Drei Jahre sind vergangen, und der bittere Geschmack des Bedauerns lässt mich nicht los.
Heute muss ich viel an alles denken, was damals geschah. Ich schreibe es auf, weil die Gedanken und Erinnerungen mich nicht in Ruhe lassen. Ich, Brigitte, habe meiner Schwiegertochter wortwörtlich zugerufen: Sophie, nimm dein Kind und geh. Das ist nicht unser Kind. Und Ludwig hat dir so sehr vertraut! Alles, was Sophie in diesem Moment tun konnte, war, ihr Baby an sich zu drücken und zu weinen. Während der gesamten Schwangerschaft hatte ich immer wieder gesagt, dass sie nicht mit meinem Sohn schwanger sei. Ludwig ist irgendwie immer ein Muttersöhnchen gewesen sein ganzes Leben lang hatte ich Einfluss auf ihn. Selbst die Ehe hat daran nichts geändert. Was hätte Sophie denn machen sollen? Nichts konnte sie tun, außer Ludwig durch verweinte Augen anzusehen.
Ludwig, warum lässt du deine Mutter immer wieder auf mir herumtrampeln? Was habe ich denn getan? Bitte hab Geduld, meine Liebe. Es geht schließlich um meine Mutter. Aber der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen brachte, waren meine eigenen Worte: dass das neugeborene Kind nicht von Ludwig sein soll Es gab daraufhin keinen Weg zurück. Sophie packte die Sachen, die winzigen Kindersachen zusammen, und ging zu ihren Eltern. Das Schlimmste war aber nicht ihr Gehen es war dieser Moment, als Ludwig nicht einmal versuchte, sie aufzuhalten.
Ich fühlte mich als Siegerin, sogar ein wenig triumphierend. Endlich würde wieder alles wie früher laufen. Ich stellte mir jene Abende vor, an denen Ludwig von der Arbeit heimkam, wir gemeinsam zu Abend aßen, Tee tranken und uns unterhielten. Aber das Leben hatte andere Pläne, und bald sollte eine Wende kommen, die ich nie erwartet hätte.
Es war an einem dieser späten Abende: Ludwig kehrte wie üblich spät von der Arbeit nach Hause zurück. Da wurde er von einem Fremden überfallen, niedergeschlagen und ausgeraubt. Das Schicksal wollte es, dass Ludwig das Bewusstsein nicht wiedererlangte. Er verließ diese Welt Ich war wie von Sinnen. Jeden Abend betrat ich sein Zimmer, berührte seine Sachen und konnte nicht aufhören zu weinen
Sophie hingegen schien ihr Leben im Griff zu haben. Ich sah sie manchmal glücklich, ihren Sohn aus dem Kindergarten abholend. Sie wurde im Büro befördert, ihr neuer Partner kochte für sie, das Kind brachte Erfolge aus dem Kindergarten mit nach Hause. Eines Tages, als sich unsere Wege kreuzten, erkannte ich sie kaum. Sie war erfüllt von Zufriedenheit und Lebenskraft, während ich nur noch ein Schatten meiner selbst war.
Durch Tränen murmelte ich leise: Ach, das ist der kleine Ludwig… Es ist, wie es ist. Ludwig bitte verzeih mir. Ich habe deine Familie zerstört und letztlich auch meine eigene. Ich bin wirklich die schlimmste Mutter Sophie blickte mich nur an, und Mitleid war in ihren Augen. Gelegentlich erlaubt sie mir nun, meinen Enkel zu sehen. Manchmal darf ich ihn besuchen, darf teilhaben an all dem, was mir durch mein eigenes Tun verloren ging.





