Alles begann an einem seltsam nebeligen Sonntagmorgen um sieben, als Johanna und ihr Mann nach einer langen Nacht in München endlich in das große, federnde Bett gefallen waren. Doch der leise Rhythmus des Schlafes wurde jäh zerbrochen vom Klingeln eines altmodischen Telefons, das wie aus einer anderen Zeit wirkte. Am Apparat war Johannas Schwiegermutter, die mit ihrer Stimme, rau wie Herbstlaub, beide dringend zu einem Grillfest ins Dorf rief. Vergeblich versuchten sie höflich abzulehnen die Schwiegermutter ließ nicht locker und murmelte geheimnisvoll, sie habe bereits genug marinierte Steaks vorbereitet, es sei alles wie früher auf dem Dorf. Widerstand war zwecklos, und so willigten sie ein, als sei ein unsichtbarer Faden um sie gewickelt.
Doch nicht nur Schwiegervater und Schwiegermutter wurden erwartet, sondern auch Johanna Schwippschwager und seine jungvermählte Frau, die mit einer Aura der Frische erschienen verheiratet seit nur zwei Monaten, keine Kinder, die zwischen den Zeilen herumliefen. Während Johanna und ihr Mann auf drei Jahre Ehe zurückblickten, schien die Zeit in dem Dorf wie in einem alten Kuckucksuhr-Stübchen stillzustehen.
Ein ganzes Jahr hatte Johanna bereits bei der Schwiegermutter gelebt und das reichte, um deren Seelenzustand zu entschlüsseln: Eine Spur Geiz, Ein Hauch Klagen über zu wenige Euros, ständig das Gefühl, alles reiche doch nicht. Nach Gesprächen im flackernden Licht der Küche entschieden Johanna und ihr Mann, endlich in eine Mietwohnung zu ziehen, und die Eltern übernahmen die alte Wohnung, die einst Johannas verstorbener Großmutter in Nürnberg gehört hatte frei von jeder Hypothekenkette wehte auf einmal die Luft der Freiheit durchs Leben.
Endlich, am Tag des Grillens, rollten Johanna und ihr Mann wie in Zeitlupe die Landstraße entlang, aus München hinaus, vorbei an Feldern und Träumen, bis sie nach zwei Stunden das Dorf erreichten, wo nicht das Fest, sondern die Arbeit auf sie wartete. Kaum angekommen, wurden sie wie von unsichtbaren Händen zu allerlei Hausarbeiten geleitet Latten am Zaun austauschen, duftende Kräuter in den Garten setzen, und die Rosen mit Wasser begießen, das aus einer Gießkanne floss wie ein endloser Strom.
Ihre Schwiegermutter schien, obwohl erschöpft, die Hausarbeit dem Grillen vorzuziehen als wäre das gemeinsame Mal stets einen Schritt entfernt. Der Hunger wuchs, fast greifbar, der Frust stieg und Johannas Mann brummte leise seinen Ärger, bis ein Streit wie ein Donnerschlag durch den blauen Himmel zwischen Mutter und Sohn zucken ließ.
Erst als die Sonne sich dem Horizont näherte und die Schatten der Obstbäume seltsam lang wurden, setzten sie sich endlich zum Grillen. Doch das Essen war ein Rätsel: Nur zwei Bratwürste pro Person lagen wie kleine, traurige Inseln auf riesigen Tellern, und jeder Bissen schmeckte nach Enttäuschung. Die Stimmung fiel in sich zusammen wie ein Hefeteig ohne Hefe.
Ein seltsamer Nachgeschmack blieb, wie nach zuviel Essig im Salat. Wäre nur Hilfe erbeten worden, hätten sie gern mit angepackt, hätten sogar Leberkäs und Kartoffelsalat mitgebracht doch das war nicht Teil dieses Traumspiels. Die fragile Beziehung zur Schwiegermutter bog sich noch mehr, als wolle sie gleich zerbrechen.
Eine Woche später meldete sich die Schwiegermutter erneut, ihre Stimme diesmal ein Flüstern im Telefonwind, ein weiteres Grillfest wurde versprochen. Doch der Schwiegervater, mit dem Pragmatismus eines fränkischen Uhrmachers, warnte Johanna leise: Sie wolle nur wieder Arbeit, vom Festmahl könne keine Rede sein.
Zermürbt von der ewigen Müdigkeit und den Sorgen wie zähe Bonbons beschlossen Johanna und ihr Mann, die Handys auszuschalten, die Türklingel zu überhören und sich im lauwarmen Schatten des Schlafes in das ersehnte Paradies der Ruhe zu flüchten dort, wo keine Grillwurst je enttäuscht und nur Stille den Raum erfüllt.





