Lass ihn im Krankenhaus – Warum manche Entscheidungen nach der Geburt fürs Leben prägen

LASS IHN IM KLINIKUM!

Lass ihn doch, lass ihn einfach da! Die im Klinikum kümmern sich um ihn, bringen ihn dahin, wo er hingehört, vielleicht wird er sogar medizinisch betreut! Lass uns ihn zurücklassen und unser altes Leben weiterführen! Vielleicht schaffen wir es nochmal mit einem Kind! flehte meine Frau, Franziska, und ich saß neben ihr auf der Bank im Eingangsbereich des Klinikums.

Wie sollen wir ihn einfach abgeben, Franzi? Das ist doch unser Kind, unser eigenes! Und nur weil er dieses Syndrom… wie heißt es noch? Down-Syndrom? Er ist doch so ein Süßer! Wenn du ihn einmal siehst, wirst du wissen, dass man ihn hier nicht zurücklassen kann! Ich stille ihn schon, und spürst du es nicht? Er versteht schon so viel! weinte Franziska verzweifelt über meinen Worten.

Franzi, denk doch mal an die Schande! Wie soll ich ihn mit ins Dorf zu meinen Eltern nehmen? Wie soll ich mit ihm draußen rumlaufen, mit so einem… ja, so einem Kind? Ich kenne solche Kinder! Die sehen alle gleich aus, unseren wird man nicht auseinanderhalten können! Das ist nicht heilbar, das ist ein Leid fürs Leben… klagte ich, mein Kopf gesenkt, während ich mir mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht wischte. Ich hatte mir doch so sehnlich einen Sohn gewünscht!

Franziska weinte ebenfalls, aber sie ließ sich von meinen Argumenten nicht überzeugen.

Allein in unserer Wohnung, während Franzi noch im Klinikum lag, dachte ich bitter daran zurück, wie ich meine Franziska so sehr geliebt hatte, wie schön und leidenschaftlich alles gewesen war, wie ich drei Jahre lang niemanden außer meiner Frau auch nur angesehen hatte, selbst jetzt wollte ich niemanden sonst.

Wir lernten uns auf dem Bau kennen: ich als Polier, sie als Malerin und Verputzerin. Dort funkte es und auf der Hochzeit feierten wir mit der ganzen Kolonne. Ein Jahr später bekamen wir vom Bauunternehmen zu zweit die Schlüssel für eine neue Wohnung in Leipzig, und wir freuten uns riesig aufs Baby. Alles war in Ordnung, bis plötzlich das hier passierte! Was sollte ich den Männern auf dem Bau erzählen?

Mit schwerem Herzen holte ich meine Familie aus dem Klinikum ab, die kleine Charlotte im Arm meiner Frau ließ ich damals liegen, wollte sie gar nicht selbst tragen. Franziska ignorierte meine Ablehnung noch, hoffte, ich würde mich irgendwann an unsere Tochter gewöhnen, sie liebgewinnen. Sie kannte mich gut genug und verstand, wie schwer es mir fiel, ein krankes Kind zu akzeptieren.

Doch in den Monaten, in denen ich noch mit ihnen zusammenlebte, änderte sich nichts. Ich ging morgens früh zur Arbeit und kam abends stumm heim, nahm das Kind kaum auf den Arm, half Franziska wenig.

Meine Frau ertrug alles in stiller Hoffnung auf Besserung. Das Kind wuchs, überraschend ruhig und unglaublich brav. Sie lachte, wenn sie ihre Mutter sah, und auch, wenn ich den Raum betrat. Aber ich, beim Anblick dieses typischen Gesichts, schaute weg, wurde wortkarg und finster, erwiderte das Lächeln meiner Tochter nie.

Ich wollte nicht warten, bis sie saß, dann kroch, dann aufstand und verließ schließlich Franziska für eine junge Buchhalterin, die ich im Büro des Bauunternehmens kennenlernte. Als unsere Tochter eins wurde, reichte ich die Scheidung ein und zahlte künftig regelmäßig Unterhalt in Euro.

Wäre Charlotte nicht gewesen, um die sich Franziska jetzt so voller Liebe kümmerte, hätte sie die Scheidung kaum überstanden. So aber? Tja… Da musste ich einsehen, dass ich als Mann schwach gewesen war.

Während Charlotte größer wurde, veränderte sich langsam das Bild von solchen Kindern, sie wurden sogar Sonnenscheinkinder genannt. Franziska war vollkommen damit einverstanden, badete regelrecht in der Liebe und Zärtlichkeit ihrer Tochter. Nicht immer konnte die Kleine ihre Emotionen steuern, aber es war viel mehr Freude als negative Aufregung in ihrem Wesen.

Mit fünf Jahren wurde Charlotte sogar in die Kindergruppe der Kita aufgenommen. Sie war dort die wichtigste Helferin der Erzieherin Andrea, die immer sagte, ohne Charlotte könne sie weder den Tisch decken noch aufräumen. Wenn die Erzieherin um etwas bat, lief Charlotte strahlend los. Die anderen Kinder liebten sie, und viele Eltern unterstützten Franziska darin, ihre Tochter unter Gleichaltrige zu bringen.

Franziska liebte ihr Kind so sehr, dass sie sich nie fragte, was andere wohl denken oder sagen könnten. Nach fünf Jahren stieg sie wieder ins Team am Bau ein und erfuhr, dass ich immer noch im Bauunternehmen arbeite, jetzt als Bauleiter und Kontrolleur auf verschiedenen Baustellen. Von der Tochter sprach ich niemals, zeigte mich stets ernst und unnahbar als Vorgesetzter.

Den Frauen von der Kolonne erzählte Franziska von den Problemen ihrer Tochter viele lobten sie für ihren offenen Umgang und kritisierten mich.

SO VERGINGEN EINIGE JAHRE!

Charlotte besuchte mittlerweile eine Förderschule. Sie lernte nach einem speziellen, angepassten Programm, aber sie lernte! Und dann kam der Tag, an dem Franziska die Nachricht erhielt, dass ich bei einer Baustelleninspektion in München abgestürzt sei, mir die Wirbelsäule schwer verletzt hatte und nun hilflos im Krankenhaus lag meine junge Buchhalterin hatte mich sofort verlassen, als klar wurde, dass ich dauerhaft schwerbehindert sein würde, Kinder hatten wir nie bekommen. Meine Eltern waren auf dem Land bereits gestorben, ich hatte sonst niemanden mehr.

Franziska überlegte nicht lang sie besuchte mich im Krankenhaus. Ich lag schon seit Monaten auf einem Spezialbett, keinerlei Aussicht auf Besserung, die Ärzte sagten, ich bräuchte häusliche Pflege.

So holte Franziska mich zu sich nach Hause. Charlotte war mittlerweile groß genug, um vieles allein zu machen. Und wenn Franziska arbeitete, war ihre Tochter nicht allein ihr Vater, wenn auch unbeweglich, war da.

Als Charlotte hörte, dass ihr Papa bei ihnen wohnen würde, strahlte sie und wiederholte freudig immer wieder, sie liebe und warte auf ihren Papa.

Als der Spezialpflegebett kam, wurde ich aus dem Krankenhaus geholt. Den ganzen ersten Tag wandte ich das Gesicht zur Wand, vermied jede Regung, sah weder Franziska noch meine Tochter an. Aber Charlotte setzte sich neben mich, strich mir die Hand und über den Kopf, wich nicht von meiner Seite.

Dann hatte ich einen Nervenzusammenbruch. Ich weinte wie ein kleines Kind, schluchzte so sehr, dass ich Charlottes Hand ergriff und sie zu küssen versuchte.

Papa, tuts dir weh? Wo tuts weh, Papa? fragte sie, streichelte mich am Kopf. Ich kann eine Massage machen, ich hab das gelernt! Du sollst nicht weinen! Mama und ich helfen dir, nuschelte sie, sprach nicht jedes Wort richtig aus, lispelte dabei seltsam.

Es tut nicht am Körper weh, Liebes. Es tut in der Seele weh, presste ich hervor zwischen den Tränen.

Franziska saß allein in der Küche und weinte still.

In diesem Moment begriff ich, was ich wirklich verloren hatte und was Liebe bedeutet. Dass nicht alles nach Plan läuft, und man manchmal die größten Geschenke erst dann erkennt, wenn es fast zu spät ist.

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Homy
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