Rausgehen und es aussprechen

Die Absenden-Taste auf der Website des Ateliers war winzig, und Christa hatte so schwitzige Hände, als würde sie nicht die Maus, sondern die Hand eines Fremden halten. Im Formular schrieb sie ehrlich: 55 Jahre. Erfahrung Schulfeste, Kurze Lesungen bei Elternabenden. Bei Ziel tippte sie zuerst für mich, löschte es, schrieb Ich möchte lernen, vor Leuten zu sprechen, und erst dann klickte sie.

Keine Minute später kam die E-Mail mit Adresse und Uhrzeit für eine Probestunde. Christa klappte das Notebook ruckartig zu, als könnte das ungeschehen machen, was sie gerade getan hatte, und ging in die Küche. Dort stapelten sich die Teller, die Suppe war auf dem Herd schon kalt. Wie automatisch griff sie zum Schwamm, hielt dann inne.

Später, sagte sie leise, und fühlte sich sofort beobachtet, als hätte jemand zugehört.

Vom Atelier hatte sie niemandem erzählt. Schon im Steuerbüro war das Reden allgegenwärtig: Wer was zu wem gesagt hatte, wer wen wie anschaute. Zu Hause der Sohn, ihr Mann, Schwiegermutter am Telefon, alles wie immer, viel verlangt, wenig gefragt. Christa fürchtete, würde sie sagen: Ich gehe zu einem Kurs für Sprechtraining, würden direkt Nachfragen, Witze, Ratschläge kommen. Oder, noch schlimmer, dieses mitleidige: Ach, wozu brauchst du das denn. Das hatte sie sich selbst oft genug gesagt.

Am Abend des Kurses stieg Christa aus der U-Bahn am Ostbahnhof, suchte lange das richtige Haus, obwohl die Adresse wirklich klar war. Sie ging langsam, griff immer wieder in die Tasche: Ausweis dabei? Notizbuch? Wasserflasche? Im Treppenhaus war es eng, jemand schob einen Buggy entgegen, Christa wich an die Wand aus. Ihr Herz pochte, als müsste sie gleich zur Matheprüfung.

Das Atelier war im zweiten Stock, hinter einer Tür mit dem Schild Kreativwerkstatt. Draußen im Flur standen Stühle, an der Wand hingen alte Plakate von Lesungen. Christa hängte ihren Mantel auf, zupfte durchs Haar, kontrollierte im Spiegel, ob die grauen Strähnen an der Schläfe zu sehen waren, und strich sie instinktiv glatt, als könnte sie sie verstecken.

Im Kursraum waren um die zehn Leute. Einige lachten, jemand blätterte nervös in Texten. Die Leiterin, eine kleine Frau mit kurzem, aschblondem Haar, stellte sich als Frau Schröder vor und rief alle in einen Kreis.

Wir probieren heute die Stimme aus. Es geht nicht um Lautstärke, sondern um Standfestigkeit, sagte sie. Atmen. Und bitte keine Entschuldigungen!

Das Wort keine Entschuldigungen traf Christa mitten ins Herz. Sie merkte, dass sie schon ansetzen wollte zu: Ich bin nur mal gucken hier. Aber statt dessen stellte sie sich nur stumm in den Kreis.

Die erste Übung war einfach: Einatmen, dann lange auf sss ausatmen, dann zzz. Christa schaute zwar weg, bemerkte aber trotzdem: Neben ihr stand eine etwa zwanzigjährige Frau mit makelloser Haltung und knallroten Nägeln, weiter hinten ein Mann im Trainingsanzug, der ganz selbstsicher dastand. Sie fühlte sich wie auf einer fremden Party, komplett fehl am Platz.

Jetzt sagt jede:r ihren/seinen Namen und einen beliebigen Satz. Aber nicht flüstern, sagte Frau Schröder.

Als Christa an der Reihe war, klebte ihr die Zunge am Gaumen.

Christa, presste sie hervor und sofort hinterher: Entschuldigung, ich

Stopp, unterbrach die Kursleiterin freundlich, aber bestimmt. Dieses Wort verwenden wir heute nicht. Noch mal nur der Name.

Christa schluckte.

Christa.

Da hörte sie ihre Stimme: Nicht so dünn, wie sie angenommen hatte. Eher etwas rau, aber lebendig. Das machte ihr gleichzeitig mehr Angst und gab auch Erleichterung.

Nach der Stunde kam Frau Schröder zu Christa.

Kommen Sie ruhig zum Kurs. Sie haben einen Klang. Und die Angewohnheit, sich zu verstecken. Damit arbeiten wir.

Christa nickte, als ginge das alles gar nicht sie etwas an. Draußen schrieb sie ihrem Mann: Komme später, Kurs. Kein weiteres Detail.

Ab der nächsten Woche folgten regelmäßige Proben. Christa druckte sich den Monolog aus, den sie für den ersten Auftritt üben sollte ein kurzer Text über eine Frau, die lernt, Nein zu sagen. Sie las ihn in der Küche, während das Nudelwasser kochte, und verwechselt ständig die Zeilen, ließ Enden weg. Sie war so sauer auf sich, als sei sie ein bockiges Kind.

Was murmelst du da?, fragte ihr Sohn aus dem Flur.

Christa zuckte zusammen, schob das Blatt schnell weg.

Nichts, Arbeit, murmelte sie.

Arbeit war die Standard-Ausrede. Sie schämte sich, sich zu verstecken, aber zuzugeben, worum es ging, war noch schwerer.

Im Kurs stellte Frau Schröder jede:r Teilnehmenden ans Mikrofon. Es stand auf einem Stativ, Kabel zur Box. Christa fürchtete das Mikrofon fast so sehr wie das Publikum als würde jede Schwäche gleich doppelt laut werden.

Nicht zum Mikro beugen. Lassen Sie es zu Ihnen kommen. Gerade stehen. In den Rücken atmen, forderte die Leiterin.

Christa versuchte es. Anfangs ging alles schief: Schultern zu hoch, Atmung verkrampft. Sie hörte, wie die Jüngeren leicht und spielerisch vorlasen. Sie schämte sich: Ich bin zu alt. Ich bin peinlich. Und dann fing sie innerlich wieder mit Erklärungen an.

Nach der Probe kam eine Frau auf sie zu, etwa gleiches Alter, ordentlich zusammengebundene Haare, grauer Pullover.

Sie setzen schöne Pausen, das beruhigt sehr, sagte sie. Ich bin Marie. Hatte auch Angst vorm Mikro, dachte immer, es entlarvt mich.

Christa lächelte zum ersten Mal an diesem Abend.

Macht es auch. Aber anders als man denkt, murmelte sie.

Stimmt, sagte Marie. Aber nicht so, wie wir immer fürchten.

Zusammen gingen sie zur Bushaltestelle. Marie erzählte, dass sie in einer Arztpraxis arbeitet, nach einem schwierigen Jahr angefangen hat, weil sich innerlich alles wie Watte anfühlte. Christa hörte zu und spürte, wie in ihr etwas schmilzt. Noch keine Freundschaft, aber die Möglichkeit, nicht mehr so ganz allein zu sein.

Ein paar Proben später kam ein blöder Spruch. Christa las ihren Monolog, als sie mitten im Text an einem Wort hängte, das sie zu Hause längst konnte. Peinlich Pause.

Naja, das Gedächtnis lässt halt nach, murmelte der Mann im Trainingsanzug, nicht besonders laut, aber alle hörten es.

Christa spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Am liebsten hätte sie kontert, aber sie lächelte automatisch, wie immer.

Kommt schon mal vor, sagte sie leise.

Frau Schröder hob die Hand.

Kommt bei allen vor, sagte sie. Bei Jüngeren übrigens auch. Wir bewerten hier kein Alter. Wir arbeiten.

Der Mann zuckte nur mit den Schultern, als wär nichts gewesen, und Christa dachte, dass ihr Reflex, auf Sticheleien zu lächeln, auch eine Art Schweigen war. Oder besser: ihr fehlende Stimme.

Am selben Abend zu Hause, beim Lesen am Küchentisch, fragte ihr Mann:

Übst du Gedichte?

Christa erstarrte.

Nee ich mache so einen Kurs. Da gibts einen Auftritt.

Ihr Mann sah vom Fernseher auf.

Auftritt?, wiederholte er, ohne Hohn.

Christa erwartete einen Spruch aber er nickte nur.

Wenn dus brauchst, mach das. Aber mach dich nicht verrückt.

Nicht überschwänglich, kein du bist toll. Einfach: Erlaubnis, nicht erklären zu müssen.

Die Vorbereitung war hart. Christa stellte sich morgens extra den Wecker, machte Atemübungen am Fenster, während alle noch schliefen. Hände an die Rippen gelegt, Atem gezählt. Manchmal lachte sie über sich, manchmal hustete sie bloß. Im Notizbuch sammelte sich: Kiefer locker lassen, nach ,nein’ Pause machen, Publikum anschauen, nicht den Boden!

Eines Tages bat Frau Schröder alle, sich vorzustellen, jemand Bestimmten säße in der ersten Reihe, dem sie ihren Text sagen wollen.

Christa sah sofort die Schwiegermutter. Dann die Chefin. Dann sich selbst im Spiegel, mit genau dem abgewehrten Lächeln, das sie sich antrainiert hatte. Ihre Hände zitterten davon.

Sie müssen nicht allen was sagen, bemerkte die Leiterin. Suchen Sie sich eine Person aus. Sprechen Sie zu ihr.

Christa entschied sich für sich selbst. Komisch, beängstigend, als hätte sie das Recht, in der ersten Reihe zu sitzen, erst jetzt anerkannt.

Der Tag des Auftritts kam viel zu schnell. Christa war viel vor dem Wecker wach, leer und eiskalt im Bauch. Sie schlich sich in die Küche, trank langsam Wasser, der Text lag gefaltet auf dem Tisch. Sie entfaltete das Blatt, überflog, und plötzlich war die Mitte weg als hätte da jemand mit Tipp-Ex gewischt.

Sie drückte die Hände gegen die Schläfen.

Ich gehe da nicht raus, dachte sie. Die Vorstellung fühlte sich süß und schützend an. Man könnte ja sagen, man sei krank. Oder hätte einen dringenden Termin. Es wäre okay.

In dem Moment kam ihr Mann verschlafen in die Küche.

Was machst du denn so früh?

Christa schaute ihn an und sagte ehrlich:

Ich hab Angst. Ich hab Schiss, alles zu vergessen.

Er kratzte sich am Kopf, nahm ihr das Blatt aus der Hand.

Lies es mir mal vor wies eben geht.

Christa wollte ablehnen, doch sie stand schon. Sie las leise, hakte sich manchmal, blieb stehen. Ihr Mann schwieg, hörte nur zu. Nur an der Stelle, wo sie wieder entschuldigen wollte, hob er die Brauen.

Du solltest das Wort doch dort nicht sagen.

Christa grinst.

Tja. Noch nicht mal zu Hause klappt das.

Wird schon, sagte er. Du gehst ja trotzdem, oder?

Im Atelier war es vorm Auftritt trubelig. Rascheln von Kostümen, Stimmengewirr, aufgeregtes Flüstern. Christa hielt ihre Kopie fest, die Finger eiskalt, obwohl es warm war.

Marie kam zu ihr, reichte eine Wasserflasche.

Trink einen Schluck. Und lies jetzt bloß nicht mehr das ist vorbei. Jetzt musst du nur atmen.

Christa nickte, stopfte das Blatt in die Tasche, stellte sie auf einen Stuhl an die Wand und schloss den Reißverschluss. Zu wissen, dass die Sachen da sind, half: Ein Platz, zu dem sie zurück kann.

Im Saal waren rund fünfzig Leute. Kleine Bühne, schwarzer Vorhang, zwei Spotlights, die ins Gesicht blendeten. Das Mikro in der Mitte. Christa stand an der Seitenkulisse, warf einen Blick ins Publikum und bereute es sofort. Die Gesichter verschwammen, aber sie erkannte: Ihr Mann saß vorn am Gang, daneben ihr Sohn, offenbar gekommen, und das durchzog sie mit Zuneigung und Panik.

Ich kann nicht, flüsterte sie Marie zu.

Doch, kannst du, flüsterte Marie zurück. Guck auf mich. Ich bleib am Rand.

Frau Schröder kam, legte Christa die Hand auf die Schulter.

Du musst nicht perfekt sein, meinte sie, du musst echt sein. Geh raus, atme, sag den ersten Satz. Der Rest kommt allein.

Christa schloss die Augen. Der Mund war trocken, Zunge fremd. Sie atmete tief ein, wie gelernt, Schultern ruhig, Luft gegen die Rippen. Keine Magie, nur Physik, aber das trug.

Ihr Name wurde gerufen. Christa trat auf. Der Boden fest, minimal rutschig. Sie ging zum Mikrofon, hielt Abstand. Das Licht blendete, der Zuschauerraum verschwamm, was sogar half: weniger Gesichter, weniger Druck.

Sie öffnete den Mund, brachte keinen Ton raus. Im Kopf gähnte Leere. Dann sah sie vorn ihren Mann sitzen, mit ruhigem Gesicht, die Hände auf dem Oberschenkel. Sie sah ihren Sohn, der diesmal nicht aufs Handy guckte, sondern auf sie. Und sie begriff, dass sie nichts Perfektes von ihr wollten. Sie waren einfach da.

Ich habe gelernt, leise zu sprechen, kam der erste Satz. Die Stimme wackelte, klang aber.

Und dann liefs. Die Sätze griffen ineinander, auch wenn sie zwischendurch die Reihenfolge verlor und für einen Moment wegsackte. Christa hielt inne, atmete, sagte weiter, so wie sie es im Kopf hatte. Keiner lachte, niemand verdrehte die Augen. Es war still und die Stille hörte zu.

Als sie zum Nein kam, hielt sie bewusst inne, wie im Notizbuch, und lächelte nicht dieses weichspülende Lächeln. Einfach ein schlichtes Nein.

Am Ende trat sie einen Schritt zurück, ließ das Mikro stehen, versteckte die Hände nicht. Sie bebten, aber sie blieben offen. Kurze Verbeugung.

Der Applaus war nicht tosend, aber sehr warm, sehr echt. Jemand sagte laut Danke, und Christa hörte es so klar, als sei es nur für sie.

Backstage lehnte sie sich an die Wand. Die Knie wabbelig, wie nach einer langen Treppe. Marie umarmte sie kräftig, nur kurz.

Du bist rausgegangen, sagte sie.

Christa nickte. Ihr war eigentlich zum Weinen, aber da waren keine Tränen sondern dieses Gefühl, endlich dort angekommen zu sein, wo sie so lange einen Bogen drumrum gemacht hatte.

Die Gruppe blieb noch lang zusammen, einige suchten Sachen, andere machten Fotos. Christa ging zu ihrem Stuhl, kontrollierte den Reißverschluss, holte das Blatt heraus. Zerknickt, Ecken umgeschlagen. Sie fuhr mit dem Finger drüber und wusste: Sie wollte das nicht einfach wegwerfen. Es war ein Beweisstück.

Ihr Mann und ihr Sohn kamen im Flur zu ihr.

War schon okay, sagte der Sohn mit möglichst neutraler Stimme, aber seine Augen strahlten. Wirklich interessant.

Der Mann nickte.

Du hast geklungen anders, nicht wie in der Küche.

Christa lachte kurz auf.

Da hetze ich immer, sagte sie. Und schob nach, bevor sie grübeln konnte: Ich will weitermachen.

Draußen zog sie den Mantel zu, nestelte am Schal. Es zitterte noch alles in ihr, aber nicht vor Angst, sondern weil der Körper wusste: Sie hats durchgezogen.

Am nächsten Tag war Christa noch vor Kursbeginn im Atelier. Der Flur war leer. Sie ging zum Tisch der Bürofee, wo Formulare lagen, füllte die Anmeldung für das nächste Level aus. Ziel? Kein langes Suchen mehr nach passenden Worten. Sie schrieb einfach: Sprechen.

Als Frau Schröder aus ihrem Büro kam, schaute Christa sie an.

Ich bleibe, sagte sie leise.

Sehr gut, antwortete Schroeder. Dann suchen Sie sich gleich einen neuen Text.

Christa nahm die Mappe, drückte sie an sich. Beim Hineingehen bemerkte sie: Kein einziger Rechtfertigungssatz kam über die Lippen. Eine kleine, aber laute Änderung viel lauter als jeder Applaus.

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Homy
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