Wenigstens habe ich mit meiner Frau Glück gehabt.
Hannelore, ich habe meine Kündigung geschrieben! meldet sich Heinrich am Telefon bei seiner Frau. Nimmst du einen arbeitslosen Rentner auf?
Kommt drauf an, wie du dich benimmst!, antwortet Hannelore trocken.
Professor Heinrich Schubert, Doktor der Mathematik und Dozent an einer der renommiertesten Universitäten Deutschlands, bekommt gerade eine E-Mail mit der Forderung, bei der Prüfung in Höherer Mathematik fünf bestimmten Studierenden die Bestnote zu geben.
Was für ein absurder Widerspruch Höhere Mathematik verlangt die höchste Note
Heinrich ist nicht mehr der Jüngste und geprägt durch die Werte der alten Bundesrepublik: Leben mit erhobenem Haupt, lieber aufrecht sterben, als auf den Knien weiter machen.
Was soll das bitte heißen? Die Kandidaten hätten sich die Note nicht mal im Ansatz verdient! Ihre Anwesenheit lag, wenn überhaupt, bei etwa fünfundzwanzig Prozent.
Sein Gewissen, ehrlich wie ein ehemaliger Pfadfinder, spricht eine andere Sprache. Aber dann ist da noch der Kanzler der Universität, der keine Diskussion zulässt, sondern eine klare Anweisung gibt: Gib ihnen die Eins! Und möglichst noch mit Sternchen! Dann bist du unser Liebling!
Heinrich ist gesundheitlich angeschlagen, wie die meisten ab siebzig: Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht und das war noch nicht alles. Aber wessen Herz berührt eigentlich fremdes Unglück heutzutage?
Die Studierenden mochten Heinrich nicht. Nein, eigentlich kann man sagen, sie verachteten ihn! Als Hannelore einmal wissen wollte, was man so über ihren Mann schreibt, landete sie auf einer Bewertungsseite ihr blieb beinahe das Herz stehen, und zwar nicht vor Freude, sondern vor Schreck.
Kommentare voller Wörter, die heutzutage in sozialen Medien zensiert werden. Alles nur, weil er anspruchsvoll war! Und ausschließlich nach Leistung benotete.
Die jungen Leute heute sind der Meinung, dass das nicht geht schließlich zahlt man ja Studiengebühren! Gezahlt, also sollte alles bereit sein, oder? Und jetzt reicht es nicht, einfach zu zahlen man muss auch noch Wissen mitbringen? So ist das aber nicht verabredet!
Man kann nur ahnen, wieviel diese Leute wohl dem Universitätsvorstand geboten haben, wenn es zu solchen Anweisungen kommt.
Nicht, dass jemand denkt, das Management wollte Heinrich einfach kostenlos für sich schuften lassen sicherlich war der Obolus groß genug, um ihn zu teilen.
Und das versuchten sie offensichtlich. Aber Heinrich, scharfsinnig und humorvoll, erkannte den Umschlag in den Händen des Chefs sofort.
Da fiel ihm aus dem Stegreif ein Zweizeiler ein:
Wer bar auf die Kralle zahlt, steht schnell kriminell da!
Er verweigert die Annahme des Umschlags und markiert damit klar seine Haltung: Euch geb ich gar nichts Einsen gibts nicht, Kehrbesen schon!
Der Kanzler schleicht davon, Umschlag zerknitternd, mit leerem Gesicht.
Heinrich bleibt arm, aber moralisch zufrieden. Das ist ein Wert, den viele aus seiner Generation noch kennen.
Man kann Heinrich Schubert ruhig als deutschen Kloß bezeichnen: kräftig, rosig und verlässlich ganz im Gegensatz zum Kloß, den am Ende, man erinnert sich, der Fuchs verspeist.
Wer sagt, man soll im Wald herumlaufen und dämliche Lieder trällern? Da ist die Moral: Bleib lieber zu Hause, was fehlt dir da? Das Streben nach Abenteuern ist wohl eher was für Rotkäppchen
Heinrich war ein vorsichtiger Mensch, nie auf Abenteuer aus. Aber die Abenteuer fanden ihn selbst.
Er arbeitet schon ewig an dieser Hochschule jetzt auf Minimalpensum. Auch das wurde unangenehm.
Die hübschen Damen im Prüfungsamt trugen jeden Tag neue Anforderungen des Managements vor, die wuchsen wie ein Lawinenball.
Die Arbeit stieg, das Gehalt nicht! Eigentlich müsste man Lehrkräfte schon längst mit Schmutzzulage entlohnen.
Die Frauen im Prüfungsamt verstanden kaum etwas von Höherer Mathematik genau wie die meisten Leitenden der Hochschule. Um führen zu können, braucht man keine Kenntnis davon! Das ist Sache des Professors.
Und der Professor muss alles wissen und ein Haufen Berichte liefern. Wo bleibt der Jahresbericht? Los, gib Gas, du saurer Professor!
Die Sekretärin blickte mit Geringschätzung an ihm vorbei: Was soll man von so einem Dinosaurier erwarten? Der weiß wahrscheinlich nicht einmal, was cringe bedeutet und sagt nie Wow, wie cool!
Und die Hosen grauenhaft! Alles voller Jeans, hat er denn kein Geld?
Kurzum, der Job brachte zwar Geld, aber keine Freude Freude fand Heinrich nur in der Familie: seine geliebte Frau, zwei Söhne und fünf Enkelkinder.
Mit Hannelore hatte er eine ganz eigene Geschichte. Die hübsche, zierliche und lockige Hannelore fand den Studenten der Mathe-Fakultät zunächst ziemlich schräg. Aber er verliebte sich Hals über Kopf in sie.
Trotzdem erklärte sich Hannelore bereit, mit ihm auszugehen. Es war kurz vor Weihnachten.
Der Winter war eisig. Der erste Satz des Verehrers war:
Hast du warme Unterwäsche an? Es ist heute schweinekalt!
Wie bitte warme Unterwäsche? Hannelore war verwirrt.
Na, direkt gefragt: Hast du warme Hosen an?
Sie wurde rot; Enttäuschung und Ärger überkamen sie.
Nein, sie verlangte keinen roten Teppich aus Rosenblättern: Drei Nelken galten damals schon als Luxus.
Trotz Frost brachte Heinrich fünf Nelken mit, sorgfältig in Zeitungspapier gewickelt. Er zog sie unterm Mantel hervor, überreichte sie und schob sie prompt wieder ins Zeitungspapier zurück damals machte man das eben so. Galt als hip.
Wie war das noch im Lieblingsfilm? Gelbe Hosen dreimal ku!
Der Film war damals noch nicht raus, aber sinngemäß: Warme Hosen dreimal pfui!
Man sprach über Erhabenes: Satellitenstädte, über die Donau-Brücken, Eurotick und den Streit zwischen Mathematikern und Literaturwissenschaftlern. Und plötzlich warme Hosen: Meine Güte, wie banal!
Obendrein trug der junge Mann eine Schirmmütze, obwohl im Winter jeder eine Fellmütze hatte. Und die Mütze war offensichtlich zu klein.
Später wird Hannelore erfahren, dass er auf Kleidung wenig Wert legt. Gar keinen, genau genommen.
Aber damals sah der korpulente Heinrich in seinem Käppchen aus wie eine Kaffeekanne mit Deckel und winzigem Knauf obendrauf
Hannelore war genervt und beschämt: Wozu kam sie bloß mit! Sie zog sich unter einem Vorwand zurück, die beiden trafen sich lange nicht mehr.
Er tauchte erst vier Jahre später wieder auf sie liefen sich zufällig in der Stadt über den Weg. Vier Jahre, Karl! Die ganze Zeit hat er sie nicht vergessen.
Und Hannelore? Mit fünfundzwanzig noch ledig damals ein Wunder! Zu schön für den falschen Mann.
Alles zu flatterhaft oder verrückt, die Mode in den Nacken schiebend und immer nur das eine im Sinn damals noch tabu.
Und die Erinnerungen an die warmen Hosen erschienen ihr nicht mehr peinlich, sondern wurden lächelnd akzeptiert.
Als sie sich wieder trafen, war Heinrich inzwischen Doktor der Mathematik und trug eine hochwertige Nutria-Mütze, während die meisten noch Kaninchenfell hatten.
Nein, Hannelore war keineswegs oberflächlich oder materiell! Sie schaute einfach anders auf ihn die Enttäuschung von damals hatte sich in Sympathie gewandelt.
Sie kamen zusammen. Bald wurde Hannelore Frau Schubert und zu Heinrichs treuem Rückhalt; sie verliebte sich in seinen Witz und Charme.
Jetzt steht der Professor vor dem Seminar und denkt wieder einmal nur an seine Frau: Welch ein Glück, dass sie an seiner Seite ist!
Er müsste jetzt eigentlich mit der Vorlesung beginnen, doch es fehlen die Teilnehmer. Also wartet Heinrich, bis mehr kommen von fünfzehn sind gerade mal drei da.
Na und? Schon hundertmal gehört: bezahlt ist, also muss gegessen werden!
Länger warten geht nicht: der Professor beginnt.
Eine halbe Stunde später schlendert ein Austauschstudent herein.
Wieso zu spät?, fragt Heinrich sachlich.
Musste auf die Toilette Magen! kontert der attraktive Student frech und unverfroren.
Halbe Stunde?
Na, Durchfall halt!
Im Seminar kichert es
Was soll man machen? Die Respektlosigkeit gegenüber Lehrern erreicht neue Höhen! Das gab es früher nicht! Was läuft da wohl in den Schulen?
Die Vorlesung geht weiter, Heinrich wirft seine Perlen nicht vor die nun ja, ihr wisst schon. Aber die Entscheidung steht bereits.
Seine Entschlüsse fasst der Professor immer bedacht, durchdacht und verantwortungsvoll. Wie das meiste im Leben.
Er bestärkte sich erneut, als eben dieser Student im Prüfungsgespräch keine einzige Frage beantworten konnte. Nicht mal eine Drei war zu rechtfertigen. Und doch steht sein Name auf der Liste derjenigen, die eine Eins bekommen sollen
Er sitzt einfach da, starrt den Professor frech an: Was willst du tun, wenn der Kanzler es anordnet?
Weißt du, wieviel ich dem gezahlt hab? Mal sehen, wie du dich windest, wenn du ordentlich Ärger bekommst!
Warum wissen Sie nichts? fragt Heinrich.
War krank, konnte mich nicht vorbereiten!
Und was hatten Sie?
Magen! Sie wissen schon!
Der hübsche Bartträger schaukelt gelassen auf dem Stuhl
Ach ja, jetzt erinnere ich mich: Sie sind ja unser Hauptimport! Sieht man Ihnen gar nicht an! sagt Heinrich ruhig und reicht das Prüfungsheft mit einem leeren Unterschriftsfeld. Sie können die Prüfung wiederholen!
Der Student, völlig perplex, verlässt den Raum schweigend
Später schickt Heinrich dem Kanzler eine E-Mail: Wenn Sie Einsen brauchen, geben Sie sie selbst!
Dann schreibt er direkt seine Kündigung, entschlossen, schon morgen nicht mehr zu erscheinen was schert ihn die zwei-Wochen-Frist? Sollen sie mit dem Arbeitszeugnis machen, was sie wollen Schluss mit dem Job, endgültig!
Sollen sie sehen, wie sie klarkommen: Schubert war der einzige Mathematik-Professor im Haus
Hannelore, ich habe meine Kündigung geschrieben! meldet sich Heinrich am Telefon bei seiner Frau. Nimmst du jetzt einen arbeitslosen Rentner auf?
Schaun wir mal, wie du dich benimmst! Was willst du zum Mittag Kohlroulade oder Fisch?
Ich war brav machen wir Kohlroulade! orientiert sich der Professor lächelnd. Und fügt routiniert hinzu: Es ist wieder kalt. Wenn du in den Supermarkt gehst zieh warme Hosen an!
Ich liebe dich auch sehr, flüstert Hannelore zurück.





