aber ich irrte mich gewaltig.
Gisela meinte, ein eigenes Unternehmen zu gründen sei viel zu riskant und weigerte sich, ihr Geld zu investieren. Weißt du, ich verüble es ihr nicht einmal. Vielleicht hätte ich genauso entschieden. Es war ihre Entscheidung, ich verstand es. Natürlich war ich enttäuscht, aber das Leben ging weiter. Ein Bankkredit kam für mich nicht in Frage die Zinsen waren in Deutschland einfach viel zu hoch, das konnte ich mir nicht leisten. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu sparen, wo ich nur konnte selbst beim Essen , zusätzliche Jobs anzunehmen und jeden Cent für meinen Traum beiseitezulegen.
Nach und nach wurde mein Ziel immer klarer vor meinen Augen. Ich wusste genau, was ich für mein Unternehmen brauchte, wie viele Euro ich auftreiben musste und welches Konzept mir vorschwebte. Ich war entschlossen, nicht zurückzuweichen, egal was kam. Schon als Kind hatte ich davon geträumt, mein eigener Chef zu sein. Jetzt war der Moment endlich gekommen. Das einzige, was wirklich schmerzte, waren die ständigen Sticheleien meiner Tante. Jedes Mal, wenn wir uns auf einer Familienfeier über den Weg liefen, lachte sie übertrieben laut und rief:
Na schau einer an, unser großer Geschäftsmann ist da! Heute Abend haben wir also die Ehre, am selben Tisch zu sitzen wie unser Unternehmenschef!
Als ich es endlich geschafft hatte, meine eigene Agentur in München zu eröffnen, wandten sich meine Verwandten prompt von mir ab besonders Tante Gisela. Doch ich ließ mich davon nicht beirren. Nie war ich entschlossener gewesen. Nach anderthalb Jahren lief mein Geschäft so gut, dass ich sogar mehrere Filialen in der Stadt eröffnete.
Plötzlich rief meine Tante erneut an. Ihr Sohn, mein Cousin Lukas, wollte zum Studium nach Berlin und brauchte Unterstützung: Geld, eine Wohnung, jemanden, der ihm unter die Arme griff. Gisela war inzwischen geschieden, fand keinen Job mehr, von dem sie halbwegs leben konnte, und erinnerte sich jetzt plötzlich, dass es mich gab.
Ich jedoch lehnte höflich, aber bestimmt ab. Meine Expansion in andere Städte stand kurz bevor, das kostete Unsummen. Lukas war keineswegs meine Priorität. Mein Nein nahm mir Gisela übel sie brach alle Kontakte ab, obwohl sie sich vorher sowieso nie gemeldet hatte…
Heute laufen meine Filialen in München, Hamburg und Frankfurt. Das Geschäft floriert. Und Lukas? Der lebt immer noch bei seiner Mutter, die nun niemanden mehr an sich heranlässt genauso wie damals, als sie alle anderen Verwandten von sich gestoßen hat.





