Und er ist damit wirklich einverstanden? fragte meine Freundin Andrea total erstaunt.
Ich nickte nur. Andrea schaute mich mit offenem Staunen an.
Ja, weißt du, ich habe Lukas schon vor der Hochzeit Klartext gesagt meinte ich und zog die Beine unter mich. Habe ihm direkt gesagt, dass ich keine Kinder bekommen kann, das ist medizinisch unveränderbar.
Und was hat er dazu gesagt?
Er meinte, dass wir auch ohne Kinder glücklich sein können ich lächelte. Er hat selbst zwei Schwestern, jede Menge Nichten und Neffen. Für ihn ist das alles kein Problem.
Andrea schüttelte den Kopf und in ihren Augen lag ein Funken von ehrlicher, beinahe bewundernder, nicht neidischer Zuneigung.
Du hast echt ein Goldstück erwischt, Maren sie rückte näher zu mir. So einen Kerl gibts echt selten.
Ich ließ meine Blicke auf meinen Händen ruhen und betrachtete meinen Ehering. Vier Jahre waren schon vergangen und manchmal konnte ich mein eigenes Glück immer noch nicht fassen. So viele Beziehungen davor waren genau an dieser Diagnose zerbrochen, so viele Typen verschwanden nach dem ehrlichen Gespräch plötzlich aus meinem Leben. Ich konnte mich an jeden einzelnen erinnern, an die peinlichen Ausreden, an das klammheimliche Davonstehlen.
Ehrlich, ich hatte mich damit abgefunden, allein zu bleiben, murmelte ich leise vor mich hin. Irgendwann dachte ich schon, dass mit mir einfach was nicht stimmt, dass ich irgendwie fehlerhaft bin…
Andrea drückte meine Hand und ich blickte sie dankbar an, bevor ich weitererzählte.
Und dann kam Lukas. Plötzlich hat alles Sinn gemacht, wie die Puzzleteile, die endlich zusammenpassten, ich richtete mich auf. Er ist geblieben, hat keine Ausflüchte gesucht, einfach mich genommen wie ich bin.
Das hast du verdient, sagte Andrea und erhob sich. So, Liebes, ich muss los, morgen fliegt mein Zug schon früh.
Ich begleitete sie zur Tür und wir fielen uns zum Abschied in die Arme. Andrea musste für zwei Wochen auf eine Dienstreise nach Hamburg; ich wusste, wie sehr ich unsere entspannten Abende vermissen würde…
Lukas kam etwa eine Stunde später heim, gerade als ich das Abendessen fertig hatte. Er sah müde, aber irgendwie zufrieden aus. Kaum hatte er die Schuhe ausgezogen, kam er gleich zu mir und gab mir einen Kuss auf die Wange.
Im Büro reden alle nur noch von dir, sagte Lukas, während er sein Sakko auszog. Sie vermissen dich, fragen schon dauernd, wann du wiederkommst.
Ich musste lachen, als ich meine Haare glattstrich, die er etwas durcheinandergeküsst hatte. Unsere Liebe hatte ja auch im Büro angefangen, in einer Consulting-Firma, in der wir beide schon ewig arbeiteten. Erst gabs Smalltalk an der Kaffeemaschine, dann gemeinsame Projekte und irgendwann hat er mich endlich mal zum Essen eingeladen.
Mein Urlaub hat gerade erst begonnen, entgegnete ich mit einem Grinsen. Sag ihnen, ich komme ausgeruht und bester Dinge wieder zurück.
Das richte ich aus, Lukas setzte sich an den Tisch. Obwohl diese Maike aus der Buchhaltung schon dreimal nach dir gefragt hat.
Ich schüttelte den Kopf und musste an die tratschsichere Maike denken, die immer alles im Büro mitbekam. Genau sie hatte damals als erste den Braten mit unserer Beziehung gerochen und mich gleich ins Kreuzverhör genommen.
…Die Urlaubstage vergingen wie im Flug. Bald stand auch schon mein Geburtstag vor der Tür und ich war echt aufgeregt. Lukas war immer für eine Überraschung zu haben und hatte es immer irgendwie geschafft, mir ein kreatives Geschenk zu machen: Mal gabs eine Schnitzeljagd durch München, ein anderes Mal eine Überraschungsparty mit all meinen Freunden.
Der Morgen meines Geburtstags war seltsam still. Ich wachte alleine im Bett auf; die Stelle neben mir war schon längst abgekühlt. Lukas musste früh aufgebrochen sein. Ich hatte gleich die Vermutung, dass er bestimmt schon unterwegs war, um Blumen und Kuchen zu organisieren.
Plötzlich vibrierte mein Handy und auf dem Display leuchtete eine unbekannte Nummer. Ich runzelte die Stirn, ging aber ran, falls es etwas Dringendes war.
Hallo? fragte ich, halb sitzend im Bett.
Spreche ich mit Maren? Ich hörte eine ungeduldige Frauenstimme am anderen Ende. Mit der Ehefrau von Lukas Berger?
Ja, genau. Wer ist denn da? Ich wurde plötzlich ganz wach und fragte mich, wer so früh was von mir wollte.
Mein Name ist Verena, sagte die Frau und machte eine Pause. Und ich erwarte ein Kind von deinem Mann…
Ich klammerte mich ans Handy, dachte erst wirklich, ich hab mich verhört, ob das jetzt ein doofer Scherz war oder ein ganz schlechter Scherz.
Wie bitte? Ich fragte ganz nervös.
Haben Sie etwa auch noch ein Hörproblem? Ich bin schwanger von Lukas. Sie sollten sich trennen, damit er mich heiraten kann.
…Heute bin ich fünfunddreißig geworden. Vor fünf Minuten war ich noch absolut glücklich. Nur vor fünf Minuten…
Ich blieb wie angewurzelt sitzen und hielt das Handy ans Ohr gepresst. Alles um mich herum schien stehen zu bleiben, das Sonnenlicht fiel ins Zimmer, und trotzdem war es leer und still.
Hören Sie mich? Wirklich, was ist das nur für eine Frau, Verena schien den Geduldsfaden zu verlieren. Sagen Sie es ihm, machen Sie Platz! Meine Kinder brauchen einen Vater!
Kinder? Ich fragte ganz mechanisch, weil mich das Plural-Stichwort traf.
Richtig, Kinder, lachte Verena bitter. Ich erwarte Zwillinge, können Sie sich das vorstellen? Ich brauche einen Ehemann und Vater für meine Kinder, aber er wohnt noch bei Ihnen!
Ich blieb sprachlos. Meine Stimme hatte sich irgendwo versteckt.
Sie müssen das ändern. Haben Sie denn überhaupt ein Gewissen? Verena wurde jetzt richtig laut. Ich bin im fünften Monat, bald ist es so weit!
Dann nur noch das Tuten in der Leitung. Ich legte das Handy langsam aufs Bett zurück, starrte auf die leere Wand vor mir und fühlte nichts. Alles, woran ich vier Jahre geglaubt hatte, war in wenigen Minuten in sich zusammengefallen…
Mit einem lauten Krachen flog die Wohnungstür auf; Lukas stand plötzlich mit einem gigantischen Strauß weißer Pfingstrosen, Luftballons und einer tollen Geburtstagstorte im Schlafzimmer. Er strahlte über das ganze Gesicht.
Alles Gute zum Geburtstag, mein Schatz! grinste Lukas, Ich hab heute das absolute Top-Programm für dich vorbereitet! Du wirst staunen!
Ich sah ihn nur an und plötzlich blieb Lukas mitten im Schritt stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Mauer gelaufen. Die Ballons schaukelten komisch über seinem Kopf, als wären sie völlig fehl am Platz in der gespannnten Stille.
Was ist los? Er legte die Blumen ab. Du machst mir Angst… Fühlst du dich nicht gut?
Deine Verena hat angerufen, sagte ich ruhig. Herzlichen Glückwunsch, du wirst Papa von Zwillingen. Wusstest du das schon?
Lukas wurde blass. Und ich beobachtete mit seltsamem Abstand, wie sich seine Mimik veränderte: Panik, Schock, völlige Hilflosigkeit in wenigen Sekunden.
Das hättest du mir früher sagen müssen, ich stand auf. Dann hätte ich euren Weg gar nicht mehr gestört. Mit zwei Kindern…
Lukas sackte auf die Knie.
Maren, bitte, hör mir zu! Das war ein Versehen, eine riesige Dummheit!
Ich blickte einfach nur auf ihn herab und spürte nichts. Kein Ärger, keine Wut, kein Schrei, nicht mal den Drang, etwas durch die Gegend zu werfen. Nur eine eisige, völlige Leere.
Ich liebe sie doch gar nicht! flehte Lukas und packte meine Hände. Es ist nur einmal passiert, wirklich!
Einmal, lächelte ich traurig. Und sofort Zwillinge?
Sie hat sich das alles zusammengereimt! Lukas drückte meine Hände, Ich habe ihr niemals etwas versprochen, nie!
Ich löste mich sanft aus seinem Griff und trat einen Schritt zurück. Da kniete Lukas mitten im Schlafzimmer, ganz klein und verloren.
Danke für die Blumen, ich deutete darauf. Aber wärst du so nett und packst heute noch deine Sachen?
Maren, bitte! Er wollte aufstehen. Lass uns reden, das alles klären!
Ich ging Richtung Bad.
Es gibt nichts mehr zu klären. Du bekommst Kinder, Lukas. Die brauchen ihren Vater.
Lukas hat noch versucht, sich zu erklären, eine Entschuldigung herauszuflehen. Ich wartete einfach, bis er fertig war. Bis zum Abend hatte er eingesehen, dass es keinen Sinn mehr hat. Er packte seine Sachen und war weg.
…Kurze Zeit später kam ich aus dem Urlaub zurück. Im Büro begrüßten mich skeptische Blicke, Leute tuschelten, viele waren extra höflich manche schauten mich mitleidig an, andere eher neugierig.
Und? Wie gehts dir? Maike aus der Buchhaltung setzte sich in der Kantine zu mir. Wir machen uns alle Gedanken um dich.
Schon okay, zuckte ich nur mit den Schultern. Ich arbeite, ich lasse mich scheiden, ich lebe weiter.
Maike nickte und gab keine weiteren Kommentare ab, wofür ich ihr echt dankbar war. Der Bürofunk arbeitete wie immer schnell, aber das war mir inzwischen egal.
Aus eben diesem Bürofunk hörte ich auch, dass Lukas Verena gar nicht geheiratet hatte. Wie sich herausstellte, arbeitete sie die ganze Zeit schon im Unternehmen, einfach in einer anderen Abteilung. Ich war ihr nie begegnet deshalb hatte ich sie auch nicht an der Stimme erkannt.
Kannst du dir vorstellen! Sie ist aus dem Einkauf, Maike erzählte mir die neuesten Bürogeschichten. Haben sich auf der letzten Weihnachtsfeier kennengelernt.
Ich lachte in mich hinein: Schon auffällig, Lukas suchte sich seine Beziehungen gern im Kollegenkreis aus. Erst ich aus dem Büro, dann die Affäre, auch aus dem Büro immer alles griffbereit.
…Vier Monate später bekam Verena ihre Zwillinge und das Büroquatschen nahm neuen Schwung auf. Ich sah Lukas oft, mit tiefen Augenringen, abgemagert, völlig erledigt er war einfach nicht mehr der Mensch, der er mal war.
Bald nach der Geburt verlangte Verena Unterhalt, auch das erfuhr ich durch den Flurfunk. Lukas musste jetzt einen Haufen seines Gehalts für die Kinder abgeben. Maike erzählte, er habe sogar einen Nebenjob gesucht und seinen Wagen verkauft.
Hast du kein Mitleid? fragte mich Andrea am Telefon. Ihr wart vier Jahre zusammen!
Nein, entgegnete ich ehrlich. Seine Probleme gehen mich einfach nichts mehr an.
Ich ging weiter meiner Arbeit nach, traf mich mit Freundinnen, schmiedete Zukunftspläne. Manchmal begegnete ich Lukas auf dem Flur.
Wir grüßten uns dann höflich, mehr nicht. Keine Regung bei mir. Nur das Staunen, wie sehr ich ihn früher einmal geliebt hatte.
Das Leben ging weiter, und ich lernte, die Welt ohne rosa Brille aber wieder mit Hoffnung zu betrachten.





