Der Verehrer schlug bei minus 20 Grad einen Spaziergang vor, weil „im Café sitzen nur Unterhaltsjägerinnen“. Da ließ ich mich nicht beirren… kam im Skianzug und Thermounterwäsche… Doch er konnte damals nicht ahnen, welche „Überraschung“ dort auf ihn wartete…

Liebes Tagebuch,

manchmal frage ich mich wirklich, was in den Köpfen der Männer so vorgeht. Vor ein paar Tagen hatte ich eine besondere Begegnung, die ich heute unbedingt festhalten muss.

Sein Name war Bernhard. Auf den Fotos ein ganz unauffälliger Mann, vielleicht Mitte dreißig, gepflegt, nichts Auffälliges oder Schrilles. In seinem Profiltext reflektierte er ausführlich über Achtsamkeit, Selbstentfaltung und die Suche nach einer echten, lebendigen Seele. Eigentlich hätte ich da schon stutzig werden sollen meine Erfahrung hat gezeigt: Je mehr ein Mann von der wahren Frau redet, desto eher sucht er in Wirklichkeit eine möglichst unkomplizierte Partnerin, die nichts erwartet und nie Ansprüche stellt.

Wir schrieben einige Tage lang. Bernhard war höflich, aber es schlichen sich immer wieder seltsame Untertöne ein. Besonders gern philosophierte er darüber, wie kaputt moderne Frauen durch Geld seien.

Die wollen doch alle nur Restaurants, die Seychellen und das neueste iPhone, schrieb er. Keine möchte einfach mal wandern gehen oder sich über das Leben unterhalten.

Ich nickte innerlich und versuchte, das Thema zu wechseln. Jeder trägt schließlich sein Päckchen. Wer weiß, vielleicht hat seine Ex-Frau ihm Haus oder Träume weggenommen ich wollte nicht vorschnell urteilen.

Dann schlug er ein Treffen vor. Allerdings war draußen tiefster Winter richtiges, bayerisches Eiswetter, minus zwanzig Grad, und gefühlt noch kälter durch den Wind. Die Wetter-App zeigte Warnstufe orange, überall kamen Push-Nachrichten: Bitte nur rausgehen, wenn es unbedingt sein muss!

Lass uns doch im Englischen Garten spazieren gehen, tippte er. Frische Luft, ehrliche Begegnung ganz ohne Maskerade.

Bernhard, schrieb ich, es ist minus zwanzig Grad. Nach zehn Minuten sind wir Eisskulpturen! Lieber ein Kaffee in einem warmen Café?

Die Antwort kam prompt.

In Cafés sitzen doch nur Frauen, die eingeladen werden wollen Ich suche eine Lebensgefährtin, die mit mir durch Feuer und Wasser und Kälte geht. Wenn es dir darauf ankommt, dass ich für dich fünf Euro ausgebe, dann passt es zwischen uns nicht.

Meine Neugier siegte. Wer so gegen Kaffee argumentiert, muss doch in echt gesehen werden.

Einverstanden, schrieb ich zurück. Englischer Garten, 19 Uhr am Haupteingang.

Die Vorbereitung war eher Expedition als Date. Ich kramte die Thermounterwäsche heraus, dazu einen dicken Pullover und als Highlight meinen Skianzug. Dicke Stiefel mit Wollsocken, Mütze mit Ohrenklappen.

Im Spiegel sah ich aus, als könnte ich problemlos zum Nordpol aufbrechen.

Na dann, Bernhard, stell dich auf was ein, zwinkerte ich meinem Spiegelbild zu und machte mich in die eisige Nacht auf.

Pünktlich um 19 Uhr stand ich vorm Park. Die Kälte biss in die Wangen das Einzige, was noch frei war. Der Schnee knirschte, der Park war menschenleer: Nur Verrückte wie ich (und die verlassenen Unterhalterinnen aus Bernhards Fantasie) würden sich jetzt raus wagen.

Da stand er schon: Bernhard. In einem dünnen Wollmantel. Er hüpfte von einem Fuß auf den anderen, pustete sich scheinverzweifelt die Hände warm, Nase schon violett, Ohren rot wie Ziegelsteine.

Ich trat zu ihm.

Hallo, murmelte ich hinter meinem Schal.

Er musterte mich, als hätte er eine zarte Elfe erwartet, die vor Kälte bibbernd auf ihren Retter wartet. Stattdessen stand vor ihm jemand, der glatt als Eisbärenführer durchgegangen wäre.

Hallo, klapperte er mit den Zähnen. Du bist ja gut ausgerüstet.

Du hast doch gesagt: Gemeinsam durch Feuer und Eis ich fange mal mit Eis an. Los, gehen wir spazieren und schnappen frische Luft?

15 Minuten Ruhm

Wir schritten die Allee entlang. Dieses Date war sicher das merkwürdigste meines Lebens.

Und wie findest du das Wetter?, fragte ich freundlich.

Es belebt, presste er hervor, sein Gesicht eingefroren, nur die Lippen bewegten sich noch, schon leicht bläulich. Ich mag den Winter, er zeigt, wer aus welchem Holz geschnitzt ist.

Ganz dein Meinung, sagte ich. Apropos ‘Unterhalterinnen’ erklär mir nochmal, warum Kaffee für dich so ein Skandal ist?

Reden tat ihm offensichtlich weh die Kälte brannte im Hals , aber seine Überzeugung verlangte Opfer.

Weil seine Stimme zitterte, eine Beziehung sollte auf Interesse am Menschen basieren, nicht am Geldbeutel. Wer nicht mal spazieren gehen kann, sondern gleich einen spendierten Kaffee erwartet, ist materialistisch.

Oder sie möchte einfach keine Lungenentzündung riskieren?, entgegnete ich, meinen Kapuzenrand zurechtrückend.

Das sind Ausreden, schniefte er und zog lautstark die Nase hoch. Wer will, findet Wege man muss sich halt warm anziehen.

Hab ich ja, sagte ich und breitete meine Arme aus, um meinen Michelin-Männchen-Look zu präsentieren. Aber du bist du sicher, dass es dir gut geht?

Alles bestens!, keifte er dabei klapperte er so, dass es selbst im Halbdunkel auffiel.

Nach knapp zehn Minuten erreichten wir den zentralen Platz im Park. Dort stand ein verschlossener Kaffeewagen. Bernhard warf ihm einen sehnsüchtigen Blick zu als würde er dort sein Seelenheil erwarten.

Sollen wir vielleicht zurückgehen?, schlug er vor. Der Wind wird wirklich stärker.

Wie? Wir haben doch grad erst angefangen! Du wolltest meine Seele kennenlernen also, reden wir über Literatur. Liest du gerne Jack London? In To Build a Fire stirbt der Held jämmerlich, weil er die Kälte unterschätzt

Der Blick, den er mir zuwarf, war alles andere als spirituell inspiriert.

Du ich muss heim, plötzlich ist mir was eingefallen, ganz dringend.

Was denn? Wir wollten doch den Abend zusammen verbringen.

Was Geschäftliches. Mir ist eingefallen, dass ich noch einen Bericht schreiben muss.

Am Freitagabend um acht Uhr?

Ja!, rief er fast panisch.

Er drehte sich abrupt um und lief im Eiltempo Richtung Ausgang. Ich trottelte gemütlich hinterher, innerlich triumphierend: Mein Survival-Experte hatte exakt fünfzehn Minuten durchgehalten.

Am U-Bahnhof verabschiedete er sich nicht mal verschwand einfach in die wohltuende Wärme der Tiefe. Ich hoffe, er hat dort nicht nur die Hände, sondern vielleicht auch seine Einstellungen aufgetaut. Aber wahrscheinlich eher nicht.

Zu Hause angekommen, habe ich mir eine große Tasse heißen Tee gemacht und Bernhards Nummer aus meinem Handy gelöscht. Keine Minute war Zeitverschwendung diese fünfzehn Minuten waren meine Impfung gegen schlechtes Gewissen. Es hat mich daran erinnert: Für sich selbst zu sorgen macht mich nicht zur Unterhalterin sondern einfach zur Frau, die weiß, was sie wert ist.

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Homy
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Der Verehrer schlug bei minus 20 Grad einen Spaziergang vor, weil „im Café sitzen nur Unterhaltsjägerinnen“. Da ließ ich mich nicht beirren… kam im Skianzug und Thermounterwäsche… Doch er konnte damals nicht ahnen, welche „Überraschung“ dort auf ihn wartete…
— Ich habe zwei Tage mit Fieber im Bett gelegen, und du hast mir nicht einmal einen Tee gemacht! Du bist kein Mann, sondern eine nutzlose Kreatur! Und jetzt, wenn du was essen möchtest, musst du selbst kochen!