Der Mann demütigte mich vor allen beim Abendessen, doch ich lächelte nur und reichte ihm eine schwarze Schachtel mit einem Geschenk darin…
Das Glas in Ottos Hand funkelte gierig im Licht des Kristalllüsters. Das Festmahl, das er für seine engsten Freunde arrangiert hatte, war in vollem Gange.
Eine teure Wohnung in der Innenstadt, eine Tafel gedeckt wie für einen Botschaftsempfang, exquisite Speisen, deren Aroma sich kaum gegen den kalten Geruch des Erfolgs durchsetzen konnte.
…und nun, meine Herren, trinken wir auf meine Lieselotte, seine Stimme, samten und herrisch, überdeckte den Raum und ließ die Gäste Günther und Marlene unwillkürlich erstarren. Auf ihre, wie soll ich sagen, zahlreichen Talente.
Er machte eine wohlberechnete Pause, genoss die Macht über den Augenblick. Günther, sein langjähriger Freund und Geschäftspartner, legte langsam die Gabel ab. Seine Frau Marlene, einst Lieselottes beste Freundin, zog den Kopf zwischen die Schultern.
Neulich beschloss sie, sie sei Fotografin. Könnt ihr euch das vorstellen? Meine Frau. Kaufte sich von meinem Geld dieses… Spielzeug.
Ottos Blick glitt über die Anwesenden, und in seinen Augen spiegelte sich unverhohlene, faule Verachtung, gerichtet wie ein gebündelter Strahl auf seine Frau gegenüber.
Zeigte mir ihre Arbeiten. Verschwommene Blumen, Katzen… Unfassbare Tiefgründigkeit, nicht wahr?
Ich sagte ihr Liebling, dein Platz ist hier, zu Hause. Schaffe Gemütlichkeit für deinen Mann, der arbeitet. Verschwende nicht sein Geld für dieses… Hobby.
Das Wort Hobby spuckte er aus wie einen Fluch. Marlene hustete nervös und blickte zur Seite, tat so, als studiere sie das Tischtuchmuster. Günther hingegen hob die Augen und sah Otto an.
In seinem Blick lag etwas Kaltes, das Lieselotte nie zuvor bemerkt hatte.
Aber sie hat Charakter, fuhr Otto fort, sein Grinsen wurde breiter, hässlicher. Hält sich für unentdecktes Genie. Glaubt, das sei ihre Bestimmung.
Er beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Tisch und starrte sie an.
Sag mal, Lieselotte. Glaubst du immer noch, aus dir wird etwas? Oder hast du begriffen, dass dein Schicksal bloß darin besteht, die hübsche Zugabe zu einem erfolgreichen Mann zu sein?
Die Luft im Raum verdickte sich zu Gel. Es war keine Frage. Es war eine öffentliche Brandmarkung, ein Urteil, gefällt mit kalt sadistischer Grausamkeit.
Und in diesem Moment blickte Lieselotte auf.
Statt Tränen, statt Zorn blühte auf ihrem Gesicht ein leises, fast zartes Lächeln. Sie sagte kein Wort.
Er demütigte mich vor allen, doch ich lächelte nur.
Dann, in einer langsamen, präzisen Bewegung, beugte sie sich hinunter und holte unter dem Tisch eine kleine, pechschwarze Schachtel hervor, umwickelt mit matter Schleife.
Und reichte sie ihrem Mann.
Otto runzelte die Stirn, seine Selbstsicherheit bekam einen Riss. Er hatte alles erwartet Geschrei, stummes Verschwinden, Tränen. Aber nicht dies. Nicht das ruhige Lächeln und ein Geschenk.
Was ist das?, fragte er, und seine Stimme verlor den Samt.
Ein Geschenk. Für dich, antwortete Lieselotte ebenso leise.
Ihre Ruhe beunruhigte ihn. Sie war unnatürlich, fremd in diesem Haus, wo die Luft längst von seinem teuren Parfüm durchtränkt war, das alle anderen Düfte verdrängt hatte. Selbst jetzt, zwischen Trüffel und Wein, roch sie dieselbe scharfe, kalte Note.
Einst hatte ihr Zuhause anders gerochen. Nach frischen Lilien, die Otto ihr jeden Samstag brachte, nach bitterem Kaffee, den sie morgens gemeinsam tranken. Damals war er anders gewesen. Aufrichtig, warm, begeistert von ihrer Leidenschaft und ihrer Fähigkeit, Schönheit im Alltäglichen zu sehen. Er hatte ihr die erste Profikamera zum Hochzeitstag geschenkt. Schwer, echtes Metall. Sie erinnerte sich noch an seine Worte: Du siehst die Welt wie niemand sonst. Zeig sie mir, Lieselotte.
Und sie zeigte sie. Ihre kleine Wohnung war voller Bilder: Schwarz-Weiß-Porträts des schlafenden Otto, Regentropfen wie Tränen auf Glas, ein Sonnenstrahl in ihrem Haar. Otto war stolz darauf, führte Gäste herum und sagte: Seht her, das hat Lieselotte gemacht. Ein wahres Talent!
Doch dann stieg sein Geschäft auf, und ihre Ehe zerbrach. Zuerst Kleinigkeiten. Wozu der staubige Apparat, wenn es Smartphones gibt?, warf er nach einem Geschäftstermin hin. Dann kamen die Witze vor neuen, reichen Freunden: Meine Lieselotte die Künstlerin, fotografiert Nichtigkeiten, während ich echtes Geld verdiene. Seine Worte wurden zu kleinen, giftigen Nadeln, die langsam alles zwischen ihnen zerstörten.
Er sah ihre Bilder nicht mehr an. Sah sie überhaupt nicht mehr. Sie wurde zum Möbelstück seines Erfolgslebens. Das Schlimmste war, wie er ihren Raum eroberte. Ohne Erlaubnis trug er den alten Sessel ihres Vaters zum Flohmarkt passt nicht zum neuen Design. Dann versehentlich löschte er die Fotosammlung von fünf Jahren brauchte dringend Platz für Geschäftsdokumente. Ihr Atelier wurde sein Zweitbüro. Praktischer, Schatz. Du arbeitest ja eh nicht, sagte er, ohne sie anzusehen. Die Kamera, einst sein Geschenk, lag jetzt im Schrank unter seinen Akten.
Das letzte Gespräch war vor einem Monat. Sie erfuhr, dass sie schwanger war. Und in verzweifelter Hoffnung, es würde sie wieder verbinden, erzählte sie es ihm. Er schwieg, starrte in die Lichter der Stadt. Dann drehte er sich um kalt, fremd:
Ein Kind? Jetzt? Lieselotte, begreifst du nicht, wie unpassend das ist? Ich stecke mitten in einem großen Deal. Pure





