Mein Bruder war fest überzeugt von seinen künstlerischen Talenten und beschloss, seinen Job als Kellner zu kündigen, während seine Frau in Elternzeit war. Leider musste nur unsere Familie die Folgen seiner Entscheidung tragen.

Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wer meinem Bruder während seiner Schulzeit den Floh ins Ohr gesetzt hat, er sei ein echter Kunstprofi. Diese Vorstellung führte natürlich zu einer vollkommen übertriebenen Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl und das sage ich mit Bruderliebe. Als er seinen neuen künstlerischen Fähigkeiten stolz unseren Eltern präsentierte, entschieden sie sich großzügig, ihn in einen Malkurs in der Volkshochschule München einzuschreiben. Nach wenigen Terminen kam mein Bruder jedoch zu dem Ergebnis, dass Picasso und Dürer von ihm noch einiges hätten lernen können, und beendete die Kurse mit einer Überheblichkeit, die selbst Goethe beeindruckt hätte.

Unsere Eltern hofften insgeheim, dass er seine künstlerischen Ambitionen vor dem Abitur ad acta legen würde, doch weit gefehlt: Mein Bruder machte weiter und wagte sogar den Versuch, sich an einer Kunstschule in Berlin zu bewerben. Leider gab es für seine Werke nur verständnisloses Stirnrunzeln und einen Ablehnungsbescheid. Aber er hielt trotzig daran fest, dass wahrer Kunstgenuss keine Zeugnisse braucht und malte weiter, als sei er auf missionarischer Kunstreise.

Unser Vater hatte davon eine ziemlich deutsche Ansicht und strich die finanzielle Unterstützung rigoros. Auch wenn mein Bruder weiterhin im Elternhaus wohnen durfte, bekam er keinen einzelnen Cent für Taschengeld nicht einmal für ein Bretzel. In seiner stoischen Weise packte er also seine Sachen und zog los, um sich einen Job als Kellner in einer Kneipe in Hamburg zu sichern. Nebenbei blieben die Farben und Leinwände seine treuen Begleiter.

Die Geschichte nahm eine Wendung, als er eine waschechte Münchnerin namens Gudrun kennenlernte, die seine Kunst bewunderte und sogar mit ihm zusammenzog. Als dann tatsächlich jemand eines seiner Gemälde für stolze 100 Euro kaufte, schraubte sich sein Ego auf das Niveau von Ludwig II. und er warf den Kellnerjob über Bord, um ganz im Künstlerdasein aufzugehen.

Da Gudrun nach ihrer Elternzeit die einzige Versorgerin der Familie wurde, begegneten ihnen bald die Tücken der deutschen Bürokratie und das allgegenwärtige Thema Geld. Mein Bruder versuchte sich wiederum in der Welt der Cafés, hielt es aber nicht lange aus und wollte sich erneut voll und ganz seiner Muse widmen. Das führte zu einer leichten Unpässlichkeit, ganz besonders im Kühlschrank denn der war leer. Unsere Mutter, das blühende Herz der Familie, sah nicht zu, wie ihr Enkel hungerte und organisierte kurzerhand eine Lebensmittel-Lieferung aus dem nächsten Edeka.

Irgendwann bekam mein Bruder zusammen mit Gudrun drei Kinder, und sie war noch im verlängerten Mutterschutz. Er malte weiterhin fleißig und verkaufte innerhalb von fünf Jahren immerhin ein paar Bilder, aber finanziell war das nicht gerade eine goldene Zeit eher Silber, wenn überhaupt. So waren ihre Aussichten auf den nächsten Familienurlaub an der Nordsee vor allem von mir und meinen Eltern abhängig. Wir halfen ihnen durch das deutsche Sozialsystem hindurch und sorgten dafür, dass sie zumindest nicht ohne Kartoffeln dastehen mussten.

Manchmal frage ich mich, ob diese Familie noch einmal zur Vernunft kommt aber immerhin, der Humor bleibt uns erhalten, genauso wie der unvermeidliche Streit um den letzten Apfelsaft.

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Homy
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Mein Bruder war fest überzeugt von seinen künstlerischen Talenten und beschloss, seinen Job als Kellner zu kündigen, während seine Frau in Elternzeit war. Leider musste nur unsere Familie die Folgen seiner Entscheidung tragen.
Woran erkennt man die echte Liebe? Gestern habe ich in der U-Bahn mitgehört, wie eine junge Frau ihren Freund verteidigte, der nicht heiraten will. Am Telefon erklärte sie jemandem: „Er will erst Karriere machen, auf eine Wohnung sparen, er liebt mich, nur sind die Umstände gerade nicht ideal…“ Stopp. Es ist viel einfacher. Hört gut zu. Für die Liebe gibt es nur zwei Umstände: „Ja“ oder „Nein“. Alles andere sind Ausreden, um sich selbst zu beruhigen. Ein Mann, der in dir seine Frau sieht, bereitet nicht jahrelang den Boden vor. Er hat Angst, dich zu verlieren. Er sieht in jedem anderen Mann einen Konkurrenten – selbst im Taxifahrer. Und er wird dir einen Antrag machen. Vielleicht nicht perfekt. Vielleicht nicht in Paris. Aber entschlossen und ehrlich. Hier ist meine Geschichte. Nutzt sie als Schablone für eure eigene Situation. Ich heiße Marina. Ich bin 37 und habe bis zu dem Moment, als ich Sascha kennenlernte, zehn Jahre lang meinen pubertierenden Sohn Artem allein großgezogen. Mein Leben war genau taktvoll eingerichtet: Wecker um 6:30 Uhr, Arbeit als Buchhalterin im Einkaufszentrum „Morgenrot“, Buslinie 107, Abendessen mit meinem Sohn, Hausaufgabenkontrolle, Schlaf. Romantik? Die hatte die Nüchternheit verdrängt. Die Träume vom „Traumprinzen“ waren längst verflogen. Keine Zeit für so etwas, wenn man zwischen Job und Zuhause rotiert. Sascha tauchte in meinem Leben ganz unauffällig auf. Der Fahrer eben dieser 107. Ich kannte zunächst nicht einmal seinen Namen. Ich bemerkte nur seine großen, sicheren Hände am Lenkrad und seinen Blick im Rückspiegel. Wahrscheinlich hat er mich eher wahrgenommen als ich ihn. Jeden Abend setzte ich mich auf denselben Platz – den dritten am Fenster. Nach einer Weile ertappte ich mich dabei, dass ich in diesem Spiegel nicht mehr das gesichtslose Straßengeschehen suchte, sondern seine Augen. Sie waren freundlich und sehr aufmerksam. „Sie hatte heute einen schweren Tag“, schienen sie zu sagen, wenn ich missmutig ins Handy starrte. „Heute ist es etwas besser“, wenn ich aus dem Fenster sah. Es war eine seltsame, wortlose Sympathie, die sich über Monate zog. Kein Wort. Nur ein Nicken am Morgen, wenn ich einstieg, dieser Blick am Abend – und ein warmes Gefühl in der Brust, dass sich in dieser großen Stadt jemand für dich interessiert. Dich sieht, nicht als „Funktion“ namens „Fahrgast“, sondern als Mensch. Und dann war er verschwunden. Eine Woche fuhr ein anderer – wortkarg, kein Blick in den Spiegel. Mein kleines, geheimes Ritual zerbrach. Ich fühlte einen dummen, schmerzhaften Verlust. Dachte: Na gut, sollte wohl nicht sein. Luftschlösser aus Blicken zu bauen, ist eben naiv. Aber das Schicksal wechselte einfach das Transportmittel. Zwei Wochen später blieb ich länger bei der Arbeit. Spätabends lief ich durch das beinahe leere „Morgenrot“ Richtung Ausgang. Und sah ihn. Er stand auf einer hohen Aluleiter unter der Decke und bastelte an Kabeln. In blauer Handwerkerkluft, mit Werkzeug am Gürtel. Elektriker! Und von oben sah er mich an, ganz unbeeindruckt – nur ein leichtes Lächeln. „Hab die Linie gewechselt“, sagte er, während er abstieg. Die Stimme etwas rau, tief, als hätte er lange nicht gesprochen. „Jetzt bin ich hier.“ „Wie… praktisch“, stammelte ich und wurde rot. „Für mich sehr“, antwortete er ernst. „Ich habe extra herausgefunden, wo du arbeitest.“ Er streckte mir die Hand hin. „Alexander.“ Auf der Handfläche Kratzer und Spuren von Isolierband… So begann unser richtiges Kennenlernen. Ohne Busse, ohne Spiegel. Sascha brachte mich nach Feierabend nach Hause, wir tranken Kaffee in der Kantine. Redeten über Alltägliches: seinen Sohn aus erster Ehe, meinen Artem und dessen Begeisterung für Roboter, darüber, warum die Lüftung im „Morgenrot“ immer lärmt. Und dann, exakt einen Monat nach unserem ersten Gespräch an der Leiter, passierte es. Wir gingen durch den Park, nasskalt war es. Plötzlich blieb Sascha stehen und drehte mich zu sich. „Marina, ich bin keine große Redner“, sagte er. Sein Atem ein kleines Wölkchen in der Kälte. „Und meine Umstände sind nicht ideal. Wohnung mit Kredit, kein Bürojob, ein Sohn hier, einer dort… Es wird schwierig.“ Mein Herz sackte. Typischer Anfang für ein „Lass uns Freunde bleiben“. Ich bereitete mich innerlich schon aufs Rückzugsgefecht vor. „Aber“, er atmete tief, „drei Monate habe ich dich im Spiegel beobachtet und hatte Angst, du steigst an einer anderen Haltestelle aus. Dann habe ich herausgefunden, wo du arbeitest. Und der letzte Monat… der hat es mir bestätigt. Ich will dich nicht mehr aus der Menge suchen. Ich will wissen: Du bist zu Hause. Lass uns heiraten. Nicht, wenn der Kredit abbezahlt ist oder die Karriere passt. Jetzt. Solange wir leben und wollen.“ Das war nicht romantisch. Das war ein bisschen hart, ganz sachlich. Aber in dieser Gradlinigkeit lag so viel Ehrlichkeit, dass mir die Luft wegblieb. Kein „Lass uns mal sehen“, „wir probieren es“, „vielleicht irgendwann“. Einfach: „Lass uns heiraten“. Weil man nichts mehr verschieben sollte. Weil das Leben genau jetzt ist – hier, im kalten Park. Eigentlich hatte ich vor, den neuen Mann erst einmal in Ruhe zu prüfen. Dann merkte ich: Prüfen muss ich nur, wem ich nicht traue. Bei ihm hatte ich nie Zweifel. Seine Entscheidung reifte nicht Monate, sondern die ganze Zeit der stummen Begegnungen im Bus. Der eine Monat war nur noch Formsache. „Ja“, sagte ich. „Lass uns.“ Mein Sohn war zunächst mürrisch, aber dann vertieften er und Alexander sich in Gespräche über Schaltpläne, und am Ende des Abends buddelten sie schon gemeinsam auf einer Serviette herum. Seit drei Jahren habe ich nichts zu bereuen. Offenbar ist unser Urinstinkt, seinen Menschen auf Anhieb zu erkennen, nie verloren gegangen. Wer ihn findet, der hat gewonnen. Vorausgesetzt, er traut sich und handelt. Der Kredit ist noch nicht abbezahlt, die Karriere ist auch nicht explodiert. Gelegentlich streiten wir über Kleinigkeiten. Aber eine Regel gibt es bei uns seit dem ersten Tag: Nichts aufschieben. Wenn ein Problem da ist, lösen wir es. Wenn etwas wehtut, reden wir sofort. Wenn Liebe da ist, zeigen wir sie – jeden Tag. Nicht „irgendwann“. Deshalb, meine Lieben, hört auf, fremde Unentschlossenheit zu entschuldigen. Die Liebe fürchtet keine Umstände – sie schafft sie. Sie ändert Routen, sucht sich einen Job im passenden Einkaufszentrum und sagt „lass uns heiraten“ im kalten Park, weil sie Angst hat, noch einen Tag zu verlieren. Wenn ein Mann zögert, fragt euch nur ehrlich: „Brauche ich wirklich einen Menschen, für den erst alle Umstände perfekt sein müssen, bevor er mit mir zusammen sein will?“ Die Antwort findet sich meist schneller, als man denkt.