Hauptsache, mit der Ehefrau hat es geklappt – Lida, ich habe soeben meine Kündigung eingereicht! – rief Pahlitz seine Frau an. – Nimmst du einen arbeitslosen Rentner auf? – Ich schau mir erst mal dein Benehmen an! – antwortete Lida. Professor Dr. Oleg Pawlowitsch Scherbakkow, habilitierter Mathematiker und Dozent an einer der führenden deutschen Universitäten, erhielt plötzlich eine E-Mail mit der Forderung, fünf Studierenden in der Höheren Mathematik die Bestnote zu geben. Ein absurdes, paradoxes Dilemma: Höhere Mathematik verlangt höhere Noten… Der Professor war ein älterer, im Geiste des Sozialismus erzogener Mann und lebte nach der Devise: Lieber aufrecht sterben als auf Knien leben. So, wie soll man das jetzt verstehen? Die haben ja nicht mal für eine Drei gereicht! Im besten Fall lag die Anwesenheit bei nur fünfundzwanzig Prozent. Das ehrliche Gewissen eines ehemaligen Pioniers und Sozialisten sprach etwas anderes. Aber da gab es noch den Rektor, der gar nicht diskutierte, sondern direkt handelte und die Order gab: Mach es anders! Kurzum: Gib fünf! Und am besten mit Sternchen! Dann wirst du glücklich! Der Professor war alt und gesundheitlich angeschlagen – wer ist nach siebzig noch gesund? Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht – und das war noch nicht alles. Aber wen – Verzeihung – kümmert das Elend anderer? Die Studierenden mochten den Professor nicht. Besser gesagt: Sie hassten ihn! Als Ehefrau Lida neugierig nachschaute, was man im Internet über ihren Mann schrieb, blieb ihr fast das Herz stehen. Und das nicht vor Freude, sondern vor Entsetzen. All die Wörter, die heutzutage auf Social Media verboten wären, von A bis Z! Und alles nur, weil er forderte und ausschließlich nach Fähigkeiten bewertete. Laut der meisten heutigen „Netzkinder“ hätte er das nicht tun sollen – schließlich war das Studium teuer! Bezahlt ist bezahlt! Doch hier reichte es nicht, zu zahlen: Man musste tatsächlich etwas können! Das war so nicht vereinbart. Und überhaupt, ey Alter, hast du Seife gegessen? Man konnte nur ahnen, wie viel diese Leute dem Unileitung gezahlt hatten, wenn solch eine Direktive ausgegeben wurde. Nicht, dass das Management den Professor gratis ausnutzen wollte. Die Bestechung war wohl lukrativ genug, um sie zu teilen. Und das versuchten sie. Doch der kluge und schlagfertige Professor, Liebhaber deutscher Ironie und schwarzer Humor, sah den Umschlag im Büro des Chefs und verstand sofort, worum es ging. Prompt reimte er ein Spontan-Gedicht: Wer Bargeld annimmt, kann kriminell enden! Kein Umschlag für mich – meine Haltung steht: Ihr kriegt keine Fünfen! Dann fegt ihr halt die Straßen! Der Rektor blieb erfolglos und zog von dannen. Oleg Pawlowitsch blieb ohne Geld, aber mit großer moralischer Genugtuung – sehr beliebt bei der sozialistisch geprägten Generation. Der Professor war so eine Mischung aus deutschem „Hans im Glück“ – bodenständig, zuverlässig und rotbackig, im Gegensatz zum russischen Kolobok, den der Fuchs verschlang. Aber warum sollte man auch im Wald herumstreunen und alberne Lieder trällern – das provoziert nur die Tiere zu schlechten Taten. Die Moral: Bleib zuhause – warum konntest du es mit den „Großeltern“ nicht aushalten? Was zieht euch alle nur so in den Wald wie die Rotkäppchen? Die deutsche Seele sucht Abenteuer? Oleg Pahlitz war vorsichtig und suchte nie das Abenteuer. Doch das Abenteuer fand ihn. An diesem deutschen Campus unterrichtete er schon lange, mittlerweile mit minimaler Arbeitslast. Aber selbst dieser Rest brachte Ärger. Die netten jungen Damen im Dekanat verkündeten täglich die Anweisungen des Rektorats, die wuchsen wie ein Lawinenball. Die Anforderungen stiegen – warum nicht auch das Gehalt? Pädagogen müssten längst eine „Schwierigkeitszulage“ bekommen! Die Damen kannten sich nicht mit Höherer Mathematik aus, genauso wenig wie die meisten Uni-Verwaltungsleiter. Aber zum Leiten reichte das! Das einzige, was zählt: Du musst es wissen und unendlich viele Berichte liefern! Übrigens, wo bleibt der Jahresbericht? Los, beeil dich – saurer Professor! Die Sekretärin warf ihm einen verächtlichen Blick zu: Was will man von diesem Dino? Der weiß nicht mal, was „Cringe“ heißt und sagt nie: Wow, wie cool! Und seine Hose – einfach peinlich! Kein Geld? Heute gibt’s überall Jeans! Kurzum: Der Job brachte Geld, aber keine Freude. Die Familie war sein einziger Trost: geliebte Ehefrau, zwei Söhne und fünf Enkel. Mit der Ehefrau gibt es eine besondere Geschichte. Die hübsche, schlanke, lockige Lida mochte den Mathe-Studenten zunächst gar nicht. Er aber war auf den ersten Blick verliebt. Trotzdem stimmte sie einem Date zu – kurz vor Silvester. Damals waren die Winter eiskalt. Und das Erste, was der Verehrer fragte: – Hast du warme Unterwäsche an? Heute ist es eisig! – Warme Unterwäsche? – Lida war verblüfft. – Im Ernst: Trägst du warme Hosen? Das Mädchen wurde rot, von Enttäuschung überwältigt. Sie erwartete keine Rosenblätter auf dem Weg – damals galten drei Nelken als Luxus. Übrigens, trotz Frost brachte Oleg fünf Nelken, sorgfältig in Zeitungspapier gewickelt. Er präsentierte sie, steckte sie aber gleich wieder weg – damals war das so üblich. Das war ein Punkt für ihn. Wie im Lieblingsfilm: „Gelbe Hosen – dreimal ‘ku’!“ Damals lief der Film noch nicht. Aber analog dazu: warme Hosen – dreimal „pfui“! Es war üblich, über das Erhabene zu sprechen: Satellitenstädte, das Kraftwerk „Bratsk“, der Streit zwischen Physikern und Lyrikern. Und dann: warme Hosen. Oh Gott, wie banal! Außerdem trug der junge Mann eine Schirmmütze, während im Winter alle Pelzmützen trugen. Und sie war eindeutig zu klein. Später erfuhr Lida, dass es ihm einfach egal war, was er trug! Damals machte Oleg in der zu kleinen Mütze den Eindruck eines Kaffeekännchens mit Knauf… Lida war enttäuscht und beschämt: Wozu das alles? Sie erfand einen Vorwand und verließ das Date, die beiden sahen sich nicht mehr. Der Verehrer tauchte erst vier Jahre später wieder auf! Sie trafen sich zufällig auf der Straße. Vier Jahre, Karl! Und die ganze Zeit liebte er Lida weiter. Und Lida? Mit fünfundzwanzig noch immer nicht verheiratet – damals wurde man früh vermählt. Wie konnte so jemand Schönes unverheiratet bleiben? Es gab einfach nichts Passendes! Alles war irgendwie unsicher, leichtfertig. Die Mode wechselte schnell – und es gab ungewohnte Versuchungen. Und die Erinnerung an die warmen Hosen wirkte inzwischen gar nicht mehr peinlich – ganz im Gegenteil. Als sie sich wieder trafen, war Kandidat Scherbakkow Mathematiker und trug einen hochwertigen deutschen Pelzhut – die meisten liefen mit Kaninchenmützen herum. Nicht, dass Lida materiell eingestellt war – überhaupt nicht! Sie sah ihn einfach mit anderen Augen, damals hatte sie nur Enttäuschung erlebt. Sie begannen sich zu treffen. Und bald wurde Lida „Frau Scherbakkow“, die zuverlässige Stütze des Mathematikers, sie verliebte sich in seinen Humor. Und auch jetzt stand der Professor vor dem Hörsaal und dachte an seine Frau: Was für ein Glück, dass er sie hat! Eigentlich sollte die Vorlesung beginnen, aber es fehlte der Großteil der Studierenden: Von fünfzehn erschienen nur drei. Na und? Bezahlt heißt gegessen! Länger warten ging nicht: Der Professor begann zu lesen. Eine halbe Stunde später trat ein Vertreter des nahen Auslands ein. – Warum sind Sie zu spät? – fragte der Dozent. – War auf Toilette – Magenprobleme! – erwiderte der gut aussehende Student frech. – Eine halbe Stunde? – fragte der Professor. – Sie wissen doch, Magen! – frech quoll die Antwort heraus. Es wurde gekichert… Was sollte man tun? Die Respektlosigkeit gegenüber Dozenten war noch nie so extrem – und was passierte in den Schulen erst? Die Vorlesung ging weiter: Perlen vor die … nun ja, Sie wissen schon … würde der kluge Professor nicht werfen. Doch er hatte bereits eine Entscheidung getroffen. Alle Entscheidungen traf er immer mit Ruhe, Bedacht und Verantwortung. Wie alles in seinem Leben. Er wurde erneut bestätigt, als der gleiche Student bei der Prüfung keine Frage beantworten konnte – da reichte selbst eine Drei nicht. Doch sein Name stand auf der Liste der Fünfer-Kandidaten… Er starrte den Professor einfach nur frech an: Und, was machst du, wenn dir der Rektor befiehlt? Weißt du, wie viel ich dem gezahlt habe? Mal sehen, wie du dich da rauswindest, armer Kerl! – Warum haben Sie nichts gelernt? – fragte Oleg Pahlitz. – Krank, konnte nicht vorbereiten! – Und was hatten Sie? – Magenkrämpfe! Sie kennen das! Der attraktive Bartträger schaukelte auf seinem Stuhl… – Ach ja, natürlich – wie konnte ich vergessen, dass Sie unser Hauptabgesandter sind! Sieht man Ihnen gar nicht an! – sagte der Dozent ruhig und übergab die Prüfung ohne Unterschrift. – Kommen Sie zur Nachprüfung! Ein völlig perplexer Student verließ den Raum … Später schickte Pahlitz eine E-Mail an den Rektor: „Unser Antwort auf Chamberlain“ – Sie wollen Fünfer, Sie vergeben sie! Dann kündigte er und beschloss, nicht mehr zu kommen, auch keine zwei Wochen Frist einzuhalten. Sollen sie die Personalakte verhunzen – der Job war endgültig vorbei! Sollen sie’s jetzt selber ausbaden: Scherbakkow war der einzige Mathematikdozent an der Uni … – Lida, ich habe meine Kündigung eingereicht! – rief Pahlitz seiner Frau an. – Nimmst du mich als arbeitslosen Rentner? – Ich schau mir erst mal dein Benehmen an! – antwortete Lida. – Zum Mittag Kohlrouladen oder Fisch? – Da ich ein Held bin, lieber Kohlroulade! – antwortete der Professor, mit typischer Gewitztheit. Und ergänzte routiniert: – Es ist kalt heute. Geh zum Einkaufen, zieh die warmen Hosen an! – Ich hab dich auch sehr lieb! – antwortete Lida leise.

Wenigstens habe ich mit meiner Frau Glück gehabt.

Hannelore, ich habe meine Kündigung geschrieben! meldet sich Heinrich am Telefon bei seiner Frau. Nimmst du einen arbeitslosen Rentner auf?
Kommt drauf an, wie du dich benimmst!, antwortet Hannelore trocken.

Professor Heinrich Schubert, Doktor der Mathematik und Dozent an einer der renommiertesten Universitäten Deutschlands, bekommt gerade eine E-Mail mit der Forderung, bei der Prüfung in Höherer Mathematik fünf bestimmten Studierenden die Bestnote zu geben.

Was für ein absurder Widerspruch Höhere Mathematik verlangt die höchste Note

Heinrich ist nicht mehr der Jüngste und geprägt durch die Werte der alten Bundesrepublik: Leben mit erhobenem Haupt, lieber aufrecht sterben, als auf den Knien weiter machen.

Was soll das bitte heißen? Die Kandidaten hätten sich die Note nicht mal im Ansatz verdient! Ihre Anwesenheit lag, wenn überhaupt, bei etwa fünfundzwanzig Prozent.

Sein Gewissen, ehrlich wie ein ehemaliger Pfadfinder, spricht eine andere Sprache. Aber dann ist da noch der Kanzler der Universität, der keine Diskussion zulässt, sondern eine klare Anweisung gibt: Gib ihnen die Eins! Und möglichst noch mit Sternchen! Dann bist du unser Liebling!

Heinrich ist gesundheitlich angeschlagen, wie die meisten ab siebzig: Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht und das war noch nicht alles. Aber wessen Herz berührt eigentlich fremdes Unglück heutzutage?

Die Studierenden mochten Heinrich nicht. Nein, eigentlich kann man sagen, sie verachteten ihn! Als Hannelore einmal wissen wollte, was man so über ihren Mann schreibt, landete sie auf einer Bewertungsseite ihr blieb beinahe das Herz stehen, und zwar nicht vor Freude, sondern vor Schreck.

Kommentare voller Wörter, die heutzutage in sozialen Medien zensiert werden. Alles nur, weil er anspruchsvoll war! Und ausschließlich nach Leistung benotete.

Die jungen Leute heute sind der Meinung, dass das nicht geht schließlich zahlt man ja Studiengebühren! Gezahlt, also sollte alles bereit sein, oder? Und jetzt reicht es nicht, einfach zu zahlen man muss auch noch Wissen mitbringen? So ist das aber nicht verabredet!

Man kann nur ahnen, wieviel diese Leute wohl dem Universitätsvorstand geboten haben, wenn es zu solchen Anweisungen kommt.

Nicht, dass jemand denkt, das Management wollte Heinrich einfach kostenlos für sich schuften lassen sicherlich war der Obolus groß genug, um ihn zu teilen.

Und das versuchten sie offensichtlich. Aber Heinrich, scharfsinnig und humorvoll, erkannte den Umschlag in den Händen des Chefs sofort.

Da fiel ihm aus dem Stegreif ein Zweizeiler ein:
Wer bar auf die Kralle zahlt, steht schnell kriminell da!
Er verweigert die Annahme des Umschlags und markiert damit klar seine Haltung: Euch geb ich gar nichts Einsen gibts nicht, Kehrbesen schon!

Der Kanzler schleicht davon, Umschlag zerknitternd, mit leerem Gesicht.

Heinrich bleibt arm, aber moralisch zufrieden. Das ist ein Wert, den viele aus seiner Generation noch kennen.

Man kann Heinrich Schubert ruhig als deutschen Kloß bezeichnen: kräftig, rosig und verlässlich ganz im Gegensatz zum Kloß, den am Ende, man erinnert sich, der Fuchs verspeist.

Wer sagt, man soll im Wald herumlaufen und dämliche Lieder trällern? Da ist die Moral: Bleib lieber zu Hause, was fehlt dir da? Das Streben nach Abenteuern ist wohl eher was für Rotkäppchen

Heinrich war ein vorsichtiger Mensch, nie auf Abenteuer aus. Aber die Abenteuer fanden ihn selbst.

Er arbeitet schon ewig an dieser Hochschule jetzt auf Minimalpensum. Auch das wurde unangenehm.

Die hübschen Damen im Prüfungsamt trugen jeden Tag neue Anforderungen des Managements vor, die wuchsen wie ein Lawinenball.

Die Arbeit stieg, das Gehalt nicht! Eigentlich müsste man Lehrkräfte schon längst mit Schmutzzulage entlohnen.

Die Frauen im Prüfungsamt verstanden kaum etwas von Höherer Mathematik genau wie die meisten Leitenden der Hochschule. Um führen zu können, braucht man keine Kenntnis davon! Das ist Sache des Professors.

Und der Professor muss alles wissen und ein Haufen Berichte liefern. Wo bleibt der Jahresbericht? Los, gib Gas, du saurer Professor!

Die Sekretärin blickte mit Geringschätzung an ihm vorbei: Was soll man von so einem Dinosaurier erwarten? Der weiß wahrscheinlich nicht einmal, was cringe bedeutet und sagt nie Wow, wie cool!

Und die Hosen grauenhaft! Alles voller Jeans, hat er denn kein Geld?

Kurzum, der Job brachte zwar Geld, aber keine Freude Freude fand Heinrich nur in der Familie: seine geliebte Frau, zwei Söhne und fünf Enkelkinder.

Mit Hannelore hatte er eine ganz eigene Geschichte. Die hübsche, zierliche und lockige Hannelore fand den Studenten der Mathe-Fakultät zunächst ziemlich schräg. Aber er verliebte sich Hals über Kopf in sie.

Trotzdem erklärte sich Hannelore bereit, mit ihm auszugehen. Es war kurz vor Weihnachten.

Der Winter war eisig. Der erste Satz des Verehrers war:
Hast du warme Unterwäsche an? Es ist heute schweinekalt!

Wie bitte warme Unterwäsche? Hannelore war verwirrt.

Na, direkt gefragt: Hast du warme Hosen an?

Sie wurde rot; Enttäuschung und Ärger überkamen sie.

Nein, sie verlangte keinen roten Teppich aus Rosenblättern: Drei Nelken galten damals schon als Luxus.

Trotz Frost brachte Heinrich fünf Nelken mit, sorgfältig in Zeitungspapier gewickelt. Er zog sie unterm Mantel hervor, überreichte sie und schob sie prompt wieder ins Zeitungspapier zurück damals machte man das eben so. Galt als hip.

Wie war das noch im Lieblingsfilm? Gelbe Hosen dreimal ku!

Der Film war damals noch nicht raus, aber sinngemäß: Warme Hosen dreimal pfui!

Man sprach über Erhabenes: Satellitenstädte, über die Donau-Brücken, Eurotick und den Streit zwischen Mathematikern und Literaturwissenschaftlern. Und plötzlich warme Hosen: Meine Güte, wie banal!

Obendrein trug der junge Mann eine Schirmmütze, obwohl im Winter jeder eine Fellmütze hatte. Und die Mütze war offensichtlich zu klein.

Später wird Hannelore erfahren, dass er auf Kleidung wenig Wert legt. Gar keinen, genau genommen.

Aber damals sah der korpulente Heinrich in seinem Käppchen aus wie eine Kaffeekanne mit Deckel und winzigem Knauf obendrauf

Hannelore war genervt und beschämt: Wozu kam sie bloß mit! Sie zog sich unter einem Vorwand zurück, die beiden trafen sich lange nicht mehr.

Er tauchte erst vier Jahre später wieder auf sie liefen sich zufällig in der Stadt über den Weg. Vier Jahre, Karl! Die ganze Zeit hat er sie nicht vergessen.

Und Hannelore? Mit fünfundzwanzig noch ledig damals ein Wunder! Zu schön für den falschen Mann.

Alles zu flatterhaft oder verrückt, die Mode in den Nacken schiebend und immer nur das eine im Sinn damals noch tabu.

Und die Erinnerungen an die warmen Hosen erschienen ihr nicht mehr peinlich, sondern wurden lächelnd akzeptiert.

Als sie sich wieder trafen, war Heinrich inzwischen Doktor der Mathematik und trug eine hochwertige Nutria-Mütze, während die meisten noch Kaninchenfell hatten.

Nein, Hannelore war keineswegs oberflächlich oder materiell! Sie schaute einfach anders auf ihn die Enttäuschung von damals hatte sich in Sympathie gewandelt.

Sie kamen zusammen. Bald wurde Hannelore Frau Schubert und zu Heinrichs treuem Rückhalt; sie verliebte sich in seinen Witz und Charme.

Jetzt steht der Professor vor dem Seminar und denkt wieder einmal nur an seine Frau: Welch ein Glück, dass sie an seiner Seite ist!

Er müsste jetzt eigentlich mit der Vorlesung beginnen, doch es fehlen die Teilnehmer. Also wartet Heinrich, bis mehr kommen von fünfzehn sind gerade mal drei da.

Na und? Schon hundertmal gehört: bezahlt ist, also muss gegessen werden!

Länger warten geht nicht: der Professor beginnt.

Eine halbe Stunde später schlendert ein Austauschstudent herein.

Wieso zu spät?, fragt Heinrich sachlich.

Musste auf die Toilette Magen! kontert der attraktive Student frech und unverfroren.

Halbe Stunde?

Na, Durchfall halt!

Im Seminar kichert es

Was soll man machen? Die Respektlosigkeit gegenüber Lehrern erreicht neue Höhen! Das gab es früher nicht! Was läuft da wohl in den Schulen?

Die Vorlesung geht weiter, Heinrich wirft seine Perlen nicht vor die nun ja, ihr wisst schon. Aber die Entscheidung steht bereits.

Seine Entschlüsse fasst der Professor immer bedacht, durchdacht und verantwortungsvoll. Wie das meiste im Leben.

Er bestärkte sich erneut, als eben dieser Student im Prüfungsgespräch keine einzige Frage beantworten konnte. Nicht mal eine Drei war zu rechtfertigen. Und doch steht sein Name auf der Liste derjenigen, die eine Eins bekommen sollen

Er sitzt einfach da, starrt den Professor frech an: Was willst du tun, wenn der Kanzler es anordnet?

Weißt du, wieviel ich dem gezahlt hab? Mal sehen, wie du dich windest, wenn du ordentlich Ärger bekommst!

Warum wissen Sie nichts? fragt Heinrich.

War krank, konnte mich nicht vorbereiten!

Und was hatten Sie?

Magen! Sie wissen schon!

Der hübsche Bartträger schaukelt gelassen auf dem Stuhl

Ach ja, jetzt erinnere ich mich: Sie sind ja unser Hauptimport! Sieht man Ihnen gar nicht an! sagt Heinrich ruhig und reicht das Prüfungsheft mit einem leeren Unterschriftsfeld. Sie können die Prüfung wiederholen!

Der Student, völlig perplex, verlässt den Raum schweigend

Später schickt Heinrich dem Kanzler eine E-Mail: Wenn Sie Einsen brauchen, geben Sie sie selbst!

Dann schreibt er direkt seine Kündigung, entschlossen, schon morgen nicht mehr zu erscheinen was schert ihn die zwei-Wochen-Frist? Sollen sie mit dem Arbeitszeugnis machen, was sie wollen Schluss mit dem Job, endgültig!

Sollen sie sehen, wie sie klarkommen: Schubert war der einzige Mathematik-Professor im Haus

Hannelore, ich habe meine Kündigung geschrieben! meldet sich Heinrich am Telefon bei seiner Frau. Nimmst du jetzt einen arbeitslosen Rentner auf?

Schaun wir mal, wie du dich benimmst! Was willst du zum Mittag Kohlroulade oder Fisch?

Ich war brav machen wir Kohlroulade! orientiert sich der Professor lächelnd. Und fügt routiniert hinzu: Es ist wieder kalt. Wenn du in den Supermarkt gehst zieh warme Hosen an!

Ich liebe dich auch sehr, flüstert Hannelore zurück.

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Homy
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Hauptsache, mit der Ehefrau hat es geklappt – Lida, ich habe soeben meine Kündigung eingereicht! – rief Pahlitz seine Frau an. – Nimmst du einen arbeitslosen Rentner auf? – Ich schau mir erst mal dein Benehmen an! – antwortete Lida. Professor Dr. Oleg Pawlowitsch Scherbakkow, habilitierter Mathematiker und Dozent an einer der führenden deutschen Universitäten, erhielt plötzlich eine E-Mail mit der Forderung, fünf Studierenden in der Höheren Mathematik die Bestnote zu geben. Ein absurdes, paradoxes Dilemma: Höhere Mathematik verlangt höhere Noten… Der Professor war ein älterer, im Geiste des Sozialismus erzogener Mann und lebte nach der Devise: Lieber aufrecht sterben als auf Knien leben. So, wie soll man das jetzt verstehen? Die haben ja nicht mal für eine Drei gereicht! Im besten Fall lag die Anwesenheit bei nur fünfundzwanzig Prozent. Das ehrliche Gewissen eines ehemaligen Pioniers und Sozialisten sprach etwas anderes. Aber da gab es noch den Rektor, der gar nicht diskutierte, sondern direkt handelte und die Order gab: Mach es anders! Kurzum: Gib fünf! Und am besten mit Sternchen! Dann wirst du glücklich! Der Professor war alt und gesundheitlich angeschlagen – wer ist nach siebzig noch gesund? Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht – und das war noch nicht alles. Aber wen – Verzeihung – kümmert das Elend anderer? Die Studierenden mochten den Professor nicht. Besser gesagt: Sie hassten ihn! Als Ehefrau Lida neugierig nachschaute, was man im Internet über ihren Mann schrieb, blieb ihr fast das Herz stehen. Und das nicht vor Freude, sondern vor Entsetzen. All die Wörter, die heutzutage auf Social Media verboten wären, von A bis Z! Und alles nur, weil er forderte und ausschließlich nach Fähigkeiten bewertete. Laut der meisten heutigen „Netzkinder“ hätte er das nicht tun sollen – schließlich war das Studium teuer! Bezahlt ist bezahlt! Doch hier reichte es nicht, zu zahlen: Man musste tatsächlich etwas können! Das war so nicht vereinbart. Und überhaupt, ey Alter, hast du Seife gegessen? Man konnte nur ahnen, wie viel diese Leute dem Unileitung gezahlt hatten, wenn solch eine Direktive ausgegeben wurde. Nicht, dass das Management den Professor gratis ausnutzen wollte. Die Bestechung war wohl lukrativ genug, um sie zu teilen. Und das versuchten sie. Doch der kluge und schlagfertige Professor, Liebhaber deutscher Ironie und schwarzer Humor, sah den Umschlag im Büro des Chefs und verstand sofort, worum es ging. Prompt reimte er ein Spontan-Gedicht: Wer Bargeld annimmt, kann kriminell enden! Kein Umschlag für mich – meine Haltung steht: Ihr kriegt keine Fünfen! Dann fegt ihr halt die Straßen! Der Rektor blieb erfolglos und zog von dannen. Oleg Pawlowitsch blieb ohne Geld, aber mit großer moralischer Genugtuung – sehr beliebt bei der sozialistisch geprägten Generation. Der Professor war so eine Mischung aus deutschem „Hans im Glück“ – bodenständig, zuverlässig und rotbackig, im Gegensatz zum russischen Kolobok, den der Fuchs verschlang. Aber warum sollte man auch im Wald herumstreunen und alberne Lieder trällern – das provoziert nur die Tiere zu schlechten Taten. Die Moral: Bleib zuhause – warum konntest du es mit den „Großeltern“ nicht aushalten? Was zieht euch alle nur so in den Wald wie die Rotkäppchen? Die deutsche Seele sucht Abenteuer? Oleg Pahlitz war vorsichtig und suchte nie das Abenteuer. Doch das Abenteuer fand ihn. An diesem deutschen Campus unterrichtete er schon lange, mittlerweile mit minimaler Arbeitslast. Aber selbst dieser Rest brachte Ärger. Die netten jungen Damen im Dekanat verkündeten täglich die Anweisungen des Rektorats, die wuchsen wie ein Lawinenball. Die Anforderungen stiegen – warum nicht auch das Gehalt? Pädagogen müssten längst eine „Schwierigkeitszulage“ bekommen! Die Damen kannten sich nicht mit Höherer Mathematik aus, genauso wenig wie die meisten Uni-Verwaltungsleiter. Aber zum Leiten reichte das! Das einzige, was zählt: Du musst es wissen und unendlich viele Berichte liefern! Übrigens, wo bleibt der Jahresbericht? Los, beeil dich – saurer Professor! Die Sekretärin warf ihm einen verächtlichen Blick zu: Was will man von diesem Dino? Der weiß nicht mal, was „Cringe“ heißt und sagt nie: Wow, wie cool! Und seine Hose – einfach peinlich! Kein Geld? Heute gibt’s überall Jeans! Kurzum: Der Job brachte Geld, aber keine Freude. Die Familie war sein einziger Trost: geliebte Ehefrau, zwei Söhne und fünf Enkel. Mit der Ehefrau gibt es eine besondere Geschichte. Die hübsche, schlanke, lockige Lida mochte den Mathe-Studenten zunächst gar nicht. Er aber war auf den ersten Blick verliebt. Trotzdem stimmte sie einem Date zu – kurz vor Silvester. Damals waren die Winter eiskalt. Und das Erste, was der Verehrer fragte: – Hast du warme Unterwäsche an? Heute ist es eisig! – Warme Unterwäsche? – Lida war verblüfft. – Im Ernst: Trägst du warme Hosen? Das Mädchen wurde rot, von Enttäuschung überwältigt. Sie erwartete keine Rosenblätter auf dem Weg – damals galten drei Nelken als Luxus. Übrigens, trotz Frost brachte Oleg fünf Nelken, sorgfältig in Zeitungspapier gewickelt. Er präsentierte sie, steckte sie aber gleich wieder weg – damals war das so üblich. Das war ein Punkt für ihn. Wie im Lieblingsfilm: „Gelbe Hosen – dreimal ‘ku’!“ Damals lief der Film noch nicht. Aber analog dazu: warme Hosen – dreimal „pfui“! Es war üblich, über das Erhabene zu sprechen: Satellitenstädte, das Kraftwerk „Bratsk“, der Streit zwischen Physikern und Lyrikern. Und dann: warme Hosen. Oh Gott, wie banal! Außerdem trug der junge Mann eine Schirmmütze, während im Winter alle Pelzmützen trugen. Und sie war eindeutig zu klein. Später erfuhr Lida, dass es ihm einfach egal war, was er trug! Damals machte Oleg in der zu kleinen Mütze den Eindruck eines Kaffeekännchens mit Knauf… Lida war enttäuscht und beschämt: Wozu das alles? Sie erfand einen Vorwand und verließ das Date, die beiden sahen sich nicht mehr. Der Verehrer tauchte erst vier Jahre später wieder auf! Sie trafen sich zufällig auf der Straße. Vier Jahre, Karl! Und die ganze Zeit liebte er Lida weiter. Und Lida? Mit fünfundzwanzig noch immer nicht verheiratet – damals wurde man früh vermählt. Wie konnte so jemand Schönes unverheiratet bleiben? Es gab einfach nichts Passendes! Alles war irgendwie unsicher, leichtfertig. Die Mode wechselte schnell – und es gab ungewohnte Versuchungen. Und die Erinnerung an die warmen Hosen wirkte inzwischen gar nicht mehr peinlich – ganz im Gegenteil. Als sie sich wieder trafen, war Kandidat Scherbakkow Mathematiker und trug einen hochwertigen deutschen Pelzhut – die meisten liefen mit Kaninchenmützen herum. Nicht, dass Lida materiell eingestellt war – überhaupt nicht! Sie sah ihn einfach mit anderen Augen, damals hatte sie nur Enttäuschung erlebt. Sie begannen sich zu treffen. Und bald wurde Lida „Frau Scherbakkow“, die zuverlässige Stütze des Mathematikers, sie verliebte sich in seinen Humor. Und auch jetzt stand der Professor vor dem Hörsaal und dachte an seine Frau: Was für ein Glück, dass er sie hat! Eigentlich sollte die Vorlesung beginnen, aber es fehlte der Großteil der Studierenden: Von fünfzehn erschienen nur drei. Na und? Bezahlt heißt gegessen! Länger warten ging nicht: Der Professor begann zu lesen. Eine halbe Stunde später trat ein Vertreter des nahen Auslands ein. – Warum sind Sie zu spät? – fragte der Dozent. – War auf Toilette – Magenprobleme! – erwiderte der gut aussehende Student frech. – Eine halbe Stunde? – fragte der Professor. – Sie wissen doch, Magen! – frech quoll die Antwort heraus. Es wurde gekichert… Was sollte man tun? Die Respektlosigkeit gegenüber Dozenten war noch nie so extrem – und was passierte in den Schulen erst? Die Vorlesung ging weiter: Perlen vor die … nun ja, Sie wissen schon … würde der kluge Professor nicht werfen. Doch er hatte bereits eine Entscheidung getroffen. Alle Entscheidungen traf er immer mit Ruhe, Bedacht und Verantwortung. Wie alles in seinem Leben. Er wurde erneut bestätigt, als der gleiche Student bei der Prüfung keine Frage beantworten konnte – da reichte selbst eine Drei nicht. Doch sein Name stand auf der Liste der Fünfer-Kandidaten… Er starrte den Professor einfach nur frech an: Und, was machst du, wenn dir der Rektor befiehlt? Weißt du, wie viel ich dem gezahlt habe? Mal sehen, wie du dich da rauswindest, armer Kerl! – Warum haben Sie nichts gelernt? – fragte Oleg Pahlitz. – Krank, konnte nicht vorbereiten! – Und was hatten Sie? – Magenkrämpfe! Sie kennen das! Der attraktive Bartträger schaukelte auf seinem Stuhl… – Ach ja, natürlich – wie konnte ich vergessen, dass Sie unser Hauptabgesandter sind! Sieht man Ihnen gar nicht an! – sagte der Dozent ruhig und übergab die Prüfung ohne Unterschrift. – Kommen Sie zur Nachprüfung! Ein völlig perplexer Student verließ den Raum … Später schickte Pahlitz eine E-Mail an den Rektor: „Unser Antwort auf Chamberlain“ – Sie wollen Fünfer, Sie vergeben sie! Dann kündigte er und beschloss, nicht mehr zu kommen, auch keine zwei Wochen Frist einzuhalten. Sollen sie die Personalakte verhunzen – der Job war endgültig vorbei! Sollen sie’s jetzt selber ausbaden: Scherbakkow war der einzige Mathematikdozent an der Uni … – Lida, ich habe meine Kündigung eingereicht! – rief Pahlitz seiner Frau an. – Nimmst du mich als arbeitslosen Rentner? – Ich schau mir erst mal dein Benehmen an! – antwortete Lida. – Zum Mittag Kohlrouladen oder Fisch? – Da ich ein Held bin, lieber Kohlroulade! – antwortete der Professor, mit typischer Gewitztheit. Und ergänzte routiniert: – Es ist kalt heute. Geh zum Einkaufen, zieh die warmen Hosen an! – Ich hab dich auch sehr lieb! – antwortete Lida leise.
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