Ich bin obdachlos – Ihr neuer Freund wohnt jetzt an meiner Stelle in meiner Wohnung.

Als ich das Licht der Welt erblickte, hat mein Vater gleich die Koffer gepackt und die Familie verlassen. Meine Mutter hat mich allein großgezogen. Mittlerweile wird mir klar: Von Erziehung konnte da kaum die Rede sein. Solange ich zurückdenken kann, war sie entweder von allem und jedem berauscht, tagelang verschwunden oder brachte ständig neue Freunde mit nach Hause.

Bis ungefähr zum zehnten Lebensjahr dachte ich tatsächlich, das wäre der ganz normale Alltag deutscher Kinder auf dem Land.

In der Oberschule habe ich dann angefangen zu jobben. Schließlich wollte ich auch mal was essen, und es gab im Dorf genug Gelegenheitsarbeiten. Für meinen Einsatz bekam ich entweder ein bisschen Bargeld oder eben was auf den Teller.

Nach dem Abi habe ich versucht, eine anständige Stelle zu finden aber als Kind aus einer Familie, die weder Beziehungen noch Ersparnisse hatte ehrlich gesagt, da blieb mir nicht viel übrig, außer weiter so durchzuwurschteln wie bisher. Eben ganz der Stil meiner Mutter.

Wie meine Mutter immer an Geld kam, ist mir bis heute ein Rätsel. Die paar Groschen, die ich heimgebracht habe, gingen jedenfalls direkt für Essen drauf. Scheint ihr gefallen zu haben, denn ändern wollte sie nie etwas.

Vor rund drei Jahren tauchte dann plötzlich immer häufiger ein Mann bei uns auf.

Er wirkte arm, hatte aber nicht den typischen Penner-Look. Meist war er höflich zu mir, meistens aber auch irgendwie unsichtbar. Insgeheim hoffte ich, dass die Sache vielleicht sogar einen positiven Effekt auf meine Mutter hätte vielleicht würden wir zusammenziehen, vielleicht auch einfach nur irgendwie aus diesem Elend rauskommen.

Tatsächlich schien sich alles zum Guten zu wenden. Nach ein paar Monaten täglicher Besuche zog er bei uns ein. Er begegnete mir nie feindselig, aber ich hatte stets das Gefühl, er bemühe sich, mich so wenig wie möglich wahrzunehmen. Das Schicksal schlug natürlich genau dann zu, als ich es am wenigsten brauchte.

Nach ungefähr sechs Monaten gemeinsamer WG bin ich eines Abends heimgekommen mit dem sauer verdienten Lohn in der Tasche. Ich dachte, vielleicht kann ich meiner Mutter damit wenigstens ein kleines Lächeln abringen, immerhin schien sie zuletzt ständig miese Laune zu haben.

Doch kaum betrat ich die Wohnung, fing meine Mutter vom Flur aus an zu brüllen, dass ich nicht mehr willkommen sei und endlich verschwinden solle. Ehrlich, ich stand nur da und verstand die Welt nicht mehr. Ich hatte ihr doch wirklich keinen Anlass für so ein Theater gegeben. Aber mit ihr zu diskutieren Aussichtslosigkeit pur! Also hab ich die Krise ausgelagert und bin erst mal zu einer Freundin zum Übernachten.

Ich hoffte, nach ein, zwei Tagen hätte sich das erledigt, sie wäre mal wieder so drauf und käme wieder runter.

Pustekuchen! Am nächsten Tag das gleiche Spiel: Rauswurf deluxe. Im Nachhinein erfuhr ich dann, dass der neue Typ von Anfang an nichts mit mir anfangen konnte und meine Mutter überredet hatte, mich abzuschieben. Und sie? Sie hat brav auf ihn gehört.

So stand ich mit 21 plötzlich auf der Straße. Zum Glück habe ich Freunde, die mich aufgenommen haben, als wäre ich Teil ihrer Familie. Verdiene meinen Lebensunterhalt auch weiterhin, wo ich eben kann und wie ich muss. Und wenn ich dann lese, wie manche Leute behaupten, Kinder müssten ihre Eltern immer ehren, dann denke ich mir nur: Es gibt durchaus Gründe, das manchmal einfach nicht zu tun.

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Homy
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Ich bin obdachlos – Ihr neuer Freund wohnt jetzt an meiner Stelle in meiner Wohnung.
WIR HABEN SIE ALLE VERURTEILT Mila stand weinend in der Kirche – schon seit fünfzehn Minuten. Für mich war das überraschend. „Was macht diese Tussi hier?“, dachte ich. Genau sie hätte ich hier am allerwenigsten erwartet. Wir kannten uns nicht persönlich, aber ich sah sie oft. Wir wohnen im gleichen Haus, gehen im selben Park spazieren. Ich – mit meinen vier Kindern, sie – mit ihren drei Hunden. Wir alle haben sie immer verurteilt. Wir – das sind ich, die anderen Mütter mit ihren Kindern, die Omas auf den Bänken, die Nachbarn und vermutlich sogar die Passanten. Mila sah immer großartig aus, war modisch gekleidet und schien leichtlebig und selbstbewusst. — Hat schon wieder den Kerl gewechselt, — nörgelte Oma Gertrud auf der Bank vor dem Haus. — Schon den dritten. — Kann sich’s ja leisten, hat ja Geld wie Heu, — stimmte ihre Freundin Frieda zu, während sie neidisch zusah, wie Mila mit dem nächsten „Freund“ in ihre teure ausländische Karre stieg. Friedas Sohn Uwe, 45 Jahre alt, hat es noch nicht mal zu einem gebrauchten Golf gebracht. — Besser wäre, sie würde mal Kinder kriegen, die biologische Uhr tickt schließlich, — mischte sich Opa Heinz ein, sonst immer Gegenpart zu den Omas, aber beim Urteil über Mila waren sie sich einig. Später wurde auf der Bank hämisch getratscht, dass auch der neueste „Typ“ abgehauen sei. „Kein Wunder, die ist halt ’ne Schlampe! Und bei ihr zuhause stinkt’s bestimmt nach Hund!“, war das Fazit. Am meisten mochte sie aber keine von uns – wir Mütter. Während wir – halb verrückt – unseren Kindern hinterherjagten, von Rutsche zu Schaukel, von Busch zu Mülltonne, spazierte sie seelenruhig mit ihren „Kötern“ vorbei und grinste manchmal sogar leicht schadenfroh. So nach dem Motto: Selber Schuld, wenn ihr euch mit dem Nachwuchs abmüht! Ich genieße mein Leben! Und ihr rechnet, ob’s für Marias neue Jacke reicht oder ob die Schuhe noch warten müssen. „Man sieht sofort – die ist garantiert Kinderfrei. Die sind alle so!“, sagte meine Freundin Anja, Mutter von drei Jungs. „Reiche Leute und ihre Spleens – Hund, Katze, Hamster“, bestätigte die mit Zwillingen schwangere Steffi, während sie versuchte, ihre älteste Tochter vom Baum zu holen. „Die will nur Spaß und Reisen, bloß kein Stress. Ich hab seit sieben Jahren keinen Strand mehr gesehen“, seufzte Fünffach-Mama Martina. „Stimmt, stimmt, stimmt“, stimmte ich allen zu, inklusive den Omas auf dem Hof. Und rannte, um meine weinende Marie aufzuheben. „Sie sollte lieber mal Kinder kriegen, statt so viele Hunde zu halten“, rief eine Oma mal laut hinterher. „Kümmert euch um euer eigenes Leben!“, fuhr Mila sie an, wollte noch mehr sagen, schluckte es aber runter und verschwand mit ihren „nervigen Hunden“. „Unverschämt!“, keifte die Oma zurück. …Ich sah Mila noch einen Moment weinend in der Kirche stehen. Dann verließ ich das Gotteshaus. „Warten Sie!“, hörte ich plötzlich hinter mir. „Bitte, warten Sie.“ Mila kam auf mich zu. „Sie sind doch die, die immer mit den vier Mädchen im Park ist?“ „Ja – und Sie mit den drei Hunden.“ „Genau. Darf ich Sie kurz sprechen? Wissen Sie, ich bewundere Sie immer mit Ihren Töchtern, und all die anderen Mütter…“, sagte sie – und errötete. „Sie?!?“ Ich war baff. Am liebsten hätte ich gesagt: „Sie, die doch kinderlos, egoistisch und eingebildet ist!“ Mir kamen ihre „spöttischen“ Blicke in den Sinn… So lernten wir uns kennen. Wir setzten uns auf eine Bank. Mila erzählte… und weinte. Man sah, wie dringend sie jemanden zum Reden brauchte… …Mila wuchs in einer liebevollen Familie auf, wollte immer viele Kinder. Heiratete aus Liebe, erlitt aber zwei Fehlgeburten. Die Ärzte sagten „unfruchtbar“. Ihr Mann verschwand darum schnell. Auch der zweite Ehemann verließ sie aus demselben Grund, doch vorher folgten jahrelange Behandlungen – fast hätte Mila eine Eileiterschwangerschaft nicht überlebt. Dann kam ein dritter „Freund” – und wieder eine Eileiterschwangerschaft. Der Mann verschwand, sobald das Thema Kind auftauchte. Ihm gefiel Milas Auto, ihr Verdienst, aber ein Kind wollte er nicht. „Ich hätte alles gegeben, um ein Baby zu bekommen!“ „Ich dachte, Sie lieben Hunde“, sagte ich hilflos. „Ja, ich liebe Hunde“, lächelte Mila. „Aber das heißt nicht, dass ich keine Kinder liebe.“ Um nicht so allein zu sein, holte sie sich Teo, dann Mike (den ihr Bekannte vorübergehend da ließen – der blieb dann einfach). Fenja, den dritten Hund, nahm Mila als Welpen im Winter von der Straße mit. Sie konnte ihn nicht leiden lassen. „So eine Hundezucht, sie sollte lieber ein Kind bekommen“, kam mir der Spruch der Oma wieder in den Sinn. „Die Uhr tickt…“, höhnte Opa Heinz. Die Uhr tickte tatsächlich… Mila war bereits 41, sah aber keine 30 aus. Sie entschied: Sie will ein Kind adoptieren. Egal wie alt. Ihr gefiel besonders Kolja, sechs Jahre alt – oder besser gesagt, er mochte sie. „Wirst du meine Mama?“ fragte er. „Ja, werde ich!“, antwortete sie. Doch Kolja durfte nicht zu ihr – seine Mutter, psychisch krank, hatte ihre Rechte noch nicht verloren. „Das war wie ein Schlag ins Gesicht“, erinnerte sie sich. „Das Kind braucht eine Familie – und nichts kann getan werden.“ Dann kam Lena, vier Jahre alt. Schon zweimal adoptiert, beide Male zurückgegeben – zu wild, zu schwierig. Jemand im Heim erzählte: Als die zweite „Mama“ sie zurückbrachte, kroch Lena weinend auf Knien hinterher und flehte: „Mama, bitte gib mich nicht wieder ab! Ich verspreche, ich bin brav!“ Als Mila sie kennenlernte, fragte Lena gleich: „Gibst du mich auch wieder weg?“ „Niemals!“, brachte Mila unter Tränen hervor. Mit der Adoption gab es wieder Probleme. Mila sagte nicht, welche. „Aber das ist meine Tochter, für sie werde ich kämpfen!“ An diesem Tag war Mila zum allerersten Mal in der Kirche. „Ich wusste einfach nicht mehr wohin!“, sagte sie. Der Pastor kam, sie redeten lange, und Mila schrieb sich etwas auf. „Es wird alles gut! Mit Gottes Hilfe!“, hörte ich ihn sagen. Und Mila lächelte… Wir gingen zusammen heim. „Sie denken sicher, ich bin arrogant und eingebildet“, sagte Mila. „Aber ich kann einfach nicht mehr jedem alles erklären. Ich bin einfach erschöpft – von all den Urteilen…“ Ich schwieg. Mila lud mich ein, mal mit meinen Mädchen und den Hunden zu ihr zu kommen. Ich sagte zu. Und das werde ich auch tun – nur etwas später. Im Moment schäme ich mich einfach sehr. Und ich frage mich: Warum ist so viel Unsympathie in uns? Warum denken wir immer das Schlechteste über einen Menschen? Und ich wünsche mir so sehr, dass bei Mila, dieser außergewöhnlichen Frau, die wir alle so verurteilt haben, am Ende alles gut wird. Dass Lena sie umarmt, an sich drückt und sagt: „Mama!“ – in dem Wissen, dass sie nie wieder weggegeben wird. Und dass Teo, Mike und Fenja fröhlich um sie herumspringen… Vielleicht geschieht ja doch ein Wunder, und Mila findet einen guten, echten Mann. Und Lena bekommt ein Geschwisterchen. Solche Wunder gibt es doch, oder? Und möge niemand von ihnen je wieder ein schlechtes Wort hören müssen…