– Du bist überhaupt nicht die Ehefrau, die ich brauche, – erklärte der Mann. Veras Reaktion hat ihn völlig aus der Fassung gebracht

Du bist ganz und gar nicht die Frau, die ich brauche, sagte ihr Mann. Was Hanna darauf tat, hätte niemand erwartet.

Hanna Schneider hielt sich nie für unglücklich.

Das muss man gleich zu Beginn verstehen. Sie war nicht die Sorte Frau, die nachts weint und ein Tagebuch voller Klagen schreibt. Kein Tagebuch. Keine Tränen. Sie lebte einfach ruhig vor sich hin, alles nach Plan, ohne viele Fragen. Die Tochter erwachsen, verheiratet. Die Wohnung aufgeräumt, das Abendessen fertig, alles an seinem Platz.

Von außen betrachtet: ein Musterleben.

Wie es sich innen anfühlte, war allerdings eine andere Geschichte.

Hätte jemand Hanna gefragt: Bist du glücklich?, hätte sie wohl erstaunt gefragt, was das denn überhaupt heißen soll glücklich. Es gab Dinge zu tun, Pflichten zu erfüllen. Glück, das war etwas für bunte Illustrierte, aber im normalen Leben hatte es keinen Platz.

Doch an diesem Freitagabend sagte ihr Mann ihr etwas. Ganz offen, ohne böse Absicht, einfach so weil er immer sagte, was er dachte. Für ihn war das ein Vorzug.

Hanna schwieg in der Regel auf solche Aussagen.

Nur diesmal nicht.

Das Abendessen verlief ruhig wie immer. Im Hintergrund murmelte der Fernseher über den aktuellen Eurokurs.

Hanna, sagte Martin und legte die Gabel weg.

In seinem Hanna schwang etwas mit vielleicht nicht die Intonation, aber die Pause danach.

Weißt du, ich denke schon lange darüber nach, strich er mit der Hand eine unsichtbare Falte aus dem Tischläufer, du bist einfach nicht die Frau, die ich brauche.

Hanna sah ihn an, ruhig, fast neugierig, als hätte er gerade eine große Dummheit ausgesprochen, die er selbst noch gar nicht bemerkt hatte.

Martin hatte wohl etwas anderes erwartet. Tränen vielleicht. Doch Hanna schwieg.

Hast du mich verstanden? fragte er.

Ja, sagte sie.

Und stand auf, begann das Geschirr abzuräumen.

Martin blieb sitzen, sah zu, wie sie die Teller in die Küche brachte.

Das ist alles?, fragte er, die Stimme minimal lauter.

Vorerst ja, antwortete Hanna.

Sie drehte den Wasserhahn auf. Das Gespräch hatte sich für sie erledigt. Martin merkte das nicht. Er glaubte, erst jetzt beginne es dachte, sie würde gleich loslegen, rechtfertigen, sich entschuldigen, sich bemühen zu beweisen, dass sie sich mehr anstrengen werde.

Er wartete.

Doch Hanna wusch schweigend das Geschirr.

In dieser Nacht lag sie wach.

Nicht die richtige Ehefrau, also.

Sie versuchte sich zu erinnern, wann Martin ihr zuletzt etwas Gutes gesagt hatte. Sie wusste es nicht mehr.

Dafür erinnerte sie sich an anderes. Das Jahr 2004 etwa, als Martin ein Angebot aus Stuttgart bekam eine vielversprechende Stelle, Karrierechance. Hanna war damals leitende Buchhalterin in einer mittelgroßen Baufirma in Köln, hatte ihr eigenes Büro, ein kleines Team, eine Tasse mit Chefin Geschenk zum Geburtstag. Vergnügt und stolz.

Du verstehst doch, das ist für die Familie, hatte Martin gesagt.

Sie verstand. Kündigte. Zog um. Die Tasse ging beim Umzug zu Bruch der Umzugshelfer hatte sie fallen lassen.

In Stuttgart fand sie ein halbes Jahr keine Arbeit. Als es endlich klappte, war es ein Job als normale Buchhalterin, weniger Gehalt. Es ging. Sie gewöhnte sich ein. Martin machte Karriere, Hanna führte den Haushalt. Sie kochte, wusch, ging zu Elternabenden für Anna, brachte sie zum Geigenunterricht, holte sie anschließend vom Englisch ab, und fuhr mit ihr nach Hause. Immer im Kreis, jeden Tag aufs Neue.

Drei Jahre später zogen sie zurück nach München.

Hanna suchte wieder Arbeit.

Dann wurde Martins Mutter krank. Gisela Schneider war eine Frau von schwerem, massiven Charakter wie eine alte Eichenkommode, wuchtig, dunkel, mit einem Schloss, das nie richtig schließt. Gisela hatte Hanna nie gemocht, nannte sie die da und tat so, als könne sie sich den Namen einfach nicht merken.

Als Gisela bettlägerig wurde, sagte Martin:

Meine Mutter hab ich nur einmal. Da muss man was machen.

Hanna machte. Sie fuhr dreimal die Woche hin, brachte Essen, Medikamente, wechselte die Bettwäsche. Gisela sah sie an wie jemand, der das falsche Gericht serviert bekommt.

Die Suppe ist zu salzig, meckerte sie.

Okay, das nächste Mal weniger.

Das nächste Mal… wer weiß, ob ich das noch erlebe.

Sie erlebte es. Vier Jahre lang. Dann starb Gisela still im Krankenhaus, im November. Martin weinte bei der Beerdigung. Hanna hielt seinen Arm fest und dachte daran, dass morgen die Kartoffeln fehlen.

Das war nicht Herzlosigkeit. Sie hatte einfach keine Kraft mehr für fremden Kummer. Den eigenen hätte sie schon irgendwohin verstauen müssen.

Martins Herz hatte sie sich dabei nie ausgeschüttet. Es war leichter so. Denn alles auszusprechen hätte Erklärungen gebraucht, Gegenreden, dann die Erschöpfungsreden, Ich geb doch schon mein Bestes. Hanna hatte keine Kraft zum Erklären und keine Lust zum Zuhören.

Sie drehte sich auf den Rücken.

Dann dachte sie an Nina. Ihre Freundin, nicht die Schwiegermutter. Nina Großmann, kennengelernt vor fünf Jahren bei einer Fortbildung. Nina war geschieden, wohnte allein in einer kleinen Wohnung in Sendling, hatte eine Katze und malte donnerstags Aquarelle. Sah immer so aus, als sei sie gerade erholt aus Südtirol zurück.

Ich versteh das nicht, hatte Hanna zu ihr gesagt. Allein sein ist doch schwer.

Allein ist leicht, hatte Nina geantwortet. Schwer ist es, wenn man zu zweit, aber trotzdem alleine ist.

Damals verstand Hanna das nicht. Oder wollte es nicht. Sie nickte bloß und wechselte das Thema.

Jetzt lag sie im Dunkeln und dachte: Genau so ist es. Schwer ist zu zweit, aber innerlich alleine.

Zuletzt hatten sich die beiden im September zufällig in einem Café an der U-Bahn getroffen. Sie saßen eine Stunde, tranken Kaffee. Nina erzählte vom Malen, vom Kater, der einen Blumentopf umgeworfen hatte und tat, als gehöre das so. Sie lachte. Und dann, einfach so, mitten im Gespräch, sagte sie:

Weißt du, manchmal bemühen sich Frauen ein ganzes Leben lang, gute Ehefrauen zu sein und vergessen, einfach glückliche Menschen zu werden. Als würde das nur an ganz bestimmter Stelle ausgeteilt, und man stand gar nicht in der Schlange.

Danach verabschiedeten sie sich, stiegen in verschiedene U-Bahnen.

Aber der Satz blieb. Kreiste in Hannas Kopf, tagsüber leise, nachts lauter, besonders wenn Martin schlief und Hanna an die Decke starrte. Wie jetzt, zum Beispiel.

Sie war also nicht die richtige Ehefrau.

Sie dachte: Und wie müsste die richtige sein? Die, die nie Fragen stellt? Die nie erschöpft ist? Die ohne Widerspruch umzieht, sich um fremde Mütter kümmert, eine gute Stelle aufgibt für den Job des Mannes und dabei immer lächelt?

Wahrscheinlich so.

Morgens betrat Martin die Küche um sechs Uhr vierzig. Wie jeden Morgen. Hanna stand schon am Herd Spiegelei, Toast, Kaffee. Immer die gleiche Runde.

Guten Morgen, sagte er.

Morgen, erwiderte sie.

Er setzte sich, griff zum Handy. Aß das Ei, trank den Kaffee. Stand auf.

Ich komme heute später heim Sitzung.

Okay.

Die Tür fiel ins Schloss.

Hanna trat ans Fenster. Draußen war Oktober, grau und nass. Auf der Bank im Hof saß ein alter roter, zotteliger Hund und schaute in die Ferne, als hätte er längst alles im Leben begriffen, was zu begreifen war. Dann erhob er sich, schüttelte sich und trottete um die Ecke.

Hanna fiel ein, dass sie die Unterlagen vor drei Wochen im Schrank oben eingeräumt hatte ordentlich, unter eine Zeitschriftenstapel. Damit sie nicht einfach so gefunden werden.

Sie holte sie jetzt heraus.

Drei Klammern, sauber sortiert: Mietvertrag für die Wohnung, Arbeitsbestätigung, Kontoauszug. Fünf Monate hatte sie alles zusammengesucht.

Sie legte die Papiere auf den Küchentisch. Martin kam um halb acht nach Hause. Schlurfte ins Zimmer, hängte seine Jacke auf, schaute in die Küche.

Gibts was zu essen?

Nein, antwortete Hanna.

Er sah sie an, dann auf die Papiere.

Was ist das?

Setz dich, Martin.

Er setzte sich, langsam, vorsichtig, wie jemand, der spürt, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt, aber noch nicht weiß, was.

Ich muss dir was sagen, begann Hanna. Ihre Stimme war ruhig, zu ruhig, wie sie selbst überrascht feststellte. Du hast gestern gesagt, ich sei nicht die Frau, die du brauchst.

Hanna, das habe ich so

Du hast recht, unterbrach sie. Ich bin wirklich nicht die Frau, die du brauchst. Die Frau, die du brauchst, hätte alles immer ertragen schweigend. Ich habe es lange versucht. Dir reicht das wohl nicht.

Martin sah sie an, in den Augen Unsicherheit.

Was ist das? Er deutete auf die Unterlagen.

Sie schob ihm den Mietvertrag herüber.

Ich habe eine Wohnung gemietet, sagte sie. In Neuhausen. Klein, ein Zimmer. Ab dem ersten November.

Martin nahm das Blatt, las. Legte es wortlos zurück.

Nächste Seite die neue Arbeitsstelle. Seit April war sie dort Hauptbuchhalterin in einer kleinen Bau­firma. Kleiner als früher, aber genug für sie allein. Ein Büro, immerhin.

Du gehst, stellte Martin fest. Keine Frage, nur ein leises Überprüfen der Realität.

Ich gehe.

Nur wegen dem, was ich gestern gesagt habe?

Hanna sah ihn an.

Nein. Gestern hast du nur ausgesprochen, was ich schon lange wusste. Das hat es mir eigentlich nur erleichtert.

Martin schwieg. Ungewohnt. Normalerweise hatte er immer die passenden Worte.

Ich bin dir nicht böse, sagte Hanna. Und das war die Wahrheit. Ich bin einfach erschöpft. Schon sehr, sehr lange.

Von mir?

Von mir selbst. Von der, die sich immer anpasst. Es ist ermüdend, ein Leben lang nur zu funktionieren.

Martin stand auf, ging ans Fenster, drehte sich um.

Aber wir waren so lange zusammen, das zählt doch das ist Leben.

Ja, sagte sie. Mein Leben. Und ich möchte, dass es jetzt anders weitergeht.

Hast du einen anderen?

Nein.

Warum dann?

Weil ich in zwei Jahren fünfzig werde. Und ich will dann in einer Wohnung leben, in der alles so steht, wie ich es möchte. Wo ich um elf schlafen gehe oder um zwei, und es niemanden interessiert. Wo im Kühlschrank das ist, was ich essen will, und nicht das, worauf du Wert legst.

Das klingt merkwürdig.

Vielleicht.

Martin kam zurück an den Tisch, nahm den Kontoauszug, blätterte.

Seit wann? Er stockte.

Im März habe ich angefangen. Stück für Stück.

Fünf Monate. Und ich hab’s nicht bemerkt.

Du auch nicht bei mir, sagte Hanna leise. Fünf Monate nichts. Von uns beiden.

Ich dachte, alles läuft ganz normal.

Ich weiß, sagte sie und räumte die Papiere wieder zusammen. Das ist wahrscheinlich das Problem.

Martin schaute sie an.

Hanna, sagte er. In seiner Stimme lag etwas Neues. Ich will nicht, dass du gehst.

Sie blickte auf.

Ich weiß. Aber du hast auch nicht bemerkt, dass ich da war. Sie stand auf. Das ist nicht dasselbe, Martin.

Er blieb sitzen, sah, wie sie in den Flur ging, ihren Mantel nahm.

Wohin willst du?

Zu Anna. Ich habe sie heute angerufen, sie weiß Bescheid. In die Wohnung ziehe ich am ersten. Bis dahin kann ich noch hierbleiben, wenn es für dich in Ordnung ist.

Bleib solange, sagte er leise.

Danke.

Sie nahm die Schlüssel, blieb an der Tür stehen, nicht weil sie zögerte, sondern weil ihr einfiel:

Martin, im Kühlschrank sind Frikadellen. Mach sie dir warm.

Die Tür fiel ins Schloss.

Martin saß lange in der Küche. Dann stand er auf, öffnete den Kühlschrank.

Die Frikadellen standen auf dem mittleren Regal, abgedeckt mit einem Teller.

Er machte sie nicht warm. Er stellte die Frikadellen auf den Tisch, setzte sich, nahm eine Gabel.

Aß kalt.

Draußen war es ganz dunkel geworden. Aus der Nachbarwohnung drang das dumpfe Rauschen eines Fernsehers. Kein Wort war zu verstehen.

Irgendwann waren die Frikadellen weg. Martin räumte still ab.

Er ging ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein Nachrichten, Eurokurs. Er sah vielleicht drei Minuten zu. Schaltete wieder aus.

Es war still. Eine Stille, wie Martin sie noch nie gehört hatte. Nicht, weil sie nie dagewesen wäre nur, weil er sie vorher nicht bemerkt hatte.

Am ersten November zog Hanna aus.

Wenige Sachen, ehrlich gesagt. Kleidung, Bücher, ein paar Küchenutensilien, eine Kaffeemühle, die Martin sowieso nie benutzte. Zwei Kisten und eine Tasche. Der Taxifahrer half ihr tragen.

Die Wohnung war klein und hell. Vierter Stock, Fenster zum Innenhof, draußen wuchs ein alter Vogelbeerbaum, rot und schon fast leer, nur die Beeren hingen noch dran. Hanna stellte die Kisten in die Mitte des Zimmers und sah sich um.

Am Abend rief Anna an.

Na, wie ist es?

Gut, sagte Hanna. Nach kurzem Überlegen. Wirklich gut, Anna.

Papa hat angerufen. Pause. Fragte, wie es dir geht.

Und was hast du gesagt?

Dass ich es nicht weiß. Er hat nichts mehr gesagt, dann aufgelegt.

Hanna nickte in ihr leeres Zimmer.

Das war richtig.

Martin meldete sich eine Woche später. Seine Stimme war leise, ohne die vertraute Überheblichkeit, alles gleich erklären zu wollen.

Vielleicht können wir reden, sagte er.

Gerne, erwiderte Hanna.

Sie trafen sich im Café an der U-Bahn. Eine Stunde saßen sie da. Martin sprach von fünfundzwanzig Jahren, davon, dass er manches vielleicht nicht gesehen habe, und dass er jetzt bereit sei eben bereit für einen Neuanfang. Hanna hörte zu. Trank Kaffee. Unterbrach nicht.

Als er fertig war, sagte sie:

Ich höre dich, Martin. Wirklich. Aber ich will nicht zurückgehen.

Warum?

Weil es mir jetzt gut geht.

Er sah sie lange an. Wirklich an. Als sähe er sie zum ersten Mal. Vielleicht stimmte das sogar.

Dann nickte er, zahlte den Kaffee, sie gingen hinaus.

Und trennten sich an der U-Bahn.

Fünfundzwanzig Jahre sind kein Grund zu bleiben. Es ist nur Zeit eine, in der man sehr gut lernen kann, zu schweigen. Doch irgendwann hört das Schweigen auf. Und dann merkt man, dass es gar nicht so furchtbar ist, für sich selbst zu leben. Furchtbar war nur, so lange zu tun, als müsste es anders sein.

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Homy
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– Du bist überhaupt nicht die Ehefrau, die ich brauche, – erklärte der Mann. Veras Reaktion hat ihn völlig aus der Fassung gebracht
Oma, bitte seien Sie mir nicht böse… aber woher haben Sie das Geld für all die Hunde? Es muss Ihnen …