Mittwoch im Hinterhof

Mittwochnachmittag im Hinterhof

Auf der Bank vor dem dritten Eingang lag eine sorgfältig verknotete Plastiktüte, obendrauf ein Blatt Papier, festgeklebt mit Tesafilm: Bedient euch. Ursula Weber blieb stehen, Einkaufstasche in der Hand, als hätte sie jemand gerufen. Die Tüte sah zu sauber aus für Müll, aber auch zu fremd für diesen Hof, wo alles Fremde sonst schnell wieder verschwand.

Sie trat eine Stufe näher, beugte sich, ohne die Tüte anzufassen. Durch das Klarsichtplastik erkannte sie runde Brötchen, noch leicht warm das Plastik beschlug. Die Haustür klappte, Laura aus der Wohnung 5 kam raus, Kopfhörer um den Hals, und blieb wie angewurzelt stehen.

Sind das Köder oder was? fragte Laura und nahm einen Stöpsel aus dem Ohr.

Keine Ahnung, zuckte Ursula mit den Schultern. Vielleicht hat sich jemand vertan?

Laura schnaubte, warf einen raschen Blick zu den Fenstern. Im Erdgeschoss war der Vorhang zugezogen, im ersten Stock lugte jemand vorsichtig durch das gekippte Fenster. Der Hof lebte seine gewohnte Wachsamkeit, wo alle alles mitkriegen, aber keiner sich etwas anmerken lässt.

Da kam Sebastian, der Paketbote, der unten bei Frau Krämer aus dem vierten Stock ein Zimmer mietete. Immer auf dem Sprung, immer schon mitten im Satz.

Cool, Brötchen!, rief Sebastian und griff schon nach der Tüte.

Nicht anfassen!, sagte Laura scharf. Man weiß ja nie.

Sebastian zog die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt.

Mensch, hier liegt doch ein Zettel, grummelte er.

Auch Zettel können…, brummte Ursula und wunderte sich, wie leicht ihr das Misstrauen jetzt über die Lippen kam. Eigentlich mochte sie das nicht, Leute sofort zu verdächtigen. Aber der Hof hatte sie gelehrt: Lieber zu vorsichtig als zu leichtsinnig.

Sie blieben noch einen Moment stehen, jeder fand eine Ausrede, wegzugehen. Laura schritt zum Müllcontainer als hätte sie es eilig, Sebastian winkte ab und rannte zur Durchfahrt. Ursula ging in den dritten Stock, schaute unterwegs aus dem Fenster im Treppenhaus immer wieder nach unten. Die Tüte lag noch auf der Bank, wie ein ungelöstes Rätsel.

Abends, als sie den Müll runter brachte, war die Tüte verschwunden. Nur ein Streifen Tesafilm auf der Bank deutete noch darauf hin und Ursula ertappte sich bei einer seltsamen Enttäuschung, als ob etwas Wichtiges nicht geschehen wäre.

Eine Woche später, am Mittwoch, tauchte wieder eine Tüte auf. Diesmal stand sie nicht auf der Bank, sondern auf dem Fensterbrett zwischen erstem und zweitem Stock, dort, wo sonst leere Marmeladengläser und regionale Angebotsflyer landen. Der Zettel war derselbe: Bedient euch. Ursula war gerade vom Arzt zurück, müde, das Überweisungsformular schwer in der Tasche, der Kopf noch voll vom langen Warten. Im Beutel lag diesmal ein Kuchen, bereits in acht saubere Stücke geschnitten, jedes in eine Serviette gewickelt.

Schon auf dem Treppenabsatz stand Monika Voss, die Sachbearbeiterin aus Wohnung 6, wie immer mit ihrer Tasche.

Schon wieder was da?, flüsterte Monika wie in einer Kirche.

Sehe ich, gab Ursula zurück.

Ist bestimmt irgend so ne Gruppe dahinter, vermutete Monika halbironisch, aber an den Augen sah man, sie meinte es ernst.

Ursula wollte etwas Beruhigendes sagen, aber ihr fiel nichts Passendes ein. Sie schaute einfach nur auf den Kuchen und spürte plötzlich ganz deutlich: Da hatte jemand einen Abend lang Teig geknetet, die Füllung nicht vergessen, alles portioniert, jedes Stück extra verpackt. Das war viel zu menschlich, um eine Falle zu sein.

Schnell griff Monika nach einem Kuchenstück, so als müsste sie es davor retten, es sich anders zu überlegen, und steckte es in ihre Tasche. Für die Kinder, murmelte sie, schon am Weitergehen.

Ursula blieb zurück. Sie hätte sich auch eines nehmen können, aber diese alte Angewohnheit kam hoch: nichts nehmen, wenn man nicht weiß, bei wem man sich bedanken kann. Dankbarkeit ohne eine Adresse fühlte sich für sie seltsam leer an.

Eine Stunde später, beim Müllrausbringen, lagen nur noch zwei Stücke da. Neben dem Fenster stand Herr Kolb, der Hausmeister und Tüftler aus dem zweiten Eingang.

Na sieh mal einer an, Ursula, sagte er. Wieder Wohltätigkeit in unserem Hausflur.

Vielleicht hat einfach jemand Spaß am Backen, überlegte sie.

Backen und schweigen, das ist merkwürdig… Aber schmecken solls, meinte Herr Kolb und probierte ein Stück, direkt dort am Treppenhaus, langsam und genüsslich wie ein Kenner.

Apfel und Zimt. Ist nicht vom Bäcker, stellte er fest.

Ursula musste grinsen und spürte dabei mehr Erleichterung als Freude.

Der nächste Mittwoch brachte kleine Quarkbrötchen, nett in einer alten Schuhschachtel mit Backpapier ausgelegt. Die Notiz war diesmal auf einem linierten Heftblatt: Bedient euch bitte. Dieses bitte rührte Ursula mehr als das Gebäck selbst.

Als sie morgens Milch holen wollte, sah sie am Fensterbrett Max, den Jungen aus Wohnung 9, schmal, Schultasche auf dem Rücken. Er stand da und zögerte.

Nimm dir ruhig eins, sagte Ursula.

Und wenn… wenn das nicht erlaubt ist?, stotterte Max.

Steht doch da, erwiderte sie.

Er nahm schnell ein Quarkbrötchen und schob es in die Jackentasche die gleich nach außen beulte.

Danke, murmelte er, nicht ihr, sondern mehr zu sich selbst, und flitzte los.

Ursula blieb stehen. Sie nahm sich zum ersten Mal selbst eins. Durch das Papier spürte sie die Wärme in den Fingern. Zuhause stellte sie den Wasserkessel auf, holte sich eine Untertasse. Das Brötchen war fluffig, der Quark süß, mit Rosinen. Während sie aß, dachte sie weniger an den Geschmack, als an dieses neue Gefühl, das im Hausflur umherschwebte: Als hätte jemand Einzug gehalten, den man weder sieht noch kennt, der aber an andere denkt.

Am Abend im Aufzug begegnete ihr Frau König aus Wohnung 8, eine Tüte voll Medikamente in der Hand.

Haben Sie was genommen?, fragte sie mit Kopfnicken.

Ja, antwortete Ursula ehrlich.

Ich auch… Irgendwie schäm ich mich, aber was soll’s. Die Rente, Sie wissen schon…

Ursula nickte. Sie wusste. Und dieses kleine Geständnis machte den Fahrstuhl enger, aber nicht unangenehm, sondern fast heimelig.

Beim vierten Mittwoch war das Ritual fast schon ein bisschen erhofft. Ursula ertappte sich, wie sie gleich morgens aufs Fensterbrett schielte. Dort stand ein Backblech, abgedeckt mit einem Geschirrtuch, und der vertraute Zettel: Bedient euch. Drunter: kleine Mohnbrötchen.

Laura stand auch da. Sie war die, die anfangs von einer Falle gesprochen hatte. Jetzt hielt sie ein Brötchen, grinste und fragte: Na, doch keine Sekte?

Sieht nicht so aus, sagte Ursula.

Dachte schon, Sie sind das, musterte Laura sie neugierig. Sie sind ja immer so aufmerksam… Ich hab echt geglaubt, Sie backen das.

Ursula lachte leise. Ich kann nur Tee kochen.

Na, wer dann?

Sie zuckte die Schultern und bemerkte, dass es ihr eigentlich gefiel, es nicht zu wissen. In dieser Ungewissheit lag etwas Schönes: Die Geste blieb, aber niemand geriet in Schulden.

Am fünften Mittwoch war das Fensterbrett leer. Ursula schloss ihre Wohnungstür zweifach, ging hinunter, sah auf den gewohnten Platz. Nichts. Kein Beutel, keine Schachtel, nicht mal ein Zettel. Nur eine Pizza-Werbung, eine verlorene Handschuh.

Sie lauschte. Von oben meckerte jemand übers Telefon, unten knallte eine Tür. Draußen auf der Bank: wieder leer. Da kroch Unruhe in ihr hoch nicht wegen Kuchen, sondern um den Menschen, der ihn gebracht hatte. Wenn ausgesetzt wurde, war vielleicht was passiert.

Vor dem Eingang stand Herr Kolb, rauchte, direkt unter dem rauchverbot-Schild.

Heute nichts, stellte er fest.

Nein, sagte Ursula. Sie wissen nicht etwa, wer der oder die Bäckerin war?

Quatsch. Wer soll das sein? Vielleicht keine Lust mehr? Vielleicht krank geworden?

Oder…, begann Ursula.

Oder, nickte er.

Sie schwiegen. Ursula musste an Frau König mit den Medikamenten denken. An Max mit dem Quarkbrötchen. An Monika, die sagte: Für die Kinder. Für manche war dieser Mittwoch mehr als nur eine nette Geste.

Ich schau mal bei Frau König vorbei, sagte Ursula. Fragen, wie’s geht.

Und richtig so, meinte Herr Kolb. Ich check den Müller aus der 15. neulich war’s da laut, jetzt ist’s still.

Ursula stapfte aus Gewohnheit die acht Stockwerke zu Fuß der Aufzug war wieder mal steckengeblieben. Endlich vor Frau Königs Tür. Es dauerte, bis sie öffnete.

Frau Weber? Frau König sah blass aus, im Bademantel, Haare wirr. Ist was passiert?

Nicht wirklich… Ich wollte nur hören, wie es Ihnen geht.

Sie blickte zu Boden. Kreislauf. Hatte gestern Notarzt. Mein Sohn ist auf Montage. Die Nachbarin auch weg. Ich ganz allein.

Ursula trat hinein, zog die Schuhe aus, stellte ihre Tasche ab. Im Raum roch es nach Medizin, auf dem Tisch ein angebrochener Kefir. Das Fensterbrett war leer.

Sie müssen mal was essen, sagte Ursula.

Hab keinen Appetit. Hab vorgestern das Letzte gekocht, winkte König ab.

Ursula schaute in den Kühlschrank: ein paar Eier, ein Stück Butter, Marmelade. Sie schlug Eier auf, ließ die Pfanne heiß werden. Routiniert, als koche sie für sich selbst. Frau König wirkte dadurch schon weniger hilflos.

Plötzlich sagte sie leise: Der Kuchen… das war ich.

Ursula drehte sich um. Sie?

Ja. Ein schüchternes Lächeln. Mir helfen die Hände, wenn sie was tun. Und… ich dachte, wenn ich es einfach hinstelle, fragt keiner nach. Ich mag es nicht, wenn mir geholfen wird. So fühlte es sich an, als könnte ich selbst noch was beitragen.

Ursula spürte einen Kloß im Hals nicht aus Mitleid, sondern aus Verständnis. Sie mochte es selbst nicht, um Hilfe zu bitten.

Heute haben Sie nicht backen können, sagte sie.

Nee. Mir war schwindlig. Nicht mal raus zum Bäcker hab ich’s geschafft.

Sie stellte das fertige Rühr-Ei und ein Stück Brot vor Frau König ab.

Essen Sie was. Und den Mittwoch kriegen wir auch irgendwie hin.

Als Ursula später rausging, stand Herr Kolb auf dem Flur.

Und?

Frau König war’s. Ihr geht’s nicht gut. Druck, Kreislauf. Ganz alleine grade.

Ach, das war sie! Hätte ich auf jemanden Jüngeren getippt…

Ursula ging nach Hause, holte ihr altes Handy, das sie sonst nur für Anrufe mit ihrem Sohn und Onlinebanking nutzte, und öffnete den Hausgruppen-Chat, in dem sie fast nie etwas postete.

Ihre Finger zitterten ein wenig, mehr vor Aufregung als vor Angst. Aber dann schrieb sie: Leute, die Back-Mittwoche kamen von Frau König, Wohnung 8. Ihr geht es zurzeit nicht gut. Wer helfen kann, sagt einfach, was er/sie mitbringen könnte. Ich bringe morgen Lebensmittel rüber.

Sie las es noch mal. Kein Drama, keine Vorwürfe, einfach sachlich. Dann schickte sie es ab.

Die ersten Antworten kamen sofort. Laura: Ich kann nach Feierabend Medikamente besorgen. Monika: Sagt Bescheid, ich überweise gern was für den Einkauf. Sebastian: Ich hab morgen früh Zeit und trage gerne die Tüten. Jemand bot an, Suppe zu kochen. Jemand fragte, ob ein Blutdruckmessgerät gebraucht wird.

Ursula las das alles und spürte so eine eigenartige Mischung aus Wärme und Angst, ob nicht zu viel Lärm um alles gemacht würde, dass es wieder zu viel Getratsche gibt.

Am nächsten Tag ging sie mit Einkaufszettel los: Grieß, Milch, Brot, Bananen, Teepackung. An der Kasse überlegte sie doch noch, Kekse mitzunehmen. Die Tüten waren schwer. Vor dem Laden fand Sebastian sie.

Soll ich tragen?, fragte er, griff schon zu.

Sie gab ihm einen Beutel. Er trug ihn vorsichtig, fast ehrfürchtig, als wüsste er, da steckt mehr drin als nur Vorräte.

An Frau Königs Tür begegneten sie Laura mit einer Apotheker-Tüte. Laura sah Ursula verlegen an.

Hier, wie abgesprochen Tabletten, murmelte sie.

Danke, sagte Ursula.

Frau König öffnete, erblickte die drei und wollte gleich abwinken.

Bitte, nein ich…

Sie haben schon geholfen. Jetzt sind wir dran. Ohne Diskussion, sagte Ursula ruhig.

Frau König ließ die Hand fallen und begann leise zu weinen, ganz ohne Schluchzen, als sei jetzt der Druck der letzten Wochen mal raus.

Eine Woche drauf, wieder Mittwoch, trug Ursula selbst ein Blech, abgedeckt mit einem Handtuch, zum Fensterbrett. Sie hatte abends gebacken, so wie ihre Mutter es ihr gezeigt hatte. Nicht perfekt, aber ehrlich. Auf einen Zettel schrieb sie: Bedient euch. Dann, nach kurzem Überlegen: Wer mag, kann einen Wunsch für nächsten Mittwoch aufschreiben.

Sie stellte das Blech ab und zog sich zurück. Das Herz klopfte wie beim ersten Schultag. Sie wollte nicht, dass daraus eine Pflicht wird. Auch nicht wieder in alte Anonymität zurück.

Eine halbe Stunde später schielte sie nochmal um die Ecke. Da lagen noch ein paar Stück übrig und ein gefalteter Zettel.

Danke! Bitte ohne Zucker meine Mama ist Diabetikerin, stand in krakeliger Schrift darauf.

Sie faltete den Wunsch vorsichtig zusammen, steckte ihn ein. Gerade da kam Max die Treppe hoch, blieb stehen.

Jetzt sind Sie die Bäckerin?, fragte er.

Nicht nur ich. Wir wechseln uns ab, sagte Ursula.

Max nickte, nahm ein Stück und flüsterte: Ich kann die Zettel einsammeln, ich laufe eh die Treppen auf und ab.

Abgemacht, sagte Ursula.

Am Abend klopfte sie bei Frau König vorbei. Die saß am Fenster, trug Tuch, wirkte viel wacher.

Ich dachte, jetzt hört das auf, sagte sie, als Ursula eine Tüte Äpfel auf den Tisch stellte.

Wir machen’s einfach anders. Damit’s nicht auf einer Person lastet.

Frau König lächelte und reichte ihr ein kleines Heft.

Hier, ich hab die Rezepte notiert. Vielleicht hilfts jemandem mal.

Ursula nahm das Heft noch warm von Frau Königs Händen.

Ganz bestimmt, sagte sie.

Als sie rausging, lag schon wieder ein Zettel auf dem Fensterbrett, festgeklemmt mit einem alten Kühlschrankmagneten: Nächsten Mittwoch bring ich einen Apfelkuchen.

Ursula hatte keinen Schimmer, von wem der stammte. Und das war jetzt genau richtig. Anonymität trennte keinen mehr sie hielt nur fest, dass niemand sich erklären musste. Aber falls es jemandem mal nicht gut ging, war die Schwelle, an eine Tür zu klopfen, plötzlich viel niedriger.

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Homy
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DER GESCHMACK DES LEBENS…