Verschiedene Menschen
Annika war nie ein einfaches Kind. Helmut und Birgit wussten, dass sie es selbst verschuldet hatten sie verwöhnten ihre Tochter einfach zu sehr. Aber wie hätten sie es auch anders machen sollen? Sie war so hübsch, so sanft, und es war so schwer gewesen, sie zu bekommen. Birgit konnte lange kein Kind bekommen. Sie hatten alle Ärzte in München besucht, waren sogar in Berlin gewesen. Doch alle Ärzte zuckten nur mit den Schultern und sagten, medizinisch sei alles in Ordnung.
Aber wenn alles in Ordnung war warum hatten sie dann kein Kind? Ein älterer Arzt gab ihnen schließlich den Rat, es mit Volksheilkunde zu versuchen. So fanden sie eine ältere Dame, die Birgit eine übel riechende Tinktur gab. Sie sollte diese jeden Tag tropfenweise trinken. Birgit verzog das Gesicht, trank sie aber gehorsam. Und irgendwann war sie tatsächlich schwanger. Die Freude der beiden kannte keine Grenzen. Helmut feierte so laut, dass die Nachbarn nur den Kopf schüttelten.
Die Schwangerschaft war mehr als anstrengend. Helmut befürchtete mehr als einmal, dass Birgit die Schwangerschaft nicht bis zum Ende durchstehen würde. Ihr war ständig übel, sie konnte weder etwas essen noch roch sie Gerüche, ohne dass es ihr schlecht wurde. Ihre Hände und Füße schwollen so an, dass sie wie Kissen aussahen. Birgit schlief schlecht und verließ kaum die Wohnung. Als die Wehen einsetzten, atmete Helmut zunächst auf, aber die Schwierigkeiten fingen gerade erst an. Die Geburt dauerte über zehn Stunden und am Ende musste ein Kaiserschnitt gemacht werden. Annika kam schwach und erschöpft zur Welt, Birgit verlor sehr viel Blut und hing zwei Tage zwischen Leben und Tod. Doch sie schaffte es. Nach fast einem Monat im Münchener Kinderkrankenhaus durfte sie endlich mit ihrer Tochter nach Hause. Helmut hatte seine Frau und seine Tochter so sehr vermisst, dass er jetzt überglücklich war.
Jetzt würde das Glück einkehren jetzt waren sie wirklich eine richtige Familie, so wie Helmut es sich immer gewünscht hatte.
Als Annika fünf Jahre alt war, setzte sich Helmut eines Abends zu Birgit und sagte:
Birgit, wir müssen ein Haus bauen. Wie sollen wir denn zu dritt in dieser kleinen Wohnung auskommen? Annika ist jetzt klein, aber sie wird älter. Ein Mädchen braucht schließlich ihr eigenes Zimmer.
Birgit war immer eine beherzte Unterstützerin, aber diesmal war sie ratlos. Woher sollte man das Geld nehmen?
Ich habe alles durchgedacht. Wenn wir nicht gleich auf einmal bauen, sondern Schritt für Schritt, dann bekommen wir das hin. Man darf sich nur nicht stressen. Dann klappt das schon. Birgit hörte ihm zu und verstand, dass er völlig recht hatte. Eigene vier Wände, ein großes Zuhause das war der Traum einer jeden Familie.
Leider sollte sich dieser Traum nicht erfüllen. Ein halbes Jahr später wurde Annika schwer krank. Zuerst war es eine einfache Grippe, dann eine schlimme Mittelohrentzündung, dann noch weitere Komplikationen Birgit war mit Annika mehr in Krankenhäusern als zu Hause. Die Ärzte schickten sie von Klinik zu Klinik, die Familie rutschte in enorme Schulden. Doch sie brachten Annika wieder auf die Beine. Es dauerte fast drei Jahre.
Von Hausbau sprach Helmut danach nicht mehr. Es ging jetzt erst einmal darum, die Schulden loszuwerden. Birgit wusste, dass er weiterhin an sein Haus dachte, aber er behielt es für sich.
Als Annika selbständiger wurde, nahm Birgit Schichtarbeit in einer Fabrik an dort wurde besser bezahlt. Sie dachten, wenn beide hart arbeiten, würde Helmut seinen Traum vielleicht doch noch irgendwann verwirklichen.
Sie waren erst schuldenfrei, als Annika schon vierzehn war. Das Schicksal wollte es so, dass Annika mit jedem Jahr mehr Wünsche hatte ein neues Kleid, ein Mantel wie bei ihrer Freundin Lena. Typisch Mädchen eben. Das Abschlussfest stand an. Birgit und Helmut sparten, dachten, wenn Annika die Schule beendet, auszieht und zum Studium nach Heidelberg geht, könnten sie wieder mit dem Bau beginnen. Doch dann kam wieder alles anders.
Annika bestand das Abitur, zog zum Studium weg. Die Eltern waren stolz auf sie. In zwei Jahren schaffte Helmut es, die Mauern seines Hauses aufzustellen. Statt Fenstern und Türen waren es einfache Bretter aber es stand ein Haus! Zwei Jahre später
An einem Sonntag, Helmut und Birgit kamen erschöpft von der Baustelle zurück heute hatten sie zwei Fenster eingesetzt da klingelte es an der Tür. Birgit öffnete und schrie auf. Annika stand mit riesigem Bauch auf der Schwelle, und hinter ihr ein langhaariger junger Mann, der ungeduldig von einem Bein aufs andere trat.
Annika, was ist denn das?
Birgit starrte ihren Bauch an.
Mama, sei nicht so naiv, das ist unser Baby, von mir und Paul. Das ist übrigens Paul, er wohnt jetzt bei uns, und wir heiraten auch!
Paul nickte zustimmend und kaute Kaugummi.
Helmut trat hinter Birgit in das Wohnzimmer. Sie setzten sich, es gab Kaffee und Kuchen. Helmut begann:
Annika, warum hast du uns nichts erzählt?
Wozu? Damit ihr mich wieder belehrt?
Und was ist mit dem Studium?
Das lass’ ich. Paul hat ja auch aufgehört, nach dem ersten Semester. Ihm gehts gut.
Paul nickte schweigend, kaut weiter.
Und wie wollt ihr leben, wenn ihr beide nicht arbeitet und ein Kind erwartet?
Annika schaute Helmut überrascht an.
Na, ich habe doch euch als Eltern!
Helmut ging in die Küche, er wollte nicht weiter mit der Tochter streiten. Birgit kam nach, schweigend standen sie am Fenster. Später schliefen die jungen Leute auf dem Sofa, Helmut und Birgit auf Matratzen auf dem Boden.
Am nächsten Morgen schlug Helmut vor:
Birgit, lass uns aufs Land in das neue Haus ziehen, zumindest ein Zimmer können wir richten. Die Wohnung geben wir den Jungen, als Hochzeitsgeschenk.
Birgit war schnell einverstanden. Annika und Paul jubelten. Birgit und Helmut nahmen nur das Nötigste mit, der Rest blieb für die Jungen. Beim Auszug sagte Helmut:
Na, Annika, jetzt ist es deine Wohnung. Sei eine gute Hausherrin!
Sie umarmten sich und Birgit und Helmut fuhren aufs Land.
Im Haus war alles noch provisorisch, aber Birgit ließ sich nicht unterkriegen. Nach der Arbeit kochte sie, machte die Wäsche im Zuber, Wasser holte sie vom Brunnen, alles musste getragen werden. Sie half Helmut auf der Baustelle, schleppte Steine, mischte Zement. Helmut wollte sie schonen, aber sie bestand darauf, mitzuhelfen.
Annika tauchte ab und zu auf, meist um Geld zu bitten. Natürlich halfen die Eltern, aber Geld war knapp, die Baustelle verschlang alles. Eines Tages hielt Helmut es nicht mehr aus. Sie waren zu Besuch bei Annika und Paul.
Und, Paul, hast du inzwischen Arbeit?
Nein, Papa. Es gibt einfach keinen richtigen Job. Ich kann doch nicht für einen Hungerlohn auf dem Bau arbeiten!
Und warum nicht? Du hast jetzt Familie, ein Kind, willst du nicht für sie sorgen?
Annika wollte einhaken, aber Helmut winkte ab.
Er wandte sich direkt an Paul: Dachtest du, wenn du heiratest und ein Kind bekommst, fällt dir alles in den Schoß? So läuft das in Deutschland nicht. Wir sind nicht für immer da!
Beim Abschied sagte Helmut noch: Wenn Paul so viel freie Zeit hat, kann er auf der Baustelle helfen. Schließlich werdet ihr eines Tages im Haus wohnen.
Annika schnaubte: Das ist eure Baustelle, euer Plan! Warum sollte er da helfen?!
Helmut sagte nichts mehr. Birgit schob Annika beim Abschied unauffällig ein paar Scheine in die Hand. Helmut tat so, als bemerkte er es nicht. Es ist halt die Tochter.
Eine Woche später fand Paul eine Arbeit allerdings in irgendeinem Büro, als Aushilfe, schlechter bezahlt als auf dem Bau. Aber wenigstens etwas, dachten die Eltern.
Im Hof schlich sich ein Nachbarsjunge von etwa zehn, elf Jahren immer wieder an den Zaun. Er wohnte bei seiner Oma im alten Apfelhaus nebenan. Eines Abends winkte Helmut ihn herüber, Birgit brachte eine Tasse Tee und legte ein paar Kekse auf die Schale.
Na, wie heißt du?
Hallo, ich bin Anton.
Bist jetzt unser Nachbar?
Ja, so siehts aus.
Beim Gespräch stellte sich heraus, dass Antons Eltern früh gestorben waren, er lebte nun mit der Großmutter, die oft krank war. Bald fragte Anton schüchtern:
Darf ich euch ab und zu helfen? Mir ist langweilig in den Ferien.
Helmut sah Birgit an. Natürlich, Junge! Nur wird die Oma nicht böse?
Quatsch, die freut sich, wenn ich was Sinnvolles mache und nicht auf der Straße rumhänge.
Ab da wartete Anton oft nachmittags auf Helmut und half, lernte schnell, verstand alles sofort. Helmut sagte bald zu Birgit:
Geh du rein, mit einem so pfiffigen Helfer geht hier echt was voran. Endlich einer mit Ahnung, und nicht wie eine Frau, die den Unterschied zwischen Backstein und Feldstein nicht kennt!
Birgit schnaubte beleidigt, lachte aber und ging zu Antons Oma, Frau Margarete.
Sie lud sie abends zum gemeinsamen Teetrinken in den Hof ein, wie es auf dem Land in Bayern üblich ist, nach Feierabend. Margarete war klug, freundlich, humorvoll. Sie fand es selbstverständlich, dass Anton bei der Hilfe für Helmut und Birgit dabei war.
Annika bekam ihr Baby Helmut und Birgit eilten ins Krankenhaus, brachten Windeln, Strampler und Leckereien. Selbst Paul stand da, mit Blumen sogar! Zuhause taufte man das alles mit einem Grillabend; wie es sich gehört, waren Nachbarn dabei. Margarete meinte, es sei doch schön, wenn neue Generationen ins Leben kämen.
Paul wurde zu Hause etwas aktiver immerhin trank er nicht, das war schon ein Fortschritt. Birgit half anfangs oft, aber eines Tages hörte sie Paul zu Annika granteln:
Warum kommt deine Mutter dauernd vorbei? Schaffst du das mit dem Kind etwa nicht allein? Wir sind doch eine eigene Familie!
Birgit war verletzt, erzählte Helmut alles und er beschloss, die Besuche einzustellen. Annika merkte, dass ihre Mutter gekränkt war, sprach das Thema jedoch nicht an.
Anton und Helmut wurden ein echtes Team, ebenso befreundeten sich Birgit und Margarete fest an. Vor dem neuen Schuljahr fuhr Helmut mit Anton in die Stadt und kaufte ihm von eigenen Ersparnissen einen Anzug und Tornister für die Schule. Margarete war zu Tränen gerührt. Helmut meinte nur:
Ach was, Anton ist für mich schon wie ein Sohn.
Eines Winters, nach vielen Jahren, rannte Anton spät abends aufgelöst zum Haus. Margarete war mit 85 schwer krank, und als Birgit zu ihr ins Zimmer kam, spürte sie sofort ihre Zeit war gekommen. Sie richteten alles für die Beerdigung, nahmen Anton für die Zeit bei sich auf. Er war erst vierzehn. Eine Unterbringung im Kinderheim schwebte über allem, aber Helmut wollte das auf keinen Fall zulassen.
Nach der Beerdigung überzeugte Helmut das Jugendamt, dass er Anton als Pflegekind aufnehmen konnte. Sogar eine kleine Pflegebeihilfe wurde bewilligt. Unterdessen gab es bei Annika erneut Nachwuchs Pauls Schwester musste mit Kind einziehen, nachdem ihr Mann sie rausgeschmissen hatte. Die kleine Stadtwohnung wurde zum Chaos.
Annika beschwerte sich nicht, und Helmut sowie Birgit beschlossen, sich nicht mehr einzumischen. Mit Anton war es viel harmonischer. Er half immer, trug Birgits Einkauf, achtete auf alles. Sie gingen beide in den Ruhestand und entschieden gemeinsam, Anton solle unbedingt eine gute Ausbildung bekommen dabei unterstützten sie ihn, wo sie nur konnten.
Kaum hatte Anton mit dem Studium begonnen, suchte er sich abends schon einen Studentenjob, war bescheiden, ehrgeizig und sparsam. Fast jedes Wochenende besuchte er Helmut und Birgit, brachte immer Kleinigkeiten mit, umarmte seine Pflegeeltern herzlich.
Bald wurde Birgit krank, nahm extrem ab und war müde. Helmut überredete sie ins Krankenhaus sie war doch erst sechzig! Der Arzt holte ihn zum Gespräch:
Ihre Frau hat Krebs. Leider im Endstadium. Sie hat noch höchstens ein halbes Jahr.
Für Helmut brach eine Welt zusammen. Birgit hatte immer nur für Kind, Haushalt und den Bau gelebt. Helmut rief Annika an:
Annika, deine Mama ist schwer krank.
Das tut mir leid, Papa aber was kann ich schon tun?
Sie hat Krebs, Annika. Die Ärzte geben ihr kaum noch Zeit.
Annika meinte kühl, sie würde morgen mal vorbeischauen. Helmut legte auf, mit einem schlechten Gefühl. Annika kam tatsächlich ein Mal ins Krankenhaus. Als Birgit entlassen wurde, sagte der Arzt, Birgit würde bald rund um die Uhr Pflege brauchen sie würde nichts mehr alleine schaffen. Helmut war bereit, aber er wollte nicht allein bleiben mit all dem.
Nach einem Monat war es soweit. Helmut konnte Birgit gerade noch pflegen, aber als er sie baden musste, schaffte er es nicht mehr allein. Er rief Annika an:
Annika, könntest du bitte kommen? Ich schaffe es nicht mehr allein, deine Mutter zu waschen.
Ach Papa, immer soll ich überall alles machen. Mal sehen, ich verspreche nichts.
Helmut wartete den ganzen Tag vergeblich. Er hatte keine Kraft mehr für Diskussionen. Sie hatten Annika verwöhnt und jetzt war sie egoistisch, wie er es immer befürchtet hatte.
Als es Abend wurde, wusste Helmut niemand würde kommen. Also machte er alles allein, irgendwie. Birgit weinte: Warum ist das alles so schwer, warum muss ich dich quälen?
Ach Birgit, es war so ein Leben mit dir, was würde ich ohne dich tun?
Sie lächelte schwach durch die Tränen: Du musst noch Antons Hochzeit erleben!
Einen Monat später starb sie. Anton, inzwischen 22, inzwischen Berufsanfänger, kam zur Beerdigung, weinte hemmungslos. Helmut hatte ihm nie erzählt, wie schlimm es wirklich um Birgit stand, Anton war jedoch so oft da gewesen, dass er es ahnte.
Anton zog nach Augsburg, mietete dort eine Wohnung, arbeitete als Ingenieur. Helmut wusste, dass Anton im Betrieb sehr geschätzt war. Er hoffte, Anton hätte eine gute Zukunft vor sich. Das Haus, das sie gemeinsam gebaut hatten, war ein Schmuckstück geworden mit Gasheizung und Warmwasser, ganz nach Birgits Geschmack liebevoll eingerichtet.
Anton kam oft zu Besuch, manchmal einfach nur zum Teetrinken. Helmut schätzte das sehr, bat Anton, ganz zu ihm zu ziehen, aber Anton wollte auf eigenen Füßen stehen: Ich schaff das schon allein. Annika kam selten manchmal, um sich Geld zu leihen oder etwas zu nehmen. Sie sah sich das Haus an, überlegte immer wieder, wie sie wohl irgendwann hier einziehen würde falls es Helmut nicht mehr geben sollte. Paul und ihr Vater konnten sich eh nicht ausstehen, deswegen lebten sie zu fünft auf 50 Quadratmetern.
Helmut wurde älter, und der Tod von Birgit hatte ihm zugesetzt. Das Herz machte Probleme. Er kaufte Tabletten auf Empfehlung der Nachbarn, Anton schimpfte mit ihm:
Du musst doch zum Arzt, Opa! Du darfst das nicht verschleppen.
Doch Helmut winkte ab: Ach, in dem Alter
Eines Abends bekam er so starke Schmerzen in der Brust, dass er annahm, sein letztes Stündlein hätte geschlagen. Er warf Nitroglycerin und was er sonst noch so hatte ein, aber die Schmerzen blieben. Da rief er Annika an.
Annika, mir gehts heute wirklich schlecht, das Herz…
Papa, nimm eine Tablette oder ruf einen Krankenwagen. Ich kann jetzt nicht auch noch nach dem Feierabend zu dir rausfahren.
Annika legte auf Helmut blieb nichts anderes übrig, als Anton anzurufen.
Anton, entschuldige, aber ich glaube, ich brauche dich. Mir gehts gar nicht gut.
Ich komme sofort, halte durch!
Anton kam sofort, mit seiner Freundin Lena, wie Helmut später erfuhr, war sie Sanitäterin. Sie tastete Helmut ab und rief den Rettungsdienst.
Anton und Lena brachten ihn ins Krankenhaus, kümmerten sich täglich, wechselten sich bei den Besuchen ab. Helmut sagte schon: Anton, die Lena ist eine klasse Frau heirate sie! Aber Anton wollte erst etwas sparen, bevor sie heiraten wollten.
Als Helmut entlassen wurde, holten Anton und Lena ihn ab. Annika hatte keine Zeit und hatte ihm ein Taxi empfohlen. Zu Hause kümmerte sich Lena um alles, kaufte ein und verstaute Vorräte für zwei Tage. Helmut war gerührt.
Annika kam am nächsten Tag vorbei, schaute sich im Haus um, fragte, wie es ihm gehe. Helmut sagte ihr endlich:
Du bist nicht einmal im Krankenhaus gewesen
Papa, dort gibt es genug Pflegepersonal. Ich hätte extra Urlaub nehmen müssen. Wäre es dir wirklich besser gegangen, wenn ich vorbeigekommen wäre?
Natürlich. Du bist doch mein Kind.
Papa, hör auf zu jammern!
Helmut wurde zum ersten Mal laut: Erheb nie wieder die Stimme! Sieh dir an, wie du dich um deine Mutter und jetzt um mich kümmerst. Ich frage mich manchmal, ob du wirklich unsere Tochter bist!
Annika explodierte: Mich nervt dein Gejammer! Wann stirbst du endlich? Du versperrst uns hier das Haus, hockst allein in der Villa, und wir leben im Loch aufeinander
Aha. Es geht nicht um mich, sondern ums Haus. Wo warst du denn, als wir Steine schleppten? Dein Paul hat keinen Finger gerührt, da hat das Haus dich nicht interessiert!
Annika schnappte nach Luft, knallte die Tür hinter sich zu und rannte davon. Helmut war fast erleichtert so hässlich, wie sie es ihm wünschte, hatte er es sich nicht vorgestellt, aber geahnt schon.
Er wusste, es war Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Er betete zu seiner Birgit, dass sie ihm im Traum den letzten Mut zusprechen würde.
Am nächsten Morgen rief Anton an:
Wie gehts, Opa?
Anton, ich fühl mich wie neugeboren. Deine Lena ist eine fantastische Frau!
Danke, Opa! Was gibts?
Könntest du mir einen Notar organisieren, der Hausbesuch macht?
Na klar! Was hast du vor?
Nur ein paar Sachen regeln, Anton.
Anton versprach, sich darum zu kümmern.
Der Notar kam am Nachmittag. Er wunderte sich, als Helmut ihm erklärte, das Haus Anton überschreiben zu wollen. Aber seine Aufgabe war, die Dokumente korrekt zu erstellen. Nach einer Stunde war alles geregelt, Helmut fühlte sich leicht.
Er setzte sich hin und schrieb einen Brief:
Lieber Anton, wenn du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr bei euch. Trauere nicht. Ich bin längst wieder bei meiner Birgit. Du und Lena ihr seid für mich wie eigene Kinder. Ich wünsche euch eine riesige Portion Glück und ein tolles Familienleben. Heirate, Anton, warte nicht. Als Hochzeitsgeschenk vermache ich dir mein Haus. Es ist euer Zuhause, ihr habt es verdient. Akzeptiere es, weigere dich nicht das würde mich traurig machen. Es steckt viel von deiner Arbeit in diesem Haus. Wir haben als Familie gebaut, du hast dich um mich gekümmert wie ein Sohn. Birgit und ich waren uns einig.
Als Helmut fertig war, legte er den Brief und ein Foto von sich mit Birgit in einen großen Umschlag. Er legte sich aufs Sofa, das Foto auf die Brust, und dachte an die schönen Zeiten zurück.
Anton half inzwischen Lena mit den Einkäufen beide betraten den ruhigen, gepflegten Hof, wie immer sauber, Blumen überall. Niemand kam ihnen entgegen sonst winkte Helmut immer aus dem Fenster. Anton öffnete beunruhigt die Tür, trat ins Wohnzimmer und sah Helmut auf dem Sofa, die Fotos in der Hand. Das Obst fiel ihm aus der Tasche, rollte über den Teppich.
Opa
Lena trat zu Helmut, schüttelte traurig den Kopf. Anton kniete sich vor das Sofa, weinte hemmungslos. Lena ließ ihn gewähren, sie wusste, wie wichtig Helmut für Anton gewesen war.
Später, als Helmut abtransportiert und Annika mit Paul eintraf, fand Anton den unadressierten Brief. Er las ihn, übergab ihn Lena, die Annika anschaute.
Annika, dein Vater hat diesen Brief geschrieben, für mich aber du kannst auch lesen Annika las, wurde knallrot und schrie:
Völlig verrückt! Der Alte ist völlig durchgedreht! Mal sehen, ob das alles seine Gültigkeit hat!
Annika rannte aus dem Haus voller Wut auf alle.
Ich schreibe diese letzten Zeilen als alter Mann und weiß, dass das Leben so anders läuft, als wir es planen. Aber ich habe gelernt: Eine Familie ist nicht einfach das, was durch Blut verbunden ist eine Familie ist, wo Liebe, Einsatz, Verantwortung und Herz zusammenkommen. Nicht jeder, dem wir alles geben, wird uns danken. Doch das Glück liegt nicht darin, es trotzdem zu tun sondern darin, zu wissen, dass wir unser Möglichstes getan haben.





