Frau Erna, bitte nehmen Sie es mir nicht übel aber woher haben Sie eigentlich das Geld für all diese Hunde? Es muss doch sehr schwer für Sie sein
Im Behandlungszimmer ist es warm, alles leuchtet in weißem Licht, es riecht nach Desinfektionsmittel und diese stille, drückende Atmosphäre hängt in der Luft wie immer, kurz bevor eine Diagnose gestellt wird.
Dr. Klaus nimmt gerade die Latexhandschuhe ab und blickt auf das kleine Hündchen, das zitternd auf dem Untersuchungstisch sitzt. Eines seiner Pfötchen ist schlecht verbunden, wahrscheinlich mit einem alten, zerrissenen Lappen, und die großen feuchten Augen schauen voller Unverständnis in die Welt.
Neben dem Tisch steht sie: Frau Erna.
Eine zierliche ältere Dame, in eine dicke, wattierte Winterjacke gehüllt, obwohl es draußen gar nicht mehr so richtig kalt ist. Ein Kopftuch, traditionell unter dem Kinn gebunden, wie es ältere Frauen auf dem Dorf oft tragen, liegt um ihren Kopf. Die Hände hält sie unauffällig verschränkt, als wolle sie sich dafür entschuldigen, überhaupt da zu sein.
Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass sie kommt.
In letzter Zeit sieht man sie fast jeden Abend in der Praxis.
Mal bringt sie einen angefahrenen Straßenhund mit, mal einen völlig vernachlässigten. Manchmal ist es einer mit einer üblen, alten Verletzung, manchmal auch nur einer, der tagelang nichts gegessen hat.
Und jedes Mal ist Dr. Klaus aufs Neue überrascht:
Sie bezahlt.
Nicht viel, nie auftrumpfend, ganz ohne große Gesten.
Ganz ruhig zieht sie das Geld aus einem abgenutzten Portemonnaie, in dem die Ecken schon ausfransen, als schäme sie sich ein wenig für ihre Bitte.
An diesem Abend hält Klaus die Mischung aus Rührung und Verwunderung nicht mehr aus, nachdem er die Untersuchung abgeschlossen hat.
Er holt tief Luft und fragt, sanft, aber sichtlich besorgt:
Frau Erna entschuldigen Sie, aber wie schaffen Sie das eigentlich finanziell mit all den Hunden? Das ist doch sicher nicht leicht
Frau Erna blinzelt kurz, senkt den Blick.
Ein leises, müdes Lächeln huscht über ihr Gesicht.
Schwer ist es, mein Kind aber für sie ist es noch viel schwerer.
Dr. Klaus sagt nichts, sein Magen zieht sich zusammen.
Sie rückt das Kopftuch ein Stück von der Stirn, wie jemand, dem Emotionen zu warm werden, dann spricht sie langsam, fast stockend, als koste jedes Wort Kraft.
Ich bekomme nur eine kleine Rente.
Oft reicht es gerade so für Strom, Medikamente oder Holz für den alten Ofen
Aber wissen Sie was?
Klaus nickt stumm.
Abends, wenn ich aus dem Haus gehe sehe ich sie.
Die Hunde auf der Straße.
Sie schauen mich an mit diesen Augen als wäre ich ihre letzte Hoffnung.
Sie schluckt schwer.
Und ich kann nicht, Herr Doktor ich kann nicht einfach an ihnen vorbeigehen.
Es zerreißt mir etwas im Inneren.
Als würden sie mich lautlos um Hilfe rufen.
Dr. Klaus merkt, wie ihm die Kehle eng wird.
Aber wie schaffen Sie das nur? fragt er leise.
Sie kommen so oft die Behandlungen kosten
Die alte Dame zieht ihre Jacke fester an sich, als wolle sie sich gegen die Welt wappnen.
Ich schaffs nicht immer.
Ich verzichte.
Sie zählt schlicht an den Fingern ab, als wäre Güte kein großes Thema:
Ich kauf mir selbst kein Fleisch mehr.
Kartoffeln, Bohnen was eben da ist.
Neue Kleidung kauf ich mir nicht.
Die Jacke hier hab ich seit Jahren, aber sie wärmt noch immer.
Und manchmal lass ich eine Tablette weg aber sagen Sie das bitte niemandem.
Klaus schaut abrupt auf.
Frau Erna das geht doch nicht
Sie winkt ab, eine kleine Geste.
Ich weiß, mein Kind.
Aber glauben Sie mir mir schmerzt es nicht so wie diesen armen Tieren.
Diesmal sieht Dr. Klaus etwas anderes in ihren Augen.
Nicht nur Erschöpfung.
Eine uralte Traurigkeit.
Ein Schmerz, der mit den Jahren still und selbstverständlich geworden ist.
Ich hatte auch einen Sohn, sagt sie leise.
Beim Wort Sohn bricht ihre Stimme.
Ich hab ihn großgezogen, so gut ich konnte.
Aber er ist zu früh gegangen.
Klaus spürt einen Kloß im Hals.
Seitdem ist es still in der Wohnung.
Zu still.
Als ich dann den ersten kleinen Hund fand, nass, zitternd, im Hauseingang da nahm ich ihn auf den Arm.
Sie lächelt wieder schwach.
Seitdem ist meine Wohnung wieder lebendiger.
Er hat die Leere nicht gefüllt, nein
Aber er gibt mir einen Grund, morgens aufzustehen.
Dr. Klaus schaut zu dem Hund auf dem Tisch, dann wieder zu ihr.
Und begreift.
Frau Erna kommt nicht nur mit den Tieren.
Sie bringt jeden Abend ein Stück ihrer Seele mit.
Sie will retten, was noch zu retten ist damit sie sich nicht ganz verloren fühlt.
Wissen Sie, was mir am meisten Angst macht? fragt sie, fast schamvoll.
Nicht die Armut
Klaus hebt eine Augenbraue.
Die Gleichgültigkeit.
Dass die Menschen einfach an ihnen vorbeigehen, als wären sie Dreck.
Und wenn ich auch einfach vorbeigehe dann fühl ich mich selbst wie ein Stück Abfall.
Sie schweigt kurz, dann fügt sie hinzu:
Dann lieber ess ich weniger
aber ich weiß, ich hab etwas Gutes getan.
Im Behandlungszimmer ist es ganz still.
Dr. Klaus merkt, wie ihm die Augen brennen.
Er ist eigentlich keiner, der schnell weint.
Doch an diesem Abend bricht etwas in ihm.
Er schreibt etwas auf die Untersuchungsakte, schiebt sie langsam zu ihr rüber.
Frau Erna ab heute behandle ich Ihre Hunde kostenlos.
Die alte Dame erstarrt.
Nein, mein Kind das kann ich doch nicht
Doch, sagt er bestimmt.
Wissen Sie, warum?
Sie sieht ihn an.
Weil Sie mich daran erinnern, warum ich Tierarzt geworden bin.
Frau Erna hält die Hand vors Gesicht.
Ihre Augen füllen sich mit Tränen.
Herr Doktor ich mache doch nichts Besonderes
Klaus lächelt traurig.
Doch, das tun Sie.
In einer Welt, in der viele einfach wegschauen bleiben Sie stehen.
Er hebt das Hündchen sacht hoch, streichelt es und sagt:
Es wird alles gut, Kleiner.
Dann wendet er sich wieder ihr zu:
Und Frau Erna sparen Sie bitte nicht mehr an Ihren Tabletten.
Wir finden eine Lösung.
Sie nickt, Tränen laufen ihr wortlos über die Wangen.
Und an diesem Abend, als sie das Behandlungszimmer verlässt, den kleinen Hund fest im Arm, sieht Klaus ihr nach, wie sie den Flur entlanggeht.
Eine kleine Frau.
Mit kleiner Rente.
Mit einem schweren Leben.
Aber mit einem Herzen wie man es selten trifft.
Wenn dich diese Geschichte berührt hat, lass ein da und teile sie.
Vielleicht braucht heute jemand die Erinnerung: Güte hängt nicht vom Geld ab sondern vom Herzen.
Oma, bitte seien Sie mir nicht böse… aber woher haben Sie das Geld für all die Hunde? Es muss Ihnen …





