Der unnahbare Ehemann

DER UNZÄRTLICHE EHEMANN

Anja, du bist zurück? Tatsächlich wieder bei uns im Büro? Im Großraumbüro, wo Anja vorher gearbeitet hatte, herrschte plötzlich rege Aufregung. Alle hoben die Köpfe von ihren Bildschirmen und musterten die ehemalige Kollegin neugierig.

Ach nein, ich wollte euch nur besuchen! Ich habe euch wirklich vermisst, sagte Anja und lächelte.

Anja sah blendend aus: neue Frisur, modisches Kleid, eine geschmackvolle kleine Tasche. Doch lange durften die Kollegen sie nicht bestaunen: Kathrin und Helene, ihre beiden Freundinnen, hakten sich sofort bei ihr ein und zogen sie hinaus auf den Flur, um in Ruhe plaudern zu können.

Die Tratschtanten da drinnen brauchen wir nicht einzuweihen, sagte Kathrin leise. Also, rede warum hast du nichts mehr von dir hören lassen, seit du geheiratet und gekündigt hast? Wohin habt ihr euch abgesetzt? Gibts Kinder?

Ich habe geheiratet, bin in eine andere Stadt gezogen, habe einen Sohn, der ist fünf. Meine Mutter wurde damals krank, da haben wir die Wohnung verkauft und eine bei ihr in der Nähe genommen. Mehr gibt’s eigentlich nicht zu erzählen. Kommt doch lieber heute Abend zu mir, ich decke den Tisch, dann haben wir Zeit zum Reden.

Mit unseren Männern, oder lieber allein?

Lieber nur wir drei, meinte Anja verlegen. So ganz unter uns Mädels quatscht es sich besser.

Alle waren mittlerweile über dreißig. Kathrin war launisch und direkt, manchmal verletzte sie mit einer unbedachten Bemerkung ohne Absicht, während Helene lieb und oft naiv, aber sorgfältig darauf bedacht war, niemanden zu kränken. Beide hatten eine Scheidung und eine Tochter hinter sich, neue Beziehungen lebten sie ebenfalls. Am Abend erschienen sie bei Anja mit Sektflasche und lautem Hallo! an der Tür.

Pssst! zischte Anja. Leiser, ihr beiden! Mein Mann übt mit unserem Sohn. Kommt in die Küche.

Auf dem Tisch gab es viele Häppchen, und in der Mitte prangte ein großer Kirschkuchen, wunderschön verziert.

Den hat Sebastian gebacken, gab Anja zu, ich habe nur die Kirschen entsteint. Mein Mann ist beim Backen ein echter Profi, ich kriege das nicht so hin.

Dann zeigt uns doch mal das Prachtstück, das abends mit dem Sohn übt und noch backen kann! lachte Kathrin laut.

Ach nein, lieber nicht, winkte Anja ab. Gießt lieber Sekt in die Gläser!

Fast eine Stunde wurde geplaudert, Sebastian ließ sich gar nicht blicken.

Guten Abend! riefen die Freundinnen lachend.

Sebastian nickte nur kurz, füllte ein Glas mit Wasser aus der Karaffe, und verschwand wortlos wieder.

Da stand Kathrin vom Stuhl auf, parodierte Anjas Mann: stapfte wie ein Bär zum Wasserkrug, nickte und stapfte wieder hinaus mit einem grimmigen Gesicht. Die Freundinnen brachen in Lachen aus.

Ja, so ist er immer, sagte Anja bestätigend. Irgendwie nicht gerade zärtlich.

Er schreit aber nie, ergänzte sie. Er hat nie laut mit mir gesprochen. Er ist eben ein schweigsamer, zurückhaltender Typ. Seine Liebesgeständnisse passen in ein paar leise Worte. Keine großen Umarmungen in der Öffentlichkeit, keine langen Liebeserklärungen, keine überschwänglichen Küsse.

Ach Anja, wie hältst du das aus? seufzte Helene traurig. Ich könnte so nicht leben.

Er ist kein Rüpel, einfach wortkarg, erwiderte Anja. Seine Liebesbeweise sind Taten, keine Worte. Als ich schwanger war, durfte ich nichts mehr im Haushalt machen, da lernte er Kuchenbacken. Als unser Sohn geboren war, stand er nachts für ihn auf, obwohl er selbst arbeiten musste. Er kennt alle unsere Jahrestage auswendig, sogar den Tag unseres Kennenlernens. Geschenke bringt er immer, Blumen weniger, das habe ich ihm auch gesagt praktisch sind sie nicht, er kauft mir lieber Sachen, die ich brauche: Kleider, Schuhe, immer den richtigen Geschmack. Um den Jungen kümmert er sich, holt ihn aus dem Kindergarten ab, bringt ihm schon Lesen bei Paul ist erst fünf. Aber er macht es ganz spielerisch, Paul hat richtig Spaß daran.

Gerade in diesem Moment platzte Paul selbst herein, grüßte flink die Gäste und zeigte seiner Mutter in einem Buch das neue Märchen, das sie mit dem Papa gelesen hatten. Kaum war der Junge weg, fuhr Anja fort:

Ihr versteht, als meine Mutter krank wurde, hat er sofort gesagt: Wir verkaufen meine Wohnung, ziehen hierher. Er hat dann auch extra eine gesucht, die möglichst nah an ihrer liegt. Er kauft ihre Medikamente, erledigt, was sie braucht. Seine eigene Mutter hat er früh verloren, war allein mit ihr deshalb kümmert er sich auch um andere so aufmerksam. Und seinen Job? Kein Problem, hier gibt es eine Zweigstelle seines Unternehmens, Gehalt dasselbe.

Und du selbst, willst du wieder arbeiten gehen? fragte Helene.

Klar, aber erst muss die Wohnung fertig werden, seht doch, hier stehen noch Kisten vom Umzug.

Und wieder bei uns anfangen?

Ach nein, Mädels, seid mir nicht böse, aber unsere Chefin ist unerträglich. Ihr wisst ja. Ich suche lieber was in der Nähe, wozu soll Sebastian das Auto bewegen und Sprit verfahren, nur um mich später abzuholen? Hier um die Ecke gibts genug Firmen, meine Kenntnisse werden überall gebraucht.

Ich bringe jetzt Paul ins Bett.

Wir müssen sowieso los, Helene stand auf, und Kathrin folgte.

Nein, bleibt ruhig sitzen, ich muss nur Paul Milch warm machen, er will sie vor dem Schlafen immer, aber kommt, wir trinken noch einen Tee, plapperte Anja, doch die Freundinnen standen schon im Flur und zogen die Mäntel an.

Draußen, an der Straße, als sie auf das Taxi warteten, entbrannte ihr Streit: Ist es ein Segen, mit so einem unnahbaren Mann zu leben, oder nicht? Der Streit wurde hitziger, Helene bekam beinahe Tränen in die Augen, während Kathrin ihr immer wieder ihren Ex-Mann vorhielt.

Deiner war doch auch kein Engel! Der hat sogar mir Avancen gemacht!

Ach, der war bloß ein Sprücheklopfer, am Ende war ihm eh alles zu anstrengend. Mach dir keine Illusionen, er scherzte nur. Aber Anjas Mann, der ist wirklich ein eigenes Kaliber.

Sie schwiegen darauf und blickten beleidigt zur Seite, jede für sich vertieft, bis das Taxi erschien. Plötzlich kam Sebastian aus dem Treppenhaus, in den Händen zwei große eingepackte Kuchenstücke.

Ihr habt meinen Kuchen gar nicht probiert. Eure Töchter werden ihn lieben. Hier, nehmt je ein Stück mit.

Ohne ein weiteres Wort verschwand Sebastian wieder ins Haus. Die Freundinnen sahen einander überrascht an. Für weitere Diskussionen blieb nichts mehr zu sagen.

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Homy
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