Frau Direktorin Schröder, darf ich kurz stören? In der Tür ihres Büros blieb einer ihrer Stellvertreter unsicher stehen.
Ja, Herr Vogt, kommen Sie ruhig herein, nickte sie geschäftsmäßig. Na, wie läuft heute alles bei uns?
Wie meinen Sie das? Wo denn?
Auf der Baustelle.
Ach, auf der Baustelle, ja. Alles in Ordnung dort. Warum fragen Sie?
Nun, Sie sind ja scheinbar nicht ohne Grund gekommen. Wollen Sie mir etwas bezüglich der Arbeit sagen?
Ja, genau, ich muss Sie um etwas bitten, brummte Vogt düster. Genauer gesagt, ich brauche Ihre Hilfe.
Ihre Hilfe? Frau Schröder blickte überrascht auf den intelligent wirkenden Mann und schüttelte den Kopf. Ach, Herr Vogt, in letzter Zeit gefallen Sie mir gar nicht.
In letzter Zeit?
Ja, Sie laufen so grüblerisch herum. Als hätten Sie ein Unglück in der Familie. Ist bei Ihnen zu Hause alles in Ordnung?
Tja, wie soll ich sagen seufzte Herr Vogt schwer. Bald wird es zu Hause sehr schlecht stehen, wenn Sie mir nicht ein bestimmtes Schriftstück geben.
Ein Schriftstück? Frau Schröder wurde hellhörig. Ich verstehe nicht. Wovon sprechen Sie?
Ich weiß, dass Sie nichts ahnen, aber… Vogt verzog das Gesicht. Es gibt keinen anderen Weg. Ich brauche eine Bestätigung von Ihnen. Für meine Frau.
Was? Unwillkürlich wurden Frau Schröders Züge lang. Ein Schriftstück? Für Ihre Frau? Inwiefern?
Einen Nachweis, dass zwischen uns nie etwas gewesen ist. Nichts Privates, gar nichts.
Was meinen Sie gewesen ist?
Eine… nähere Beziehung Vogt wurde knallrot. Wie zwischen Mann und Frau eben.
Sind Sie verrückt geworden? Frau Schröder erbleichte. Oder treiben Sie Scherze mit mir?
Nein, leider hängt unser Familienglück von dieser unterschriebenen Erklärung mit Stempel ab. Verstehen Sie, meine Frau hat sich in den Kopf gesetzt, dass wir beide ein Liebesverhältnis haben.
Die Direktorin war einen Moment sprachlos, dann fragte sie vorsichtig:
Ist Ihre Frau nicht ganz bei Trost? Von ihrem Mann einen Beweis zu verlangen, dass so etwas habe ich noch nie gehört. Nicht mal im Fernsehen gibts solche Geschichten.
Ich weiß! jammerte Vogt. Aber was soll ich tun? Wir haben Kinder! Sie droht, bei fehlender Bestätigung die Scheidung einzureichen und die Kinder mitzunehmen zu ihrer Mutter nach München. Und das, wissen Sie, ist für mich das Ende der Welt. Bitte, schreiben Sie doch dieses blödsinnige Papier!
Hören Sie, Herr Vogt! Frau Schröder konnte kaum glauben, dass das gerade wirklich geschah. Was bringt Ihre Frau auf die Idee, zwischen uns wäre je etwas gelaufen? Wir sind uns doch nie privat begegnet! Lippenstiftspuren auf Ihren Hemden könnten von mir unmöglich sein. Woher kommen diese Fantasien?
Daher Vogt zog sein Smartphone aus der Jacke, öffnete ein Foto und drehte es zu ihr. Dieses Bild hier hat sie gesehen, und sich festgebissen.
Und? Frau Schröder betrachtete mit Unverständnis das Gruppenfoto der Werksleitung. So ein Bild habe ich auch. Das war doch nach der Verleihung der städtischen Ehrenurkunden.
Ja, seufzte Vogt. Aber wir stehen nebeneinander, und meine Hand liegt auf Ihrer Schulter.
Weil so viele Leute ins Bild mussten!
Genau. Aber schauen Sie auf Ihren Kopf. Gisela meint, Sie würden Ihren Kopf nur so an die Brust eines Mannes legen, wenn Sie ihn lieben!
Was? Frau Schröders Augen wurden vor Entsetzen groß. Welche liebenden Frauen? Hat Ihre Frau keine Augen im Kopf? Ich neigte mich vor, weil ich vermeiden wollte, dass Frau Wichmann mit ihrem Strauß mein Gesicht verdeckt!
Ich habe das Gisela zigmal erklärt, aber je mehr ich rechtfertige, desto größer ihr Argwohn. Ohne Ihr Schriftstück bin ich erledigt. Wirklich.
Aber so weit darf es doch nicht kommen! rief Frau Schröder. Sind Sie denn so hörig, dass Sie vor Ihrer Frau Angst haben wie der Teufel vorm Weihwasser?
Ja, ich bin hörig, flüsterte Vogt, so dass sie es trotzdem hörte. Der Kinder wegen. Ohne sie ich könnte nicht weiterleben.
Das ist ja furchtbar, brummte Frau Schröder und griff zu einem leeren Bogen Papier. Gut, wenn Sie unbedingt wollen Diktieren Sie.
Hmhm, nuschelte Vogt. Schreiben Sie: Ich, Irmgard Schröder, bestätige, dass ich meinen Stellvertreter Heinrich Vogt absolut nicht leiden kann.
Frau Schröder warf ihm einen verwunderten Blick zu, aber er winkte ab.
Schreiben Sie ruhig, so. Und ergänzen Sie: Ja, ich verabscheue ihn sogar.
Ich kann doch nicht schreiben, ich hasse meinen Stellvertreter! Wie soll ich da weiterarbeiten?
Dann schreiben Sie: Als Mann hasse ich ihn. Selbst für eine Million Euro würde ich keine Nacht mit ihm verbringen. Jetzt unterschreiben Sie und drücken Sie den Stempel drauf. Zur Sicherheit.
Der Stempel liegt in der Buchhaltung, murmelte Frau Schröder, überflog nochmal ihren Text und erschrak.
Das ist doch Irrsinn! Solche Dinge macht man nicht! rief sie schließlich energisch, faltete das Papier, zerriss es in mehrere Stücke.
Was tun Sie? Vogt erschrak. Ich brauche das Dokument!
Wissen Sie was, Herr Vogt Frau Schröder lächelte plötzlich ein sonderbares Lächeln. Am besten, Sie lassen sich von Ihrer Gisela scheiden, bevor noch Schlimmeres passiert.
Was reden Sie da? Vogt geriet erneut in Panik. Ich kann doch nicht. Sie nimmt mir die Kinder weg!
Nein, nimmt sie nicht, erwiderte sie ruhig. Ich kenne einen hervorragenden Anwalt, der Ihnen helfen wird. Er schafft es, dass die Kinder bei Ihnen bleiben.
Aber ich
Und wenn etwas ist, unterbrach sie ihn, unterstütze ich Sie gern bei der Erziehung.
Sie? Mir? Persönlich helfen?
Natürlich. Sie sind mir als Stellvertreter sehr sympathisch. Deshalb finde ich Ihnen auch die beste Kinderfrau Münchens. Sie werden zufrieden sein.
Und Gisela?
Gisela kann zu ihrer Mutter nach München ziehen. Oder, soll sie zu mir kommen, wir sprechen unter vier Augen. Das bringt mehr als so ein unsinniger Zettel mit Stempel.





