Eine schwierige, aber richtige Entscheidung

Eine schwierige, aber richtige Entscheidung

In seiner Jugend war Reinhard Steinmann außergewöhnlich stark, fast wie ein Held aus alten Sagen, der seine Kraft mit niemandem teilen musste. Früher, im Dorf bei Koblenz, trug er spielend in jeder Hand einen vollen Getreidesack, während andere schon mit einem Sack schwer zu kämpfen hatten.

Reinhard, du bist ein Bär, wahrlich gewaltig! staunten die Nachbarn, aber er lächelte nur bescheiden.

Schon als Kind war Reinhard mit Lieselotte, seiner Nachbarin, befreundet. Als sie älter wurden, bat er sie, seine Frau zu werden. Lieselotte war überglücklich, denn sie liebte Reinhard innig und konnte ohne ihn kaum atmen. Sie war die schönste Frau im Dorf, jeder junge Mann schaute ihr hinterher, aber niemand wagte, Reinhard herauszufordern der hätte jeden, der zu weit ging, schnell in die Schranken gewiesen.

Reinhard und Lieselotte führten eine harmonische Ehe und bekamen einen Sohn, Friedrich, der seinem Vater nicht nur ähnlich sah, sondern auch dessen freundlichen Charakter und kräftige Statur erbte. Glückliche Jahre verbrachten Reinhard und Lieselotte miteinander, bis Lieselotte schwer erkrankte und starb. Danach wurde Reinhard alt und lebte fortan still und allein.

Er kochte sich einfache Speisen, wusch seine Wäsche im Bottich mit Kernseife und wollte von Waschpulver nichts wissen. Den Gemüsegarten bestellte er selbst. Nur das Gießen war schwierig; dafür kam Friedrich jedes Wochenende aus Trier, holte Wasser aus dem Brunnen, hackte Feuerholz und besuchte seinen Vater.

Vater, wie oft soll ich noch sagen: Wozu hab ich dir die Waschmaschine gekauft? Da steht sie, unbenutzt! Einfach heißes Wasser und etwas Waschpulver dazu, Wäsche rein, und das Ding macht alles von selbst.

Lass das mal meine Sorge sein, Junge, konterte Reinhard. In deiner Wohnung kannst du machen, was du willst. Deine verfluchte Maschine schleudert wie wild, macht alle Sachen kaputt. Ich wasche wie früher deine Mutter, gemütlich und mit Zeit.

Das Dorf war einst groß gewesen, hatte sogar eine Grundschule. Doch mit den Jahren zogen immer mehr junge Leute in die Städte. Die Schule wurde geschlossen, die Lehrer zogen fort.

Schöne Erinnerungen an die Schulzeit blieben: Theaterstücke, kleine Veranstaltungen. Besonders das Stück nach Gogols Die toten Seelen war der Liebling im Dorf. Reinhard bekam so den Spitznamen Messmer, weil er nicht einmal alte Sachen fortwarf.

Sogar Friedrich nannte seinen Vater mitunter Messmer. Reinhard wollte sich einfach nicht von altem Kram trennen, egal, wie nutzlos er geworden war.

Vater, wozu brauchst du diesen uralten Samowar? Der steht nur im Weg rum und verstaubt!

Das ist ein Andenken von meiner Mutter, da hängen Erinnerungen dran, seufzte Reinhard schwer.

Und dieses verzinkte Waschbottich? Jedes Mal stoße ich mir den Kopf! Die Waschmaschine steht doch da

Reg dich nicht auf, Junge. Das Ding bleibt am Haken. In deiner Wohnung kannst du deine Regeln machen, winkte Reinhard ab.

Du erinnerst mich an einen Trödler, Vater! Im Haus riecht es nach alter Zeit, der Hof ist vollgestopft mit altem Gerät!

Doch jedes Mal, wenn Friedrich vorbeikam, versuchte er trotzdem, den Vater zum Umzug in die Stadt zu überreden.

Vater, komm doch zu mir in die Stadt, fing er immer wieder an.

Ach was, antwortete Reinhard abweisend.

Es wäre viel leichter für dich im Haus: Dusche, keine Kohlen schleppen, Sauna statt Kachelofen.

Aber Junge, unsere Sauna hier kuriert jeden. Mit Birkenzweigen auspeitschen, das heilt Körper und Seele. Du magst es doch auch, hast nie nein gesagt!

Ja, das stimmt, musste Friedrich zugeben.

Du solltest dich lieber um deinen eigenen Nachwuchs kümmern, mir wäre ein Enkel lieber!

Aber Vater, du weißt doch, meine Anneliese ist nicht mehr…

Wie soll ich von Haus und Hof lassen, Junge? Hier steckt mein Leben drin, jeden Nagel hab ich selbst eingeschlagen…

Du bist einfach zu geizig, Vater.

Nicht geizig, Friedrich! Sparsam! erhob Reinhard den Finger und blickte stolz.

Überreden ließ er sich nicht. Reinhard blieb im Dorf bei Koblenz, er und seine Erinnerungen, bekannt als Messmer.

Friedrich entschied sich nach seinem Wehrdienst bewusst gegen das Dorf und zog nach Trier.

Ich will raus, das Dorfleben ist nichts für mich! informierte er seine Eltern.

Was willst du denn in der Stadt, mein Junge? Wir werden auch älter und brauchen dich hier, jammerte die Mutter.

Lass ihn! meinte Reinhard. Solange er jung ist, soll er das Stadtleben genießen. Vielleicht zieht es ihn eines Tages wieder hierher zurück, entschied er weise.

Friedrich fand eine Arbeit in einer Fabrik, seine Kraft war gefragt, und er bekam schnell eine Wohnung. Damals war er schon mit Anneliese zusammen, die auch in der Fabrik arbeitete. Anneliese war sanft, hübsch und blond, eine zarte Natur. Sie heirateten.

Doch eines Tages verstarb Friedrichs Mutter im Dorf. Er reiste mit Anneliese zur Beerdigung und stützte seinen Vater so gut er konnte. Nach Lieselottes Tod wurde Reinhard sichtbar schwächer und zog sich zurück.

Friedrich besuchte seinen Vater jedes Wochenende. Vier glückliche Jahre lebte er mit Anneliese, aber Kinder blieben ihnen bislang verwehrt. Doch eines Tages strahlte Anneliese:

Friedrich, ich bin schwanger

Wirklich? Endlich! freute sich Friedrich, hob seine Frau in die Höhe und drehte sich voll Glück.

Ganz sicher! lachte Anneliese.

Du musst dich jetzt schonen, ich übernehme alles!

Friedrich liebte Anneliese sehr, half im Haushalt, trug die Einkäufe, sie gingen immer Arm in Arm. Die Freude auf das Baby wuchs von Tag zu Tag. Dann kam der Tag, an dem Friedrich seine Frau ins Krankenhaus brachte. Er wartete stundenlang und musste schließlich nachts heimgehen. Man teilte ihm nichts mit.

Kommen Sie morgen wieder, meinte die Krankenschwester.

Die Nacht war voller Sorgen, am Morgen eilte er ins Krankenhaus.

Wie geht es meiner Frau? Ist das Baby da? fragte er sofort.

Wie lautet der Name Ihrer Frau? fragte die Schwester. Als sie hörte, wie er antwortete, rief sie den Arzt.

Eine Ärztin im weißen Kittel trat zu ihm.

Es tut mir leid, aber Ihre Frau ist bei der Geburt gestorben, auch das Kind hat es nicht geschafft ein Mädchen Wir haben alles versucht

Friedrich konnte kaum noch atmen, alles verschwamm, er setzte sich auf die Bank, hörte nichts mehr. Anneliese war tot, das Kind tot.

Trotz allem fand er die Kraft für die Beerdigung und blieb danach Witwer. Er wollte keine andere Frau mehr. Nach der Beerdigung blieb er einige Zeit bei seinem Vater im Dorf. Jetzt waren sie nur noch zu zweit: zwei Männer, Vater und Sohn, wie zwei starke Eichen.

Zieh doch wieder zu deinem Vater, riet der Nachbar, Herr Albers. Reinhard wird gebrechlicher, er kann die Trauer nicht überwinden. Oder hol ihn zu dir in die Stadt.

Er will nicht. Ich frage ihn jedes Wochenende!

Zehn Jahre vergingen, seit Anneliese gestorben war, Friedrich blieb allein. Immer wieder erinnerte ihn Reinhard:

Du bist noch jung, Friedrich, du solltest wieder heiraten. Schau dir mal die Marianne vom Albers an, die ist eine Rarität. Sie will das Dorf nicht verlassen, ihre Mutter ist krank.

Marianne hatte Friedrich schon gesehen, eine wirkliche Schönheit, längst verheiratet, wäre sie in Trier. Doch im Dorf gab es kaum junge Männer. Eines Tages trug Friedrich Wasser vom Brunnen nach Hause, Marianne kam ihm entgegen, die Wangen gerötet, die Augen glänzten. Sie senkte schnell den Blick, grüßte schüchtern und ging zügig weiter, aber Friedrich sah ihr lange nach.

Reinhard wurde älter, Jahre gingen ins Land, die Trauer wollte nicht weichen. Immer wieder besuchte er Lieselottes Grab, arbeitete weniger im Garten, und das Alter legte sich über seine Schultern wie ein Mantel.

Viele Gedanken gingen Friedrich durch den Kopf. Er sprach mit dem Vater nicht darüber, weil er wusste, dieser würde drängen aber Friedrich wollte sich Zeit lassen.

Die schwere, aber richtige Entscheidung

Eines Tages trat Reinhard aus dem Haus, da stoppte ein Wagen vor der Tür. Erstaunt ging er ans Gartentor Friedrich stieg fröhlich aus, öffnete den Kofferraum.

Hallo, Vater! Komm, pack mit an. Die leichten Sachen nimm du, lachte Friedrich.

Junge, wessen Auto ist das denn? Reinhard strich bewundernd über den Lack. Woher hast du das?

Meins! Ich bin zurück, Vater. Wohnung in Trier verkauft, Auto gekauft, jetzt komme ich endgültig zu dir. Die Wurzeln rufen, wie du immer sagtest. Es war keine leichte Entscheidung, aber es ist die richtige.

Ich denke, du hast noch einen Grund Marianne

Friedrich musste breit lachen.

Du bist schlau, Vater. Bald gehen wir zu den Albers, um mit Marianne zu sprechen. Ich baue ein Haus, wir werden hier leben Sie wollte nie fort, vielleicht hat sie auf mich gewartet.

Es gab eine herrliche Dorfhochzeit. Friedrich und Marianne bekamen einen Sohn und eine Tochter, sie bauten ein schönes Haus. Sie waren glücklich, aber Reinhard war inzwischen verstorben, Herr Albers wurde alt, Mariannes Mutter hatten sie schon früher verloren.

Ich habe gelernt: Heimat und Familie sind mehr als Besitz. Man kann viel gewinnen oder verlieren, aber was wirklich bleibt, sind die Menschen, die dich lieben und für die du Verantwortung trägst. Entscheidungen müssen manchmal schwerfallen doch mit Herz und Mut findet man zurück zum Glück.

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Homy
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